Byron Ferguson: Become the Arrow

„Die Kunst des klassischen Bogenschießens“

Das Wichtigste – oder die Warnung – vorweg: Dies ist kein Lehrbuch des traditionellen, intuitiven, instinktiven, klassischen oder wie-auch-immer genannten Bogenschießens! Anfänger werden an dem Werk wahrscheinlich wenig Freude haben, erfahrene Bogenschützen hingegen erhalten viele nützliche Tipps und Anregungen, die dazu motivieren, den eigenen Schießstil und das regelmäßige Training einmal gründlich zu analysieren und zu überdenken.

Byron Ferguson: Become the Arrow. Meyer & Meyer 2017.

Byron Ferguson: Become the Arrow. Meyer & Meyer 2017.

Byron Ferguson ist einer der besten und (zumindest in den USA) bekanntesten traditionellen Bogenschützen der Gegenwart. In seiner Heimat tritt er regelmäßig in verschiedenen Fernsehsendungen wie „Stan Lee’s Superhumans“ auf. Seine wirklich beeindruckenden Fähigkeiten führt er außerdem auf diversen Messen sowie Benefiz- und anderen Veranstaltungen vor, gelegentlich auch in Europa. Auf bekannten Videoportalen im Internet finden sich zahlreiche Clips die ihn beim Zerteilen einer Spielkarte oder beim Treffen einer Aspirintablette zeigen. Weiterlesen

„Um 1500. Das Ende des Mittelalters“

Titelbild

Titelbild „Um 1500“ (c) Infoverlag Bretten.

Die Zeit um 1500 war eine Phase des Übergangs in vielen Bereichen: Das Entstehen der Nationalstaaten, die Entdeckung Amerikas und anderer Weltregionen, Verbreitung des Buchdrucks und der Universitäten, die Reformation, neue Strömungen in Pilosophie, Kunst, Architektur, Literatur und Musik, das Aufkommen der immer effektiveren Feuerwaffen und viele weitere Entwicklungen rechtfertigen es, von einem Epochenwechsel zu sprechen.
Im Gefolge dieser Umwälzungen – oder als ihr Wegbereiter? – entstanden ein neues Welt- und Menschenbild, ein verändertes Verständnis von Natur und Universum, die westliches Denken und Wissenschaft noch heute beeinflussen.

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GEO Epoche 82: Die Hanse

Titelbild GEO Epoche 82: Die Hanse

Titelbild GEO Epoche 82: Die Hanse

„Europas heimliche Großmacht 1150-1600“ lautet der Untertitel der aktuellen Ausgabe von GEO Epoche, die sich mit der Geschichte dieser noch immer rätselhaften Vereinigung befasst. Was im 12. Jahrhundert als eher loser Zusammenschluss einiger norddeutscher Kaufleute begann, entwickelte sich zu einem Städtebund und einer nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen und sogar militärischen Großmacht, die Kriege führen und Monarchien in die Krise stürzen konnte, große Teile des europäischen Handels kontrollierte, und dennoch zu keinem Zeitpunkt eine langfristige Strategie und die zugehörigen festen Institutionen etablierte. Die Hanse hinterließ weder eine Gründungsurkunde noch ein Dokument, das ihre Auflösung bekundete.
Anfang und Ende dieser machtvollen Organisation liegen also im Dunkeln, doch in der Zeit dazwischen gestaltete die Hanse europäische Politik direkt und indirekt in kaum zu ermessender Weise. Weiterlesen

HEMA – was ist das? Eine neuer Dokumentarfilm sucht Antworten

Die Abkürzung HEMA steht für Historical European Martial Arts oder historische Kampfkünste Europas. Gemeint sind damit Kampftechniken mit und ohne Waffen, die (entgegen der beschränkten Sichtweise im verlinkten Wikipedia-Artikel) in Europa seit der Antike bis etwa Ende des 1. Weltkriegs in Gebrauch waren – also z.B. die verschiedenen Kampfstile römischer Gladiatoren, der Umgang mit dem Bayonett, mittelalterliches Schwert- oder viktorianisches Säbelfechten ebenso wie Leibringen, Pankration oder Bartitsu etc.

Unter den zahlreichen Stilen unterschiedlicher Zeiten nehmen die mittelalterlichen Systeme, allen voran das Fechten mit dem Langen Schwert und der Umgang mit Schwert und Buckler, seit jeher eine besondere Stellung ein. Sie stellen das größte Segment der großen und unübersichtlichen HEMA-Familie dar und dürften noch immer das am schnellsten wachsende sein. Das Mittelalter ist ohnehin eine Epoche, die viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen fasziniert, und die mittelalterlichen Kampfkünste sind in zahlreichen Fechtbüchern hinreichend gut dokumentiert, um sie rekonstruieren zu können, doch bleiben genügend offene Fragen, um noch für kommende Generationen ein spannendes Forschungsfeld zu bieten.
Denn gemeinsam ist den historischen europäischen Kampfkünsten, dass ihre Traditionslinie irgendwann unterbrochen wurde. Sie gerieten in Vergessenheit, als die verwendeten Waffen obsolet wurden, sich weiter entwickelten, als sich militärische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen veränderten etc. Um sie heute als Sport und Freizeitbeschäftigung wiederzubeleben, müssen sie anhand von Text- und Bildquellen sowie praktischen Experimenten rekonstruiert werden.

Somit bietet HEMA zahlreiche Aufgaben und Betätigungsfelder: Da gibt es jene, die historische Handbücher ausfindig machen, entziffern und in moderne Sprachen übersetzen; Praktiker, die dargestellte Bewegungsabläufe interpretieren und rekonstruieren; Lehrer, die ihr so erworbenes Wissen und Können an die nächste Generation weiter geben; Verfasser moderner Trainingsanleitungen; Hersteller von Trainingswaffen und Schutzausrüstung; Organisatoren und Teilnehmer von Turnieren – und nicht selten das alles in einer Person.
Die HEMA-Szene ist also überaus vielgestaltig, und sie reicht weit über Europa hinaus. Insbesondere in Amerika ist in den vergangenen Jahrzehnten eine große und lebhafte Szene entstanden. Das Internet spielt dabei eine kaum zu überschätzende Rolle, denn hier werden Quellen und Forschungen zugänglich gemacht, hier findet Wissensaustausch unabhängig von Ländergrenzen statt, werden Bilder und Videos bereit gestellt und diskutiert, etc.

Ein Porträt dieser lebhaften und schnell wachsenden Gemeinschaft zu erstellen, hat sich der in England lebende Fotograf und Filmemacher Cédric Hauteville zur Aufgabe gemacht. Mit Hilfe einer Kickstarter-Kampagne finanzierte er einen 90-minütigen Dokumentarfilm, der nun auf YouTube kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.
Back to the Source“ ist sehr professionell gemacht und beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Rekonstruktion historischer europäischer Kampfkünste ausgiebig, indem zahlreiche bedeutende Exponenten der Szene zu Wort kommen. Neben zahlreichen US-amerikanischen und britischen Experten wie Jake Norwood, Jeff Tsay, Jessica Finlay, Matt Easton, Piermarco Terminiello, David Rawlings und anderen sind es vor allem Schweden wie Axel Petersson sowie Vertreter aus Polen, die ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten wiedergeben.
Darin liegt jedoch der meiner Ansicht nach einzig größere Kritikpunkt der ansonsten sehr vielfältigen Dokumentation: Wenngleich ein nicht unerheblicher Teil insbesondere der mittelalterlichen Kampfkünste in Deutschland entstanden ist, in deutscher Sprache niedergeschrieben wurde und bis heute deutsche Begriffe das Vokabular etwa zum Langen Schwert bestimmen, wurde kein einziger Vertreter der großen und lebendigen deutschsprachigen Szene befragt. Dabei sind die Beiträge eines Dierk Hagedorn, eines Roland Warzecha oder der Gruppen wie Ars Gladii, Ochs oder Hammaborg zur Rekonstruktion der „deutschen Schule“ des historischen Fechtens unbestreitbar – schade daher, dass solch renommierte und weltweit geachtete Experten keine Erwähnung finden.

[Anm.: Wie Matt Easton auf Facebook korrekt bemerkte, gilt das gleiche allerdings auch für Vertreter z.B. aus Italien oder Spanien. Die dortigen Szenen sind mir allerdings kaum vertraut – hier hätte sich im Film also eine Chance geboten, Aufklärung zu betreiben. Aber eingedenk der Tatsache, dass es sich um ein durch Crowdfunding finanziertes „Freizeitprojekt“ eines einzelnen Filmemachers handelt, muss man die durch Budget, Reisemöglichkeiten, Termine etc. sowie den maximalen Umfang des Films gebotenen Grenzen respektieren. Und wenn deutsche Autoritäten auf den größten internationalen Veranstaltungen schlicht nicht vertreten sind, können sie natürlich auch nicht befragt werden …
Immerhin ergeben sich hier Gelegenheiten für künftige Projekte!]

Unterstützt wurde die Produktion von zwei Herstellern von Schutzausrüstung. Die daraus resultierenden Produktvorstellungen im Film wirken allerdings ein wenig deplatziert und fügen sich nicht so recht in das ansonsten sehr stimmige Gesamtbild ein.

Wenngleich sich Hauteville bemüht, HEMA nicht auf das Mittelalter und den Umgang mit Klingenwaffen zu beschränken, nehmen diese den weitaus größten Teil seiner Dokumentation ein – verständlich, vielleicht sogar unvermeidlich, da das mittelalterliche Fechten nun einmal auch innerhalb der Szene überrepräsentiert ist. Dennoch hätte sich hier Gelegenheit geboten, die gesamte Bandbreite von Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert etwas detaillierter zu beleuchten.

Doch abgesehen von diesem Gekrittel ist „Back to the Source“ eine überaus interessante, lehrreiche, kurzweilige und gut gemachte Dokumentation über historische europäische Kampfkünste geworden. Von der Forschung und Rekonstruktion der alten Techniken bis hin zu modernen Problemen von Schutzausrüstung, Regelwerken, Wettkampf etc. werden zahlreiche Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
Der Film informiert, ohne zu belehren, und die zahlreichen Interviewpartner lassen die Zuschauer an ihrer Leidenschaft teilhaben. Leider ist das Werk (bislang) nur auf Englisch zu sehen, doch ihm ist auf jeden Fall eine große, weltweite Verbreitung zu wünschen.

Hier noch einige HEMA-Links:

 

Christian Cameron: The Ill-Made Knight und The Long Sword

Zugegeben: Es waren historische (und Fantasy-) Romane, die einst mein Interesse am Mittelalter geweckt haben. Doch wenn darin von Rittern in glänzenden Rüstungen die Rede war, wollte ich immer schon wissen, wie diese eigentlich hergestellt wurden; wenn von Festmählern berichtet wurde, fragte ich mich, was wohl auf den Tisch kam, wer das Essen zubereitete und wie; bei der Beschreibung einer Burg stellte sich mir unweigerlich die Frage, wie diese errichtet werden konnte; etc.
Antworten auf diese Fragen habe ich in anderen Büchern gefunden, und seit etlichen Jahren – seit ich die Beschäftigung mit (mittelalterlicher) Geschichte zu meinem Beruf gemacht habe – lese ich fast gar keine historischen bzw. Mittelalter-Romane mehr. Nicht, weil sie zu wenig auf die oben genannten Fragen eingehen, sondern weil sie größtenteils einfach schlecht sind: Schlecht recherchiert, schlecht konstruiert, schlecht erzählt – oft genug das alles auf einmal!
Selbst Autoren, die in vielen Details dem realen historischen Alltag (soweit wir ihn überhaupt rekonstruieren können) recht nahe zu kommen scheinen, scheitern meist daran, sich in die fremdartige Mentalität ihrer Figuren hineinzuversetzen – sofern sie es überhaupt versuchen. In den meisten und gerade in den besonders populären Fällen scheint es moderne Menschen in ein mehr oder weniger mittelalterliches Szenario verschlagen zu haben, werden gesellschaftliche Zustände, Grenzen und Zwänge der Zeit allenfalls dargestellt, um sie von (bevorzugt weiblichen) Protagonisten überwinden zu lassen.
Das Hauptproblem des Genres besteht nicht in der Konstruktion der Geschichten, der Anpassung der historischen Chronologie an die Bedürfnisse der Erzählung, der Erfindung biographischer Details, noch nicht einmal in der möglichst korrekten Schilderung von Bekleidung, Handwerk, Handel, Kriegswesen u.ä., sondern in der fehlenden Glaubwürdigkeit der Welt, in der sie angesiedelt sein sollen.

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Wiederentdeckung historischer Praktiken des (militärischen) Bogenschießens?

In den sozialen Netzwerken macht derzeit folgendes, mehr als 10 Millionen mal angesehenes (Stand: 25. Januar 2015) Video eines gewissen Lars Andersen die Runde, der sich nicht nur rühmt, mit gängigen Hollywood-Mythen und -Klischees über Pfeil und Bogen aufzuräumen, sondern auch die authentischen, historischen Praktiken des militärischen Bogenschießens wiederentdeckt, studiert und schließlich gemeistert, wenn nicht gar übertroffen zu haben:

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Rezension GEO Epoche 70: KARL der Große und das REICH der Deutschen

Das „Heilige Römische Reich (Deutscher Nation)“ existierte von 962 bis 1806 und war zeit seines Bestehens ein höchst eigentümliches Konstrukt. Zahlreiche Personen, Ereignisse und Entwicklungen haben seine Geschichte geprägt, und die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift „GEO Epoche“ unternimmt den Versuch, auf knapp 180 Seiten einige davon näher zu beleuchten. Von Karl dem Großen und der Idee eines christlichen Kaisertums im Westen bis zu Napoleon und der Abdankung Kaiser Franz‘ II. spannt sich der Bogen der Beiträge teils namhafter Autorinnen und Autoren. Behandelte Themen umfassen etwa den Wormser Reichstag von 1495, die Reformation in Nürnberg, den Dreißigjährigen Krieg oder auch die Insignien des Kaisertums.
Den Verfassern gelingt vielfach, nicht zuletzt durch die konsequente, ungewöhnliche Erzählweise im Präsens und zuweilen die Perspektive von Beteiligten oder Zeitgenossen, eine lebendige, anschauliche Schilderung der Ereignisse und Zustände. Als Leser fühlt man sich häufig sehr dicht am Geschehen, doch stellt sich zuweilen die Frage, woher die Autoren ihre Kenntnisse über die vergangenen Zeiten beziehen, etwa wenn es von der Ausbildung zum Ritter im 15. Jahrhundert heißt:

„Schon als Fünfjährige zwingt man sie aufs Pferd und bindet sie im Sattel fest. Drückt sie in den Dung der Ställe, wo sie still liegen müssen, den Bissen, Tritten und Ausscheidungen der Tiere ausgesetzt.“
(Jörg-Uwe Albig: Götz von Berlichingen, S. 90)

Der Verzicht auf die Angabe von Quellen birgt die Gefahr, eine Nähe und ein Wissen über die historischen Gegebenheiten zu suggerieren, die von der Forschung zuweilen schwerlich gestützt werden können.
Problematisch erscheint zudem die Illustration mehrerer Artikel durch Geschichtsdarstellungen des 19. Jahrhunderts. Diese können für die dargestellte Zeit keinen Quellencharakter beanspruchen und sind zudem oft von nationalistischen, die Vergangenheit verklärenden Motivationen geprägt. Auch die Verwendung burgundischer Buchmalereien des 15. Jahrhunderts in einem Beitrag über Otto I. (936-973) trägt nicht unbedingt dazu bei, ein realistisches Bild der damaligen Verhältnisse zu transportieren.
Die Lebensbeschreibung des Raubritters Götz von Berlichingen wiederum wird durch stimmungsvolle Fotografien verschiedener Burgen illustriert. Allerdings liegen die meisten davon im Osten des heutigen Deutschland, und keine hat irgendeinen Bezug zum Thema des Beitrags. So erscheint die Bildauswahl des Hefts zuweilen etwas willkürlich und geradezu „grobmittelalterlich“ – es ist ist eben „irgendwie alles Mittelalter“. (Bei den neuzeitlichen Themen besteht das Problem nicht.) Das ist ein wenig schade, aber dennoch lassen sich die Texte durchaus mit Gewinn lesen.
Eine Zeittafel und (etwas spärliche) Literaturhinweise erhöhen den Nutzwert des Magazins.

DVD-Beilage

Das Heft ist entweder einzeln oder zusammen mit einer DVD erhältlich. Dabei handelt es sich um die dreiteilige sogenannte Dokumentation „Karl der Große – Der erste Kaiser“ aus dem Jahr 2013. Mit großem filmischem und technischem Aufwand wird hier die Lebensgeschichte des Frankenherrschers ins Bild gesetzt, eingebettet in eine Rahmenhandlung, in der der gealterte Einhard einem jungen Schreiber seine „Vita Karoli Magni“ diktiert.
Zwischen die Spielszenen sind Aussagen namhafter Historiker und Experten wie Johannes Fried, David Nicolle oder Dame Janet Nelson eingebettet. Mit Hilfe dieses geballten Wissens hätte es eigentlich möglich sein müssen, eine historisch fundierte und zugleich spannende und unterhaltsame Dokumentation zu produzieren, doch leider versagt das Machwerk hier auf ganzer Linie.
Angefangen von peinlichen Dialogen und albernen Bettszenen erinnert das Schauspiel eher an eine billige Fantasy-Trash-Produktion als an ein seriöses Format mit Bildungsanspruch. Wer soll hier eigentlich die Zielgruppe sein?
Ganz und gar unterirdisch ist das Niveau der Ausstattung, das selbst die extrem niedrigen Standards von Fernsehserien wie „Vikings“ noch locker unterbietet. Ich will gar nicht auf die allgegenwärtigen Kerzen und Fackeln, orientalische Teppiche als Bodenbelag oder moderne Sättel und Steigbügel eingehen, doch was etwa (durchaus hübsche) Renaissance-Himmelbetten in einer Dokumentation über das 8.-9. Jahrhundert zu suchen haben, wird wohl ein Geheimnis der Fernsehmacher bleiben.
Für die Bekleidung wurden offenbar übrig gebliebene Bestände sämtlicher Geschichts- und Märchenproduktionen der vergangenen 20 Jahre geplündert. Da wird unter fachkundiger Leitung des britischen Militärhistorikers David Nicolle ein Beschusstest auf Kettenhemden durchgeführt, von denen es zu Recht heißt, sie seien das wichtigste Element der Körperpanzerung der Zeit gewesen. Warum tragen die Darsteller diese dann nicht im Film, sondern … ja, was soll das eigentlich sein, was die Franken da unter ihre wehenden roten Umhänge geschnallt haben??? Und warum schlagen sie 773 n.Chr. (!) beidhändig mit Langschwertern des 14.-15. Jahrhunderts auf die Sachsen ein? Das alles ist Grobmittelalter auf unterstem Mittelaltermarkt-Niveau!

Szene aus "Der erste Kaiser": Grobmittelalterlicher Gewandungsmix auf Mittelaltermarkt-Niveau. (c) taglicht media.

Szene aus "Der erste Kaiser": Grobmittelalterlicher Gewandungsmix auf Mittelaltermarkt-Niveau. (c) taglicht media.

Es lohnt nicht, noch weitere Worte über dieses mit einer großen Menge an öffentlichen Fördergeldern produzierte Machwerk zu verlieren. Der in weiten Teilen durchaus ernstzunehmende Inhalt und die fundierten Aussagen der zu Rate gezogenen Experten werden leider durch die vollkommen unhistorische, lächerliche und letztlich vollkommen überflüssige Darstellung überschattet. Hier wurde mit viel Pomp und Getöse eine große Chance vertan. Schade!

GEO Epoche 70 (Dezember 2014): Karl der Große und das Reich der Deutschen. 172 S. ISBN 978-3-652-00341-4. € 10,- (Einzelheft), € 17,50 (mit DVD).

Zum GEO-Shop.

Rezension: "Handwerk. Von den Anfängen bis zur Gegenwart" von Rainer S. Elkar, Katrin Keller und Helmuth Schneider (Konrad Theiss Verlag)

Titelbild (c) Konrad Theiss Verlag/WBG

Titelbild (c) Konrad Theiss Verlag/WBG

Handwerk berührt viele Lebensbereiche, und die Geschichte des Handwerks stützt sich auf viele historische Teildisziplinen wie Wirtschafts-, Sozial-, Kultur-, Kunst- und Technikgeschichte oder Archäologie und Realienkunde. Die Autoren des vorliegenden Bandes bemühen sich redlich, auf nur rund 200 Seiten ein umfassendes Bild der handwerklichen Entwicklung in Europa zu vermitteln, doch muss ein solcher Versuch notwendigerweise oberflächlich bleiben. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen des Handwerks in den einzelnen Epochen bzw. Jahrhunderten sowie auf dem technischen Fortschritt, der diese beeinflusste. Daneben stehen zeitspezifische Aspekte im Mittelpunkt: Zunftorganisation im Mittelalter, Kunsthandwerk in Renaissance und Rokoko, Mechanisierung im 19. Jahrhundert etc. Diese Betrachtungsweise ist nicht eben originell, aber solide und vor allem unterhaltsam umgesetzt. Mit den zahlreichen qualitätsvollen Illustrationen und der guten Lesbarkeit der Texte eignet sich der Band bestens zum Schmökern. Das Fehlen von Stichwort- und Literaturverzeichnis zeugt davon, dass das Werk weniger (populär-) wissenschaftlichen als vielmehr unterhaltenden Zwecken dienen soll, und diese Absicht erfüllt es mehr als zufriedenstellend. Als historisch fundierter Lobgesang auf die Leistungen des Handwerks in seiner vieltausendjährigen Geschichte ist das Buch daher durchaus mit Gewinn zu lesen.

Rainer S. Elkar, Katrin Keller und Helmuth Schneider: Handwerk. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Darmstadt: Konrad Theiss Verlag 2014.
Geb., 224 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-8062-2783-3. € 49,95.

Bill Bryson: At Home. A Short History of Private Life

Sometimes, a good history book is not about the latest findings, recent discoveries, or new theories.
Sometimes, a good history book is a book of good stories.
Sometimes – once in a while – an author can make us look at the most common and mundane objects that surround us every day, and see them in a whole new light, as if we had never noticed them before. He can take some well-known facts, and some not-so-well-known stories, and put them together in such a way that all of a sudden connections become visible, relations seem to emerge, causalities are revealed, that may have been there all along, but have never caught our attention before.
In his great book „At Home“, Bill Bryson does just that. He takes his readers with him as he wanders around his house, a 19th century English rectory, and wonders about the layout and purpose of each of the individual rooms, how they came to be called „study“ or „drawing room“, and more generally, how domestic living developed over the centuries. Equipped with almost child-like curiosity, but also an extensive library and vast knowledge, he invites us on a journey through time and space.
His map is the floor plan of his house. And since each of the rooms serves one or more specific purposes, Bryson is able to cover such diverse subjects as cooking and nutrition, sexuality and marriage, lighting and reading, dress and fashion, childhood and upbringing, air pollution, wages, and many, many more. His main focus lies on Great Britain and the United States, and the 18th and 19th centuries, when domestic life gradually took the shape we are so familiar with today. But he also ventures deep into pre-history and ancient times, following the trails of art and artefacts, the traces of civilisation and mankind.
Bryson is a great entertainer and good writer with a good eye for all the funny, tragic, and ironic little details in history. Even his accounts of rather well-known facts or episodes have a certain twist to them, a different, unexpected perspective. He finds the right mix of learnedness and humour to not allow for a single moment of boredom throughout the 600+ pages of his work. „At Home“ is a treasure chest of knowledge, facts, stories, anecdotes, wisdom, and fun that you don‘t want to lay aside until you‘ve finished it, and then want to read it again, and quote it at your next dinner party. (Why is it called „dinner“? Bryson gives the answer!)
Sometimes, all it takes for a good book is a fresh perspective on a mundane subject. But it takes a great writer to accomplish that. Thumbs up for Bill Bryson and „At Home“!

Ferdinand Zwidtmayr: Wie das Mittelalter erfunden wurde. Populäre Irrtümer, Alltagsmythen und wie es dazu kommt, dass manche Unwahrheiten so hartnäckig sind

Glaubten die Menschen im Mittelalter wirklich, die Erde sei flach? Wer sich einmal näher mit mittelalterlichem Denken und Philosophie beschäftigt hat, weiß, dass das nicht der Fall gewesen ist. Genauso wenig ist es eine für die Geschichtswissenschaft bahnbrechend neue Erkenntnis, dass die meisten Menschen im Mittelalter hochgradig mobil und, überspitzt ausgedrückt, ständig unterwegs gewesen sind. Auch dass Schlachten vornehmlich durch disziplinierte, koordinierte Einheiten gewonnen wurden und nicht durch blindlings anstürmende, profilierungssüchtige Einzelkämpfer, ist eigentlich ein Banalismus.
Dennoch sind derartige Mythen, Irrtümer und Unwahrheiten nach wie vor weit verbreitet, finden ihren Ausdruck nicht nur in Romanen, Kinofilmen und Fernsehdokumentationen, sondern auch in mitunter anspruchsvollen, populären Geschichtsbüchern. „Woran liegt das?“ hat sich ein deutscher Historiker gefragt und unter dem Pseudonym Ferdinand Zwidtmayr einen umfangreichen Essay zum Thema vorgelegt. Darin geht er nicht nur den genannten und weiteren hartnäckigen Unwahrheiten auf den Grund und widerlegt zahlreiche gängige Vorurteile oder falsche Auffassungen vom europäischen Mittelalter. Zugleich eröffnet er einen Blick auf die Mechanismen der historischen Forschung auf der einen, der Populärkultur auf der anderen Seite. Seine Ausführungen sind daher auch interessant und anregend zu lesen, wenn man nicht den erwähnten Irrglauben anhängt und der Ansicht ist, ein recht differenziertes und realitätsnäheres Bild vom Mittelalter zu besitzen.
Der Autor nähert sich seinen Kernfragen dabei stets aus verschiedenen Blickwinkeln. Manchem mag dieser bedächtige, zuweilen umständlich und redundant wirkende Stil etwas manieriert vorkommen. Wer Zwidtmayrs Aufforderung folgt und bei Lesen eine kritische Haltung einnimmt, sich seine eigenen Gedanken zu dessen Ausführungen macht und vielleicht auch schon mal weiter denkt, der mag sich durch diese ausschweifende Art zuweilen ausgebremst vorkommen. Dabei ist es vielleicht gerade diese zurückgelehnte, nicht auf schnelle, billige Erkenntnis oder Effekte zielende, „altmodische“ Haltung, die unserer schnelllebigen, oberflächlichen Zeit und vielleicht auch der modernen Geschichtswissenschaft mitunter fehlt.
Ich habe mich beim Lesen jedenfalls nicht nur unterhalten, sondern angeregt, herausgefordert und inspiriert gefühlt, und das schaffen längst nicht alle geschichts- oder populärwissenschaftlichen Werke. Zwidtmayrs Ausführungen sind ein geradezu leidenschaftliches Plädoyer, das Mittelalter und seine Menschen ernst zu nehmen und differenziert zu betrachten. Daher kann ich die Anschaffung und kritische, aufgeschlossene Lektüre dieses Büchleins allen historisch Interessierten nur wärmstens ans Herz legen!