„Schilde des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit“

„Schilde des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit“, hg. von R. Beuing und W. Augustyn. Passau: Klinger Verlag 2019.

Es sind goldene Zeiten für die Erforschung historischer Waffen und Kampfkünste: Interdisziplinäre Forschungen, Tagungen, Ausstellungen und Publikationen haben in den vergangenen Jahren das Wissen in – und auch das Interesse an – den einstigen Nischenthemen erheblich erweitert. Und das nicht nur innerhalb der betroffenen Fachdisziplinen, also unter Historikern, Archäologen, Kulturwissenschaftlern, Restauratoren, Kuratoren und anderen Wissenschaftlern (jederlei Geschlechts), sondern auch unter Praktikern (Kampfsportler, Reenactors, Living History-Darstellern u.ä.) sowie einer immer breiter werdenden Öffentlichkeit, ganz im Sinne einer Citizen Science.
Im Mittelpunkt der Betrachtung stand und steht dabei bevorzugt das Schwert, die „ritterliche Waffe“, zuletzt Gegenstand großartiger Ausstellungen und Tagungen sowie begleitender Publikationen, z.B. im Deutschen Klingenmuseum Solingen („Das Schwert – Gestalt und Gedanke„) oder im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart („Faszination Schwert„). Andere spannende Forschungsobjekte aus dem Themenkomplex „Waffen – Rüstungen – Kampfkünste“ fristen dagegen noch immer ein gewisses Schattendasein.
Dazu zählt nicht zuletzt der Schild, der – über Jahrtausende und in unzähligen Kulturen in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen im Gebrauch – neben seiner Schutzfunktion ein vielfältiges Spektrum an Aufgaben als Repräsentationsobjekt und Statussymbol, als Prunk-, Toten-, Wappen-, Turnier- oder Paradeschild, erfüllt. Konstruktion, Gestaltung, Verwendung, Erhaltung und kulturelle Bedeutung dieser lange vernachlässigten Schutzwaffe in Spätmittelalter und Früher Neuzeit standen im Zentrum einer im März 2016 im Bayerischen Nationalmuseum durchgeführten Tagung, zu der nun ein umfangreicher Begleitband erschienen ist.

„Die Forschung hat sich Schilden in der Vergangenheit eher unzusammenhängend und zudem bevorzugt der hochmittelalterlichen – also ritterlichen – Exemplare angenommen“

schreibt Mitherausgeber Raphael Beuing in seiner Einleitung. Tatsächlich sind in den vergangenen 20 Jahren neben einigen (meist kunsthistorischen) Aufsätzen nur zwei größere Publikationen zu mittelalterlichen Schilden erschienen: „Der mittelalterliche Reiterschild“ von Jan Kohlmorgen und „The Book of the Buckler“ von Herbert Schmidt stammen dabei bezeichnenderweise nicht aus der Feder von Geschichts- oder Kulturwissenschaftlern, sondern von interessierten „Laien“, die sich in jahrelanger theoretischer und praktischer Beschäftigung mit ihrem Thema überragende Kenntnisse erworben haben.

Wie der Titel bereits nahe legt, liegt der chronologische Fokus des Sammelbandes „Schilde des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit“ nicht auf der Hochzeit des Schilds als ritterlicher Schutzwaffe, sondern auf einer Phase europäischer Geschichte die in militärischer Hinsicht von der Verbreitung effektiver Feuerwaffen, gewachsener Bedeutung der Infanterie und zunehmender Bewaffnung der Bürger geprägt ist. Gründe dafür sind nicht nur die von Beuing angsprochene bisherige Vernachlässigung des Schildes in dieser Zeit durch die Forschung, sondern auch die schlichte Tatsache, dass erheblich mehr Pavesen, Tartschen, Buckler und andere Erscheinungsformen des 15. bis 17. Jahrhunderts in öffentlichen und privaten Sammlungen erhalten sind.
Die unterschiedlichen Formen und Bezeichnungen stellt zunächst Raphael Beuing in seiner Einleitung vor. Einen kurzen Überblick zu Definition, Bauweise und Verbreitung des Bucklers im Spätmittelalter bietet Herbert Schmidt. Beiträge von Dirk H. Breiding (Philadelphia Museum of Art), R. Beuing (Bayerisches Nationalmuseum), Karsten Horn, Alfred Geibig (Coburg) und Matthias H. Herzer (Zwickau) stellen bedeutende Sammlungen bzw. Konvolute erhaltener Exemplare vor. Bemerkenswerte Einzelstücke werden von Simone Schmiedkunz, Matthias Lang und Sven Lüken, Sixt Wetzler und Thomas Schönauer präsentiert. Krista Profanter begibt sich auf eine Spurensuche zum Verbleib von ehemals (mindestens?) 59 Pavesen aus der ehemligen Rüstkammer in Klausen/Tirol.
Mit Fragen der praktischen Anwendung verschiedener Schilde im Lauf der Geschichte sowie nach Methoden und Grenzen der Rekonstruktion historischer Kampfkünste befassen sich Cornelius Berthold und Ingo Petri.

Mehrere Beiträge (Fabian Brenker; Martin Sienicki; Daniela Karl; Anja Alt; Martin Fiedler) widmen sich der Konstruktion von Schilden, den verwendeten Materialien und Fertigungsmethoden. Im Zuge von Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten wurden mehrere Exemplare mit Hilfe modernster technischer HIlfsmittel wie Röntgen und Computertomographie untersucht, was interssante und z.T. erstaunliche Erkenntnisse zu deren Aufbau und nachträglichen Bearbeitungen zutage förderte. So scheinen z.B. deutlich mehr Holzkerne von Schilden außenseitig mit einer Schicht verleimter Tiersehnen überzogen worden zu sein als bisher bekannt. Künftige Untersuchungen werden hoffentlich ergründen, ob dies auch für frühere Exemplare gilt.
Eine außergewöhnliche Hartschicht als Schutz vor Projektilen konnte an einem Setzschild auf Kaufbeuren nachgewiesen werden (Martin Sienicki; Peter Müller und Peter Spätling). Auch hier sind weitere vergleichende Studien zu erhoffen, um zu ermitteln, ob es sich dabei eher um ein „Versuchsobjekt“, eine lokale Besonderheit oder doch gängige Praxis gehandelt haben dürfte.
Wichtige Erkenntnisse können auch durch den Nachbau erhaltener Pavesen oder idealtypische Rekonstruktionen gewonnen werden, wie sie etwa durch den Verein „Anno 1476 – Städtisches Aufgebot“ durchgeführt wurden. Angesichts der unüberschaubar großen Zahl, in der Pavesen in Spätmittelalter und Renaissance hergestellt wurden, lassen die Erfahrungen der Beteiligten (Stephan Altenburger und Mike Grünwald) eine arbeitsteilige Serienproduktion vermuten, die es ermöglichte, auch die langen Trocknungszeiten von Leimen und Farben produktiv zu nutzen.
Von mehreren Autoren wird beklagt, dass noch immer Untersuchungen fehlen, wer eigentlich in Mittelalter und Früher Neuzeit für die Herstellung und Gestaltung von Schilden zuständig war, wie das Handwerk (oder die beteiligten Handwerke) organisiert war etc. Trotz der mangelhaften Quellenlage ein lohnendes Thema für historische Studien!

Eine wichtige Aufgabe von Schilden war seit jeher neben ihrer Schutzfunktion die Repräsentation ihres Trägers oder Besitzers. Ihrer künstlerischen Ausgestaltung kam daher große Bedeutung zu, was sich in zahlreichen Beiträgen des Tagungsbandes widerspiegelt. Heraldische, kunsttechnologische und nicht zuletzt konservatorische Fragen werden in den Ausführungen zur Bemalung der Schilde der Stifterfiguren im Naumburger Dom (Daniela Karl), zu drei mutmaßlichen Klausener Pavesen (Christian Kaiser, Ronja Emmerich und Krista Profanter), zu einer Tartsche und einer Pavese mit Familienwappen aus Nürnberg (Simone Schmiedkunz; Matthias Lang und Sven Lüken) und spätmittelalterlichen Totenschilden im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Elisabeth Taube und Astrid Roth) behandelt.
Über die Restaurierung von zwölf Schilden aus der Dresdener Rüstkammer berichten Jana Bösenberg und Franziska Wosnitza.
Etwas aus dem Rahmen fällt der aufschlussreiche Essay von Robyn D. Radway zu einer besonderen Schildform des 16. Jahrhunderts, die verschiedentlich osmanischer oder ungarischer Herkunft zugeschrieben wurde, von der allerdings keine erhaltenen Exemplare, sondern ausschließlich Erwähnungen und bildliche Darstellungen (westlicher) Künstler existieren.

Dieser Aufsatz sowie zwei weitere (Dirk H. Breiding; Debra Breslin, Beth Price, Ken Sutherland, Sally Malenka und Kate Duffy) sind auf Englisch verfasst, leider ohne deutschsprachige Zusammenfassung.
Alle Beiträge sind ausgiebig und hochwertig illustriert. Anmerkungen und Literaturhinweise sind in Endnoten zusammengefasst, separate Personen- und Ortsregister erleichtern schnelles Nachschlagen.
Auf mehr als 400 Seiten bietet der Tagungsband einen inter- bzw. multidisziplinären Überblick der aktuellen Forschung zu Konstruktion, Gestaltung, Verwendung und Konservierung bzw. Restaurierung spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Schilde. Die Vielfalt der Provenienzen, der zeitlichen Einordnung, der (intendierten) Nutzung bzw. Funktion, der verwendeten Materialien und Techniken in Aufbau und Gestaltung der untersuchten bzw. beschriebenen Exemplare korrespondiert dabei mit der Vielzahl der wissenschaftlichen und/oder parktischen Ansätze der Autorinnen und Autoren.
Nicht nur der beklagenswerte Mangel an aktuellen Publikationen zum Themenkomplex Schild, sondern vor allem die Qualität der Beiträge machen den Sammelband zu einer herausragenden Neuerscheinung und damit zu einer Pflichtanschaffung für Alle, die sich für historische Waffenkunde interessieren. Es bleibt zu hoffen, dass „Schilde des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit“ kein glücklicher Einzelfall bleiben, sondern sich als Wegbereiter und Maßstab für künftige Veröffentlichungen über diesen zu lange vernachlässigten Themekomplex erweisen wird.

Passau: Dietmar Klinger Verlag 2019 (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, Band 46; Schriften der Forschungsstelle Realienkunde, 4.). Klappenbroschur, 412 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-86328-172-4. € 49,- (D).

Inhaltsverzeichnis zum Download (pdf).

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