Die Gabel – ein Werkzeug des Teufels?

Im Mittelalter, so heißt es, hätten die Menschen  – selbst die reichen und vornehmen – mit der Hand gegessen, weil die Kirche den Gebrauch der Gabel verboten habe. Als Werkzeug des Teufels sei sie angesehen worden und habe sich daher erst später, in einem aufgeklärteren, rationaleren, kultivierteren Zeitalter, als Teil des Essbestecks durchsetzen können.
Nahezu immer, wenn in populären Medien die Essgewohnheiten des Mittelalters thematisiert werden, dient dieses Beispiel dazu, gleichermaßen die vermeintlich rohen Tischsitten wie die naive Frömmigkeit und Kirchenhörigkeit zu illustrieren. Doch die These findet sich auch in zahlreichen Fachpublikationen zum Thema und hat es sogar ins renommierte Lexikon des Mittelalters geschafft. Die Geschichte vom Teufel, seiner Gabel und der Kirche ist zum Selbstläufer geworden, zum geschichtswissenschaftlichen Topos, der nicht länger hinterfragt, sondern nur mehr kolportiert wird.
Eines nämlich haben all diese Reiterationen, vom LexMA über bekannte Online-Lexika bis zur Kochsendung im Fernsehen, gemeinsam: Es fehlt ihnen an zeitgenössischen Quellen, um die so beliebte These zu belegen.

Was also ist dran an der Geschichte vom kirchlichen Gabelbann? Nun, sie enthält zumindest einen kleinen wahren Kern: Das Mittelalter kannte tatsächlich keine Gabel als Esswerkzeug. Man aß mit dem Löffel, der im Falle eines Festmahls vom Gastgeber bereitgelegt wurde, und dem Messer, das Jedermann ohnehin stets bei sich trug. Wenn nötig, kam zudem die Hand zum Einsatz – jedoch nur der Daumen und die ersten beiden Finger, wie (spät-)mittelalterliche Tischzuchten stets betonen.
Warum dieser Gabelverzicht? Immerhin war den Römern die Gabel bereits bekannt gewesen, wurde sie in Byzanz bei Tisch verwendet und war sie ihrem Prinzip nach – als Arbeitsgerät, als Forke, Heu-, Mist- oder auch Astgabel – im Abendland durchaus verbreitet. Ja, sogar in der Küche und bei Tisch kam sie zum Einsatz, wenngleich nur mit zwei Zinken versehen: Als Bratengabel, zum Tranchieren von Fleisch und insbesondere Geflügel sowie in kleinerer, ein- oder zweizinkiger Form, um damit Konfekt zu naschen. Wieso also schaffte es die drei- oder vierzinkige Gabel dann nicht auch auf die abendländische (Fest-) Tafel?

Spätmittelalterliche Festtafel mit Löffeln und Messern, aber ohne Gabeln. (Holzschnitt, 15. Jh.)

Spätmittelalterliche Festtafel mit Löffeln und Messern, aber ohne Gabeln. (Holzschnitt, 15. Jh.)

Aus Mangel an einschlägigen Quellen muss die Antwort zu einem Gutteil Spekulation bleiben, doch lässt sich zumindest schlüssig argumentieren. Zum einen ist die Gabel, sie bestehe aus Holz oder Metall, erheblich schwieriger herzustellen als ein aus Holz oder Horn geschnitzter Löffel oder das ohnehin universell erforderliche Messer. Als sie zu Beginn der Frühen Neuzeit allmählich gebräuchlicher wird, besteht sie vornehmlich aus Edelmetallen, teils mit geschnitzten Griffen aus Bein oder Bernstein versehen, jedenfalls repräsentativ und aufwändig gestaltet, somit eindeutig der Herrentafel zuzuordnen. Sie ist zunächst in erster Linie Standesattribut, Ausdruck verfeinerter Lebensart, Modeaccessoire – kein lange ersehntes, schmerzlich vermisstes Instrument vereinfachter Nahrungsaufnahme.
Denn das Mittelalter hatte schlicht und einfach keine Verwendung für die Gabel bei Tisch. Für die allgegenwärtigen Breie und Muse, die Suppen und Eintopfgerichte, war der Löffel das einzig erforderliche und angemessene Werkzeug. (Dabei ist müßig zu diskutieren, ob die Konsistenz mittelalterlicher Speisen Ursache oder Folge des Gabelverzichts gewesen ist: Beide bedingten einander gegenseitig.)
Fleisch, so es denn welches gab, wurde in der Regel in der Küche zerkleinert, allenfalls vom Truchsess an der Tafel kunstvoll tranchiert. Das Messer diente vornehmlich zum Brotschneiden, und wo es etwas aufzuspießen galt, tat die Messerspitze meist hinreichend ihren Dienst.

Der Siegeszug der Gabel auf deutschen Tafeln und Tischen geht dann auch mit Veränderungen der Speisen- und Tischkultur einher. Erste Erwähnung findet sie 1486 in einem Inventar des Klosters Michelsberg (Bamberg), 1495 in einem Stralsunder Testament. Zu dieser Zeit wird es chic, ein Besteckservice zu besitzen und jedem Gast einen Satz, jetzt bestehend aus Löffel, Messer und Gabel, auf den Platz legen zu können. Synchron ändern sich auch die Kochgewohnheiten, denen jetzt überhaupt in Deutschland erstmals mehr Beachtung geschenkt wird. Sich mit seinen Tischnachbarn die Schüssel zu teilen, wie es Jahrhunderte lang der Brauch war, kommt aus der Mode. Üblich wird hingegen, dass jeder Gast seine eigene Wachtel, Forelle oder Keule vorgelegt bekommt, die er – mit Messer und Gabel – selbst tranchiert.

Das Mittelalter stand der Gabel also nicht so sehr ablehnend als vielmehr desinteressiert gegenüber. Doch wie kam nun der Teufel ins Spiel? Nun, wie bei so Vielem, das dem Mittelalter angedichtet wurde: Durch Verleumdung, böswillige Unterstellung und üble Nachrede! Ein Volk (die eigenen Vorfahren!), das die Gabel nicht kannte, musste schließlich unzivilisiert, unkultiviert, barbarisch in seinen Tischsitten und Umgangsformen gewesen sein. Leichtgläubig, abergläubisch waren diese primitiven Analphabeten ja ohnehin, unter der Fuchtel der Kirche und ihrer Vertreter stehend, unaufgeklärt, irrational, um nicht zu sagen: dumm. Die ließen sich einreden, die Gabel wäre Teufelszeug, und glaubten selbst noch dran! Konnte es einen besseren Beweis für den Mangel an Kultur einerseits, die primitive Kirchenhörigkeit andererseits geben?
Dabei lässt sich diese Unterstellung durch spätere Generationen problemlos als solche entlarven. Nicht nur mangelt es, wie bereits angedeutet, an zeitgenössischen Quellen, die auf eine Verteufelung der Gabel hindeuten würden. Desweiteren ist bekanntlich nicht die Essgabel, sondern die zwei- oder dreizinkige Forke, die Heu- oder Mistgabel, das Werkzeug des Teufels – wenn überhaupt, so hätte also diese landwirtschaftlichen Geräte der Bannfluch der Kirche treffen müssen, nicht das harmlose Speisewerkzeug. Doch auch über derartige Bestrebungen ist nichts bekannt.

Spätmittelalterliche Teufelsdarstellung (Cod. Pal. germ. 137, fol. 216v, um 1460).

Spätmittelalterliche Teufelsdarstellung (Cod. Pal. germ. 137, fol. 216v, um 1460).

Weiterhin ergibt schon eine kurze, oberflächliche ikonographische Recherche, dass sogar die Forke als Attribut des Teufels vergleichsweise jungen Ursprungs ist. Interessanterweise taucht sie etwa zur gleichen Zeit in Teufelsdarstellungen auf, als die Gabel die Tische nördlich der Alpen erobert, also erst, als das Mittelalter bereits zu Ende ging. Mit anderen Worten: Den Menschen des 9., des 12. oder noch des 14. Jahrhunderts konnte die Gabel gar nicht als Werkzeug des Teufels gegolten haben, da sich dieser zu jener Zeit noch gar keines derartigen Werkzeugs bediente!
Aber Mythen können bekanntlich sehr langlebig sein …

Literaturempfehlung:


12 Gedanken zu „Die Gabel – ein Werkzeug des Teufels?

  1. Sehr schöner Artikel zur Geschichte des dreizinkigen Bestecks! Spontan ergibt sich eine Frage: „dem Messer, das Jedermann ohnehin stets bei sich trug.“ Hatten auch die Damen ein Messer an, nun ja, der Frau?

      • Ich muss gestehen, dass ich das Bild einer Sammlung von Holzschnitten entnommen habe, die außer dem Jahrhundert keine weiteren Angaben machte.
        An anderer Stelle findet sich aber der Hinweis: Tafel des Fürsten und des Hofstaates (1490), aus: Anton Koberger, Schatzbehalter der wahren Reichtümer des Heils, Nürnberg 1491. Ich übernehme aber keine Garantie für die Richtigkeit dieser Quellenangabe!

  2. Zunächst mal: vielen Dank für das Lob! Und dann: Hm, gute Frage. Es wird immer stillschweigend davon ausgegangen, aber wie die Quellenlage ist, kann ich ehrlich gesagt nicht sagen. Damit müsste ich mich mal intensiver beschäftigen und dann vielleciht einen entsprechenden Beitrag veröffentlichen … Danke für die Anregung!

  3. Da ich selbst bereits auf diesen Topos hereingefallen bin, ein paar Punkte zur Klärung:
    Die Beleglage ist in der Tat dünn. Drei Stellen werden immer wieder zitiert:
    1. die Polemik des Petrus Damiani gegen die Gepflogenheiten der byzantinischen Gemahlin des venezianischen Dogen Domenico Silvio, die u.a. den Gebrauch der zweizinkigen Gabel thematisieren. Vom Teufel ist hier nicht die Rede.
    2. Ein angebliches Zitat Hildegards von Bingen, dass die Verwendung der Gabel einer Verhöhnung Gottes gleichkomme. Dieses bis 1980 rückverfolgbares Zitat habe ich bei Hildegard nicht finden können. Ohne die originalsprachliche Stelle bleibt es nicht zitierfähig.
    3. Der vermeintliche Ausruf Martin Luthers 1518: „Gott behüte mich vor Gäbelchen“. Der Satz ist völlig aus dem Kontext gerissen und falsch datiert. Es heißt 1521: „behutt gott fur gabelstichenn, die machen drey locher“. Es geht dabei um die (Heu-)Gabel als Waffe.

    Es bleibt also wenig vom diabolischen Dreizack, auch wenn dessen Tradition im Mittelalter durchaus nachweisbar ist. Im Hortus deliciarum wird er etwa als „fuscinula cum tribus dentibus“ definiert. Zugleich findet sich hier eine frühe Abbildung der Gabel – und zwar ausgerechnet auf dem Tisch Jesu Christi.

    Wenig überzeugend scheint mir vor diesem Hintergrund gleichwohldie These, das Mittelalter habe die Gabel gar nicht gekannt. Belege finden sich seit dem 12. Jahrhundert immer wieder – zumeist ohne dass die Zahl der Zinken erwähnt würde. Die beiden Erwähnungen 1486 und 1495 sind wohl eher willkürlich gewählt. Es sollte vielmehr davon ausgegangen werden, dass sich an der Wende zum 16. Jahrhundert ein Spezial- allmählich in ein Universalwerkzeug transformiert hätte. Es gibt reichlich Thesen darüber, weshalb sich die Gabel durchsetzte. Schön finde ich etwa die Spekulation, es bestehe ein Zusammenhang mit den breiten Mühlradkrägen…

    Zur Teufelsikonographie: Haken und Gabeln mit zwei oder drei Zacken sind seit dem 9. Jahrhundert spärlich belegt und erscheinen im 15. Jahrhundert häufiger. Neben der Antikenzeption (Neptun) mag dahinter schlicht der Feuerhaken als Instrument stecken, Sünder ins Verderben zu ziehen (schön etwa in Autum).

    Als Einstiegslektüre empfehle ich den Überblick bei Chiara FRUGONI, Das Mittelalter auf der Nase. Brillen, Bücher, Bankgeschäfte und andere Erfindungen des Mittelalters. 3. Aufl. München 2005, S. 129-132 (einschl. Bilder bei google books!).

  4. Vielen Dank für diese ergänzenden Anmerkungen!
    Das angebliche Hildegard-Zitat hatte in der Tat eine Bekannte von mir bereits vor einiger Zeit vergeblich gesucht – schon damals hatte ich mir vorgenommen, das Thema mal im Blog aufzugreifen.
    Bei Petrus Damiani ist m.W. nur von „verweichlichten Sitten“ die Rede. Die Luther-Stelle kannte ich ehrlich gesagt gar nicht …
    Die Angaben zu Stralsund und Bamberg sind aus Schubert, Essen und Trinken im Mittelalter, S. 257f. übernommen. Ich gebe zu, die Quellen nicht selbst überprüft zu haben, mir waren aus der Literatur aber auch keine früheren Erwähnungen bekannt.
    Die Sichtung der Teufelsdarstellungen war wie erwähnt eher oberflächlich, doch für die Zeit vor dem (späten) 15. Jh. konnte ich lediglich vereinzelte Besen finden, mit denen Sünder ins Fegefeuer „gekehrt“ wurden, oder Spieße, aber keine zwei- oder dreizinkigen Gabeln.
    Da die Gabel auch in den mir bekannten Tischzuchten, von Thomasin von Zirlkaere bis Hans Sachs, keine Erwähnung findet, gehe ich davon aus, dass sie im Mittelalter als Esswerkzeug zumindest nicht verbreitet gewesen ist, sondern allenfalls als Küchenwerkzeug.

  5. Ich bin wirklich immer dankbar, wenn Mittelalterlegenden dekonstruiert werden, denen man ob der Masse und Autorität ihrer Adepten allzu leicht aufsitzt. Schubert ‚erfindet‘ hier aber ebenso leichtfertig, wenn er schreibt „Die Gabel ist vor dem 16. Jahrhundert unbekannt“ um dann zu allem Überfluss die beiden Belege des 15. Jahrhunderts hinterher zu schieben. Der Autor bezieht die Behauptung von Schubert, der selbst wiederum in einer Fußnote frühere Belege bringt. Vermutlich ließe sich eine solide Belegkette seit dem 11. Jh. zusammenstellen, die freilich stets auf ein ausgesprochen exotisches Speiseaccessoire hinweist. Dies eignet sich im Zweifel auch als Ansatz für Luxuskritik, Frugoni bringt ein entsprechendes Zitat Innozenz‘ III.

    Dass die dreizinkige Gabel gar nichts satanisches an sich hat, würde ich bestreiten – Sextus Amarcius erwähnt im 11. Jh. die triunca fuscinula, bezeichnet wird hier aber eher die „Kralle“, die sich auf Abbildungen mitunter als kleines Gerät ähnlich der Gartenkralle findet.

    Insgesamt fehlt auch mir ein konkreter Beleg, dass das Esswerkzeug als diabolisch klassifiziert wurde. Von einer weit verbreiteten Sichtweise kann wohl keine Rede sein. Daher nochmals herzlichen Dank für den erhellenden Beitrag.

  6. Die gabel hat 3 Zacken
    aber die Gabel ist das Zeichen des Assurs, des weißen Reiters, der den Reichtum und die Pracht schenkt, der im Maggidon gewinnt. Er ist ein König, der schön und reizend ist. Und sein Zorn ist schrecklich.

    Die Gabel gehört nicht dem Teufel(dem Satan), sondern dem Leviathan. Leviathan ist der Fürst des Wasserelementes, der Gebieter der Spiegel. Sein Antlitz ist das Antlitz Samael‘s(DISKON), des Oberengels, der früher jeden Anfangs im Universum war, er ist ein Vernichter und der Fürst der Rache.

    Satan- ist der Fürst der Luft. Er ist ein Schmerz, der uns heilt. Sein Zeichnen ist der Schlüssel und Anlitz ist NECAS, der Hölle ist.

    • O.K., Luthers Entsetzen über „das Teufelswerkzeug“ Gabel ist also reine Erfindung. Wie steht es mit „Weibern mangelts an Stärke und Kräften des Leibes und am Verstande. Sie sind von Gott dazu auch fürnehmlich geschaffen, daß sie sollen Kinder tragen, der Männer Lust und Freude sein. Wenn sie sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts, laßt sie sich nur tot tragen, sie sind dazu da.“ Luther oder Sure 47.11?

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