Technoseum Mannheim

Der Slogan des Museums lautet: „Nichts ist spannender als Technik“. Dem ist natürlich vehement zu widersprechen! Korrekt muss es heißen:“ Nichts ist spannender als Geschichte“! Hatte man vielleicht Angst, der Begriff „Geschichte“ könnte mit zu vielen negativen Assoziationen wie langweiligen Schulstunden, Jahreszahlen, Herrscherbiographien etc. verbunden sein?
Das „Technoseum“ in Mannheim existiert seit 1990, hieß jedoch bis Ende 2009 noch „Landesmuseum für Technik und Arbeit“ – schon wieder so ein negativ konnotierter Begriff! – und ist Generationen von Schülerinnen und Schülern aus dieser Zeit noch als eines der typischen „Pflichtziele“ von Schulausflügen und Klassenfahrten in mäßig guter Erinnerung.
Ein beliebtes Ziel für „Wandertage“ ist das Technoseum noch immer: An jenem Donnerstag im März, als mein Besuch in Mannheim stattfand, waren ca. 5-6 Schulkassen anwesend, dazuhin eine Kindergartengruppe, aber auch eine Seniorengruppe und diverse Einzelbesucher. Dabei schafft es das Museum tatsächlich, für jede Altersgruppe attraktiv zu sein, und es ist groß genug, um noch einmal drei Mal so vielen Besuchern gleichzeitig genug Raum zur Betrachtung zu lassen.

Die Dauerausstellung erstreckt sich über sechs weitläufige Stockwerke, die über Rampen, Treppen oder Fahrstühle zu erreichen sind. Der Rundgang beginnt in der obersten Etage (Ebene A) mit den „Wegen zur Industrialisierung“. Dort befindet sich auch gleich der erste, „Elementa 1: Zukunftswerkstatt 1800“ betitelte Experimentalbereich. An diversen verschiedenen Stationen können hier interessierte Besucher einfache Versuche aus den Themenbereichen Optik, Mechanik und Energie nachvollziehen und sich mit historischen Rechenmethoden vertraut machen. Ein Highlight ist dabei ohne Frage das funktionstüchtige Maßstabsmodell eines Tretkrans, mit dessen Hilfe sogar zwei kleine Kinder eine fast 300kg schwere Last nahezu mühelos in die Höhe heben können:

Zu den weiteren spannenden hands on-Exponaten zu den Themen Energiegewinnung und Kraftübertragung zählen u.a. eine Wippdrechselbank, diverse Flaschenzüge und eine Einrichtung zur Simulation von Wassermühlen. Wenngleich die gesamten „Elementae“ vornehmlich für Kinder und Jugendliche konzipiert sind, haben auch ältere Semester daran ihren Spaß und profitieren von den didaktisch gut aufgebauten Stationen.
Gerade an der Dokumentation manifestiert sich allerdings zumindest aus der Sicht des Mediävisten auch ein gravierender Kritikpunkt: Die Wippdrechselbank ist eine Erfundung des Mittelalters, Wassermühlen und Tretkräne waren zu dieser Zeit europaweit ebenfalls in großer Zahl im Einsatz. Doch die Epoche findet, soweit ich erkennen konnte, nicht ein einziges Mal Erwähnung. Texte und die verwendeten historischen Abbildungen vermitteln geradezu den Eindruck, mechanische Apparaturen seien erstmals im 17. Jahrhundert entwickelt worden, um dem Menschen die Arbeit zu erleichtern, allenfalls wurde dabei auf theoretische Grundlagen der griechisch-römischen Antike zurückgegriffen.

Das Muster setzt sich leider auf den Ebenen B und C fort: Die Kunst der Papierherstellung verbreitete sich in Europa seit dem 12.-13. Jahrhundert, die erste Papiermühle in Deutschland wurde 1389 bei Nürnberg errichtet. Die Ausstellung erweckt jedoch den Eindruck, erst mit der Reformation habe der neue Beschreibstoff eine Rolle gespielt.
Solche Versäumnisse trüben ein wenig den Eindruck, den die für sich genommen großartigen und gut dokumentierten Exponate erwecken. Immerhin bieten die zweite und dritte Ebene des Museums u.a. die Rekonstruktion einer handwerklichen Papierwerkstatt, eine Sammlung von Satz- und Druckmaschinen sowie eine komplette mechanische Weberei! Diese stehen aber gewissermaßen isoliert, dienen dazu, einen bestimmten Aspekt von Mechanisierung, Technisierung und Industrialisierung zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte zu beleuchten, und scheinen nicht Teil einer Jahrhunderte währenden (und bis heute andauernden) Entwicklung zu sein.

Manuell betriebener Webstuhl. Foto (c) HistoFakt.

Manuell betriebener Webstuhl. Foto (c) HistoFakt.

Die folgenden Ebenen D und E sind dem 19. und 20. Jahrhundert gewidmet und können mit einer Maschinenfabrik, einer Eisenbahn sowie Installationen zu Leben und Alltag der Industriearbeiter bis in die Nachkriegszeit aufwarten. Die „Elementa 2“ sind hier der Dampfkraft und frühen Eletrik gewidmet. Dort befindet sich auch das Museumsbistro, das zumindest teilweise einer Arbeiterkneipe nachempfunden ist.
Im Untergeschoss schließlich sind neben der gewaltigen Dampfmaschine die Themenbereiche Kunststoffverarbeitung, Robotik, Bionik (mit den „Elementa 3“) und Automobilbau zusammengewürfelt. Letzterer wird vornehmlich durch eine Sammlung ungewöhnlicher Oldtimer auf zwei und vier Rädern repräsentiert – angesichts der verschiedenen ausgestellten Modelle mit Wankelmotor hätte ich mir allerdings etwas mehr Informationen zu diesem innovativen Antrieb gewünscht.

Am Ende des mehrstündigen Rundgangs bleibt daher ein etwas durchmischtes Fazit. Das Technoseum kann ohne Frage mit vielen beeindruckenden Exponaten und Inszenierungen aufwarten. An fast allen Stellen findet sich kompetentes Personal für Erklärungen und Demonstrationen, und die zahlreichen Gelegenheiten zum Anfassen und Ausprobieren sind keineswegs nur für Kinder und Jugendliche von Interesse. Diese bieten auch verständliche und didaktisch gut aufbereitete technische Hintergrundinformationen, wie überhaupt die Funktionsweisen der ausgestellten Maschinen und Gerätschaften überwiegend gut und anschaulich erklärt wird.
Dagegen mangelt es aus meiner Sicht in weiten Teilen der Ausstellung ein wenig am historischen Kontext. Die Themenbereiche und ihre Exponate stehen für sich und deuten nur manchmal ansatzweise eine Entwicklung an. Außer auf den Ebenen D und E scheinen darüber hinaus der Mensch und die Gesellschaft allenfalls eine untergeordnete Rolle zu spielen – vor lauter Begeisterung über die Technik und ihre Fortschritte ist deren Urheber in Vergessenheit geraten.

Motorrad mit Wankelmotor von Herkules. Foto (c) HistoFakt.

Motorrad mit Wankelmotor von Herkules. Foto (c) HistoFakt.

Trotz dieser Mängel, die natürlich aus Sicht des Historikers und Mediävisten bewertet wurden, halte ich das Technoseum für eine originelle, innovative und durchaus wertvolle Ergänzung der deutschen Museumslandschaft. Insbesondere in den Bereichen der Publikumsbeteiligung, der Museumspädagogik und in der Orientierung auf Kinder und Jugendliche kann das Mannheimer Museum als Vorbild für viele andere Institutionen dienen. Als Ausflugsziel für Klassenfahrten ist es mit Sicherheit keine schlechte Wahl, doch auch erwachsene Besucher werden sich keinesfalls langweilen.

TECHNOSEUM
Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim
Museumsstr. 1
68165 Mannheim
Tel.: +49 (0) 621 / 42 98-9
www.technoseum.de

Täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

2 Gedanken zu „Technoseum Mannheim

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