Kurse 2015

In unserem Einführungskurs intuitives Bogenschießen im Histotainment Park Adventon am Sonntag, den 6. September sind kurzfristig zwei Plätze frei geworden – die Chance für Schnellentschlossene!
Informationen zum Kurs finden sich hier, Auskunft & Buchung auch unter info@histofakt.de oder telefonisch: 06294. 427 14 75.

Ein weiterer Einführungskurs intuitives Bogenschießen findet am Samstag, den 12. September ebenfalls im Histotainment Park Adventon bei Osterburken statt. Auch hier sind noch Plätze frei, die erfahrungsgemäß sehr begehrt sind, also jetzt schnell anmelden!

Aufgrund zahlreicher Anfragen wird HistoFakt am Samstag, den 17. Oktober erstmals einen Grundkurs Pfeilbau veranstalten.
Fast jeder beliebige Stock mit einer Schnur daran lässt sich als primitiver Bogen verwenden. Die Herstellung eines guten Pfeils hingegen erfordert Kenntnisse und Erfahrung, die in diesem Kurs vermittelt werden.
Natürlich kann man Pfeile auch einfach kaufen. Doch gerade traditionelle Bogenschützen sind in der Regel Individualisten, die sich nicht mit anonymer Massenware zufriedengeben wollen. Zu Recht, denn ein mit den eigenen Händen gefertigter Pfeil ist etwas ganz besonderes. Seine Herstellung macht ebenso viel Spaß wie das Schießen damit, und nicht selten sorgen selbstgebaute Pfeile sogar für bessere Ergebnisse. Denn zum einen sind sie optimal auf den eigenen Bogen abgestimmt, und zum anderen wäre es doch wirklich schade, ein solches Stück durch einen Fehlschuss zu verlieren …

Im Kurs „Pfeilbau“ mit dem Historiker und Bogenschützen Jan H. Sachers M.A. werden drei Pfeile im „Mittelalter-Stil“ mit Holzschäften, gewickelter Befiederung und Stahlspitzen angefertigt sowie Wissenswertes über die physikalischen Grundlagen des Pfeilflugs vermittelt.
Im Preis sind 3 Holzschäfte, 9 Federn und 3 Pfeilspitzen („History-Points“) sowie Verbrauchsmaterialien enthalten. Bei der Buchung bitte gewünschten Spine-Wert bzw. Art und Zuggewicht des eigenen Bogens angeben (sofern vorhanden).

Kursinhalte:

  • Das Paradoxon des Bogenschießens
  • Was ist der Spine-Wert?
  • Materialkunde
  • Schaftbearbeitung
  • Self-Nocks ausarbeiten
  • Federn beschneiden, aufkleben und wickeln
  • Befestigung der Spitzen
  • Probeschießen

Teilnehmer:    4-8 Personen
Kursbeginn:    14 Uhr
Kursdauer:    ca. 4 h
Preis:        € 39,- pro Person

Veranstaltungsort: Histotainment Park Adventon, Marienhöhe 1, 74706 Osterburken

Anfragen & Buchung: info@histofakt.de oder 06294. 427 14 75

Alle Kurse von HistoFakt können von Gruppen ab 4 Personen auch zu individuellen Terminen gebucht werden, gerne auch bei Ihnen vor Ort.

 

Wiederentdeckung historischer Praktiken des (militärischen) Bogenschießens?

In den sozialen Netzwerken macht derzeit folgendes, mehr als 10 Millionen mal angesehenes (Stand: 25. Januar 2015) Video eines gewissen Lars Andersen die Runde, der sich nicht nur rühmt, mit gängigen Hollywood-Mythen und -Klischees über Pfeil und Bogen aufzuräumen, sondern auch die authentischen, historischen Praktiken des militärischen Bogenschießens wiederentdeckt, studiert und schließlich gemeistert, wenn nicht gar übertroffen zu haben:

Die im Video gezeigten Fähigkeiten und Leistungen sind ohne Frage beeindruckend, das Ergebnis jahrelangen Trainings, selbst wenn man dem Schützen ein außergewöhnliches angeborenes Talent unterstellen will. Sie fallen jedoch überwiegend in die Kategorie „Trick“ oder „Show“ und haben mit tatsächlichen historischen Praktiken wenig bis gar nichts zu tun.
„Vergessen“ waren die meisten Quellen, auf die er sich bezieht, und viele der erwähnten Techniken und Ansichten übrigens nicht. Sie entstammen nur überwiegend anderen Kulturkreisen sowie spezifischen historischen Kontexten und wurden in Europa daher nicht praktiziert – wohl aber rezipiert, wie Herr Andersen wissen könnte, wenn er sich die Mühe gemacht hätte, gründlich zu recherchieren und z.B. Veröffentlichungen von Klopsteg, Hein, McEwen, Dwyer, Khorasani, Loades und vielen anderen zu konsultieren.

Aber zum Inhalt.

Andersen hat vollkommen recht, wenn er den bei modernen Schützen und in Hollywood-Filmen so beliebten Rückenköcher als unpraktisch und unhistorisch bezeichnet. Für seine Verwendung in Europa und den meisten anderen Kulturen in Antike und Mittelalter gibt es praktisch keine Belege, und das im Video gezeigte Problem ist nur eines von vielen, die gegen seine Benutzung auf dem Schlachtfeld oder bei der Jagd sprechen. (Was übrigens bei Bogenschützen außerhalb Hollywoods allgemein bekannt sein dürfte.)
Allerdings existieren zahlreiche Belege für andere Methoden für die Aufbewahrung und den Transport von Pfeilen in historischen Zeiten. Die Praxis, Pfeile in der Bogen- oder der Zughand zu halten, war hingegen keineswegs universell, sondern ist nur für bestimmte (östliche) Kulturen zweifelsfrei überliefert, so etwa bei einigen (längst nicht allen) Reitervölkern, bei den Osmanen oder in Japan.
Im europäischen Mittelalter wurden Kontingente von Bogenschützen in der Regel auf statischen Positionen eingesetzt, es bestand also gar nicht die Notwendigkeit, große Mengen an Pfeilen „am Mann“ zu haben, sondern sie konnten z.B. auch in den Boden gesteckt werden. Bei Pfeilen, die in der Zughand gehalten werden, besteht immer die Gefahr, sie zu verlieren und dann ohne Munition dazustehen, was in einer Kampfsituation wenig empfehlenswert erscheint.

Die Behauptung, Bogenschützen hätten früher den Pfeil stets auf dern anderen, also der Außenseite des Bogens aufgelegt, ist ebenfalls so nicht haltbar. Die Praxis ist für bestimmte Völker und Kulturen zwar ebenfalls zweifelsfrei belegt – vorwiegend für solche, die sich des Daumengriffs bedienten, etwa Mongolen, Koreaner, Japaner, Osmanen etc. –, aber insbesondere im Westen sprechen die historischen Bildzeugnisse eine andere Sprache. Pfeile werden hier wahlweise auf der einen oder der anderen Seite des Bogens anliegend dargestellt, was im Einzelfall nicht selten der Unkenntnis des Künstlers oder dem Wunsch, den Schaft auf der dem Betrachter zugewandten Seite zu zeigen zugeschrieben werden kann.
Dass die Pfeile von Rechtshandschützen schon früher auf der linken Bogenseite angelegt wurden, beweisen nicht zuletzt sogenannte „peck marks“ wie auf den englischen Langbögen von der Mary Rose (1545) sowie Abnutzungsspuren bei zahlreichen weiteren historischen Bogenfunden.
Die Behauptung, diese Praxis hinge damit zusammen, dass moderne Schützen mit nur einem Auge über den Schaft das Ziel anvisieren, ist unsinnig. Erstens sprechen die genannten historischen Belege dagegen, zweitens zielen auch moderne Schützen in der Regel mit beiden Augen, wenn sie sich nicht einer optischen Zielvorrichtung bedienen. Nur mit beiden Augen ist dreidimensionales Sehen möglich, lassen sich also Entfernungen abschätzen. Der auf der Inennseite des Bogens liegende Pfeil verhindert dabei, das der Bogen das Sichtfeld stört.
Hinzu kommt, dass beim in Europa fast ausschließlich praktizierten „mediterranen“ Fassen der Sehne mit zwei oder drei Fingern diese unweigerlich dazu neigt, sich (bei Rechtshändern) nach rechts einzudrehen. Liegt der Pfeil links vom Bogen, ist das nicht weiter tragisch, liegt er aber auf der anderen Seite, kann er dadurch von der Bogenhand fallen.

Die Behauptung, historische Ziele seien stets dreidimensional gewesen, während sie heute nur noch zweidimensional sind, ist gleich zweifacher Unsinn. Zum Einen sind auch aus historischen Zeiten zweidimensionale Ziele belegt, vom englischen shooting at the butts oder splitting the wand und dem französischen Beursault bis zu zahlreichen weiteren Beispielen aus verschiedenen Kulturen und Zeiten.
Zum Anderen gibt es noch heute dreidimensionale Ziele und sogar eine ganze Disziplin, die sich nicht zufällig „3D-Schießen“ nennt.

Einen „gegnerischen“ Pfeil im Flug abzuschießen ist ohne Frage eine enorme Leistung – ergibt aber in einem militärischen Kontext keinerlei Sinn. Sollte der Versuch scheitern, wird der Schütze aller Wahrscheinlichkeit nach getroffen. Selbst wenn der herannahende Pfeil getroffen wird, können herumfliegende Splitter noch immer Schaden bei Umstehenden anrichten. In jedem Fall aber wird ein wertvoller Pfeil für ein Kunststück vergeudet, der eigentlich dem Feind und nicht seinen Geschossen gelten sollte.
Wenn die Zeit ausreicht, um einen herannahenden Pfeil zu erkennen und abzuschießen, dann ist sie allemal ausreichend, um davor in Deckung zu gehen und so dem Beschuss auszuweichen, ohne eigene Munition zu verschwenden.

Die von Andersen gewonnene Erkenntnis, dass beim Bogenschießen mit beiden Armen gearbeitet werden sollte, also die eine Hand den Bogen im gleichen Maße aktiv nach vorne drück, während die andere die Sehne nach hinten zieht – von ihm als „double draw“ bezeichnet –, ist alles andere als eine Offenbarung. Tatsächlich wird diese sogenannte „Push and Pull„-Methode in jeder guten Schule des (traditionellen) Bogenschießens vermittelt, schon weil sie einer einseitigen Belastung und damit Haltungsfehlern sowie Schäden an Muskeln, Sehnen und Knorpeln vorbeugt. Bei besonders zugstarken Bögen ist der aktive Einsatz des Bogenarms ohnehin unerlässlich.

Und damit bin ich bei meinem schwerwiegendsten Kritikpunkt an Andersens Video und den von ihm gezeigten Kunststücken angelangt: Seine Behauptung, historische Praktiken „wiederentdeckt“ und umgesetzt zu haben, wird durch die Verwendung eines schwachen, glasfaserbelegten Bogens und leichter Carbonpfeile mit Scheibenspitzen geradezu konterkariert. Der im Video verwendete kurze Recurvebogen dürfte kaum mehr als 25-30, möglicherweise auch 35 lb. Zuggewicht aufweisen und damit weniger als die Hälfte dessen, was als absolutes Minimum (!) für Kriegsbögen aller Zeiten und Kulturen anzusetzen ist.
Zudem ist in vielen Sequenzen zu sehen, dass der Bogen nicht einmal ansatzweise in den vollen Auszug gebracht, sondern die Sehne vielleicht gerade mal 15-20 Zoll weit ausgezogen wird, wodurch dich die gespeicherte Energie natürlich noch weiter reduziert. (Zu diesem Thema hat sich bereits Matt Easton von der Schola Gladiatoria in einem Video geäußert.)
Wie Andersens Video eindrucksvoll demonstriert, ist es mit hinreichender Übung möglich, auch mit solch „fehlerhaftem“ Auszug ein Ziel zu treffen. Beim militärischen Bogenschießen kam es jedoch nicht nur auf Zielgenauigkeit und Geschwindigkeit an, sondern mindestens ebenso sehr auf die Durchschlagskraft des Pfeils. Während diese beim heutigen Scheiben- und 3D-Schießen ein zu vernachlässigender Faktor ist, war er auf antiken und mittelalterlichen Schlachtfeldern von absolut (kampf-) entscheidender Bedeutung.
Die Durchschlagskraft ist von der Geschwindigkeit und dem Gewicht des Pfeils abhängig. Die Kriegspfeile der meisten historischen Kulturen verfügten über solide Eisenspitzen und waren insgesamt deutlich schwerer, als es bei heutigen Sportpfeilen der Fall (oder erforderlich) ist. Entsprechend wurden auch stärkere Bögen benötigt, um die Geschosse mit hinreichender Energie über die erforderliche Distanz zu befördern und ggf. weiche Polsterung und/oder harte Panzerung zu durchdringen. Dieses Zuggewicht wurde nur im oder zumindest bei annäherndem Vollauszug erreicht.

Anzumerken ist weiterhin, dass die Entfernungen beim Bogenschießen auf dem Schlachtfeld erheblich größer waren, als die von Andersen geschossenen Distanzen. Je schwächer der Bogen, desto steiler der Winkel, in dem der Pfeil abgeschossen werden musste, um hinreichend weit zu fliegen, was genaues Zielen erschwert bzw. unmöglich macht. Stärkere Bögen ermöglichen eine flachere Flugbahn, so dass auch auf weitere Entfernung gezielt geschossen werden konnte.

Als Fazit bleibt also nur zu sagen, dass die von Lars Andersen in seinem Video gezeigten Kunststücke zwar ohne Frage beeindruckende Leistungen darstellen, mit tatsächlichen historischen Praktiken jedoch praktisch nichts gemeinsam haben.
Besonders ärgerlich daran ist jedoch die Selbstherrlichkeit und Vermessenheit, mit der dieser selbsternannte Experte die Forschungen und Erkenntnisse von Historikern, Archäologen und Bogenschützen der vergangenen einhundert und mehr Jahre ignoriert und für sich selbst in Anspruch nimmt, als Erster und Einziger die „wahren“ historischen Praktiken des militärischen Bogenschießens erkannt und rekonstruiert zu haben. Dass er selbst kein Interesse an einem fachlichen Austausch hat und keine Kritik an seiner Theroie und Praxis duldet, wird nicht zuletzt darin deutlich, dass er in der Beschreibung seines Videos ankündigt, Kommentare von „archery experts“ zu löschen. Eine solche Haltung zeugt, wie auch der gesamte Tenor seines Videos, von Ignoranz, Arroganz, Unwissenschaftlichkeit und überaus schlechtem Stil.

Auf seiner Facebook-Seite hat sich auch der britische Experte Mike Loades zu Andersens Video geäußert, eine fundierte Abrechnung findet sich außerdem auf GeekDad (und in zahlreichen Bogeschützen-Foren, Facebook-Kommentaren etc.).

Zum Training (englischer) Bogenschützen des Mittelalters habe ich bereits vor einiger Zeit einen kurzen Beitrag im Blog veröffentlicht.


 

Fundstücke KW 30

Seit dem 11. Juli präsentiert das Museum Keltenwelt am Glauberg die Sonderausstellung „Von der Steinzeitjagd zum modernen Bogensport“. Die kleine, aber feine Schau, die von Archäologe und Bogenbauer Christian Schürmann ursprünglich für das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen konzipiert wurde, zeichnet anhand von zahlreichen rekonstruierten Bögen und Pfeilen sowie originalen Zielen, verschiedenem Zubehör, Bildern und Literatur die Entwicklung von Pfeil und Bogen in Europa nach.
Im Rahmen des Begleitprogramms werden im Herbst einzelne Aspekte dieser spannenden Geschichte in Form von Vorträgen vertieft. Meine Wenigkeit wurde eingeladen, am 13. November zum Thema „Pfeil und Bogen im antiken Griechenland“ zu referieren.
http://www.keltenwelt-glauberg.de/de/aktuelles/news/

Die Burgruine Eppenstein (12. Jh.) in der Steiermark wird seit fünf Jahren archäologisch untersucht, u.a. von Studierenden der Archäologie, die hier erste Praxiserfahrungen sammeln können. Nun ist dort das mit 1.650 Exemplare bislang größte Depot von Armbrustbolzen entdeckt worden, wie derstandard.at berichtet: http://derstandard.at/2000003391067/Groesstes-europaeischeArmbrustbolzen-Depot-inBurgruine-Eppenstein-entdeckt

Plakat Ritterturnier (c) Museum Allerheiligen/Schaffhausen (CH)

Plakat Ritterturnier (c) Museum Allerheiligen/Schaffhausen (CH)

In Schaffhausen (CH) fand vom 11. bis zum 20. Juli 2014 als Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung „Das Turnier: Geschichte einer Festkultur“ ein Ritterturnier statt, bei dem sich die internationalen Teilnehmer in minutiös rekonstruierten Rüstungen mit Lanzen mit Metalkronen im Tjost und verschiedenen anderen Dispziplinen maßen – nicht (nur) zur Show, sondern als ernstzunehmender sportlicher Wettkampf. Ich hätte gerne aus erster Hand berichtet, aber widrige Umstände verhinderten leider meine Anwesenheit. Daher hier nur einige Links zum Thema – für weitere Hinweise bin ich dankbar!

 

Und einige aus dem Publikum aufgenommene Videos:

Die offizielle Seite der Ritterspiele: http://www.allerheiligen.ch/component/content/article/43-uncategorised/387-ritterspiele-live

… und Informationen zur Ausstellung: http://allerheiligen.ch/de/wechsel-und-sonderausstellungen/375-ritterturnier-geschichte-einer-festkultur

 

Zum Training englischer Bogenschützen im Mittelalter

Am 1. Juni 1363 wies der englische König Edward III. seine Sheriffs an, einen Erlass bekannt zu machen,

„… dass jeder körperlich fähige Mann an Feiertagen [inkl. sonntags], wenn er Freizeit hat, den Umgang mit Bogen und Pfeil, Kugeln oder Bolzen pflegen und die Kunst des Schießens erlernen und üben soll, es zugleich verboten ist, bei Gefängnisstrafe dem Steinwurf, loggat [eine Art Kegelspiel], Wurfringspiel, Handball, Fußball, Schlägerball, cambuc, Hahnenkämpfen oder anderen eitlen Spielen ohne Wert beizuwohnen oder nachzugehen […]“

 

(„… that every able bodied man on feast days [including Sundays] when he has leisure shall in his sports use bows and arrows, pellets or bolts, and shall learn and practice the art of shooting, forbidding all and singular on pain of imprisonment to attend or meddle with hurling of stones, loggats, or quoits, handball, football, club ball, cambuc, cock fighting or other vain games of no value […]“)
[CCR Ed III 1363]

Das Statut sollte dazu dienen, den Nachschub fähiger Bogenschützen für die Feldzüge des Herrschers im Hundertjährigen Krieg mit Frankreich sicherzustellen. Bis ins 16. Jahrhundert folgten etliche solcher Erlasse, denn Bogenschützen stellten im Mittelalter stets einen großen und wichtigen Anteil englischer Heere.

Bogenschützen in der Schlacht von Crécy. Wenig realistische Darstellung aus dem 15. Jahrhundert.

Bogenschützen in der Schlacht von Crécy. Wenig realistische Darstellung aus dem 15. Jahrhundert.

Leider gingen weder Edward noch seine Nachfolger näher darauf ein, in welcher Weise das Training erfolgen sollte. Die Situation auf einem Schlachtfeld alles andere als ein friedlicher Sonntagnachmittag auf der Dorfwiese, und militärisches Bogenschießens erfordert wesentlich andere Fähigkeiten als das Schießen zum vergnügen oder im sportlichen Wettkampf auf Scheiben oder andere statische Ziele in festgelegter Entfernung.

Auch andere Textquellen geben nur sehr wenige Hinweise auf das Training der legendären englischen Bogenschützen des Mittelalters. Allerdings vermitteln einige zeitgenössische Abbildungen einen Eindruck davon, welche Disziplinen im 14. bis 16. Jahrhundert beliebt waren und praktiziert wurden. Zum Teil lassen sie eine direkte Ableitung aus der militärischen Praxis oder zumindest die Nützlichkeit einzelner Übungen für den Einsatz in der Feldschlacht, bei Belagerungen oder in Seegefechten erkennen.

Shooting at the butts

Die butts waren etwa mannshohe, künstlich aufgeschüttete und mit Grassoden bedeckte Erdhügel. Man fand sie in jedem Dorf, denn butt shooting war offenbar die beliebteste und am weitesten verbreitete Disziplin des Bogenschießens im mittelalterlichen England. In der Regel standen sich zwei butts im Abstand von einigen Dutzend yards gegenüber, so dass nach dem Ziehen der Pfeile in der entgegen gesetzten Richtung weiter geschossen werden konnte.

Bogenschützen beim "Shooting at the Butts" im Luttrell Psalter, ca. 1320/30.

Bogenschützen beim "Shooting at the Butts" im Luttrell Psalter, ca. 1320/30.

Zeitgenössischen Abbildungen wie dieser aus dem „Luttrell Psalter“ (um 1320-1330) zufolge kamen stumpfe Pfeile oder spezielle stumpfe Aufsätze zum Einsatz – wohl um zu verhindern, dass die Pfeile zu tief eindrangen.

Popinjay oder shooting at the bird

Pieter Brueghel der Ältere: Der Jahrmarkt zum St. Georgs-Tag. Hinten links wird auf den Vogel geschossen.

Pieter Brueghel der Ältere: Der Jahrmarkt zum St. Georgs-Tag. Hinten links wird auf den Vogel geschossen.

Das Vogelschießen wird erstmals in Homers „Ilias“ (um 800 v.u.Z.) erwähnt. Ursprünglich wurde auf lebende Vögel geschossen, später auf hölzerne Attrappen, die in großer Höhe – etwa auf einem Schiffsmast – befestigt waren. Die so trainierten Fähigkeiten waren ohne Zweifel bei Belagerungen und Seegefechten, wenn feindliche Schützen auf den Rahen oder im Krähennest beschossen werden mussten, sowie bei der Jagd von besonderem Nutzen.

Detail: Der Vogel ist an einer langen Stange auf der Windmühle befestigt.

Detail: Der Vogel ist an einer langen Stange auf der Windmühle befestigt.

Shooting at the marks

Die marks waren hölzerne Masten, die z.T. auf Sockeln aus Stein in einer weitläufigen Landschaft verteilt waren. Die Entfernungen waren unbekannt, und oft war die Sicht durch Hecken, Hügel oder ähnliche natürliche Hindernisse beeinträchtigt. Ziel war es, mit einem oder mehreren Pfeil so dicht wie möglich an das Ziel heranzukommen.

Diese Karte des Bogensportgeländes Finsbury Fields in London von 1594 zeigt mehr als 190 "marks".

Diese Karte des Bogensportgeländes Finsbury Fields in London von 1594 zeigt mehr als 190 "marks".

Clout shooting

Das clout (von engl. cloth = Tuch) war ein rundes Ziel von meist 18 Zoll Durchmesser mit einem Holzpflock in der Mitte. Es wurde in der Regel auf eine Entfernung von 240 yards beschossen. Ziel war es, so dicht wie möglich an das Ziel heranzukommen, wobei ein Treffer des prick genannten Pflocks Extrapunkte erzielte.
Wie beim shooting at the marks wurde hier vor allen Dingen das parabolische oder Artillerie-Schießen geübt, mit dem Einheiten von Bogenschützen in der Feldschlacht die gegnerischen Truppen begrüßten, oder bei Belagerungen Feinde auf oder hinter den Mauern bekämpft werden konnten.

Der englische König Henry VIII. beim Clout-Schießen (1520).

Der englische König Henry VIII. beim Clout-Schießen (1520).

Splitting the wand

„Das Spalten des Stabs“ war eine Disziplin, von der m.W. keine zeitgenössischen Darstellungen existieren. Es wird jedoch in Textquellen vereinzelt erwähnt oder angedeutet. Das Ziel bestand aus einem schmalen Pfosten oder Brett, etwa mannshoch, das aus unterschiedlichen Distanzen beschossen wurde. Die korrekte Einschätzung der Schussdistanz war hier weniger wichtig als ein sauberes Lösen des Pfeils und eine möglichst geringe seitliche Abweichung.
Die militärische Anwendung könnte im Schießen auf bzw. durch schmale Schießscharten im Falle einer Belagerung bestanden haben.

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Ein ausführlicherer Artikel zu diesem Thema wird im März 2014 in der englischen Zeitschrift „Bow International“ veröffentlicht.

Ab April 2014 biete ich Einführungskurse in das intuitive Bogenschießen mit einfachen Holzbögen. Je nach Gelände und Ausstattung können auf Wunsch auch einzelne dieser historischen Disziplinen praktiziert werden. Bei Interesse setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung.