„Faszination Schwert“ – Sonderausstellung im LMW Stuttgart

Sonderausstellung "Faszination Schwert". (c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart.

Sonderausstellung „Faszination Schwert“. (c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart.

Vom Schwert geht seit jeher eine besondere Faszination aus, ist es doch die erste Waffe, die nicht ursprünglich als Werkzeug oder zur Jagd, sondern explizit für den Kampf entwickelt wurde. Doch es war stets mehr als das, war vielfältiges Symbol, Prestigeobjekt, Ehrenzeichen und vieles mehr. In verschiedenen Formen in vielen historischen Kulturen verwurzelt, spielt es heute im Alltag keine nennenswerte Rolle mehr. In den Nachrichten finden Schwerter fast ausschließlich Erwähnung, wenn ein besonderes Exemplar als Grabbeigabe entdeckt wurde oder ein Geistesgestörter damit auf Menschen losgegangen ist.
In Film, Fernsehen, Literatur, Computerspielen und Comics hingegegen ist das Schwert nach wie vor sehr präsent – vom Herrn der Ringe zu Game of Thrones, von Highlander bis Star Wars, … Und auch andernorts begegnet es bis heute: Als Symbol von Gerechtigkeit bzw. Justiz, von Freiheit, Ritterlichkeit, Macht oder Unterwerfung. Es gibt also viele gute Gründe, dem Schwert als Objekt von fast 4.000 Jahren Kulturgeschichte eine Ausstellung zu widmen.

Das Landesmuseum Württemberg hat sich dieser Aufgabe angenommen und zeigt vom 13. Oktober 2018 bis zum 28. April 2019 unter dem Titel „Faszination Schwert“ eine Schau, die sich der Waffe aus unterschiedlichen Blickwinkeln, mit interdiszplinärem Ansatz und Anknüpfungspunkten für ein breites Publikum nähert. Mit rund 340 Objekten – darunter 142 Schwerter – aus 3.600 Jahren auf 1.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche dürfte es sich wohl um die bislang umfangreichste museale Aufbereitung des Themas handeln.

Standbild Herzog Eberhards im Bart (1859). (c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: Hendrik Zwietasch

Standbild Herzog Eberhards im Bart (1859).
(c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: Hendrik Zwietasch

Bereits im Innenhof des Alten Schlosses in Stuttgart werden die Besucher mit einem Schwert begrüßt: Herzog Eberhard im Barte hält es, seinen Herrschaftsanspruch zum Ausdruck bringend, in Form eines Reiterstandbilds in die Höhe. Das prachtvolle Schwert der Württemberger wurde ihm 1495 zusammen mit der Herzogswürde verliehen und findet sich im Original ebenfalls in der Ausstellung.
Im Vorraum des 3. Stocks dann ein Prunkschwert ganz anderer Art: Die zierliche „Waffe“ – eigentlich eher ein „schwertähnliches Objekt“ –, die auch das „Logo“ der Ausstellung bildet, diente nicht zum Kampf, sondern als eine Art Geburtsregister des kinderreichen Herzogs Friedrich I. von Württemberg.

Das Schwert als Objekt

Die Ausstellung umfasst acht thematisch gegliederte Räume. Der erste steht unter dem Motto „Definition“ und steckt den Rahmen dessen ab, was im Folgenden zu sehen sein soll.
Die Kuratoren haben sich bewusst auf den mitteleuropäischen Kulturkreis beschränkt. Gerade unter den Aspekten von Symbolik, Mythos oder sozialer Differenzierung wäre ein Vergleich etwa mit Japan, China oder auch dem arabischen Raum ohne Frage reizvoll und erhellend gewesen. Doch ein solches Vorhaben hätte wohl nicht nur den räumlichen Rahmen gesprengt, sondern auch die Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit der Besucher. Lieber ein eng definiertes Thema möglichst umfassend beleuchten als ein zu weit gestecktes ins Beliebige oder Unüberschaubare ausufern zu lassen!
Auch andere Klingenwaffen, die nicht der strengen Definition vom Schwert als „zweischneidig mit Parierstange und Griff“ entsprechen, sucht man in der Ausstellung vergebens – also keine Langen Messer, Rapiere, Degen oder Säbel. Was allerdings auch zu fehlen (oder mir entgangen zu sein) scheint, ist eben eine solche Definition des Betrachtungsgegenstands.
Dafür geht es im ersten Raum noch um die Herstellungsprozesse von Schwertklingen, vom Bronzeguss über das Feuerschweißen bis zum Monostahl. Archäologische Funde, Reproduktionen, historische Abbildungen, moderne Fotografien und ein Video machen die Verfahren anschaulich.

Mit dem Begriff „Entwicklung“ ist der zweite Raum überschrieben. Chronologisch geordnet finden sich hier ein gutes Dutzend historischer Schwerter, von frühen Bronzeklingen bis zum Bidenhänder und einer Schiavona des 16. Jahrhunderts. Erläuternde Texte legen dar, wie sich Form, Herstellung und Handhabung der Waffen nicht nur in Abhängigkeit von Verbesserungen in Material und Fertigungsprozessen, sondern auch von Kampfweise und Verbesserungen der Schutzrüstung entwickelt haben.
Römische Bildreliefs leiten bereits über zum Thema des dritten Raums: „Eliten“. Das Schwert war keine Waffe für Jedermann, sondern besonders in der Frühzeit seiner Geschichte einem ausgewählten Kreis von Kämpfern bzw. Herrschern vorbehalten. Grabbeigaben, Waffenopfer oder antike und mittelalterliche Bilddarstellungen zeugen davon und werden zur Illustration dieses wichtigen Aspekts präsentiert.

Predella des Mistlauer Altarretabels (Schmerzensmutter), um 1505. (c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: Hendrik Zwietasch

Predella des Mistlauer Altarretabels (Schmerzensmutter), um 1505. (c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: Hendrik Zwietasch

Fast nahtlos schließt sich hier der Untersuchungsgegenstand „Schwert und Religion“ an, gerade für das Christentum als einer Religion des Friedens eine problematische Beziehung. Heilige wie Thomas Becket wurden durch das Schwert zu Märtyrern, andere werden wie der Erzengel Michael mit der Waffe in der Hand dargestellt, Christus führt sie als Richter beim jüngsten Gericht – die christliche Schwertsymbolik ist vielfältig und nicht immer widerspruchsfrei, was im Rahmen einer Ausstellung natürlich nicht erschöpfend behandelt werden kannn, aber durch zahlreiche Bilddarstellungen und Begleittexte sehr anregend thematisiert wird.
Inschriften und Symbole sollten seit jeher der Klinge zusätzliche Macht verleihen und/oder ihren Träger beschützen – religiöse und magische Vorstellungen bilden nur zwei Seiten einer Medaille. Beispiele für vorchristliche Grablegen mit z.T. unbrauchbar gemachten Schwertern oder ein eisernes „Kultschwert“ für Scheinhinrichtungen sind weitere spannende Ausstellungsobjekte im vierten Raum.

Eine Vielzahl von Narrativen

Bei aller Metaphorik, religiöser Symbolik, kultischer Bedeutung und technischer Innovation sollte jedoch nicht in Vergessenheit gerate, dass das Schwert ursprünglich als Waffe zum Verletzen und Töten von Menschen entwickelt wurde. Daran erinnert die Austellung in Raum fünf unter dem Titel „Folgen“. Hier wurde glücklicherweise auf schaurige Inszenierungen mit abgetrennten Schädeln oder Gliedmaßen, offenen Wunden und dergleichen verzichtet. Man beschränkt sich auf mittelalterliche Illustrationen aus Fechtbüchern oder dem Codex Manesse und Fotografien von Knochenverletzungen historischer Kriegsopfer, die einander kontrastierend bzw. komplementierend gegenüber gestellt werden.

"Bismarck, Schmied der deutschen Einheit, überreicht Germania das Reichsschwert", spätes 19. Jh. (c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Bildarchiv

„Bismarck, Schmied der deutschen Einheit, überreicht Germania das Reichsschwert“, spätes 19. Jh.
(c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Bildarchiv

Von der grausigen Realität zur bunten Welt der Propaganda: Einige der Beispiele politischer – meist nationalistisch geprägter – Schwertsymbolik vorwiegend aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in Raum sieben wirken heute geradezu plump oder lächerlich, etwa Bismarck oder ein muskelbepackter Adolf Hitler als Schmiede. Interessanterweise setzt diese oft blutrünstige Metaphorik und Rhetorik erst ein, als das Schwert im Kriegshandwerk schon lange keine Rolle mehr spielte und der Kampf Mann gegen Mann durch das massenhafte anonyme Sterben in Schützengräben, im Bombenhagel und durch Giftgas abgelöst wurde.

Verklärung und Romantisierung einer archaischen Waffe – sie finden sich zuweilen auch in der modernen Populärkultur, der der achte und letzte Raum der Ausstellung gewidmet ist. Replika aus Filmen und Computerspielen, LARP-Schwerter, Trainings-und Schaukampfwaffen zeigen hier neben Filmplakaten und einer großen Leinwand mit Ausschnitten berühmter Schwertgefechte der Filmgeschichte, dass das Schwert auch in der Gegenwart noch erstaunlich präsent ist und auf Menschen ganz unterschiedlicher Prägung aus ganz unterschiedlichen Gründen ganz unterschiedliche Reize ausübt.
In kurzen Videos erzählen eine Bühnenkampf-Choreographin, ein Sammler, ein Reenactor und andere Schwertfans, was für sie die Faszination dieser Waffe ausmacht. Die meisten Besucher werden spätestens nach dem Besuch dieser Ausstellung ihre eigene Antwort haben.

Fazit

Es gibt wenig zu bemängeln. Die „Mitmachstationen“ – etwa eine Art „Motion Capture“ oder Fotostationen mit Excalibur oder beim Ritterschlag – wirken etwas bemüht: Solche interaktive Erlebnisse gehören zu einer modernen Ausstellung einfach dazu, und da man den Besuchern schlecht richtige Schwerter in die Hand geben kann, behalf man sich eben mit diesen etwas seichten Spielereien, die aber zumindest bei Kindern wohl gut ankommen werden.
Die Ausstellung selbst überzeugt mit ihrer breiten thematischen Vielfalt, die vielleicht nicht alle, aber auf jeden Fall die wichtigsten Aspekte ihres Gegenstands abdeckt und in einer Tiefe behandelt, die sie auch für Experten interessant macht, ohne die Laien zu überfordern. Jeder Raum, jedes Objekt bietet Anregungen und Anknüpfungspunkte für eigene Überlegungen und Nachforschungen, stellt Fragen und liefert eher Hinweise oder Vorschläge für mögliche Antworten als die Antworten selbst.
Man merkt dem Konzept an, dass Experten aus unterschiedlichen Disziplinen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten daran beteiligt waren. Den vielfältigen Aspekten des Themas angemessen ist so eine Ausstellung entstanden, die nicht nur verschiedene Perspektiven einnimmt, sondern zugleich dazu aufordert, einen persönlichen Blickwinkel zu entwickeln (oder vielleicht einen bestehenden zu hinterfragen). Den Besuch kann ich daher allen Schwertfans oder kulturhistorisch interessierten Menschen wärmstens empfehlen!

Die Ausstellungsmacher. (c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: Hendrik Zwietasch

/Die Ausstellungsmacher. (c) Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: Hendrik Zwietasch

Informationen zu Öffnungszeiten, Eintrittspreisen etc. auf www.schwert-stuttgart.de.

Ein umfangreiches Begleitprogramm (Download) bietet u.a. Vorträge, Fechtkurse, Führungen und vieles mehr.

Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Begleitband erschienen, der hier bestellt werden kann.

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