Jereme Zimmerman: Met brauen wie ein Wikinger

Jereme Zimmermann: Met brauen wie ein WIkinger. Mobiwell-Verlag 2016.

Jereme Zimmermann: Met brauen wie ein WIkinger. Mobiwell-Verlag 2016.

Met und Wikinger – die beiden scheinen irgendwie zusammenzugehören wie Pfeil und Bogen oder Ritter und Pferd. Aber woher kommt diese Verbindung? Im Vergleich zu den meisten anderen alkoholischen Getränken ist Met überaus einfach herzustellen. Zudem lässt sich mit einfachsten Mitteln eine breite Geschmackspalette realisieren, und mit bestimmten Zusätzen sogar eine halluzinogene Wirkung erzielen. Da schon die Grundzutat Honig bei den germanischen Stämmen (und vielen anderen Kulturen) in hohem Ansehen stand, kann es nicht weiter verwundern, dass dem daraus erzeugten alkoholischen Getränk kultische Bedeutung zugewiesen wurde und seine Erfindung, seine Herstellung wie auch sein Konsum Spuren in Mythologie und Literatur hinterlassen hat.

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Leo Vogt: „Das Luther-Melanchthon-Kochbuch“

Leo Vogt: Das Luther-Melanchthon-Kochbuch. Bretten: Info-Verlag 2015.

Leo Vogt: Das Luther-Melanchthon-Kochbuch. Bretten: Info-Verlag 2015.

„Kochen & Backen zu Zeiten der Reformation“

Martin Luther, der Genussensch.
Philipp Melanchthon, der Asket.
Sie begegneten einander in Wittenberg und scheinen, trotz aller Differenzen in Ansichten und Lebenswandel, gut miteinander ausgekommen zu sein. Zahlreiche Mahle dürften sie gemeinsam eingenommen haben – was kam dabei wohl auf den Tisch?
So ähnlich lautete die Frage, die Leo Vogt bewog, historische Rezepte der Reformationszeit zu sammeln, zu erproben und das vorliegende Kochbuch zusammenzustellen. Die Erprobung erfolgte dabei mit zeitgenössischen Mitteln, wie zahlreiche Fotos in dem Band belegen. Das Nachkochen kann aber auch in modernen Küchen erfolgen …

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Fundstücke KW 36

Es war die Meldung der Woche auf skandinavischen und englischsprachigen Seiten: Neue Untersuchungen an einem Wikingerkrieger, der im 8. Jahrhundert in Birka bestattet worden war, scheinen „zweifelsfrei“ ergeben zu haben, dass es sich bei „dem“ Bestatteten um eine Bestattete handelt.
Auf Deutsch findet sich die Meldung immerhin bei Spiegel Online.

Die fantastischen Abenteuer Dietrichs von Bern sind Thema eines Beitrags auf kurz!-Geschichte.

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Fundstücke KW 23

Bayerns älteste Blockhauswand steht in Schliersee und stammt von 1406, meldet die Süddeutsche.

Stonehenge hingegen stand einer neuen Theorie zufolge ursprünglich in Wales, und das wiederum steht im Spiegel.

Alexander Koch, der Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, verlässt eben selbiges – geht, wurde gegangen, will gegangen worden sein? So genau weiß das weder Der Tagessspiegel („… abgesetzt“) noch Die Welt („Hässlicher Abgang …“).

Der Art und Creative Director, Geschichtsdarsteller und Autor Jan Hochbruck hat einen kurzen, aber sehr wahren Text zur intellektuellen Unterforderung von Kindern (nicht nur, aber vor allem) im Museum geschrieben.

In Köln soll 2019 der erste unterirdische Rundgang zur Stadtgeschichte in Antike und Mittelalter eröffnet werden. Die Meldung dazu erschien ausgerechnet im österreichischen Standard.

Ulla Kypta hat das Europäische Hansemuseum in Lübeck besucht und schreibt darüber auf H-Soz-Kult. Ihre begeisterte Rezension ist etwas überraschend, denn bislang hatte das textlastige Konzept des Museums vor allem negative Kritik auf sich gezogen, siehe diesen Beitrag in der SHZ vom 31. Dezember 2015.

Anfang des 16. Jahrhunderts hielt der deutsche Landsknecht Paul Dolnstein seine Erlebnisse in einem Skizzenbuch fest. Ausgerechnet die Darstellung einer Belagerung diente ofenbar später einem anderen Autor zur Niederschrift eines Kochrezepts (?) zur Zubereitung einer (Friedens?-) Taube:

„Item gnommen j fl geglüett vnnd den dawben dy fittichen do mit vorsengit flewgt
eyne wegk wen man sye flitzenn lest
Item leyman clein gecloppffet Salcz wasser ader pruntz wasser honig dar vnder
gemülbe genommen bej den öll slahern vnnd haffer gersten adder wiß dis alleß
vnder eynander gemacht donnc mit dem salcz wasser vnnd daß in daß daw
ben hawß geschutt auch ist eberwurtz gut dar vnder gesnitten“

Gefunden auf medievalists.net (auf Englisch), die zugehörige Miszelle inkl. Transkription und moderner Interpretation des Rezepts (ebenfalls auf Englisch) findet sich auf academia.edu, und das hier ist die fragliche Zeichnung:

Die Belagerung von Älvsborg, in der rechten oberen Ecke das Taubenrezept.

Die Belagerung von Älvsborg, in der rechten oberen Ecke das Taubenrezept.

Leider ist der Text wirklich nicht gut zu lesen, aber mich würde dennoch interessieren, was Leser dieses Blogs davon halten. Persönlich habe ich die Vermutung, dass der Autorin hier ein recht erheiternder Irrtum unterlaufen ist … Demnächst (vielleicht) mehr dazu!

500 Jahre "Reinheitsgebot"

Bier zählt zu den ältesten Kulturgetränken der Menschheit. Älteste Hinweise stammen aus dem Neolithikum, bierähnliche Getränke sind z.B. aus Babylon und Ägypten belegt. In germanischer Zeit und im Frühmittelalter lag das Bierbrauen als Teil der bäuerlichen Selbstversorgung vorwiegend in Händen der Frauen. Doch nicht zuletzt der hohe Arbeitsaufwand sowie der Platz- und Gerätebedarf sorgten seit dem Aufkommen der Städte für einen Übergang zu gewerblicher Produktion, wodurch der eigenständige Beruf des Bierbrauers entstand.

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, um 1425 (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, um 1425 (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Die zur Bierherstellung bevorzugte Getreidesorte war Gerste, der mitunter – besonders, wenn daran Mangel herrschte – Weizen, Roggen oder Hafer beigemischt wurde. Letzterer galt im Mittelalter als minderwertiges Getreide, das eigentlich nur als Viehfutter angebaut und verwendet wurde. Reine Weizenbiere wurden z. B. in Breslau, Goslar („Gose„) oder Bayern gebraut, hatten aber nur lokale Bedeutung.

Die Samenkörner wurden zunächst in Wasser eingeweicht und so zum Keimen gebracht, wobei sich die enthaltene Stärke in Zucker umwandelte. Nach etwa sieben Tagen wurde der Keimvorgang durch Trocknung der Masse auf der sogenannten Darre unterbrochen. Das so entstandene Malz konnte einige Monate gelagert werden. Unmittelbar vor Braubeginn wurde es grob gemahlen und mit warmem Wasser zur Maische vermischt, aus der dann die Würze gepresst wurde. Je nach Grad der Trocknung bzw. Röstung wurden das Malz und somit das Bier dunkler und geschmacklich intensiver; man unterschied daher zwischen Weiß- und Rotbieren.

Üblich war es, der Würze verschiedene Aromastoffe zuzusetzen, von Honig über Anis, Wacholderbeeren, Harz, Kümmel oder Ingwer bis zu verschiedenen Kräutermischungen, deren genaue Zusammensetzung Betriebsgeheimnis des jeweiligen Brauherrn war. Solche Zusätze waren besonders im Norden des Reiches verbreitet und unter der Bezeichnung „Grut“ bekannt.
In der Kirchenprovinz Köln, also zwischen Somme und Weser, war das Grutrecht im 10. und 11. Jh. ein Privileg, das die Grutherrn – meist die Bischöfe – zu alleiniger Herstellung und alleinigem Verkauf der Grut berechtigte. Die am häufigsten verwendeten Kräuter waren Gagel (Myrica gale, Heidemyrthe) oder Porst (Ledum palustre oder Rhododendron tomentosum), daneben Laserkraut, Schafgarbe, Lorbeer, Salbei, Rosmarin, Koriander, Wacholder und Mädesüß. Zuweilen wurde auch das giftige Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) zugesetzt, das halluzinogene Wirkung hatte, aber bereits in geringer Dosis tödlich sein konnte.
Der Kauf der Grut war Voraussetzung für den Erwerb der Braugenehmigung – kein Wunder also, dass die Obrigkeit ihr lukratives Monopol energisch verteidigte, während das System bei den Brauern nicht gerade beliebt war.

Hopfen. Anholter-Moyländer Kräuterbuch, um 1470, fol. 87v.

Hopfen. Anholter-Moyländer Kräuterbuch, um 1470, fol. 87v.

Statt der Grut begannen norddeutsche Brauer mindestens bereits im 11. Jh., der Würze Hopfen zuzusetzen, der nicht nur den Geschmack verbesserte, sondern auch bakterienhemmende Wirkung hatte. Das Endprodukt war somit länger haltbar und konnte über weitere Strecken exportiert werden. Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass sich Hopfen im Gegensatz etwa zu Porst und Gagel kultivieren ließ; so wurden besonders ab dem 13 Jahrhundert vielerorts Hopfengärten angelegt.
Allerdings konnte Hopfenbier nur untergärig gebraut werden, d.h. bei einer Temperatur von unter 10°C, was die Brauzeit auf die Monate November bis Mai beschränkte. Doch auch die übrigen, obergärigen Biersorten wurden überwiegend im Winter gebraut, da der Verderb im Sommer noch schneller einsetzte. Bis zum Spätmittelalter hatte sich der Zeitraum zwischen St. Michael am 29. September und St. Georg am 23. April allgemein als Brausaison durchgesetzt.

Im offenen Gärbottich wurde die Würze mit Wasser verdünnt und mit Hefe versetzt, die den Zucker in Alkohol umwandelte. Das Mischungsverhältnis entschied über die Stärke des fertigen Produkts: das stärkste wurde meist für den Export gebraut und Faßbier genannt, die Tafel-, Tonnen- oder Tischbiere waren etwas schwächer. Als Kofent oder Nachlese wurde ein Dünnbier bezeichnet, für das die Würze ein zweites Mal aufgegossen wurde. Der beim Gärvorgang entstehende Hefeschaum wurde abgeschöpft und an die Bäcker verkauft.

Die Biere des Mittelalters wurden nach ihren Brauorten benannt, von denen einige zu einer Art Markenzeichen wurden. Darunter zählten Einbeck, Hamburg, Bremen, Braunschweig, Goslar und Nürnberg zu den berühmtesten. Das mit Hopfen gebraute, untergärige Bier der Hansestädte wurde im 13. Jh. zu einer Art „Exportschlager“. In Hamburg, dem „Brauhaus der Hanse“, zählte man um das Jahr 1410 etwa 500-520 Brauberechtigte, die jährlich ca. 250.000-300.000 Hektoliter produzierten. Das Bier der Hanse wurde nach Skandinavien, ins Baltikum, nach England und in die Niederlande vertrieben. Mit dem Export qualitativ hochwertiger Biere ließen sich beträchtliche Gewinne erzielen, so dass zahlreiche Brauherren zu vermögenden und einflussreichen Unternehmern avancierten, die mancherorts (z. B. in Goslar) den Rat der Stadt beherrschten.

Doch gewerbliches Bierbrauen konnte sich nur lohnen, wenn die Produktion entsprechend hoch war. Die Investitionen waren hoch, die Gefahr des Verderbs groß, das Mälzen und der Verkauf des Endprodukts mit Steuern belegt. Die Bierherstellung wurde durch städtische Brauordnungen geregelt, von denen die Augsburger von 1155 wohl die älteste ist. Meist wurden die Zahl der Brauberechtigten und der Ausstoß des einzelnen Brauvorgangs begrenzt, um Überproduktion zu verhindern und die Preise stabil zu halten. Beauftragte des Rates überwachten Malzbereitung, Braumengen, Qualität und Preisgestaltung.

Sogenannte Höchstpreistaxen galten im späten Mittelalter für zahlreiche Lebensmittel, etwa Fisch, Brot, Fleisch, Wein oder eben Bier. Eine Bierpreisordnung war auch Teil der Landesordnung, die am 23. April 1516 von den Herzögen Wilhelm IV. und Ludwig X. von Bayern auf dem Ingolstädter Landtag erlassen wurde:

„Item wir ordnen / setzen / und wöllen mit Rathe unnser Lanndtschaft / das füran allennthalben in dem Fürstenthumb Bayrn / auff dem Lande / auch in unnsern Stettn unn Märckthen / da deßhalb hieuor kain sonndere ordnung ist / von Michaelis biß auff Georij / ain mass oder kopffpiers über ainen pfenning Müncher werung / unn von sant Jorgentag / biß auff Michaelis / die mass über zwen pfenning derselben werung / und derenden der kopff ist / über drey haller / bey nachgesetzter Pene / nicht gegeben noch außgeschenckht sol werden.“

Gedenkmedaille. (c) Yvonne/Badische Zeitung

Gedenkmedaille. (c) Yvonne/Badische Zeitung

Geregelt wurde also der Bierpreis während und außerhalb der Brausaison. Doch immer war die Gefahr groß, dass unredliche Produzenten versuchten, ihren Gewinn durch die Verwendung minderwertiger Zutaten oder unlautere Beimischungen zu steigern. Davon ging, wie beim erwähnten Bilsenkraut, nicht selten eine Gesundheitsgefährdung für die Konsumenten aus.
Um derartige Experimente zu unterbinden und eine möglichst gleichbleibend hohe Qualität der bayrischen Biere sicherzustellen, heißt es in dem herzoglichen Mandat weiter:

„Wir wöllen auch sonderlichen / das füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unn auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer stückh / dann allain Gersten / Hopfen / unn wasser / genommen unn gepraucht sölle werdn.“

Es handelte sich weder um den ersten noch um den letzten Versuch, die Bierproduktion auf die Verwendung von Gerste, Hopfen und Wasser zu beschränken, nicht in Bayern und schon gar nicht im Rest des Reiches. Viele deutsche Städte kannten seit dem 14. oder 15. Jahrhundert ähnliche Verordnungen. Eine Verordnung des Münchener Stadtrats von 1447, welche die Bierzutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser beschränkte, wurde später auf ganz Oberbayern ausgedehnt, 1469 übernahm der Rat der Stadt Regensburg die Regelung. Ja, selbst in London wurde 1484 verfügt, dass Bier ausschließlich aus „licuor, malt and yeste“, also Wasser, Malz und Hefe zu bestehen habe!
Neu war an dem bayerischen Erlass von 1516 daher allenfalls, dass er für das gesamte (kürzlich wiedervereinigte) Herzogtum gelten sollte und sich ausdrücklich nicht nur auf die Städte, sondern auch auf Marktorte und das ländliche Brauwesen bezog. Dabei mochte eine Rolle gespielt haben, dass der Hopfen im Süden prächtig gedieh und gezielt angebaut werden konnte, ganz im Gegensatz zu Porst und Gagel, die teuer importiert werden mussten.

Nicht ganz zufällig hatte eine solche Beschränkung der erlaubten Zutaten daneben den Vorteil, die Besteuerung des Produkts zu vereinfachen. Bald wurden auch Strafzölle auf nach Bayern importierte Biere erhoben und die Ausfuhr bayerischer Biere ebenfalls mit zusätzlichen Abgaben belegt.
Nicht zuletzt richtete sich die Regelung auch gegen die „Verschwendung“ des wertvollen Brotgetreides Weizen für die Bierherstellung. Noch 1567 heißt es in einem herzoglichen Mandat, das überwiegend aus Böhmen importierte Weiß- oder Weizenbier sei

„gar ein vnnuez getranck … / das weder fueert noch nert / weder sterck / krafft noch macht gibt / vnd dahin gericht ist / das es die Zechleut / oder diejenigen dies trincken / nur zu mehrerm trincken raizt vnd vrsach.“

Die Einstellung änderte sich jedoch rasch, als Kurfürst Maximilian I. 1602 erkannte, dass sich mit einem herzoglichen Weißbiermonopol viel Geld verdienen ließ. In kurzer Zeit entstanden so 15 staatliche Weißbierbrauereien, deren Einnahmen bald den größten Einzelposten des bayerischen Staatssäckels ausmachten. Dafür sorgte auch die Verpflichtung der Wirte, stets ausreichend viele Fässer Weißbier auf Lager zu halten.
Nicht einmal einhundert Jahre nach der gesetzlichen Beschränkung der Bierzutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser schien diese bereits in völlige Vergessenheit geraten zu sein …

Vom 17. Jahrhundert an ist jedenfalls in der bayerischen Gesetzgebung von einer derartigen Bierverordnung nirgends mehr die Rede. Ausnahmen gab es ohnehin: So wurden z.B. schon 1551 zur Herstellung bestimmter „Traditionsbiere“ die Zugabe von Koriander und Lorbeer ausdrücklich erlaubt. Die bayerische Landesverordnung von 1616 ließ außerdem Salz, Wacholder und Kümmel als Beigaben zu.

Brauwesen und Bierkultur gediehen dennoch prächtig und erreichten ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Allein in Bayern existierten um 1800 mehr als 30.000 Brauereien. Gaststätten entwickelten sich zu sozialen und kommunikativen Zentren von Bürgern wie Arbeitern, und gemeinsames Biertrinken avancierte zum elementaren Bestandteil der Alltags- und Freizeitgestaltung. Neue technische Errungenschaften optimierten die Brauverfahren und garantierten gleichbleibend hohe Qualität. Kältemaschinen, die Erfindung der Bügelflasche und des Kronkorkens trugen zu steigenden Absätzen bei.

Zugleich war das 19. Jahrhundert die Zeit der Wiederentdeckung und romantischen Verklärung des Mittelalters, des aufblühenden Nationalismus‘ wie auch des Regionalpatriotismus‘. Bier war Teil der deutschen, ganz besonders aber auch der bayerischen Identität. Nicht umsonst trugen zahlreiche der von deutschen Auswanderern in den USA und anderswo gegründeten Brauereien den Namen „Bavaria“ und warben mit „bayerischer Brautradition“.

Das Hofbräuhaus Las Vegas. (c) magazineUSA.com

Das Hofbräuhaus Las Vegas. (c) magazineUSA.com

Da traf es sich prächtig, dass die Bierverordnung des Landtagsabschieds von 1516 zu Beginn des 19. Jahrhunderts „wiederentdeckt“ wurde. Am 10. November 1861 wurde die Beschränkung auf Gersten, Hopfen und Wasser erneut in der bayerischen Gesetzgebung verankert, nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde sie in anderen Teilstaaten übernommen, ab 1906 galt sie für das gesamte Reichsgebiet.

Von einem „Reinheitsgebot“ war jedoch zu dieser Zeit noch nicht die Rede. Der Begriff wurde wohl erstmals vom Landtagsabgeordneten und Leiter der Buchstelle bei der Akademie für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan Hans Rauch in einer Sitzung des bayerischen Landtags am 4. März 1918 verwendet.
In der Weimarer Republik, der alten Bundesrepublik und der DDR regelten verschiedene Gesetze die Besteuerung des Biers und in diesem Zuge die erlaubten Zutaten. Gerste, Hopfen und Wasser waren in der Regel für untergärige Biere vorgeschrieben, bei obergärigen (wie z.B. bayerischem Weißbier) galten Ausnahmen. Seit 2005 regelt die Bierverordnung, was als „Bier“ bezeichnet und in den Handel gebracht werden darf.
Seit einigen Jahren beginnt die ursprünglich aus den USA stammende Craft Beer“-Bewegung, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Kleinst- und Hobbybrauereien produzieren seither zunehmend Biere, die nicht dem sogenannten „Reinheitsgebot“ entsprechen und die geschmackliche Vielfalt des deutschen Lieblingsgetränks mit verschiedenen Aromazusätzen massiv erweitern.

Der Deutsche Brauer-Bund jedoch hält eisern an der historischen, wiederentdeckten (und überholten?) Vorschrift fest. Was 1516 als Höchstpreistaxe erlassen worden war, dient den deutschen Brauereikonzernen heute als Marketinginstrument, als Schutzwall gegen ausländische Konkurrenz, als traditions- und damit identitätsstiftendes Werkzeug der Image-Pflege.

(c) Deutscher Brauer-Bund

(c) Deutscher Brauer-Bund

Schon 1994 wurde der 23. April zum „Tag des deutschen Bieres“ erhoben, in diesem Jahr (2016) jährt sich der Erlass der bayerischen Herzöge zum 500. Mal. Zahlreiche Medien feiern ganz im Sinne des Brauer-Bundes das „älteste Lebensmittelgesetz“ der Welt.
Betont wird dabei immer wieder gerne die „ungebrochene Tradition“, die sich bei näherer Betrachtung ebenso als reine Fiktion erweist wie die angebliche Sorge der bayerischen Herzöge um das leibliche Wohlergehen ihrer Untertanen, die zum Erlass des „Reinheitsgebots“ geführt haben soll.
Doch wie schon der große Historiker Ernst Schubert in diesem Zusammenhang feststellte:

„Fiktionen können geschichtsmächtiger als Fakten sein.“

(Ernst Schubert, Essen und Trinken im Mittelalter, 2. Auflage, Darmstadt 2010, S. 229f.)

Fundstücke KW 6

Der Markt für Kunstwerke aus Gotik und Renaissance liegt darnieder: Die Preise sind im Keller, viele Werke lassen sich gar nicht mehr verkaufen, wie Die Zeit berichtet.
DIE Chance für alle Historiker, Kunsthistoriker, Dauervolontäre, Jahrespraktikanten und ähnliche Geringverdiener, die auch schon immer mal einen echten Altmeister über’m Sofa hängen haben wollten …
(Ungeachtet meines Spotts: Der Artikel ist durchaus lesenswert!)

Eine Wandmalerei aus Dura-Europos könnte die älteste Darstellung der Mutter Gottes enthalten. Auf den Artikel in der New York Times (auf Englisch) wurde ich durch J. Jablonski aufmerksam gemacht; vielen Dank dafür.

Das Middelalderzenteret im dänischen Nykøbing feiert in diesem Jahr sein 25jähriges Bestehen. Es sind zahlreiche Aktionen geplant, u.a. werden Reenaactment-Gruppen zu einer gemeinsamen Veranstaltung im Juli eingeladen.

Auf den inflationären Gebrauch von Begriffen wie „spektakulär“ und „Sensation“ im Zusammenhang mit archäologischen Funden (und die Gründe für ihre Verwendung) habe ich ja schon gelegentlich hingewiesen. Sollten sich die Vermutungen als richtig erweisen, wären sie in diesem Fall allerdings vollkommen berechtigt: Nach jahrelanger Suche könnten Hobbyarchäologen in Kärnten Noreia, die Hauptstadt des fast schon legendären keltischen Königreichs Noricum entdeckt haben, meldet die Kronenzeitung.

Und noch eine „spektakuläre Sensation“ aus der Archäologie: Die Entdeckung eines „Kriegergrabes“ aus dem frühen 7. Jahrhundert im baden-württembergischen Bissingen scheint DIE Nachricht der Woche gewesen zu sein – oder kommt es mir nur so vor, weil Andreas Gut vom Alamannenmuseum Ellwangen jeden verfügbaren Link zum Thema geteilt hat?
Hier jedenfalls schreibt die Stuttgarter Zeitung, hier die Meldung des SWR.
Mit germanischen Goldblattkreuzen hat sich Hiltibold bereits 2013 in einem Beitrag befasst.

Mehrere Wochen im Jahr erforschen ArchäologInnen und Studierende der Universität Zürich die Bergbaugeschichte im Hochgebirge des Oberhalbsteins (Graubünden/Schweiz). Über die Ausgrabungen wurde im vergangenen Jahr ein spannendes Video produziert, das sich leider nicht einbetten, sondern nur über diesen Link erreichen lässt.

Auf Kurz!-Geschichte schreibt Isabeau Kelm diese Woche über die Versklavung der Roma in Südosteuropa.

Gleich zwei interessante neue Beiträge gab es diese Woche bei den Wienischen Hantwercsliuten: Zur Bekleidung und Ausstattung einer Handwerkerfrau um 1350 und zur männlichen Unterkleidung.

Über das Blog der Ottonenzeit stieß ich auf das Blog Götterspeise, eine kulinarische Reise durch die Zeit. Lesenswert und appetitanregend!

Apropos historische Küche: Seit wann gibt es eigentlich Pizza? Und was ist das, was dieser Diener hier aufträgt? Fragen über Fragen …

Mittelalterliche Pizza? Italienische Malerei aus dem 15. Jahrhundert.

Mittelalterliche Pizza? Italienische Malerei aus dem 15. Jahrhundert.

War das Trinken von Wasser im Mittelalter tabu?

Selbst in eigentlich seriösen Publikationen zu Alltagsleben oder Ernährung im Mittelalter ist immer wieder zu lesen, aus Angst vor Krankheiten oder schlechten Einflüssen auf die Körpersäfte hätten die Menschen jener Zeit kein Wasser getrunken. Stattdessen seien Bier und Wein die alltäglichen Getränke gewesen, die sogar schon Kindern verabreicht wurden, wenn auch in verdünnter Form. (Es stellt sich die Frage: Womit verdünnt, wenn doch kein Wasser getrunken werden sollte?)
Der Mythos ist inzwischen so verbreitet, dass sich kaum jemand je die Mühe macht, ihn anhand von Quellen zu belegen. Der Grund dafür ist simpel: Ein solcher Beweis wäre unmöglich, entsprechende Belege existieren nicht. Die Behauptung, im Mittelalter hätten die Menschen kein Wasser getrunken, beruht auf mangelnder Kenntnis der schriftlichen Überlieferung bzw. deren Missinterpretation und ist inzwischen zu einem Selbstläufer geworden, einer vermeintlichen Gewissheit, die selbst von renommierten Forschern nicht mehr hinterfragt wird. In den Worten des Historikers Ernst Schubert:

„Fiktionen können geschichtsmächtiger als Fakten sein.“

Tatsächlich finden sich in spätantiken und mittelalterlichen Quellen durchaus Hinweise auf den Konsum von Wasser, doch sie sind weit verstreut und längst nicht so verbreitet wie Angaben zum Genuss von Bier oder Wein. Der Grund dafür ist jedoch nicht in einer Verachtung des Wassers als Getränk zu suchen. Im Gegenteil: Das Trinken von Wasser war so normal, alltäglich und verbreitet, dass es kaum der Erwähnung wert war. Während Wein und Bier über weite Entfernungen gehandelt, ihre Herstellung obrigkeitlich geregelt und ihr Verkauf besteuert wurde, war das beim Trinkwasser nicht der Fall. Wenn alkoholhaltige Getränke vielfach als Teil des Naturallohns etwa von Bauarbeitern erwähnt werden, bedeutet dies keineswegs, dass sie Wasser als Alltagsgetränk vollständig ersetzt haben müssen – sie dienten vielmehr als nahrhafte Ergänzung, die der Kräftigung des Körpers, nicht dem Löschen von Durst dienen sollten.

Trinken von Quellwasser. Tacuinum sanitatis, ca. 1390-1400. (Paris, BNF NAL 1673, fol. 96r.)

Trinken von Quellwasser. Tacuinum sanitatis, ca. 1390-1400. (Paris, BNF NAL 1673, fol. 96r.)

Menschen des Mittelalters bevorzugten Bier und Wein aus den gleichen Gründen, aus denen sie heutzutage ebenso wie auch Säfte, Limonaden und ähnliche Getränke konusmiert werden: Sie boten Geschmack und Abwechslung. In einer Zeit mangelnder Kühlmöglichkeiten verwandelte sich ohnehin nahezu jedes Getränk schnell in ein alkoholhaltiges. Freie Hefen sorgen dafür, dass mit Honig gesüßtes Wasser bei ausreichender Temperatur zu Met vergären beginnt, Entsprechendes gilt für Fruchtsäfte (z.B. Cidre/Cider).
Neben Geschmack und (relativ wenig) Alkohol enthielten Wein und Bier jedoch auch entschieden mehr Nährstoffe als reines Wasser. „Pier ist halb Speis„, wie es 1516 in einem Mandat der Herzöge von Bayern heißt. Aus diesem Grund werden sie von zahlreichen Ärzten des Mittelalters wie Arnaldus de Villanova (13. Jh.) und schon von antiken Autoritäten wie Galen empfohlen, und zwar sowohl als Bestandteil der Diätetik, also der gesunden Lebensweise, als auch zur Stärkung von Kranken und Schwachen.
Aus dieser Empfehlung alkoholhaltiger Getränke nun aber auf eine generelle Ablehnung des Wassers zu schließen, ist nicht nur methodisch falsch, sondern ignoriert auch den tatsächlichen Inhalt der Quellen. Gerade Galenos, der im Mittelalter bevorzugt rezipierte antike Vertreter der Humoralpathologie, empfiehlt nämlich Menschen von „heißem“ Temperament, mehr Wasser als Wein zu sich zu nehmen, da dessen „kalte“ Qualität dem Übermaß der „heißen“ Säfte im Körper entgegenwirke. Aus ähnlichen Gründen raten andere Medizingelehrte dazu, Wasser nicht zu den Mahlzeiten zu trinken, da es die Verdauung verzögere, die als eine Art Schmelzvorgang verstanden wurde und daher Wärme erforderte.
Arnaldus de Villanova und Magninus Mediolanensis, ein italienischer Autor eines „Regimen sanitatis“ des 14. Jahrhunderts waren sich mit vielen ihrer Kollegen darin einig, dass der Wein zwar einem gesunden Lebenswandel dienlicher sei als Wasser, dieses aber den Durst viel besser zu stillen vermöge. Arnaldus empfiehlt die Verwendung eines Trinkgefäßes mit enger Öffnung, um nicht zu viel Wasser auf einmal zu schlucken, Magninus nennt Wein und Wasser als die natürlichen Getränke des Menschen.
Hildegard von Bingen, deren Lehren für die deutsche Medizingeschichte vermutlich wirkmächtiger waren als die von Arnaldus und Magninus, rät – ebenfalls ganz im EInklang mit der Säftelehre – in der kalten Jahreszeit davon ab, Wasser zu trinken, „weil die Gewässer in dieser Jahreszeit wegen der Erdfeuchtigkeit nicht gesund sind.“ Im Sommer hingegen könne Wasser bedenkenlos getrunken werden,

„…da es dem Menschen wegen der Trockenheit der Erde weniger schadet als im Winter. Wer allerdings am Körper schwach ist, soll im Sommer mit Wasser gemischten Wein oder Bier trinken, weil ihn das mehr erquickt, als wenn er Wasser trinkt.“

Zahlreiche weitere Hinweise auf den Konsum von Wasser finden sich in mittelalterlichen Beschreibungen des Lebens von Heiligen und Asketen. Eine freiwillige Ernährung mit nichts als Brot und Wasser aus religiösen Gründen zeugt zwar nicht unbedingt von hoher Wertschätzung dieser beiden Grundnahrungsmittel, macht jedoch deutlich, dass Wasser ganz selbstverständlich als natürliches Getränk des Menschen angesehen und konsumiert wurde. Klosterregeln sahen als Strafen für Verstöße häufig ebenfalls eine Verköstigung mit Wasser und Brot vor. Auf diese Weise sollten die elementarsten Bedürfnisse des Körpers gestillt, zugleich jedoch jeglicher Genuss und Geschmack bei der Nahrungsaufnahme verwehrt werden.

Trinkwasser aus dem Brunnen? Illustration des 15. oder 16. Jahrhunderts.

Trinkwasser aus dem Brunnen? Illustration des 15. oder 16. Jahrhunderts.

Gleichwohl finden sich in mittelalterlichen Schriften auch Warnungen vor dem Konsum von Wasser. Sie beziehen sich jedoch nicht auf das Getränk als solches, sondern auf bestimmte Eigenschaften. Schon Plinius der Ältere wies in seiner Naturgeschichte im 1. Jahrhundert darauf hin, dass Trinkwasser keinen Geruch und keinen Eigengeschmack aufweisen dürfe. Spätere Autoritäten wiederholten diese Warnungen und betonten, nur klares, geruchs- und geschmackloses Wasser sei gefahrlos zum Trinken geeignet.
Da die meisten Menschen im Mittelalter jedoch ohnehin nicht lesen konnten und von den Ansichten der medizinischen Koryphäen keine Kenntnis hatten, verließen sie sich vermutlich auf ihren gesunden Menschenverstand und mieden Wasser, das nicht klar war, verdächtig roch oder einen eigenartigen Geschmack aufwies.

Sauberes Wasser war jedoch längst nicht überall verfügbar. Es sollte bevorzugt aus Fließgewässern stammen, nicht aus Tümpeln oder Seen. Auch und gerade das Wasser aus Brunnen, die ja auf den gleichen Grundwasserspiegel hinabreichten wie die Kloaken, war in der Regel nicht zum Konsum geeignet – noch heute tragen ja viele historische Stadtbrunnen ein Schild mit dem Hinweis „Kein Trinkwasser“.
Hierin liegt nun möglicherweise eine Erklärung für die Entstehung des Mythos‘, im Mittelalter sei Wasser als Getränk verpönt gewesen. In den schnell wachsenden Städten des Hoch- und Spätmittelalters waren Quellen für frisches Trinkwasser Mangelware. Flüsse und Bäche, die nahe oder in der Stadt verliefen, wurden für alle möglichen kommerziellen Zwecke genutzt, vom Antrieb der Mühlen über das Waschen von Wäsche bis zu zahlreichen Produktionsprozessen. Sie dienten als natürliche Wege der Entsorgung von Abfällen, auch die stinkenden urinhaltigen Färbebrühen und Gerberlohen wurde ohne Umschweife hineingeleitet. Solcherart verunreinigtes Wasser war selbstverständlich nicht länger zum Konsum geeignet, ebenso wenig das der Brunnen, die mit diesen Fluss- oder Bachläufen verbunden waren.

Wasserschöpfen aus einem Brunnen, 14. Jh. (Bodleian Library, MS Canon. Misc.493, fol. 153r.)

Wasserschöpfen aus einem Brunnen, 14. Jh. (Bodleian Library, MS Canon. Misc.493, fol. 153r.)

In vielen, wenn nicht den meisten Städten dürfte es tatsächlich einfacher gewesen sein, an Wein oder Bier zu gelangen als an frisches, unverdorbenes Trinkwasser. Im Spätmittelalter wurden daher große Anstrengungen unternommen, solches in die Stadt zu leiten.
Zugegebenermaßen waren es meist zuerst die Bierbrauer, die – etwa in Hannover, Lübeck oder Breslau – frisches Quellwasser aus dem Umland durch hölzerne Leitungen in die Stadt leiten ließen, um die Qualität ihres Konsum- und Exportguts sicherzustellen. Doch waren die Leitungen erst einmal gelegt, so dauerte es nicht lange, bis auch das Patriziat von der Versorgung mit Trinkwasser profitieren wollte.
In Braunschweig schlossen sich Brauer und andere Bürger im 16. Jahrhundert zu einer Genossenschaft zusammen, um eine Wasserkunst zu installieren und zu erhalten, die rund 300 Jahre lang in Betrieb blieb. In Goslar waren bereits im 13. Jahrhundert die ersten unterirdischen Leitungen verlegt worden, im 15. Jahrhundert wurde die Wasserversorgung noch einmal ausgebaut. Während in Augsburg der Lech von zahlreichen Wirtschaftsbetrieben genutzt wurde, ließ der Rat der Stadt mehrere Quellbäche zu einem Brunnenbach zusammenfassen, der neben Institutionen wie Klöstern auch zahlreiche wohlhabende Privathaushalte gegen Gebühr mit Frischwasser versorgte. Ausgrabungen in London haben bereits für das 14. Jahrhundert Wasseranschlüsse in privaten Wohnhäusern nachgewiesen.
Seit dem 15., vermehrt ab dem 16. Jahrhundert wurde die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser zunehmend als kommunale Aufgabe verstanden. In Nürnberg verzeichnete Endres Tucher 1464-70 insgesamt 100 Schöpfbrunnen und 17 Rohrleitungen, die öffentliche Trinkwasserbrunnen und Privatanschlüsse versorgten. Ein solcher Aufwand wurde nicht betrieben, um über sauberes Wasser zum Kochen, zum Baden oder zur Reinigung der Wäsche zu verfügen, sondern zeugt davon, dass Wasser als Getränk durchaus geschätzt und in nicht zu unterschätzendem Maße konsumiert wurde.

Siehe auch diesen Beitrag auf www.medievalists.net.

Fundstücke KW 52

Im Hafenbecken von Stade sind zahlreiche mittelalterliche Pilgerabzeichen zum Vorschein gekommen. War es Brauch, diese nach glücklicher Heimkehr hier zu versenken? Die Archäolgin Angelika Franz schreibt darüber auf Spiegel Online.

Betrieben die Wikinger in der Neuen Welt Bronzeguss? Ein in Kanada entdeckter Steintiegel scheint darauf hinzudeuten, wie derstandard.at berichtet.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag zeigte das SWR Fernsehen „EpochenKochen: Wie die Ritter tafelten“. Die Sendung über die Küche des Mittelalters entstand unter Beteiligung meiner Wenigkeit, HistoFakt. Historische Dienstleistungen zeichnete für die historische Beratung verantwortlich.
Die vollständige Sendung ist nun über die SWR Mediathek abrufbar, weitere Informationen, Rezepte etc. zu der dreiteiligen Reihe gibt es hier. Meine Erfahrungen beim Dreh habe ich vergangene Woche im Blog zusammengefasst.

 

Erfahrungen beim Dreh einer Unterhaltungssendung mit historischem Hintergrund

Am 26. Dezember 2014 zeigt das SWR Fernsehen um 14.15 Uhr die Sendung „EpochenKochen: Wie die Ritter tafelten“. Moderatorin Heike Greis und Starkoch Vincent Klink begeben sich auf die Suche nach Rezepten und Küchengeheimnissen des Mittelalters.
Obwohl (oder vielleicht weil?) ich mich in der Vergangenheit mehrfach kritisch mit der Darstellung des Mittelalters im deutschen Fernsehen auseinandergesetzt habe, wurde ich von der Produktionsfirma maz&more als historischer Berater und Experte in der Sendung engagiert. Die Vorbereitungen und die Dreharbeiten im September waren eine überaus interessante und aufschlussreiche Erfahrung!

Spielszene zu mittelalterlichen Tischmanieren.

Spielszene zu mittelalterlichen Tischmanieren.

Zunächst einmal war überraschend zu sehen, wie viele verschieden Unternehmen und Freischaffende an einer solchen Produktion beteiligt sind. „EpochenKochen“ ist eine Miniserie von drei Folgen à 45 Minuten, die im Tagesprogramm ausgestrahlt wird, vom SWR in Auftrag gegeben, von maz&more produziert, umgesetzt von Drehbuchautorin und Regisseurin Mirella Pappalardo, die wiederum Kameraleute, Toningenieure, Beleuchter, Requisiteure, Maskenbildnerin etc. anheuerte – es ist ganz schön viel los auf so einem Set!
Das bedeutet jedoch nicht, dass eine solche „Unterhaltungssendung mit Bildungsanspruch“ auch ein beeindruckendes Budget vorzuweisen hätte. Die GEZ-Millionen werden für Fußball-Übertragungsrechte, Spiel- und Talkshows, Intendantenbüro und dergleichen benötigt, nicht für historische Kochsendungen …

Dennoch waren alle Beteiligten sehr motiviert, geradezu enthusiastisch, ein gutes Produkt abzuliefern. Das betraf auch den historischen Hintergrund der Folge zum Mittelalter: Das Drehbuch zeugte von durchaus gründlicher Recherche und dem ernsthaften Bemühen, der historischen Wirklichkeit gerecht zu werden, wenngleich natürlich kein wissenschaftlicher Anspruch verfolgt wurde, sondern ein unterhaltender. Meine Kritik, Änderungen oder Ergänzungen hielten sich daher in sehr engem Rahmen. Auch bei den Dreharbeiten selbst hatte ich wenig auszusetzen, doch meine Einwände wurden gehört und in der Regel auch umgesetzt. Nur in manchen Fällen erhielt ich auf mein vorsichtiges „Das ist aber nicht authentisch …“ die typische Antwort der Filmemacher: „Sieht aber besser aus!“ Den viel zu modernen Wasserkessel konnte ich so leider nicht mehr verhindern, denn „der war schon im Bild, wir können das nicht noch einmal drehen!“

Mittelalterlicher Herd mit neuzeitlichem Wasserkessel.

Mittelalterlicher Herd mit neuzeitlichem Wasserkessel.

Wie so oft im Leben haben am Ende oftmals Budget und Zeitplan einen größeren Einfluss auf die Umsetzung eines Projekts als guter Wille, Fachwissen und selbst die gründlichste Vorbereitung. So fehlte dann beim abschließenden Festmahl die Tischdecke, auf die ich bei einer Szene zu mittelalterlichen Tischmanieren noch so großen Wert gelegt hatte – und es fiel mir selbst erst auf, als es zu spät war. Auch der Serviermodus ist historisch nicht ganz korrekt (die Nachspeise hätte erst später aufgetragen werden dürfen), doch da für die gesamte Tischszene nur wenige Minuten während des Abspanns zur Verfügung standen, mussten Kompromisse eingegangen werden.

Fazit

Insgesamt bot die Beteiligung an „EpochenKochen: Wie die Ritter tafelten“ einen spannenden und aufschlussreichen Einblick in die Umsetzung eines solchen TV-Projekts. Wenngleich der Unterhaltungsaspekt eindeutig im Vordergrund stand, wurde doch deutlich, dass dieser mit einer aufgeschlossenen und engagierten Regisseurin nicht zu Lasten einer möglichst korrekten Darstellung des Mittelalters gehen muss. Dazu trugen natürlich auch die Darstellerinnen bei, die ebenfalls ihr Fachwissen einbrachten und um eine möglichst authentische Repräsentation bemüht waren.

Regisseurin Mirella Pappalardo mit den Geschichtsdarstellerinnen Diana Kunze und Doro Braun-Zeuner.

Regisseurin Mirella Pappalardo mit den Geschichtsdarstellerinnen Diana Kunze und Doro Braun-Zeuner.

Die Darstellung von Geschichte im Fernsehen stellt letztlich immer einen Kompromiss dar, zwischen der historischen Realität bzw. dem Stand ihrer wissenschaftlicher Erforschung, der Erwartungshaltung der Zielgruppe, den Erfordernissen des Mediums, dem Anspruch der Produktion, dem Spielraum, den das Budget bietet etc. Das Ergebnis dieser Abwägungen wird und darf im Fall einer Kochsendung mit historischem Hintergrund anders aussehen als in einer expliziten Geschichtssendung. Doch in beiden Fällen ist es möglich, korrekt zu arbeiten, zugleich (intelligent) zu unterhalten und fundiert zu informieren – man muss es nur wollen!

 

Die Gabel – ein Werkzeug des Teufels?

Im Mittelalter, so heißt es, hätten die Menschen  – selbst die reichen und vornehmen – mit der Hand gegessen, weil die Kirche den Gebrauch der Gabel verboten habe. Als Werkzeug des Teufels sei sie angesehen worden und habe sich daher erst später, in einem aufgeklärteren, rationaleren, kultivierteren Zeitalter, als Teil des Essbestecks durchsetzen können.
Nahezu immer, wenn in populären Medien die Essgewohnheiten des Mittelalters thematisiert werden, dient dieses Beispiel dazu, gleichermaßen die vermeintlich rohen Tischsitten wie die naive Frömmigkeit und Kirchenhörigkeit zu illustrieren. Doch die These findet sich auch in zahlreichen Fachpublikationen zum Thema und hat es sogar ins renommierte Lexikon des Mittelalters geschafft. Die Geschichte vom Teufel, seiner Gabel und der Kirche ist zum Selbstläufer geworden, zum geschichtswissenschaftlichen Topos, der nicht länger hinterfragt, sondern nur mehr kolportiert wird.
Eines nämlich haben all diese Reiterationen, vom LexMA über bekannte Online-Lexika bis zur Kochsendung im Fernsehen, gemeinsam: Es fehlt ihnen an zeitgenössischen Quellen, um die so beliebte These zu belegen.

Was also ist dran an der Geschichte vom kirchlichen Gabelbann? Nun, sie enthält zumindest einen kleinen wahren Kern: Das Mittelalter kannte tatsächlich keine Gabel als Esswerkzeug. Man aß mit dem Löffel, der im Falle eines Festmahls vom Gastgeber bereitgelegt wurde, und dem Messer, das Jedermann ohnehin stets bei sich trug. Wenn nötig, kam zudem die Hand zum Einsatz – jedoch nur der Daumen und die ersten beiden Finger, wie (spät-)mittelalterliche Tischzuchten stets betonen.
Warum dieser Gabelverzicht? Immerhin war den Römern die Gabel bereits bekannt gewesen, wurde sie in Byzanz bei Tisch verwendet und war sie ihrem Prinzip nach – als Arbeitsgerät, als Forke, Heu-, Mist- oder auch Astgabel – im Abendland durchaus verbreitet. Ja, sogar in der Küche und bei Tisch kam sie zum Einsatz, wenngleich nur mit zwei Zinken versehen: Als Bratengabel, zum Tranchieren von Fleisch und insbesondere Geflügel sowie in kleinerer, ein- oder zweizinkiger Form, um damit Konfekt zu naschen. Wieso also schaffte es die drei- oder vierzinkige Gabel dann nicht auch auf die abendländische (Fest-) Tafel?

Spätmittelalterliche Festtafel mit Löffeln und Messern, aber ohne Gabeln. (Holzschnitt, 15. Jh.)

Spätmittelalterliche Festtafel mit Löffeln und Messern, aber ohne Gabeln. (Holzschnitt, 15. Jh.)

Aus Mangel an einschlägigen Quellen muss die Antwort zu einem Gutteil Spekulation bleiben, doch lässt sich zumindest schlüssig argumentieren. Zum einen ist die Gabel, sie bestehe aus Holz oder Metall, erheblich schwieriger herzustellen als ein aus Holz oder Horn geschnitzter Löffel oder das ohnehin universell erforderliche Messer. Als sie zu Beginn der Frühen Neuzeit allmählich gebräuchlicher wird, besteht sie vornehmlich aus Edelmetallen, teils mit geschnitzten Griffen aus Bein oder Bernstein versehen, jedenfalls repräsentativ und aufwändig gestaltet, somit eindeutig der Herrentafel zuzuordnen. Sie ist zunächst in erster Linie Standesattribut, Ausdruck verfeinerter Lebensart, Modeaccessoire – kein lange ersehntes, schmerzlich vermisstes Instrument vereinfachter Nahrungsaufnahme.
Denn das Mittelalter hatte schlicht und einfach keine Verwendung für die Gabel bei Tisch. Für die allgegenwärtigen Breie und Muse, die Suppen und Eintopfgerichte, war der Löffel das einzig erforderliche und angemessene Werkzeug. (Dabei ist müßig zu diskutieren, ob die Konsistenz mittelalterlicher Speisen Ursache oder Folge des Gabelverzichts gewesen ist: Beide bedingten einander gegenseitig.)
Fleisch, so es denn welches gab, wurde in der Regel in der Küche zerkleinert, allenfalls vom Truchsess an der Tafel kunstvoll tranchiert. Das Messer diente vornehmlich zum Brotschneiden, und wo es etwas aufzuspießen galt, tat die Messerspitze meist hinreichend ihren Dienst.

Der Siegeszug der Gabel auf deutschen Tafeln und Tischen geht dann auch mit Veränderungen der Speisen- und Tischkultur einher. Erste Erwähnung findet sie 1486 in einem Inventar des Klosters Michelsberg (Bamberg), 1495 in einem Stralsunder Testament. Zu dieser Zeit wird es chic, ein Besteckservice zu besitzen und jedem Gast einen Satz, jetzt bestehend aus Löffel, Messer und Gabel, auf den Platz legen zu können. Synchron ändern sich auch die Kochgewohnheiten, denen jetzt überhaupt in Deutschland erstmals mehr Beachtung geschenkt wird. Sich mit seinen Tischnachbarn die Schüssel zu teilen, wie es Jahrhunderte lang der Brauch war, kommt aus der Mode. Üblich wird hingegen, dass jeder Gast seine eigene Wachtel, Forelle oder Keule vorgelegt bekommt, die er – mit Messer und Gabel – selbst tranchiert.

Das Mittelalter stand der Gabel also nicht so sehr ablehnend als vielmehr desinteressiert gegenüber. Doch wie kam nun der Teufel ins Spiel? Nun, wie bei so Vielem, das dem Mittelalter angedichtet wurde: Durch Verleumdung, böswillige Unterstellung und üble Nachrede! Ein Volk (die eigenen Vorfahren!), das die Gabel nicht kannte, musste schließlich unzivilisiert, unkultiviert, barbarisch in seinen Tischsitten und Umgangsformen gewesen sein. Leichtgläubig, abergläubisch waren diese primitiven Analphabeten ja ohnehin, unter der Fuchtel der Kirche und ihrer Vertreter stehend, unaufgeklärt, irrational, um nicht zu sagen: dumm. Die ließen sich einreden, die Gabel wäre Teufelszeug, und glaubten selbst noch dran! Konnte es einen besseren Beweis für den Mangel an Kultur einerseits, die primitive Kirchenhörigkeit andererseits geben?
Dabei lässt sich diese Unterstellung durch spätere Generationen problemlos als solche entlarven. Nicht nur mangelt es, wie bereits angedeutet, an zeitgenössischen Quellen, die auf eine Verteufelung der Gabel hindeuten würden. Desweiteren ist bekanntlich nicht die Essgabel, sondern die zwei- oder dreizinkige Forke, die Heu- oder Mistgabel, das Werkzeug des Teufels – wenn überhaupt, so hätte also diese landwirtschaftlichen Geräte der Bannfluch der Kirche treffen müssen, nicht das harmlose Speisewerkzeug. Doch auch über derartige Bestrebungen ist nichts bekannt.

Spätmittelalterliche Teufelsdarstellung (Cod. Pal. germ. 137, fol. 216v, um 1460).

Spätmittelalterliche Teufelsdarstellung (Cod. Pal. germ. 137, fol. 216v, um 1460).

Weiterhin ergibt schon eine kurze, oberflächliche ikonographische Recherche, dass sogar die Forke als Attribut des Teufels vergleichsweise jungen Ursprungs ist. Interessanterweise taucht sie etwa zur gleichen Zeit in Teufelsdarstellungen auf, als die Gabel die Tische nördlich der Alpen erobert, also erst, als das Mittelalter bereits zu Ende ging. Mit anderen Worten: Den Menschen des 9., des 12. oder noch des 14. Jahrhunderts konnte die Gabel gar nicht als Werkzeug des Teufels gegolten haben, da sich dieser zu jener Zeit noch gar keines derartigen Werkzeugs bediente!
Aber Mythen können bekanntlich sehr langlebig sein …

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