Mittelalter im deutschen Fernsehen – Zum Zweiten

Im April dieses Jahres habe ich mich in einem Blog-Beitrag kritisch mit der Darstellung des Mittelalters im deutschen Fernsehen auseinandergesetzt. Anlass war damals eine als „Doku-Drama“ angepriesene Produktion über Karl den Großen auf ARTE gewesen, und ich war beileibe nicht der Einzige, der im Netz seinem Unmut Luft gemacht hat.

Haben die TV-Sender bzw. die von ihnen beauftragten PR-Agenturen daraus gelernt und wollen derartige Reaktionen in Zukunft vermeiden? Vergangene Woche erhielt ich ein persönliches Anschreiben einer solchen Agentur, das sich explizit auf meine Kritik vom April 2013 bezog. Gerade aufgrund meiner dort geäußerten Bedenken sei man nun besonders an meiner Meinung in Bezug auf das historische TV-Event zum Jahresbeginn 2014 interessiert.

Selbstverständlich ist es schmeichelhaft, auf diese Weise umworben zu werden. Ebenso selbstverständlich war ich nicht der Einzige Blogger, der ein entsprechendes Schreiben erhielt, und die geschätzten Kollegen Hiltibold und Markus Zwittmeier (trebur.de) haben bereits in deutlichen Worten zum Ausdruck gebracht, was sie von derlei Schmeicheleien und Annäherungsversuchen halten.

Ich muss gestehen, dass meine Position eine etwas andere ist. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Verfilmung eines Romans von Iny Lorentz (die mittelalterkundige Leser und Fernsehzuschauer zuletzt mit „Die Wanderhure“ beleidigt hat) lässt mich nichts Gutes ahnen, und die mitgesandten Presse-Bilder machen deutlich, dass die Produktions- und Kostümdesigner wieder einmal darauf verzichtet haben, zeitgenössische Quellen oder seriöse Untersuchungen zu Kleidung und Ausstattung des Mittelalters zu konsultieren. *seufz*

Auch die erklärte Absicht des ZDF, „mit „Die Pilgerin“ ein wildes, ungeschminktes Bild des Mittelalters zeigen“ zu wollen, trägt nicht dazu bei, die Sorgenfalten auf meiner Stirn zu glätten. Statt polierter Rüstungen also Schmutz, Armut und Hunger – von einem Extrem ins andere.

Dennoch bin ich bereit, mir das Werk anzusehen und meine Meinung darüber an dieser Stelle kundzutun. Ja, wahrscheinlich wird meine Reaktion vorhersehbar sein, da mache ich mir keine Illusionen und habe wenig Hoffnung, positiv überrascht zu werden. Wenn schon die Romanvorlage als pseudo-feministische Schmonzette im pseudo-historischen Ambiente gelten muss, ist kaum damit zu rechnen, dass ausgerechnet das ZDF daraus solides Geschichts-TV machen wird.

Aber: Wenn sich Historiker, Reenactor, Hobbyisten von vornherein jedem Dialog verweigern, wird sich nie etwas ändern. Man hat mich um meine Meinung gebeten, und die soll man bekommen. Ja, natürlich wäre es schön und sinnvoll, VOR Beginn der Dreharbeiten gefragt bzw. als Berater hinzugezogen zu werden, aber jeder (lange) Weg beginnt mit einem ersten Schritt …

Die Qualität der Geschichts- und insbesondere der Mittelalterdarstellung im deutschen Fernsehen kann sich nur verbessern, wenn Historiker, Reenactor und TV-Macher zusammenarbeiten. Dazu müssen letztere bereit sein, Kontakt aufzunehmen, bevor es zu spät ist, und das Wissen, die Ansichten und Einwände der Experten ernst zu nehmen und so gut wie möglich umzusetzen. Erstere müssen jedoch ebenso bereit sein, sich auf diesen Dialog einzulassen und ihr Wissen zur Verfügung zu stellen!

Letztlich gilt jedoch (für mich), was ich bereits im April an dieser Stelle schrieb:

„Aufgabe von Spielfilmen und Fernsehserien ist nun mal Unterhaltung, nicht Aufklärung.“

Fiktionale Geschichten in einem historischen Umfeld sollen in erster Linie spannend und unterhaltsam erzählt sein, wenn dann noch die Ausstattung stimmig ist, umso besser. Wenn nicht, sollte man zumindest einmal klären, woran das liegt: Unwissenheit? (Sehr wahrscheinlich.) Desinteresse? (Offensichtlich.) Überheblichkeit („Es wird schon keiner merken …“)? (Nicht auszuschließen.)

Die Punkte 2 und 3 erfordern einen Gesinnungswandel auf Seiten der verantwortlichen Film- und Fernsehproduzenten. Gegen Punkt 1 kann man etwas unternehmen. Ich stehe zur Verfügung …

3 Gedanken zu „Mittelalter im deutschen Fernsehen – Zum Zweiten

  1. Hallo Jan,
    In Teilen stimme ich Dir zu, auch wenn mein Blogeintrag vielleicht etwas anderes vermitteln könnte. Wir müssen aber differenzieren zwischen der Marketing/PR-Schiene auf der einen Seite, also im jetzigen Fall Werbung für die Pilgerin zu fahren, denn auf nichts anderes läuft es hinaus und einer möglichen Nachfrage im Vorfeld einer Produktion.

    Im jetzigen Fall können wir nichts mehr am Endergebnis ändern (Hiltibold beschrieb dies schön mit dem Ben Hur Beispiel) , wir werden uns also nur ärgern, gleichzeitig aber die Sendedaten ins Netz tragen, wodurch es Werbung bleibt.

    Etwas anderes wäre eine Anfrage im Vorfeld einer Produktion. Nun würde ich wohl auch immer bei einer „Event-Filme-Geschichte“ dankend ablehnen, bei einer Produktion im Terra-X Stil aber vielleicht ja sagen. Trotz aller Bedenken bei denen haben sie doch einiges für mein Geschichtsinteresse getan und ich will hier nicht die Hoffnung auf die Öffentlich-Rechtlichen aufgeben.

    Im Übrigen möchte ich nicht ausschließen das ich nach dem(!) der Film gezeigt wurde doch etwas darüber schreibe. Bloß ich möchte unter gar keinen Umständen vorher etwas schreiben. (siehe Werbung oben)

    Letztendlich ist nicht der Film als solches mein Problem. Ich schaue auch für meine Leben gerne Star Trek und Star Wars, liebe Dune, Willow und Herr der Ringe, egal wie unrealistisch es sein mag. Es sind vielmehr die Deklarationen die PR-Menschen diesen Produktionen verpassen, wenn sie vom ungeschminkten Mittelalter schreiben und dann denken unsereins auch noch für ihre Werbung benutzten zu können.
    Was ich mir aber gut vorstellen könnte wäre zum Beispiel wenn das ZDF in diesem Fall oder bei „die Deutschen“, die ARD bei Karl dem Großen“ usw. eine Art „Sammlung von Meinungen“ einrichten würde, zu denen Leute wie wir jeweils einen gesitteten Beitrag mit Pros, Cons, Verbesserungen, Richtigstellungen usw. als Aufsatz liefern könnten. Also als Ergänzung und Serviceleistung quasi. Also in etwa wie bei den Deutschen damals die Diskussionsrunde im ZDF Nachtstudio nur als Aufsätze. (Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=6g-x23CSORI )

    Gruß Markus
    PS: Ich könnte mir übrigens auch einen super spannenden Film über z.B. Heinrich IV. vorstellen, der historisch korrekt ist! Alles drin, Action, Sex, Verschwörung Krieg… 😉

    • Lieber Markus,

      da muss wiederum ich Dir Recht geben: Natürlich muss man unterscheiden! Und ich habe keinen Zweifel, dass JEDE/R Geschichtsinteressierte sich wünschen würde, TV-Produzenten würden VOR bzw. WÄHREND den Dreharbeiten jemanden konsultieren, der sich damit auskennt, anstatt sich hinterher Claqueure zu suchen, die legitimieren sollen, was sie nicht mehr ändern können!
      Aber ich bekomme ja z.B. auch Bücher zur Rezension zugesandt – die sind dann auch fertig geschrieben und gedruckt und stehen kurz vor der Veröffentlichung. Egal was ich schreibe, ich kann nichts mehr daran ändern. Natürlich hofft man immer, dass das Werk etwas taugt, denn man will ja seine Zeit nicht damit vergeuden, Mist zu lesen. Die Kritik erscheint aber auf jeden Fall, egal ob das Buch dabei gut oder schlecht wegkommt – das ist das Risiko, das der Verlag eingeht. (Wie oft habe ich den vergangenen Jahren schreiben müssen: „Ein Lektorat hätte dem Werk gut getan!“ …).
      Und so sehe ich das in diesem Fall auch: Ich werde mir „Die Pilgerin“ ansehen, ich werde auf eine angenehme Überraschung hoffen, ich werde höchstwahrscheinlich enttäuscht werden, und ich werde hinterher meine Meinung dazu kundtun. Ist das Werbung? Hm, vielleicht schon, in dem Sinne, dass jede öffentliche Erwähnung und Diskussion auch immer eine gewisse Werbewirkung erzeugt.
      Aber wenn es dazu beiträgt, die Diskussion über Qualität historischer Darstellung im Fernsehen in Gang zu bringen bzw. am Laufen zu halten und vielleicht zu erweitern, dann nehme ich eine überschaubare Werbewirkung für den Film gerne ich Kauf.

      Dein Vorschlag gefällt mir gut – wollen wir also hoffen, dass Verantwortliche bei ARD und ZDF diese Diskussion verfolgen und Deine Idee aufnehmen. Es gibt SO viele Möglichkeiten, Geschichte im Fernsehen spannend, unterhaltsam UND wissenschaftlich korrekt zu präsentieren – und das muss nicht einmal teuer und aufwändig sein! Die Engländer machen es seit Jahren vor …

      Ich bin selbst als Jugendlicher von der Fantasy-Literatur zum Mittelalter gekommen. ALLES, was Menschen irgendwie zur Geschichte bringt, ist gut und wertvoll – doch wenn das Interesse erst geweckt ist, dann darf es nicht bei Iny Lorentz, Königreich der Himmel, Trinkhorn und Steckstuhl stehen bleiben. Dann muss man die Menschen an der Hand nehmen und sanft, aber bestimmt in die korrekte Richtung führen – und dort muss ein ausreichendes Angebot von hinreichender Qualität zur Verfügung stehen. Es braucht einfach Engagement von verschiedenen Akteuren auf verschiedenen Ebenen, jede/r auf seine Weise, aber gemeinsam für das gleiche Ziel.

      P.S.: Heinrich IV? Mist, ich habe noch nicht mal I-III gesehen … 😉

  2. Pingback: “Die Pilgerin”: Das Fernsehen und das Mittelalter, eine unendliche Leidensgeschichte | blog.HistoFakt.de

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