Zu Tisch!

„Die Tafel aufheben“ – der Satz ist auch heute noch geläufig. Er hat seinen Ursprung im Mittelalter, als Tische, an denen das gemeinschaftliche Mahl eingenommen wurde, zuweilen keine soliden, fest verfügten Konstruktionen waren, sondern aus Brettern bestanden, die lose auf Böcke oder Untergestelle gelegt wurden und nach der Mahlzeit wieder entfernt werden konnten.
Der große Saal einer Burg, in dem solche mobilen Konstruktionen bevorzugt zum Einsatz kamen, diente – wie viele andere Räume auch – je nach Bedarf mehreren Zwecken. Dort wurde nicht nur gemeinsam gegessen, sondern auch getanzt, zuweilen gefochten oder geschlafen – es war also praktisch, die Tafeln nach Gebrauch entfernen und platzsparend aufbewahren zu können. Auch im bürgerlichen Haushalt oder auf dem Dorf kamen derartige Lösungen zum Einsatz, die nach Ausweis dieser Darstellung einer Bauernhochzeit von Pieter Bruegel d.Ä. wohl auch mit Hilfe eines ausgehängten Türblatts improvisiert werden konnten.

Die exakte Konstruktion der Böcke ist auf zeitgenössischen Darstellungen in der Regel nicht zu erkennen, da sie meist vom herunterhängenen Tischtuch verdeckt wird, wie z.B. auf dem Januar-Bild im Großen Stundenbuch des Duc de Berry. Es lässt sich allenfalls erahnen, dass es sich um ein dreibeiniges Gestell mit einer Auflage für die Tischplatte handeln muss.
Originale sind leider auch nur in sehr geringer Zahl erhalten. Ein eher schlichtes, aber massives Modell aus dem 15. Jahrhundert ist im Museum Onze Lieve Vrouew ter Potterie im belgischen Brügge zu sehen und wurde im Blog der Saint Thomas Guild dokumentiert.
Im gleichen Blog findet sich auch ein ausführlicher Beitrag zu einem solchen Tisch vom Ende des 15. Jahrhunderts, der sich heute im Musée des Arts Décoratifs in Paris befindet. Dabei handelt es sich um zwei Gestelle aus Eiche mit Einsätzen aus Kastanienholz, die mit geschnitztem gotischem Maßwerk eindrucksvoll verziert sind.

Tisch aus dem 15. Jh. im Musée des Arts Décoratifs, Paris.

Tisch aus dem 15. Jh. im Musée des Arts Décoratifs, Paris.

Der Eigenbau

Der Bau eines Tisches zur Benutzung bei verschiedenen Aktivitäten – Klassenfahrten, Ferienspiele, zur Präsentation von Büchern und Ausstattung bei Fechtvorführungen, als einfacher Verkaufstisch etc. – war bereits seit geraumer Zeit eines dieser legendären „Winterprojekte“, die dann zu Beginn der Saison doch wieder irgendwie unvollendet blieben. Nun bot ausgerechnet die Absage aller geplanten Veranstaltungen bis Mitte Juni aufgrund der Corona-Pandemie Gelegenheit, die Arbeit endlich in Angriff zu nehmen, erschwerte jedoch zugleich die Beschaffung des erforderlichen Baumaterials.

Um dennoch nicht ein weiteres Jahr mit modernen Klappböcken Vorlieb nehmen zu müssen, entschied ich mich für einen Kompormiss. Die zu erfüllenden Bedingungen lauteten

  • platzsparende Aufbewahrung
  • problemlos zu transportieren
  • einfacher Auf- und Abbau
  • Leichtbauweise

Um es gleich vorab zu sagen: Der so entstandene Tisch erhebt keinerlei Anspruch auf historische Authentizität! Er besteht aus Fichtenleimholz, das in dieser Form im Mittelalter gar nicht zur Verfügung stand. Zudem scheinen Möbel jeglicher Art bis weit in die Neuzeit praktisch ausschließlich aus Harthölzern hergestellt worden zu sein, die zwar deutlich robuster und langlebiger sind, aber auch ein spürbar höheres Gewicht aufweisen.
Die gesteckte Bauweise ist für mittelalterliche Tische bzw. Böcke ebenfalls nicht belegbar, wurde allerdings in ähnlicher Form wohl bei einfachen SItzmöbeln angewendet.
Die Gestaltung sollte zumindest an den Zeitgeschmack angelehnt sein, weswegen die Füße mit einem ausgeschnittenen gotischen Kleeblattbogen verziert wurden.
Beim Bauplan habe ich mich an dem „schnellen Sommerprojekt“ der St. Thomas Guild orientiert, allerdings einige Maße verändert und die Füße nicht senkrecht, sondern leicht ausgestellt integriert.

Mit dem Ergebnis bin ich recht zufrieden. Der Tisch steht erstaunlich stabil und sieht dabei durchaus ansprechend aus, wenngleich ich ihn vielleicht noch beizen oder farbig fassen und eventuell auch einen gotischen Dreipass in die Vorderfüße einsägen werde.
Sollte ich einmal ein weiteres Exemplar anfertigen, werde ich die Leisten an der Unterseite der Tischplatte so anordnen, dass sich die Füße dazwischen passend verstauen lassen.
Doch zuvor steht der Bau eines historisch korrekt(er)en Ensembles auf dem Plan – das nächste Winterprojekt …

Abmessungen:

  • Höhe der Füße: 80 cm
  • Breite unten: 40 cm
  • Breite oben: 10 cm
  • Länge der Auflagen: 55 cm
  • Tischplatte: 60 x 150 cm

 

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