Fundstücke KW 21

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll: In Nürnberg fordert ein Aktionsbündnis den Abriss der mittelalterlichen Stadtmauer als „Symbol der Engstirnigkeit“– so ist es auf der Website des Bayrischen Rundfunks zu lesen. (Dank an Frau Lipk für den Hinweis!)

Aufschlussreiche Funde bei neuerlichen Grabungen in der mittelalterlichen Wüstung Dorpede bei Marsberg meldet archäologie-online.de.

Weiterlesen

Jahrestage mittelalterlicher Geschichte 2017

Welche bedeutenden Geschehnisse ereigneten sich vor 500, 750 oder 1000 Jahren? Welche Jahrestage der mittelalterlichen Geschichte kommen 2017 auf uns zu? Auf welche Feiern, Gedenktage, Debatten müssen wir uns einstellen?
Der jährliche kurze, keineswegs vollständige und schamlos eurozentrische Überblick: Weiterlesen

Mittelalter-Videos

Pornos und Katzenvideos sind bekanntlich die entscheidenden Inhalte des Internets. Doch finden sich dazwischen in dunklen Ecken zuweilen auch interessante, lehrreiche, wissenschaftliche und/oder unterhaltsame Videos zur Geschichte des Mittelalters, ihrer Erforschung oder Darstellung. Einige davon (in deutscher Sprache) sollen hier vorgestellt werden, Ergänzungen sind jederzeit herzlich willkommen! Weiterlesen

Alte Berufe und Familiennamen IV

Honig wurde im Mittelalter vornehmlich gewonnen, indem wilde Bienenstöcke ausgebeutet oder Körbe im Wald aufgestellt und Wildbienen angelockt wurden. Von diesem Handwerk der Zeidlerei leitet sich der Familienname Zeidler (auch Zedler) ab, allgemein auf die Gewinnung oder Verarbeitung von Honig verweist der Name Honigman.

Als Neber wurden im Mittelalter große geschmiedete Bohrer bezeichnet, die z.B. bei der Bohrung von Achslöchern in Radnaben zum Einsatz kamen. Weiterlesen

500 Jahre "Reinheitsgebot"

Bier zählt zu den ältesten Kulturgetränken der Menschheit. Älteste Hinweise stammen aus dem Neolithikum, bierähnliche Getränke sind z.B. aus Babylon und Ägypten belegt. In germanischer Zeit und im Frühmittelalter lag das Bierbrauen als Teil der bäuerlichen Selbstversorgung vorwiegend in Händen der Frauen. Doch nicht zuletzt der hohe Arbeitsaufwand sowie der Platz- und Gerätebedarf sorgten seit dem Aufkommen der Städte für einen Übergang zu gewerblicher Produktion, wodurch der eigenständige Beruf des Bierbrauers entstand.

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, um 1425 (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, um 1425 (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Die zur Bierherstellung bevorzugte Getreidesorte war Gerste, der mitunter – besonders, wenn daran Mangel herrschte – Weizen, Roggen oder Hafer beigemischt wurde. Letzterer galt im Mittelalter als minderwertiges Getreide, das eigentlich nur als Viehfutter angebaut und verwendet wurde. Reine Weizenbiere wurden z. B. in Breslau, Goslar („Gose„) oder Bayern gebraut, hatten aber nur lokale Bedeutung.

Die Samenkörner wurden zunächst in Wasser eingeweicht und so zum Keimen gebracht, wobei sich die enthaltene Stärke in Zucker umwandelte. Nach etwa sieben Tagen wurde der Keimvorgang durch Trocknung der Masse auf der sogenannten Darre unterbrochen. Das so entstandene Malz konnte einige Monate gelagert werden. Unmittelbar vor Braubeginn wurde es grob gemahlen und mit warmem Wasser zur Maische vermischt, aus der dann die Würze gepresst wurde. Je nach Grad der Trocknung bzw. Röstung wurden das Malz und somit das Bier dunkler und geschmacklich intensiver; man unterschied daher zwischen Weiß- und Rotbieren.

Üblich war es, der Würze verschiedene Aromastoffe zuzusetzen, von Honig über Anis, Wacholderbeeren, Harz, Kümmel oder Ingwer bis zu verschiedenen Kräutermischungen, deren genaue Zusammensetzung Betriebsgeheimnis des jeweiligen Brauherrn war. Solche Zusätze waren besonders im Norden des Reiches verbreitet und unter der Bezeichnung „Grut“ bekannt.
In der Kirchenprovinz Köln, also zwischen Somme und Weser, war das Grutrecht im 10. und 11. Jh. ein Privileg, das die Grutherrn – meist die Bischöfe – zu alleiniger Herstellung und alleinigem Verkauf der Grut berechtigte. Die am häufigsten verwendeten Kräuter waren Gagel (Myrica gale, Heidemyrthe) oder Porst (Ledum palustre oder Rhododendron tomentosum), daneben Laserkraut, Schafgarbe, Lorbeer, Salbei, Rosmarin, Koriander, Wacholder und Mädesüß. Zuweilen wurde auch das giftige Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) zugesetzt, das halluzinogene Wirkung hatte, aber bereits in geringer Dosis tödlich sein konnte.
Der Kauf der Grut war Voraussetzung für den Erwerb der Braugenehmigung – kein Wunder also, dass die Obrigkeit ihr lukratives Monopol energisch verteidigte, während das System bei den Brauern nicht gerade beliebt war.

Hopfen. Anholter-Moyländer Kräuterbuch, um 1470, fol. 87v.

Hopfen. Anholter-Moyländer Kräuterbuch, um 1470, fol. 87v.

Statt der Grut begannen norddeutsche Brauer mindestens bereits im 11. Jh., der Würze Hopfen zuzusetzen, der nicht nur den Geschmack verbesserte, sondern auch bakterienhemmende Wirkung hatte. Das Endprodukt war somit länger haltbar und konnte über weitere Strecken exportiert werden. Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass sich Hopfen im Gegensatz etwa zu Porst und Gagel kultivieren ließ; so wurden besonders ab dem 13 Jahrhundert vielerorts Hopfengärten angelegt.
Allerdings konnte Hopfenbier nur untergärig gebraut werden, d.h. bei einer Temperatur von unter 10°C, was die Brauzeit auf die Monate November bis Mai beschränkte. Doch auch die übrigen, obergärigen Biersorten wurden überwiegend im Winter gebraut, da der Verderb im Sommer noch schneller einsetzte. Bis zum Spätmittelalter hatte sich der Zeitraum zwischen St. Michael am 29. September und St. Georg am 23. April allgemein als Brausaison durchgesetzt.

Im offenen Gärbottich wurde die Würze mit Wasser verdünnt und mit Hefe versetzt, die den Zucker in Alkohol umwandelte. Das Mischungsverhältnis entschied über die Stärke des fertigen Produkts: das stärkste wurde meist für den Export gebraut und Faßbier genannt, die Tafel-, Tonnen- oder Tischbiere waren etwas schwächer. Als Kofent oder Nachlese wurde ein Dünnbier bezeichnet, für das die Würze ein zweites Mal aufgegossen wurde. Der beim Gärvorgang entstehende Hefeschaum wurde abgeschöpft und an die Bäcker verkauft.

Die Biere des Mittelalters wurden nach ihren Brauorten benannt, von denen einige zu einer Art Markenzeichen wurden. Darunter zählten Einbeck, Hamburg, Bremen, Braunschweig, Goslar und Nürnberg zu den berühmtesten. Das mit Hopfen gebraute, untergärige Bier der Hansestädte wurde im 13. Jh. zu einer Art „Exportschlager“. In Hamburg, dem „Brauhaus der Hanse“, zählte man um das Jahr 1410 etwa 500-520 Brauberechtigte, die jährlich ca. 250.000-300.000 Hektoliter produzierten. Das Bier der Hanse wurde nach Skandinavien, ins Baltikum, nach England und in die Niederlande vertrieben. Mit dem Export qualitativ hochwertiger Biere ließen sich beträchtliche Gewinne erzielen, so dass zahlreiche Brauherren zu vermögenden und einflussreichen Unternehmern avancierten, die mancherorts (z. B. in Goslar) den Rat der Stadt beherrschten.

Doch gewerbliches Bierbrauen konnte sich nur lohnen, wenn die Produktion entsprechend hoch war. Die Investitionen waren hoch, die Gefahr des Verderbs groß, das Mälzen und der Verkauf des Endprodukts mit Steuern belegt. Die Bierherstellung wurde durch städtische Brauordnungen geregelt, von denen die Augsburger von 1155 wohl die älteste ist. Meist wurden die Zahl der Brauberechtigten und der Ausstoß des einzelnen Brauvorgangs begrenzt, um Überproduktion zu verhindern und die Preise stabil zu halten. Beauftragte des Rates überwachten Malzbereitung, Braumengen, Qualität und Preisgestaltung.

Sogenannte Höchstpreistaxen galten im späten Mittelalter für zahlreiche Lebensmittel, etwa Fisch, Brot, Fleisch, Wein oder eben Bier. Eine Bierpreisordnung war auch Teil der Landesordnung, die am 23. April 1516 von den Herzögen Wilhelm IV. und Ludwig X. von Bayern auf dem Ingolstädter Landtag erlassen wurde:

„Item wir ordnen / setzen / und wöllen mit Rathe unnser Lanndtschaft / das füran allennthalben in dem Fürstenthumb Bayrn / auff dem Lande / auch in unnsern Stettn unn Märckthen / da deßhalb hieuor kain sonndere ordnung ist / von Michaelis biß auff Georij / ain mass oder kopffpiers über ainen pfenning Müncher werung / unn von sant Jorgentag / biß auff Michaelis / die mass über zwen pfenning derselben werung / und derenden der kopff ist / über drey haller / bey nachgesetzter Pene / nicht gegeben noch außgeschenckht sol werden.“

Gedenkmedaille. (c) Yvonne/Badische Zeitung

Gedenkmedaille. (c) Yvonne/Badische Zeitung

Geregelt wurde also der Bierpreis während und außerhalb der Brausaison. Doch immer war die Gefahr groß, dass unredliche Produzenten versuchten, ihren Gewinn durch die Verwendung minderwertiger Zutaten oder unlautere Beimischungen zu steigern. Davon ging, wie beim erwähnten Bilsenkraut, nicht selten eine Gesundheitsgefährdung für die Konsumenten aus.
Um derartige Experimente zu unterbinden und eine möglichst gleichbleibend hohe Qualität der bayrischen Biere sicherzustellen, heißt es in dem herzoglichen Mandat weiter:

„Wir wöllen auch sonderlichen / das füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unn auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer stückh / dann allain Gersten / Hopfen / unn wasser / genommen unn gepraucht sölle werdn.“

Es handelte sich weder um den ersten noch um den letzten Versuch, die Bierproduktion auf die Verwendung von Gerste, Hopfen und Wasser zu beschränken, nicht in Bayern und schon gar nicht im Rest des Reiches. Viele deutsche Städte kannten seit dem 14. oder 15. Jahrhundert ähnliche Verordnungen. Eine Verordnung des Münchener Stadtrats von 1447, welche die Bierzutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser beschränkte, wurde später auf ganz Oberbayern ausgedehnt, 1469 übernahm der Rat der Stadt Regensburg die Regelung. Ja, selbst in London wurde 1484 verfügt, dass Bier ausschließlich aus „licuor, malt and yeste“, also Wasser, Malz und Hefe zu bestehen habe!
Neu war an dem bayerischen Erlass von 1516 daher allenfalls, dass er für das gesamte (kürzlich wiedervereinigte) Herzogtum gelten sollte und sich ausdrücklich nicht nur auf die Städte, sondern auch auf Marktorte und das ländliche Brauwesen bezog. Dabei mochte eine Rolle gespielt haben, dass der Hopfen im Süden prächtig gedieh und gezielt angebaut werden konnte, ganz im Gegensatz zu Porst und Gagel, die teuer importiert werden mussten.

Nicht ganz zufällig hatte eine solche Beschränkung der erlaubten Zutaten daneben den Vorteil, die Besteuerung des Produkts zu vereinfachen. Bald wurden auch Strafzölle auf nach Bayern importierte Biere erhoben und die Ausfuhr bayerischer Biere ebenfalls mit zusätzlichen Abgaben belegt.
Nicht zuletzt richtete sich die Regelung auch gegen die „Verschwendung“ des wertvollen Brotgetreides Weizen für die Bierherstellung. Noch 1567 heißt es in einem herzoglichen Mandat, das überwiegend aus Böhmen importierte Weiß- oder Weizenbier sei

„gar ein vnnuez getranck … / das weder fueert noch nert / weder sterck / krafft noch macht gibt / vnd dahin gericht ist / das es die Zechleut / oder diejenigen dies trincken / nur zu mehrerm trincken raizt vnd vrsach.“

Die Einstellung änderte sich jedoch rasch, als Kurfürst Maximilian I. 1602 erkannte, dass sich mit einem herzoglichen Weißbiermonopol viel Geld verdienen ließ. In kurzer Zeit entstanden so 15 staatliche Weißbierbrauereien, deren Einnahmen bald den größten Einzelposten des bayerischen Staatssäckels ausmachten. Dafür sorgte auch die Verpflichtung der Wirte, stets ausreichend viele Fässer Weißbier auf Lager zu halten.
Nicht einmal einhundert Jahre nach der gesetzlichen Beschränkung der Bierzutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser schien diese bereits in völlige Vergessenheit geraten zu sein …

Vom 17. Jahrhundert an ist jedenfalls in der bayerischen Gesetzgebung von einer derartigen Bierverordnung nirgends mehr die Rede. Ausnahmen gab es ohnehin: So wurden z.B. schon 1551 zur Herstellung bestimmter „Traditionsbiere“ die Zugabe von Koriander und Lorbeer ausdrücklich erlaubt. Die bayerische Landesverordnung von 1616 ließ außerdem Salz, Wacholder und Kümmel als Beigaben zu.

Brauwesen und Bierkultur gediehen dennoch prächtig und erreichten ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Allein in Bayern existierten um 1800 mehr als 30.000 Brauereien. Gaststätten entwickelten sich zu sozialen und kommunikativen Zentren von Bürgern wie Arbeitern, und gemeinsames Biertrinken avancierte zum elementaren Bestandteil der Alltags- und Freizeitgestaltung. Neue technische Errungenschaften optimierten die Brauverfahren und garantierten gleichbleibend hohe Qualität. Kältemaschinen, die Erfindung der Bügelflasche und des Kronkorkens trugen zu steigenden Absätzen bei.

Zugleich war das 19. Jahrhundert die Zeit der Wiederentdeckung und romantischen Verklärung des Mittelalters, des aufblühenden Nationalismus‘ wie auch des Regionalpatriotismus‘. Bier war Teil der deutschen, ganz besonders aber auch der bayerischen Identität. Nicht umsonst trugen zahlreiche der von deutschen Auswanderern in den USA und anderswo gegründeten Brauereien den Namen „Bavaria“ und warben mit „bayerischer Brautradition“.

Das Hofbräuhaus Las Vegas. (c) magazineUSA.com

Das Hofbräuhaus Las Vegas. (c) magazineUSA.com

Da traf es sich prächtig, dass die Bierverordnung des Landtagsabschieds von 1516 zu Beginn des 19. Jahrhunderts „wiederentdeckt“ wurde. Am 10. November 1861 wurde die Beschränkung auf Gersten, Hopfen und Wasser erneut in der bayerischen Gesetzgebung verankert, nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde sie in anderen Teilstaaten übernommen, ab 1906 galt sie für das gesamte Reichsgebiet.

Von einem „Reinheitsgebot“ war jedoch zu dieser Zeit noch nicht die Rede. Der Begriff wurde wohl erstmals vom Landtagsabgeordneten und Leiter der Buchstelle bei der Akademie für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan Hans Rauch in einer Sitzung des bayerischen Landtags am 4. März 1918 verwendet.
In der Weimarer Republik, der alten Bundesrepublik und der DDR regelten verschiedene Gesetze die Besteuerung des Biers und in diesem Zuge die erlaubten Zutaten. Gerste, Hopfen und Wasser waren in der Regel für untergärige Biere vorgeschrieben, bei obergärigen (wie z.B. bayerischem Weißbier) galten Ausnahmen. Seit 2005 regelt die Bierverordnung, was als „Bier“ bezeichnet und in den Handel gebracht werden darf.
Seit einigen Jahren beginnt die ursprünglich aus den USA stammende Craft Beer“-Bewegung, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Kleinst- und Hobbybrauereien produzieren seither zunehmend Biere, die nicht dem sogenannten „Reinheitsgebot“ entsprechen und die geschmackliche Vielfalt des deutschen Lieblingsgetränks mit verschiedenen Aromazusätzen massiv erweitern.

Der Deutsche Brauer-Bund jedoch hält eisern an der historischen, wiederentdeckten (und überholten?) Vorschrift fest. Was 1516 als Höchstpreistaxe erlassen worden war, dient den deutschen Brauereikonzernen heute als Marketinginstrument, als Schutzwall gegen ausländische Konkurrenz, als traditions- und damit identitätsstiftendes Werkzeug der Image-Pflege.

(c) Deutscher Brauer-Bund

(c) Deutscher Brauer-Bund

Schon 1994 wurde der 23. April zum „Tag des deutschen Bieres“ erhoben, in diesem Jahr (2016) jährt sich der Erlass der bayerischen Herzöge zum 500. Mal. Zahlreiche Medien feiern ganz im Sinne des Brauer-Bundes das „älteste Lebensmittelgesetz“ der Welt.
Betont wird dabei immer wieder gerne die „ungebrochene Tradition“, die sich bei näherer Betrachtung ebenso als reine Fiktion erweist wie die angebliche Sorge der bayerischen Herzöge um das leibliche Wohlergehen ihrer Untertanen, die zum Erlass des „Reinheitsgebots“ geführt haben soll.
Doch wie schon der große Historiker Ernst Schubert in diesem Zusammenhang feststellte:

„Fiktionen können geschichtsmächtiger als Fakten sein.“

(Ernst Schubert, Essen und Trinken im Mittelalter, 2. Auflage, Darmstadt 2010, S. 229f.)

Alte Berufe und Familiennamen, Teil III

Zahlreiche alte, heute meist ausgestorbene Berufe haben ihre Spuren in Form von Familiennamen hinterlassen. Doch nicht immer ist auf den ersten Blick erkenntlich, welches historische Gewerbe sich hinter dem Klingelschild des Nachbarn verbirgt.
Nach Teil I und Teil II hier nun die dritte Folge von Erläuterungen historischer Berufsbezeichnungen, die einem im Telefonbuch* begegnen können.

Armbruster waren diejenigen, die Armbruste herstellten, nicht die, welche sie benutzten. So wie auch Bogner keine Bogenschützen waren, sondern Hersteller von Bögen.

Als Pielsticker bezeichnete man im Norden Deutschlands die Hersteller von Pfeilen und Bolzen für Bogen und Armbrust. Eine ebenfalls norddeutsche Variante ist der Pilemaker, anderswo wurde das Gewerbe als Pfeilschäfter oder einfach Pfeil(e)macher bezeichnet. Im Englischen hießen sie Fletcher, was ebenfalls ein weit verbreiteter Nachname ist.
(Mehr zum pilestikker oder pilemaker gibt es hier.)

Reider stellten Messer- und Schwertgriffe her, montierten die Klingen und übernahmen manchmal auch das Schärfen, was andernfalls Aufgabe der Schwertfeger war. Die Bezeichnung Reider war vor allem im Bergischen Land (um das Klingenzentrum Solingen) verbreitet, aber auch andernorts belegt.
Der Reider hat jedenfalls nichts mit dem Reiter oder dem Reut(h)er zu tun. Über die unterschiedlichen Ursprünge dieser Namen gibt es einen interessanten kurzen Beitrag in „Die Welt“.

Wer das Krugrecht innehatte, also eine Gastwirtschaft betrieb, wurde im Norddeutschen als Krüger bezeichnet. Im Dialekt konnte er auch Kröger heißen. Die gleiche Bedeutung haben die Nachnamen Krug, Krüg, Krog, Krügel oder Krugmann.

Binder ist eine der zahlreichen Bezeichnung des Böttchers, Bötti(n)gers, Küfers, Büttners – also dessen, der Fässer herstellte. Die Vielzahl und weite Verbreitung der Namen verweist auf die Bedeutung, die Fässer als universales Verpackungs- und Transportmittel im Mittelalter hatte. Nicht alle waren mit Eisenringen eingefasst, häufiger wurden die Dauben mit Weiden- oder Haselnussruten zusammengebunden – daher die Bezeichnungen Binder, Fassbinder, Fassbender.

Die Bedeutung der Bezeichnung Büttel ist vielfältig. Im Mittelalter wurden so Gerichtsdiener, Amts- und Fronboten sowie alle Arten von niederen Exekutivbeamten bezeichnet, also z.B. Feld-, Forst- oder Weinberghüter.

Ein "bütel" mit Amtsstab und Schwert im Hausbuch der Mendelschen Zwöflbrüderstiftung (1429). Nürnberg, Stadtbibliothek Amb. 317.2° fol. 50r.

Ein "bütel" mit Amtsstab und Schwert im Hausbuch der Mendelschen Zwöflbrüderstiftung (1429). Nürnberg, Stadtbibliothek Amb. 317.2° fol. 50r.

Der Hafen bezeichnet in Österreich und Teilen Bayerns eine Schale oder Schüssel aus Keramik. (Der Nachthafen ist ein Nachttopf.) Der Töpfer ist daher in diesen Regionen als Hafner oder Häfner bekannt.
Da Hafner die Kacheln früher Kachelöfen anfertigten und diese zuweilen gleich selbst installierten, konnte auch ein Ofenbauer oder -setzer als Hafner bezeichnet werden.

Ebenfalls aus Österreich und Bayern stammt der Weinzierl, der anderswo als Winzer, Wingerter, Wengerter, Weingärtner, Weinbauer oder Weinmann bekannt ist – also als jemand, der Weinbau betreibt und einen Weinberg oder Wingert besitzt.

Die Reihe wird (bei Gelegenheit ganz bestimmt irgendwann) fortgesetzt!

* Gibt es überhaupt noch Telefonbücher? Früher waren das gedruckte Verzeichnisse mit den Namen und Telefonnummern aller Einwohner eines Ortes.

Jahrestage mittelalterlicher Geschichte 2016

Welche bedeutenden Geschehnisse ereigneten sich vor 500, 750 oder 1000 Jahren? Welche Jahrestage der mittelalterlichen Geschichte kommen 2016 auf uns zu? Auf welche Feiern, Gedenktage, Debatten müssen wir uns einstellen?
Ein kurzer, keineswegs vollständiger und schamlos eurozentrischer Überblick:

Vor mehr als 1.000 Jahren:

Darstellung König Sigismunds in der Dreifaltigkeitskirche Konstanz, 1417-37.

Darstellung König Sigismunds in der Dreifaltigkeitskirche Konstanz, 1417-37.

1016 – Vor 1.000 Jahren:

1066 – Vor 950 Jahren:

Die Schlacht von Stamford Bridge in der Lebensbeschreibung König Edwards, 13. Jh.

Die Schlacht von Stamford Bridge in der Lebensbeschreibung König Edwards, 13. Jh.

1116 – Vor 900 Jahren:

1216 – Vor 800 Jahren:

Landung des frz. Kronprinzen in London. Guillaume Fillastre, La Toison d'or, 15.-16. Jahrhundert.

Landung des frz. Kronprinzen in London. Guillaume Fillastre, La Toison d'or, 15.-16. Jahrhundert.

1266 – Vor 750 Jahren:

Darstellung der Schlacht von Benevent in der Nuova Cronica des Giovanni Villani, 14. Jahrhundert.

Darstellung der Schlacht von Benevent in der Nuova Cronica des Giovanni Villani, 14. Jahrhundert.

1316 – Vor 700 Jahren:

Zeitgenössische Darstellung Papst Johannes' XXII. Avignon, Archives iconographiques du palais du Roure.

Zeitgenössische Darstellung Papst Johannes' XXII. Avignon, Archives iconographiques du palais du Roure.

1346 – Vor 670 Jahren:

Schlacht von Crécy in einer Handschrift der Chroniken Jean Froissarts.

Schlacht von Crécy in einer Handschrift der Chroniken Jean Froissarts.

1416 – Vor 600 Jahren:

Hieronymus von Prag wiird zum Scheiterhaufen geführt. Richenthal-Chronik, Rosgartenmuseum Konstanz, Hs. 1, fol. 59v.

Hieronymus von Prag wiird zum Scheiterhaufen geführt. Richenthal-Chronik, Rosgartenmuseum Konstanz, Hs. 1, fol. 59v.

  • Frühjahr: König Sigismund versucht erfolglos, im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich zu vermitteln. In der Folge verschlechtert sich das Verhältnis zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Frankreich
  • Als sich die Rückkehr des 1408 gestürzten Alten Rates nach Lübeck abzeichnet, organisiert der Goldschmied Heyno Sobbe als Mitglied des Neuen Rats erfolglos einen Handwerkeraufstand, um das zu verhindern. Er wird verhaftet und am 11. Juni hingerichtet
  • 15. August: Der Vertrag von Canterbury wird als Bündnisvertrag im Rahmen des Hundertjährigen Krieges zwischen König Henry V. von England und König Sigismund geschlossen. Der Vertrag wird bis September ratifiziert, erhält aber in den folgenden Kriegsjahren kaum mehr als symbolische Bedeutung
  • Oktober: In Olmütz kommt es zu einem Aufstand, nachdem der von König Wenzel und dem Prager Erzbischof ernannte Administrator Albrecht von Březí an einer hussitischen Messe teilgenommen hat. Das Konzil von Konstanz benennt am 14. Dezember einen Nachfolger, der jedoch von König und Erzbischof nicht anerkannt wird

1516 – Vor 500 Jahren:

    • 23. Januar: Nach dem Tod Ferdinands II. wird sein Sohn Karl I. König von Spanien. Damit beginnt der Jahrhunderte währende Gegensatz zu Frankreich, das sich von den Habsburgern „umzingelt“ sieht
    • 18. Februar: Geburt Marias I. von England (Maria Tudor, Bloody Mary), Königin von England († 1558)
    • März: Die Orte Uri, Schwyz, Zürich, Basel und Schaffhausen, die den im Vorjahr nach der Schlacht bei Marignano geschlossenen Frieden von Genf ablehnen, stellen dem römisch-deutschen Kaiser Maximilian I. 15.000 Mann für seinen Feldzug nach Oberitalien zur Verfügung. Ein neuerlicher Bruderkrieg mit den anderen eidgenössischen Orten, die Frankreich unterstützen, wird nur vermieden, weil Maximilian I. den vereinbarten Sold nicht aufbringen kann
    • 23. April: In Ingolstadt erlassen die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. eine neue bayerische Landesordnung. Darin werden u.a. die Zutaten und Höchstpreise für Bier geregelt, weswegen sie im 20. Jahrhundert als bayerisches bzw. deutsches „Reinheitsgebot“ nachhaltige Wirkung entfaltet
    • 23. April: Geburt des Georg Fabricius, protestantischer deutscher Dichter, Historiker und Archäologe († 1571)
Vier Studien von Hanno. Oxford, Ashmolean Museum.

Vier Studien von Hanno. Oxford, Ashmolean Museum.

  • 8. Juni: Tod des Elefanten Hanno, der Lieblingstiers von Papst Leo X., das dieser von König Manuel I. von Portugal zwei Jahre zuvor geschenkt bekommen hatte. Wenig später kursiert ein satirisches Testament des Elefanten, in dem die Zustände in der römischen Kurie angeprangert werden
  • Im August stirbt der niederländische Maler Hieronymus Bosch (* um 1450)
  • 13. August: Gegen den Willen Kaiser Maximilians I. schließen Karl I. von Spanien als Herzog von Burgund und Franz I. von Frankreich den Vertrag von Noyon. Maximilian muss daraufhin seine letzten Positionen in Italien aufgeben
  • 12. November: König Karl I. von Spanien schließt mit Franz von Taxis und seinem Neffen Johann Baptista einen erneuerten Postvertrag. In diesem Vertrag bezeichnet König Karl die beiden als seine Hauptpostmeister (capitaines et maistres des postes) und einzige Post- und Kuriermeister. Franz und Johann Baptista verpflichten sich, Postreiter von Brüssel unter anderem zum französischen Königshof sowie zum Hof Kaiser Maximilians zu stationieren. Auf jeder Wechselstation mit Ausnahme von abgelegenen Routen sollten zwei Pferde gehalten werden. Es dürfen im Rahmen bestimmter Zeitvorgaben ausnahmslos nur königliche Briefe befördert werden. Der Vertrag tritt am 15. November in Kraft
  • 29. November: Der französische König Franz I. schließt mit den Eidgenossen die „ewige Richtung“, in der alle früheren Feindschaften aufgehoben werden und für künftige Konflikte ein Schiedsgericht eingesetzt werden soll. Kein Vertragspartner soll die Feinde des anderen unterstützen, und die Eidgenossen dürfen ihre Eroberungen in Italien mit Ausnahme des Eschentals behalten. Das Tessin fällt damit endgültig an die Schweiz. Als Kriegsentschädigung zahlt Franz I. 700.000 Kronen an die dreizehn Orte der Eidgenossenschaft
  • 19. Dezember: Der französische König Franz I. und Papst Leo X. schließen das Konkordat von Bologna. Franz erkennt darin die Superiorität des Papstes (über die Konzilien) und die Annaten (Abgaben für Übertragung eines geistlichen Amtes) an. Dafür erhält er das Recht, die wichtigen Positionen in der französischen Kirche ohne Einmischung des Papstes zu besetzen
  • Dezember: Thomas Morus‚ staatstheoretisches Werk „Utopia“ wird auf Betreiben Erasmus‘ von Rotterdam in Löwen in lateinischer Sprache erstmals veröffentlicht
  • Götz von Berlichingen ruft angeblich dem Kurmainzischen Amtmann in Krautheim an der Jagst den „Schwäbischen Gruß“ zu
  • In Augsburg wird im Auftrag des Kaufmanns und Bankiers Jakob Fugger unter Baumeister Thomas Krebs mit dem Bau der Fuggerei begonnen, der ältesten noch heute bestehenden Sozialsiedlung der Welt. Die Arbeiten dauern bis 1521
  • Die erste Fassung des aus 40 Gesängen bestehenden Versepos Orlando furioso von Ludovico Ariosto erscheint
  • Lucas Cranach der Ältere malt den Bilderzyklus „Die 10 Gebote
  • Der Spanier Juan Díaz de Solís erreicht vermutlich als erster Europäer mit seiner aus drei Karavellen bestehenden Expedition die Mündung des Río de la Plata und damit das Gebiet der heutigen Staaten Uruguay und Argentinien
Die Zehn Gebote von Lucas Cranach d.Ä. Wittenberg, Rathaus.

Die Zehn Gebote von Lucas Cranach d.Ä. Wittenberg, Rathaus.

HEMA – was ist das? Eine neuer Dokumentarfilm sucht Antworten

Die Abkürzung HEMA steht für Historical European Martial Arts oder historische Kampfkünste Europas. Gemeint sind damit Kampftechniken mit und ohne Waffen, die (entgegen der beschränkten Sichtweise im verlinkten Wikipedia-Artikel) in Europa seit der Antike bis etwa Ende des 1. Weltkriegs in Gebrauch waren – also z.B. die verschiedenen Kampfstile römischer Gladiatoren, der Umgang mit dem Bayonett, mittelalterliches Schwert- oder viktorianisches Säbelfechten ebenso wie Leibringen, Pankration oder Bartitsu etc.

Unter den zahlreichen Stilen unterschiedlicher Zeiten nehmen die mittelalterlichen Systeme, allen voran das Fechten mit dem Langen Schwert und der Umgang mit Schwert und Buckler, seit jeher eine besondere Stellung ein. Sie stellen das größte Segment der großen und unübersichtlichen HEMA-Familie dar und dürften noch immer das am schnellsten wachsende sein. Das Mittelalter ist ohnehin eine Epoche, die viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen fasziniert, und die mittelalterlichen Kampfkünste sind in zahlreichen Fechtbüchern hinreichend gut dokumentiert, um sie rekonstruieren zu können, doch bleiben genügend offene Fragen, um noch für kommende Generationen ein spannendes Forschungsfeld zu bieten.
Denn gemeinsam ist den historischen europäischen Kampfkünsten, dass ihre Traditionslinie irgendwann unterbrochen wurde. Sie gerieten in Vergessenheit, als die verwendeten Waffen obsolet wurden, sich weiter entwickelten, als sich militärische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen veränderten etc. Um sie heute als Sport und Freizeitbeschäftigung wiederzubeleben, müssen sie anhand von Text- und Bildquellen sowie praktischen Experimenten rekonstruiert werden.

Somit bietet HEMA zahlreiche Aufgaben und Betätigungsfelder: Da gibt es jene, die historische Handbücher ausfindig machen, entziffern und in moderne Sprachen übersetzen; Praktiker, die dargestellte Bewegungsabläufe interpretieren und rekonstruieren; Lehrer, die ihr so erworbenes Wissen und Können an die nächste Generation weiter geben; Verfasser moderner Trainingsanleitungen; Hersteller von Trainingswaffen und Schutzausrüstung; Organisatoren und Teilnehmer von Turnieren – und nicht selten das alles in einer Person.
Die HEMA-Szene ist also überaus vielgestaltig, und sie reicht weit über Europa hinaus. Insbesondere in Amerika ist in den vergangenen Jahrzehnten eine große und lebhafte Szene entstanden. Das Internet spielt dabei eine kaum zu überschätzende Rolle, denn hier werden Quellen und Forschungen zugänglich gemacht, hier findet Wissensaustausch unabhängig von Ländergrenzen statt, werden Bilder und Videos bereit gestellt und diskutiert, etc.

Ein Porträt dieser lebhaften und schnell wachsenden Gemeinschaft zu erstellen, hat sich der in England lebende Fotograf und Filmemacher Cédric Hauteville zur Aufgabe gemacht. Mit Hilfe einer Kickstarter-Kampagne finanzierte er einen 90-minütigen Dokumentarfilm, der nun auf YouTube kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.
Back to the Source“ ist sehr professionell gemacht und beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Rekonstruktion historischer europäischer Kampfkünste ausgiebig, indem zahlreiche bedeutende Exponenten der Szene zu Wort kommen. Neben zahlreichen US-amerikanischen und britischen Experten wie Jake Norwood, Jeff Tsay, Jessica Finlay, Matt Easton, Piermarco Terminiello, David Rawlings und anderen sind es vor allem Schweden wie Axel Petersson sowie Vertreter aus Polen, die ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten wiedergeben.
Darin liegt jedoch der meiner Ansicht nach einzig größere Kritikpunkt der ansonsten sehr vielfältigen Dokumentation: Wenngleich ein nicht unerheblicher Teil insbesondere der mittelalterlichen Kampfkünste in Deutschland entstanden ist, in deutscher Sprache niedergeschrieben wurde und bis heute deutsche Begriffe das Vokabular etwa zum Langen Schwert bestimmen, wurde kein einziger Vertreter der großen und lebendigen deutschsprachigen Szene befragt. Dabei sind die Beiträge eines Dierk Hagedorn, eines Roland Warzecha oder der Gruppen wie Ars Gladii, Ochs oder Hammaborg zur Rekonstruktion der „deutschen Schule“ des historischen Fechtens unbestreitbar – schade daher, dass solch renommierte und weltweit geachtete Experten keine Erwähnung finden.

[Anm.: Wie Matt Easton auf Facebook korrekt bemerkte, gilt das gleiche allerdings auch für Vertreter z.B. aus Italien oder Spanien. Die dortigen Szenen sind mir allerdings kaum vertraut – hier hätte sich im Film also eine Chance geboten, Aufklärung zu betreiben. Aber eingedenk der Tatsache, dass es sich um ein durch Crowdfunding finanziertes „Freizeitprojekt“ eines einzelnen Filmemachers handelt, muss man die durch Budget, Reisemöglichkeiten, Termine etc. sowie den maximalen Umfang des Films gebotenen Grenzen respektieren. Und wenn deutsche Autoritäten auf den größten internationalen Veranstaltungen schlicht nicht vertreten sind, können sie natürlich auch nicht befragt werden …
Immerhin ergeben sich hier Gelegenheiten für künftige Projekte!]

Unterstützt wurde die Produktion von zwei Herstellern von Schutzausrüstung. Die daraus resultierenden Produktvorstellungen im Film wirken allerdings ein wenig deplatziert und fügen sich nicht so recht in das ansonsten sehr stimmige Gesamtbild ein.

Wenngleich sich Hauteville bemüht, HEMA nicht auf das Mittelalter und den Umgang mit Klingenwaffen zu beschränken, nehmen diese den weitaus größten Teil seiner Dokumentation ein – verständlich, vielleicht sogar unvermeidlich, da das mittelalterliche Fechten nun einmal auch innerhalb der Szene überrepräsentiert ist. Dennoch hätte sich hier Gelegenheit geboten, die gesamte Bandbreite von Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert etwas detaillierter zu beleuchten.

Doch abgesehen von diesem Gekrittel ist „Back to the Source“ eine überaus interessante, lehrreiche, kurzweilige und gut gemachte Dokumentation über historische europäische Kampfkünste geworden. Von der Forschung und Rekonstruktion der alten Techniken bis hin zu modernen Problemen von Schutzausrüstung, Regelwerken, Wettkampf etc. werden zahlreiche Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
Der Film informiert, ohne zu belehren, und die zahlreichen Interviewpartner lassen die Zuschauer an ihrer Leidenschaft teilhaben. Leider ist das Werk (bislang) nur auf Englisch zu sehen, doch ihm ist auf jeden Fall eine große, weltweite Verbreitung zu wünschen.

Hier noch einige HEMA-Links:

 

Sütterlin?

„Ich habe hier eine alte Urkunde/Briefe meiner Urgroßmutter/historische Dokumente aus dem 16./17./18./19. Jahrhundert, aber ich kann sie nicht lesen, denn sie sind in Sütterlin geschrieben …“

Mit Anfragen solcher Art werde ich recht häufig konfrontiert. Und auch ohne die fraglichen Texte gesehen zu haben, kann ich jedes Mal von vornherein mit Sicherheit ausschließen, dass sie tatsächlich in Sütterlinschrift abgefasst sind.
Denn diese Zuschreibung beruht auf einem weit verbreiteten Missverständnis.

Ludwig Sütterlin (1865-1917)

Ludwig Sütterlin wurde am 15. Juli 1865 – also heute vor 150 Jahren – in Lahr im Schwarzwald geboren. Als Grafiker, Buch- und Schriftgestalter, Kunstgewerbler und Pädagoge schuf er zahlreiche Plakate, Firmenlogos und unterrichtete an der Preußischen Kunstgewerbeschule in Berlin.

Sütterlinschrift. Quelle: Wikipedia, User: Der Barbar.

Sütterlinschrift. Quelle: Wikipedia, User: Der Barbar.

Im Auftrag des Preußischen Kulturministeriums entwickelte er 1911 eine deutsche und später auch eine lateinische Ausgangsschrift, die im Schreibunterricht an preußischen Schulen Verwendung finden sollte. Diese wurde 1915 offiziell eingeführt und blieb bis zum sogenannten Normalschrifterlass der Nazis 1941 in Gebrauch.

Die sogenannte Sütterlinschrift war also eine künstliche Schöpfung des frühen 20. Jahrhunderts, wurde lediglich 26 Jahre lang unterrichtet, und bis in die 1920er Jahre hinein sogar ausschließlich in Preußen!

Was sind das dann für komische Zeichen?

Ludwig Sütterlin schuf seine Schrift nicht ex nihilo, sondern bediente sich bei den bislang gebräuchlichen Buchstabenformen. Um den Kindern das Lernen zu erleichtern, vereinfachte er deren Formen und rundete sie, um das Schreiben in einem flüssige Zug zu ermöglichen.

Deutsche Kurrentschrift des späten 19. Jahrhunderts.

Deutsche Kurrentschrift des späten 19. Jahrhunderts.

Die vom 16. Jahrhundert bis zur Reform Sütterlins in Deutschland gebräuchlichen Schreibschriften werden meist mit dem Sammelbegriff Deutsche Schrift bezeichnet. Unterschieden wird in der Regel zwischen Kanzleischriften für offizielle Dokumente und Kurrentschriften als flüssigere, weniger formale Formen.
Typographisch zählen die Deutschen Schriften zu den gebrochenen Schriften, die historisch auf die gotischen Schriften seit dem 13. Jahrhundert zurückzuführen sind (Gotische Minuskel, Textura, Rotunda). Die gebrochenen Schriften werden im Allgemeinen gerne kollektiv als „Fraktur“ bezeichnet, bei der es sich jedoch streng genommen nur um eine vom 16. bis zum 20. Jahrhundert verwendete Druckschrift handelt.

Beispiel für eine schöne gotische MInuskel des späten 14. Jahrhunderts.

Beispiel für eine schöne gotische MInuskel des späten 14. Jahrhunderts.

Das charakteristische Merkmal, das den gebrochenen Schriften ihren Namen gab, ist der wiederholte abrupte Richtungswechsel beim Schreiben. Im Gegensatz zu den lateinischen Schriften wie der Antiqua, die sich rund und flüssig schreiben lassen, weisen die Buchstaben der gebrochenen Schriften einen oder mehrere „Knicke“ auf. Gerade diese wurden jedoch von Sütterlin in seiner Neuschöpfung geglättet und so dem im Ausland üblichen Schreibmodus angepasst, wobei jedoch etliche Buchstaben ihre historisch gewachsene, von ihren zeitgenössischen z.B. englischen, französischen oder italienischen Äquivalenten unterschiedenen Formen mehr oder weniger beibehielten.

Und heute?

Aus der Sütterlinschrift wurde nach 1941 zunächst die sogenannte Deutsche Normalschrift entwickelt, aus dieser dann nach dem Krieg die Lateinische Ausgangsschrift (BRD) bzw. die Schulausgangsschrift (DDR). Heute werden in den Bundesländern unterschiedliche Ausgangsschriften unterrichtet, während in einigen anderen Staaten die Schreibschrift im Schulunterricht bereits vollkommen abgeschafft wurde oder abgeschafft werden soll.
Dann werden noch weniger Menschen in der Lage sein, historische Handschriften zu entziffern. Aber das übernehme ich ja gerne für Sie

Buchtipp:

St. Georg und das deutsche Bier

Der 23. April ist der Tag des heiligen Georg, eines spätantiken Märtyrers, der vor allem als Drachentöter Bekanntheit erlangt und Darstellung gefunden hat.

Traditionell markierte der Georgstag das Ende der Brausaison, die am 29. September, dem Tag des Erzengels Michael begonnen hatte. Aufgrund mangelnder Kühlmöglichkeiten war es im Mittelalter praktisch unmöglich, während der heißen Sommermonate ein qualitativ hochwertiges Bier herzustellen. Vielerorts wurde daher im Frühjahr noch einmal ein besonders starkes und damit lange haltbares „Lagerbier“ gebraut, regional z.B. als Märzen bekannt.
Das meiste Bier wurde im Mittelalter frisch gebraut getrunken, d.h. wenige Tage bis Wochen nach Abschluss der Gärung. Wiederum verhinderten fehlende Kühlmöglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten des Transports und der Unterbringung eine allzu lange Lagerung.

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Gleichwohl wurde auch während der braufreien Sommermonate Bier ausgeschenkt und konsumiert. Dabei galten, wie bei den meisten Lebensmittel, obrigkeitlich festgesetzte Höchstpreise. So heißt es etwa in einem Mandat Herzog Wilhelms IV. von Bayern:

„Item wir ordnen / setzen / und wöllen mit Rathe unnser Lanndtschaft / das füran allennthalben in dem Fürstenthumb Bayrn / auff dem Lande / auch in unnsern Stettn unn Märckthen / da deßhalb hieuor kain sonndere ordnung ist / von Michaelis biß auff Georij / ain mass oder kopffpiers über ainen pfenning Müncher werung / unn von sant Jorgentag / biß auff Michaelis / die mass über zwen pfenning derselben werung / und derenden der kopff ist / über drey haller / bey nachgesetzter Pene / nicht gegeben noch außgeschenckht sol werden. „

Eine Maß Winterbier sollte also für einen Münchner Pfennig, die Maß Sommerbier für nicht mehr als zwei Pfennig zu haben sein.
Derartige Höchstpreistaxen waren seit dem 13. Jahrhundert weit verbreitet und regelten den Verkaufspreis von Fisch, Fleisch, Brot, Wein, Wachs und zahlreichen anderen Produkten. Um jedoch zu verhindern, dass Hersteller ihren Gewinn zu Lasten der Qualität zu maximieren versuchten, wurden oft auch gleich die zulässigen Zutaten geregelt.
Und so heißt es auch in der bayerischen Bierpreisordnung weiter:

„Wir wöllen auch sonderlichen / das füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unn auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer stückh / dann allain Gersten / Hopfen / unn wasser / genommen unn gepraucht sölle werdn.“

Das war allerdings keine revolutionäre Neuerung. Das zitierte Gesetz war keineswegs das erste, weder in Bayern noch in anderen deutschen Herrschaften, welches die Zutaten des Bieres auf Gerste, Hopfen und Wasser beschränkte. Schon seit dem 14. Jahrhundert wurden Versuche unternommen, die Beimischung billigeren Getreides, verschiedener Ersatzstoffe, vor allem aber aller erdenklichen Kräutermischungen (der sogenannten Grut) zu unterbinden, von denen manche – wie etwa das beliebte Bilsenkraut – gesundheitsschädliche Wirkungen haben konnten.

Doch dank der Zufälle und Willkür der Quellenüberlieferung war es jenes Mandat WIlhelms IV., das im 19. Jahrhundert von romantisch und regionalpatriotisch gesinnten Historikern wiederentdeckt wurde und seither als „bayerisches“, später „deutsches Reinheitsgebot“ eine ebenso erstaunliche wie fragwürdige Karriere erlebt hat. Was als Höchtspreistaxe erlassen worden war, diente deutschen Bierbrauern 500 Jahre später als Marketinginstrument, als Schutzmaßnahme gegen ausländische Konkurrenz, als traditions- und damit identitätsstiftendes Werkzeug der Image-Pflege.

Erlassen wurde diese bayerische Bierpreistaxe am 23. April 1516. Konsequenterweise wurde der Tag des hl. Georg daher vom Deutschen Brauer-Bund 1994 zum „Tag des deutschen Bieres“ erhoben. Als solcher dürfte er zumindest hierzulanden den Gedenktag des Drachentöters an Beliebtheit deutlich übertreffen …

Zur Feier dieses Bier-Festtags hier ein Rezept für ein mittelalterliches Festtags-Bier, garantiert NICHT nach dem „Reinheitsgebot“ gebraut:

Grut-Bier nach einem Rezept des 14. Jahrhunderts

  • 4,5 l Wasser
  • 1,5 Pfund Malz („English Pale“)
  • 1,5 Pfund Karamellmalz
  • Flüssige Bierhefe („Pale Ale“)
  • 1,5 g Gagel
  • 1,5 g Sumpfporst
  • 1,5 g Schafgarbe

Wasser auf 75°C erhitzen. Soviel davon auf das geschrotete Malz gießen, bis eine steife Maische entsteht. Abgedeckt drei Stunden lang stehen lassen.
Langsam mit 75°C heißem Wasser besprenkeln, bis 4,5 l Gesamtmenge erreicht sind. Kräuter zufügen und Würze 1,5 h lang kochen lassen.
Auf ca. 20°C abkühlen lassen, dann in Gärbehälter abseihen. Hefe zufügen und mit Gärstopfen verschließen. Bei Zimmertemperatur gären lassen, bis der Gärvorgang vollständig abgeschlossen ist.
In Flaschen abfüllen, verschließen und vor Genuss vier Monate reifen lassen.

Prost!

Hinweis: Die Verwendung dieses Rezepts erfolgt auf eigene Gefahr und Verantwortung! Grundregeln der Küchenhygiene und gesetzliche Regelungen zur Hausbrauerei beachten. Der Autor übernimmt keine Verantwortung. Maßvoll konsumieren!