„Um 1504. Die Kleidung – Grundausstattung“

„Um 1504. Die Kleidung – Grundausstattung“, Lindemanns Bibliothek im Infoverlag, Bretten 2017.

Bei großen, hochwertigen Geschichtsveranstaltungen sind sogenannte „kit guides“ gebräuchlich, die vorab an potentielle Teilnehmer verteilt werden. In solchen Ausstattungsleitfaden wird anhand von zeitgenössischen Abbildungen, Fotos von Originalen und möglichst authentischen Rekonstruktionen dargestellt, wie Kleidung und persönliches Zubehör für Angehörige ausgewählter Gesellschaftsschichten zum jeweiligen Zeitpunkt ausgesehen haben (könnten). Meist sind außerdem Quellen und weiterführende Literatur aufgeführt, und mitunter sogar einfache Nähanleitungen enthalten. So soll ein möglichst originalgetreues Auftreten der Darsteller gewährleistet werden.

Wie die absolut professionelle Umsetzung eines solchen „kit guides“ aussehen kann, demonstrieren nun eindrucksvoll die Autorinnen und Autoren von der „I.G. Gewand“ im Mittelalterlichen Arbeitskreis der Vereinigung Alt-Brettheim e.V. Der Band „Um 1504. Die Kleidung – Grundausstattung“ hat das Potential, auf Jahre hinaus das maßgebliche Referenzwerk für Darsteller dieser Zeit zu werden. Doch nicht nur für living history-Gruppen stellen die knapp 100 DIN A4-Seiten eine wertvolle Quelle dar.

Der Anlass für das Entstehen des Bandes, das jährliche Peter und Paul-Fest in Bretten, ist eines der ältesten historischen Stadtfeste Deutschlands. Sein Ursprung geht u.a. auf die Ereignisse im Landshuter Erbfolgekrieg des Jahres 1504 zurück – die Geschichte des Konflikts und die Tradiiton der Veranstaltung werden zu Beginn des Bandes in aller Kürze zusammengefasst.
Es folgt ein allgemeiner Überblick zu Kleidung und Ausstattung der Zeit: Welche Materialien wurden wofür verwendet, welche Bedeutung kam der Farbgebung zu, welche Faktoren beeinflussten Zuschnitte und Verschlussformen etc. Im Fokus steht das Bürgertum, dem der Großteil der städtischen Bevölkerung zugeordnet werden kann – im Gegensatz zu vielen anderen „kit guides“ also der zivile, nicht der militärische Bereich. Der berücksichtigte Raum ist dabei der Südwesten Deutschlands zwischen Frankfurt am Main, Straßburg, Luzern und Wien, der betrachtete Zeitraum „um 1504“ bezieht sich auf Quellen, die von ca. 1490 bis maximal 1510 datieren.

Das folgende Kapitel „Die Kleidermode“ stellt den Kern des Leitfadens dar. Auf 30 Seiten werden mit mehr als 100 farbigen Abbildungen die einzelnen Kleidungsstücke für Männer, Frauen und Kinder von Schuhen und Unterwäsche bis zu Gürteln, Taschen und Kopfbedeckungen ausführlich in ihrer Funktion, Gestaltung und Machart beschrieben. Die  Illustrationen zeigen teils Altarbilder, Buchmalereien, Skulpturen und andere Kunstwerke des betreffenden Zeitraums, teils Auschnitte von diesen, auf denen sich Details wie Zuschnitte, Nestelverschlüsse, Saum- und Nahtverläufe, Gestalt von Knopflöchern, Faltenwürfe und vieles mehr erkennen lassen. Allein diese umfangreiche Materialsammlung ist den Anschaffungspreis des Bandes allemal wert!
Die kenntnisreich geschriebenen Texte auf dem aktuellen Stand der Forschung zeichnen die Entwicklung der Kleidermode zwischen Spätgotik und Renaissance nach, verweisen auf die verschiedenen modischen Einflüsse vornehmlich aus Burgund, Frankreich und Italien und geben Geschichtsdarstellern jede Menge Informationen an die Hand, um die beigefügten Schnittmuster ihren Bedürfnissen entsprechend abzuwandeln.

Ebenfalls begleitet von wertvollen Abbildungen werden in aller Kürze noch weitere persönliche Gegenstände wie Brillen, Schmuck, Essbesteck, Becher, Krüge u.ä. behandelt.
Geradezu vorbildlich sind die folgenden umfangreichen Verzeichnisse von Bezugsquellen, Literatur und vor allen Dingen der insgesamt 152 Abbildungen. Anschließend zeigen sechs ganzseitige Fotos jeweils die rekonstruierte Grund- und Gesamtausstattung eines Bürgers und einer Bürgerin sowie die Bekleidung eines Kleinkinds und eine Auswahl von Trinkgefäßen um 1504.

Die restlichen 20 Seiten richten sich in erster Linie an die Praktiker, welche die im Band enthaltenen Informationen mit Hilfe der Schnittmuster in die Tat umsetzen, sich also eine Grundausstattung „um 1504“ anfertigen wollen. Die Nähanleitungen geben wertvolle Tipps, wie die Vorgaben variiert werden können, um z.B. dem sozialen Stand, dem Vermögen oder dem Modebewusstsein der dargestellten Figur gerecht zu werden.
Die insgesamt fünf großformatigen Schnittmuster ergeben ein Kleid, einen Schulterkragen („Goller“), eine Hose und ein Wams in jeweils vier unterschiedlichen Größen. Die Nähanleitungen enthalten darüber hinaus Skizzen und detaillierte Angaben zur Anfertigung von Hemd, Unterkleid, Kinder-Kittel, Kopftuch und einer einfachen Kappe oder Mütze. Stoffbedarf, Tuch- und Garnqualität sowie Schwierigkeitsgrad sind ebenso angegeben wie die Stellen, an denen mit Hilfe einer Nähmaschine „geschummelt“ werden kann.

Qualität der Texte, Zahl und Qualität der Abbildungen, die Menge der enthaltenen Informationen und die erstklassigen Literatur- und Quellenverzeichnisse machen den Band zu einem Muss für alle Darsteller, die sich dem Zeitraum „um 1504“ verschrieben haben, sowie für einen absoluten Gewinn für Alle, die sich für diese Zeit des Umbruchs interessieren.
Es bleibt zu wünschen, dass die Autorinnen und Autoren der „Grundausstattung“ noch weitere Bände folgen lassen, und dass sich Vertreter anderer Epochen an der Machart ein Beispiel nehmen.

Lindemanns Bibliothek im Info-Verlag, Bretten 2017. 98 S., 152 Abb., 5 großformatige Schnittmusterbögen. ISBN 978-3-88190-957-0. € 24,99.

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