"Die Pilgerin": Das Fernsehen und das Mittelalter, eine (unendliche?) Leidensgeschichte

Nun habe ich es also getan: Ich habe mir „Die Pilgerin“, den „historischen ZDF-Jahresauftakt“, das „spätmittelalterliche TV-Event des Jahres“ angesehen. Naja, zumindest den ersten Teil. Wahrscheinlich werde ich noch einige Zeit brauchen, um mich davon zu erholen. Den zweiten Teil werde ich mir ersparen – dafür ist mir meine Zeit zu kostbar.

Wie ich schon im November schrieb, ließ mich die Verfilmung eines Romans von Iny Lorentz nichts Gutes ahnen. Große Erwartungen hatte ich also nicht, aber vielleicht insgeheim die Hoffnung, nicht allzu sehr enttäuscht zu werden. Vergebens! Mit dieser unerträglichen Fantasy-Schmonzette hat das leidige Thema „Mittelalter im deutschen Fernsehen“ einen traurigen neuen, fast nicht mehr zu unterbietenden Tiefststand erreicht!

Doch der Reihe nach. „Die Pilgerin“ spielt im Jahre 1368 – zumindest behauptet das eine entsprechende Einblendung zu Beginn des Films (siehe Screenshot). Genauso gut könnte dort stehen „Im Jahre 54.629 auf dem fernen Planeten Zork“ oder „Es war einmal, vor langer Zeit, in einer weit entfernten Galaxis …“
In der fiktiven Reichsstadt Tremmlingen stirbt jedenfalls der reiche Kaufmann Willinger (Uwe Preuß). Sein Sohn Otfried (Volker Bruch) nimmt daraufhin die Nichte des Erzfeindes Veit Gürtler (Dietmar Bär) zur Frau und verheiratet seine Schwester Tilla (Josefine Preuß) mit deren fiesem Onkel selbst. Zu Tillas Glück stirbt ihr Gatte noch in der Hochzeitsnacht an Herzinfarkt, sie schneidet sich daraufhin die Haare ab und macht sich – solchermaßen als Mann „getarnt“ – auf den Weg nach Santiago de Compostela, um dort das Herz ihres Vaters in geweihter Erde zu begraben – verfolgt vom Bruder ihres Verlobten und dem Bastardsohn des verstorbenen Gürtler.

Angeblich spielt die Geschichte im Jahr 1368 n. Chr. Von Mittelalter keine Spur …

Angeblich spielt die Geschichte im Jahr 1368 n. Chr. Von Mittelalter keine Spur …

Die Story

Natürlich hat die Religionswissenschaftlerin Greta Austin recht, wenn sie in ihrem Essay „Were the Peasants Really So Clean? The Middle Ages in Film“ (Film History 14,2 (2002), S. 136-141) feststellt, dass Mittelalter-Filme in der Regel moderne Geschichten und Probleme in historischem Gewand erzählen. Sie hat auch recht damit, dass das in der Regel kein Problem darstellen muss, sondern interessante neue Perspektiven eröffnen kann. Historische Epochen sind ebenso Projektionsflächen für heutige Sorgen, Sehnsüchte, Nöte, Wünsche, Hoffnungen, wie fremde Planeten und ferne Galaxien es sind.
Leider bietet „Die Pilgerin“ aber weder interessante, neue Perspektiven noch ein historisches Gewand, sondern lediglich eine mehr oder weniger beliebige, pseudo-feministische, vollkommen unhistorische Emanzipationsgeschichte, die so oder so ähnlich auch zu jeder anderen Zeit, an nahezu jedem anderen Ort spielen könnte – und tatsächlich so oder so ähnlich, zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten bereits oft genug erzählt worden ist, nicht zuletzt von Iny Lorentz selbst.

Zugegeben, ich kenne die Romanvorlage nicht. Allerdings gehe ich davon aus, dass die Verfilmung dem Buch hinsichtlich der Story weitestgehend gerecht wird. Die Mängel der Geschichte sind also wohl in erster Linie dem Autorenehepaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath anzukreiden.
Wie sehr Figuren und Geschichte der Moderne verhaftet sind, wird nicht zuletzt deutlich an Aussagen wie jener eines Angehörigen der Pilgergruppe, der im Hinblick auf seine Motivation für die Pilgerfahrt sagt: „Eigentlich weiß ich auch nicht so genau, warum ich das hier mache.“ Wahrscheinlich musste er einfach mal raus aus dem Alltag, litt an Burnout, wollte mal was anderes sehen als nur die heimische Schmiede und machte sich daher einfach mal auf den einige tausend Meilen langen Fußmarsch nach Santiago …

Doch mal ehrlich: Warum muss das Mittelalter als Projektionsfläche für ein solches Selbstfindungsmärchen herhalten, wenn sich die Verantwortlichen – von Autoren über Ausstatter, Kostüm- und Szenenbildner bis hin zu Produzenten und Regisseur – nicht einmal ansatzweise Mühe geben, diese Epoche zu erfassen, zu verstehen und halbwegs realistisch darzustellen?

Los geht’s!

In der Anfangsszene geht Tilla, die minderjährige Tochter eines Kaufmanns, mithin eine in der Stadt aufgewachsene Bürgerstochter, auf Wildschweinjagd. Allein. Sie erlegt die Sau mit einem (!) gezielten Pfeilschuss und schleppt sie dann (allein!) aus dem Wald zurück in die Stadt – offenbar heimlich vorbei an jeglichen Wachen, die sie der Wilderei bezichtigen könnten.
Liebe Kinder: Don’t try this at home! Nicht umsonst haben Autoren wie Gaston Phoebus im 14. Jahrhundert Bücher über die Kunst der Jagd verfasst und beschrieben, wie Wildschweine von mehreren Männern mit dem Sauspieß zu erlegen sind.

Ein in Leder gewickelter Recurve-Bogen. Ein Rückenköcher. Frontal mit Kreuzschnürung verschlossene Hemden und Leibchen, wohin man blickt. Ein Adeliger, der in einer Kutsche reist. Spätantike Spangenhelme in Kombination mit Hellebarden des 15.-16. Jahrhunderts in den Händen der Wachen, die auf dem natürlich vollkommen unstrukturierten, dreckigen Marktplatz von grob zusammengezimmerten Ständen patrouillieren … Wohlgemerkt: Das alles und mehr in den ersten 10 Minuten des Films!

Später schleppt dann eine bunt zusammengewürfelte Pilgergruppe ein mannshohes Holzkreuz durch die Gegend. Warum? Offenbar nur, weil die Autoren meinten, das gehöre sich so – auch wenn mir persönlich kein einziger mittelalterlicher Pilgerbericht bekannt ist, der eine derartige sinnlose Praxis erwähnen würde.
Stattdessen ist in den Quellen häufig davon die Rede, dass Frauen in großer Zahl auf den Pilgerwegen unterwegs waren – ohne sich die Haare abzuschneiden oder sich als Mann zu verkleiden, was nicht nur als Sünde galt, sondern sich unter Umständen auch noch als strafbewehrtes Vergehen interpretieren ließ (wenngleich cross dressing natürlich ein beliebter literarischer Topos ist und war, bereits im Mittelalter – vgl. z.B. Debbie Kerkhof: Transvestite Knights. Men and Women Cross-Dressing in Medieval Literature. Master-Arbeit, Universität Utrecht, 2013).

Mittelalter?

Jetzt wissen wir’s also mal wieder: Das Mittelalter war schmutzig, elend, primitiv! Dass die Bauern zu sauber wären, wie von Greta Austin im Hinblick auf verschiedene Historienfilme bemängelt, kann man der „Pilgerin“ nun wirklich nicht vorwerfen. Selbst der reiche, mächtige Kaufmann Willinger, der es sich leisten kann, sein Haus mit Glasfenstern auszustatten und sogar tagsüber mit Dutzenden feinster Wachskerzen zu erleuchten, haust umgeben von nackten, unverputzten, grob behauenen Natursteinmauern.

Sein Widersacher, der unrasierte Veit Gürtler – ebenfalls ein reicher, mächtiger Kaufmann! – scheint konsequenterweise gleich eine Art Höhle zu bewohnen, in der eine hübsche Sammlung von Helmen und Stangenwaffen des 15. und 16. Jahrhunderts zur Schau gestellt ist. Naja, sein Bastard-Sohn nimmt immerhin an ritterlichen Turnieren teil, da wird eine solche Waffensammlung wohl zum guten Ton gehören …

Von links: Moderne, mit Glasfaser belegte Flachbögen mit Pfeilauflage. Dutzende von Kerzen. Fiesling, zu erkennen an der schwarzen Lederkluft.

Von links: Moderne, mit Glasfaser belegte Flachbögen mit Pfeilauflage. Dutzende von Kerzen. Fiesling, zu erkennen an der schwarzen Lederkluft.

Inmitten von Dreck, Unrat, unverputzten Lehm- und Steinwänden, primitiven, windschiefen Strohhütten und anderen Hinweisen auf die schrecklichen, elenden Lebensbedingungen, die nach Ansicht der Filmemacher in einer Reichsstadt des Jahres 1368 geherrscht haben müssen, fallen die seidig glänzenden, stets perfekt frisierten Haare der Hauptdarsteller natürlich besonders ins Auge. Die Bader und Barbiere von Tremmlingen müssen – im Gegensatz zu den Baumeistern und anderen Handwerkern – wahre Meister ihres Fachs gewesen sein!

Erstaunlicherweise scheinen einige der zahlreichen, im Hintergrund der Stadtszenen hin und her wuselnden Komparsen besser – will sagen: authentischer – ausgestattet zu sein als die Hauptfiguren. Da hat man sich wohl der einen oder anderen living history-Gruppe bedient.

Männer?

Wie die Hexe (natürlich gibt es eine Hexe, das Mittelalter war voll von ihnen!) so richtig feststellt, sind Männer immer nur hinter dem einen her. Wenn sie nicht gerade nach Geld und Macht gieren. Ungehobeltes, ungepflegtes Pack ohne Manieren – und ohne Kopfbedeckungen, die im 14. Jahrhundert offenbar nicht üblich waren, ungeachtet der zahllosen zeitgenössischen Abbildungen, die etwas anderes nahe legen.
Dafür tragen die Männer im Film natürlich Hosen und keine Beinlinge, und die Fiesen erkennt man gleich an ihrem Sado-Maso-Outfit aus schwarzem Leder.
Und wenn man in schwarzes Leder gekleidet mit einem mannslangen Schwert auf dem Rücken (!!!) durch die Gegend läuft, kommt man natürlich auch damit durch, vor den Augen eines ganzen Dorfes das Pferd eines Anderen zu erstechen. Das Mittelalter war bekanntlich gewalttätig, roh und gesetzlos!

Fazit

Ich könnte noch seitenlang so weiter machen, doch dann würde dieser Beitrag genauso langweilig wie „Die Pilgerin“. Denn obwohl die meisten der Hauptdarsteller ihren Job durchaus gut machen, fällt es schwer, sich mit einer der Figuren zu identifizieren, Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen oder gar mitzufiebern. Zu blass sind etwa die Angehörigen der Pilgergruppe gezeichnet, zu austauschbar die Charaktere, zu beliebig die Geschichte und ihre Konfliktchen.

Das alles könnte mir egal sein, wenn dieses Machwerk von vornherein als das angepriesen worden wäre, was es nun einmal ist: eine Fantasy-Schmonzette. Doch stattdessen warb das ZDF mit Begriffen wie „historisch“ und „Mittelalter“, das man „wild und ungeschminkt“ darstellen wollte. An den eigenen Ansprüchen wird sich der Sender daher messen lassen müssen, und daher kann das Urteil nur lauten: Auf ganzer Linie versagt! Nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS ist an diesem Film mittelalterlich, weder Geschichte noch Figuren noch Ausstattung, Kostüme, … Wo sich einzelne historische Objekte ins Szenenbild verirrt haben, sind sie bunt zusammengewürfelt: Spangenhelme, Eisenhüte, Hellebarden, Kutschen – das ist doch irgendwie alles „Mittelalter“ oder nicht?

Nein, es ist bestenfalls Grobmittelalter, wie man es auf einem durchschnittlichen „Mittelalter“markt nicht schlimmer antreffen könnte! Dass ein derartiger Unsinn wie „Die Pilgerin“ durch Rundfunkgebühren finanziert, aufwändig produziert und als „historischer Abenteuerfilm“ in einem öffentlich-rechtlichen TV-Sender ausgestrahlt werden konnte, zeugt nicht nur von fehlendem Respekt vor der Geschichte und mangelnder Ernsthaftigkeit der Verantwortlichen. Es ist vielmehr eine Beleidigung intelligenter, gebildeter, historisch interessierter Zuschauer (von denen das ZDF allerdings nicht mehr allzu viele haben dürfte …)!

Es ist ja nicht so, dass das Mittelalter ein schwarzes Loch der Geschichtsschreibung wäre. Es ist ja nicht so, dass nicht dutzende, hunderte zeitgenössischer Text- und Bildquellen frei zugänglich zur Verfügung stünden, die als Vorlage dienen könnten, ein zumindest im Rahmen der technischen Möglichkeiten und innerhalb der Grenzen des Machbaren authentisches Bild jener Zeit zu rekonstruieren. Hunderte von Privatleuten, reenactors mit begrenztem Budget tun es – warum ist das ZDF mit seinen GEZ-Millionen nicht dazu in der Lage?

Es ist ja nicht so, dass in den vergangenen 10, 20, 50, 100 Jahren nicht unzählige fundierte Untersuchungen zu praktisch allen Aspekten mittelalterlicher Geschichte veröffentlich worden sind. Diese ebenso zu ignorieren wie die verfügbaren Quellen oder das Bemühen historischer reenactor zeugt von völliger Ignoranz, von Geringschätzung historischer Forschung seitens der Macher dieses und vergleichbarer Filme, vom fehlenden Willen, die Zeit, ihre Erforschung und moderne Repräsentation ernst zu nehmen. Filme (und Romane) wie „Die Pilgerin“ sind ein Schlag ins Gesicht aller, die sich tagtäglich bemühen, das Mittelalter in all seinen spannenden, widersprüchlichen, bunten Facetten zu erkunden und darzustellen, sei es in Form historischer Forschung, in Museen oder als living history.

Die Verwendung des Etiketts „Mittelalter“ in einem solchen Zusammenhang erfüllt geradezu den Tatbestand der böswilligen Täuschung, um nicht zu sagen: des Betrugs! Nun, das Mittelalter kann sich nicht wehren und es ist kein geschützter Begriff, was anscheinend dazu berechtigt, ihn in beliebiger Weise zu missbrauchen.
Kurzum: Dieses unsägliche Machwerk ist eine Katastrophe, eine Schande, eine Unverschämtheit, eine Beleidigung! Es ist unverantwortlich und in höchstem Maße empörend, zwangsweise erhobene Rundfunkgebühren dergestalt zu missbrauchen, um ein vollkommen realitätsfernes, frei erfundenes Bild einer vergangenen Epoche zu zeichnen und dieses mit dem Etikett „Mittelalter“ zu versehen. Ich fühle mich verhöhnt, betrogen und beleidigt – als Fernsehzuschauer und Gebührenzahler ebenso wie als Historiker und Mediävist!
Das ZDF sollte sich schleunigst bei seinen Zuschauern entschuldigen und Wiedergutmachung leisten.

 

P.S.: Natürlich ist das meine persönliche Meinung, mit der ich allerdings nicht alleine stehe. Deutlich äußert sich etwa auch die F.A.Z., die unlängst bereits sehr pointiert das fehlende Niveau der Geschichtssendungen im ZDF auf’s Korn genommen hat:

T-Online findet den Film „nicht überzeugend“ und spricht von „Mittelalter-Klischees“:

„Die Welt“ hingegen findet den Film – im Gegensatz zum Buch – recht gelungen:

„Der Spiegel“ stört sich mehr an der Trivialität der Vorlage als an der filmischen Umsetzung und meint: „Natürlich malt auch „Die Pilgerin“ an einem „idealisierten“ Bild des Mittelalters“, findet das aber nicht so schlimm: „An mangelnder Akkuratesse im Detail aber sollten sich nur miesepetrige Mediävisten oder fanatische Rollenspieler stören.“ Ach, wenn es nur Details wären!

Und chronico.de erklärt ausführlich, warum „Die Pilgerin“ scheitert:

4 Gedanken zu „"Die Pilgerin": Das Fernsehen und das Mittelalter, eine (unendliche?) Leidensgeschichte

  1. Also, ich fand „Dir Wanderhure“ schon schlimm umgesetzt, jedoch Die Pilgerin schlagt dem Fass den Boden aus …
    Solch ein langatmiger, depressiv-manischer „Dünnschiss“ – noch dazu finanziert von erpressten Teuros der Zuschauer ist echt eine Ftechheit.
    Nach 15 min weggeschalten …
    Schähmt euch!

  2. Ich habe mir den Film nicht angeschaut, weil ich erstens so ähnliche Dinge befürchtete (obwohl der Film nach dieser Beschreibung meine Befürchtungen noch weit unterbietet) und zweitens Kinderkrimis und Märchenverfilmungen im Allgemeinen glaubwürdiger finde als Historiendramen.
    Aber allein für diese wunderbar vernichtende Filmkritik hat sich jener Film doch schon gelohnt! Jedenfalls war es ein Genuß, sie zu lesen – erhöht durch das Wissen, daß man ganz recht hatte, den Film nicht zu sehen.

  3. Wenn bei uns demnächst wieder dieser Mittelalter-Romantikmarkt in der Stadt ist, bei dem sich die Mittelalterfreaks zwei Tage nicht waschen brauchen, mit Holzflöten quaken und mit brennende Fackeln vor dem alten Rathaus jonglieren, dann werde ich einen kleinen Stand aufbauen, und eine lateinische Summa theologiae feilbieten. Das wird dann das einzige dort sein, was autentisch mittelalterlich ist.

  4. Pingback: Fundstücke KW 2 | blog.HistoFakt.de

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