Heiner Lück: „Der Sachsenspiegel“

Heiner Lück:

Heiner Lück: „Der Sachsenspiegel“, Darmstadt: wbg 2022.

„Das berühmteste deutsche Rechtsbuch des Mittelalters“ (Untertitel) ist in rund 470 handschriftlichen Textzeugen überliefert, darunter vollständige Ausgaben, einzelne Lagen oder Blätter, Fragmente und vor allem vier Bilderhandschriften, die heute in Oldenburg, Heidelberg, Wolfenbüttel und Dresden aufbewahrt werden. Entstanden ist der „Spiegel der Sachsen“ um 1220-1235 vermutlich im Harzvorland. Im Auftrag des Grafen Hoyer II. von Falkenstein (1211-1250) schrieb Eike von Repgow (um 1180-nach 1233) die damals geltenden Rechtsgewohnheiten der Region nieder, aufgeteilt in die beiden Bereiche Landrecht und Lehnrecht.
Der Autor war kein gelehrter Jurist, wie auch die Richter seiner Zeit ihre Autorität ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrer Ernennung oder Wahl verdankten, nicht einem akademischen Studium. Ihnen sollte der Sachsenspiegel quasi als Leitfaden oder Nachschlagewerk dienen, doch wenngleich Verwendungszweck und geographischer Geltungsbereich damit eigentlich sehr beschränkt waren, entwickelte Eikes Kompendium eine erstaunliche Wirkung, die weit über das Siedlungsgebiet der Sachsen hinausreichte und über Jahrhunderte andauerte.

Nicht nur die Tatsache, dass Eike sein Werk auf Deutsch verfasste, was zu seiner Zeit einen absoluten Ausnahmefall darstellte, sondern auch sein Inhalt macht den Sachsenspiegel heute zu einer überaus wertvollen Quelle nicht nur der Rechts-, sondern ebenso der Alltags-, Sozial-, Geistes- und Kulturgeschichte.
Die in ihm niedegelegten Regelungen betreffen das gesellschaftliche Zusammenleben von Nachbarn und Angehörigen unterschiedlicher Stände, das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt, Fragen der Herrschaft und des Eigentums, Erbschaftsverhältnisse, Verbrechen, Sühne, Strafe, Rache und zahlreiche weitere Aspekte des menschlichen Daseins. Im Lehnrecht, das vornehmlich Formen der Lehnsübertragung sowie Rechte und Pflichten von Lehnsherren und Vasallen darlegt, scheinen darüber hinaus Eikes Vorstellungen von der göttlichen Ordnung der Welt und der Gesellschaft sowie von der gerechten Herrschaft durch.

Der renommierte Rechtshistoriker Heiner Lück widmet sich diesem bedeutenden Werk in angemessener Breite und Tiefe auf verständliche, aber keinesfalls oberflächliche Weise. Am Anfang seiner Betrachtungen stehen Fragen zur Entstehung des Sachsenspiegels, zu den beteiligten Persönlichkeiten, zur Überlieferung der Text- und Bildzeugen sowie zur Rechtsauffassung der Zeit.
Die folgenden Kapitel behandeln die Regelungen des Sachsenspiegels zu verschiedenen Rechtsinstitutionen, Lebensbereichen und Alltagssituationen, von der „Verfassung“ des Reiches und das Gerichts- und Lehenswesen über Familie, Ehe, Erbschaften, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Kirch-, Markt- und Burgfrieden oder den Zehnt bis hin zum Aufenthalt im Badehaus.

Die von Eike aufgezeichneten Normen entstammen dem Gewohnheitsrecht, wie es über Jahrzehnte und Jahrhunderte praktiziert und in Gerichtsurteilen und Schiedsprüchen immer wieder erneuert und bestätigt wurde. Diese Spruchpraxis geriet allerdings zur Zeit der Entstehung des Sachsenspiegels zunehmend in Konflikt mit der neuen gelehrten Auffassung des Rechts, die sich durch die Rezeption des römischen Rechts und die formalisierte juristische Ausbildung an Hochschulen, allen voran Bologna, allmählich auch im Heiligen Römischen Reich ausbreitete.
Im Kapitel „Der Weg in die Moderne“ befasst sich Lück mit Versuchen, die beiden Rechtstraditionen in Einklang zu bringen, wobei insbesondere die Person des Juristen Johann von Buch im Vordergrund steht.

Viele Regelungen des Sachsenspiegels finden sich jedoch auch noch viele Generationen später in verschiedenen Rechtstexten wieder, wobei vorrangig das Magedeburger Stadtrecht eine entscheidende Rolle gespielt hat. Im Zuge der Ostkolonisation wurde es zahlreichen neu gegründeten Städten „zwischen Elbe und Dnjepr“ verliehen und verbreitete sich von dort aus weiter.
Auf diesen Transfer geht Lück ausführlich ein, denn er war ein wichtiger Bestandteil einer im 19. und frühen 20. Jahrhundert von deutschen Nationalisten und später den Nationalsozialisten betriebenen Instrumentalisierung angeblicher „Kulturleistungen“, die von Deutschland aus den Osten „zivilisiert“ hätten. Auch die Sachsenspiegelforschung wurde in diesem Sinne vereinnahmt, wie Lück in einem weiteren Kapitel aufzeigt.
Den Abschluss seiner Betrachtungen bildet die Frage, welche Spuren des mittelalterlichen Gewohnheitsrechts, wie es Eike von Repgow im 13. Jahrhundert niedergeschrieben hat, sich heute noch in Gesetzen und Rechtsprechung finden lassen. Die Antwort ist überraschend vielfältig und betrifft nicht nur das Erbrecht, das Nachbarrecht und andere Teile des Bürgerlichen Gesetzbuchs, sondern auch die Straßenverkehrsordnung und sogar das Strafprozessrecht.

Das Werk Eikes von Repgow lässt sich also ohne Übertreibung als epochale Leistung qualifizieren, die auch rund 800 Jahre später noch nachwirkt. Zu seiner Popularität dürften auch die bebilderten Ausgaben beigetragen haben, die viele im Text erläuterte Regelungen anschaulich machen und den Nutzern die Orientierung sowie die Memorisierung erleichterten. Heute verraten uns die teils Comic Strip-artigen Bilder zudem viel über die spätmittelalterliche Gesellschaft, verschiedene Lebenssituationen, Alltags- und Gebrauchsgegenstände und vieles mehr. Viele von ihnen dienen im vorliegenden Werk der Illustration einzelner Abschnitte.
Wer sich für mittelalterliche Geschichte interessiert, sollte mit Entstehung, Inhalt und Bedeutung des Sachsenspiegels zumindest in groben Zügen vertraut sein – und findet zu diesem Zweck in Heiner Lücks Werk eine erstklassige Einführung auf dem neuesten Stand der Forschung. Der Text ist verständlich und informativ zu lesen, Sonderseiten gehen auf wichtige Konzepte wie die Heerschildordnung oder die Zweischwerterlehre ein und stellen wichtige Persönlichkeiten wie Eike selbst, die Kaiser Karl und Friedrich II. oder Johann von Buch vor.
Im Anhang finden sich neben einer ausführlichen Bibliographie auch ein Personen- und Ortsregister sowie ein nützliches Glossar.
Gemessen an Inhalt, Umfang und Aufmachung des Buches stellt der Preis von € 38,- eine absolut lohnenswerte Investition dar.

Darmstadt: wbg 2022. Geb., 176 S., 120 farbige Abb. ISBN 978-3-534-27430-7- € 38,-.

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