„Das große Buch vom Schwert“

Thomas Laible: Das große Buch vom Schwert, Wieland Verlag 2019.

Thomas Laible: Das große Buch vom Schwert, Wieland Verlag 2019.

Mit „Das Schwert – Mythos und Wirklichkeit“ veröffentliche Thomas Laible 2006 ein Werk, das für viele seiner zahlreichen Leserinnen und Leser den ersten Kontakt mit der Welt historischer Blankwaffen dargestellt haben dürfte. Auf fundierte, aber verständliche Weise erläuterte der Autor darin die historische Entwicklung, Herstellung, Rekonstruktion und Verwendung mittelalterlicher Schwerttypen, die Unterschiede zwischen Deko-, Schaukampf-, Fecht- und Filmschwertern und vieles mehr.
Das Buch ist seit einiger Zeit vergriffen, und mit Spannung wurde der bereits seit Längerem angekündigte Nachfolger erwartet. Nun ist „Das große Buch vom Schwert“ erschienen und richtet sich vornehmlich an die gleiche Zielgruppe: Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ein Interesse an historischen Schwertern haben und auf der Suche nach fundierten Informationen ohne zu viel wissenschaftlichen „Ballast“ sind. Nach Angaben des Autors beruht sein neues Werk zu einem großen Teil auf Fragen, Kommentaren und Wünschen, die von Leserinnen und Lesern von „Mythos und Wirklichkeit“ an ihn herangetragen wurden. Im Gegensatz zu diesem ist es stärker praxisorientiert, auch wenn viele Teile des Vorgängers in überarbeiteter (und gekürzter) Form übernommen wurden.

Recht ausführlich wird auf den ersten 80 Seiten auf Geschichte, Entwicklung und Herstellung von Katana, Wikinger- und mittelalterlichen Schwertern sowie etwas kürzer auf weitere Typen und spätere Formen von Blankwaffen eingegangen. Sehr erfreulich ist dabei die detaillierte Vorstellung der berühmten Typologie nach Ewart Oakeshott mit Beschreibungen und großformatigen Abbildungen moderner Reproduktionen der jeweiligen Idealformen. Auch räumt Laible mit einigen Mythen der Schwertherstellung und des ewigen Vergleichs zwischen japanischen und europäischen Schwertern auf. Sehr anschaulich ist dabei die Darstellung der unterschiedlichen Schmiede- und vor allem Härtevorgänge, die deutlich vor Augen führt, dass es sich um gänzlich verschiedene Waffen für stark voneinander abweichende Formen der Benutzung handelt.

Berühmten Filmschwertern ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das von den vergleichbaren Ausführungen in „Mythos und Wirklichkeit“ erheblich abweicht. Positiv ist zu werten, dass der Autor deutlich zwischen realistischen Formen und reinen Fantasy-Schwertern bzw. „Sword-like Objects“ („schwertähnliche Objekte“) unterscheidet, letzteren aber durchaus ein Existenzrecht als Dekowaffen oder als Ausdruck der Andersartigkeit entsprechender Welten in Film, Fernsehen und Comic einräumt.
Sehr informativ ist das Kapitel über moderne Herstellungsweisen von Schwertern für unterschiedliche Verwendungszwecke, z.B. Dekoration, Schaukampf, Sammeln, historisches Fechten oder Schnitttests. Die Übersicht verschiedener Stähle mit ihren spezifischen Eigenschaften gibt Leserinnen ud Lesern ein wichtiges Kriterium an die Hand, um das geradezu unüberschaubar gewordene Angebot moderner Schwerter einzuordnen.
Kapitel 7 bietet dann eine ausführliche Kaufberatung, beschreibt Qualitätsmerkmale und einfache Prüfverfahren unter dem Gesichtspunkt des geplanten Verwendungszwecks. Welche Kriterien ein geeignetes Schwert für das Training historischer Kampfkünste erfüllen sollte, wird in einem eigenen Kapitel noch einmal detailliert ausgeführt.

Eine 10seitige alphabetische Übersicht nennt anschließend die bekanntesten Hersteller von Schwertern für Sammler, historische Fechter, Schaukämpfer, sowie LARP-, Japan- und Fantasy-Fans. Dabei geht Laible auch in aller Kürze auf typische Merkmale, Stärken und Schwächen sowie das Preisniveau ein, so dass den Leserinnen und Lesern wichtige Anhaltspunkte für die eigene Recherche an die Hand gegeben werden. Zwar kann eine solche Übersicht immer nur eine Momentaufnahme und naturgemäß unvollständig sein. Es überrascht aber doch, dass z.B. der ungarische Hersteller Regenyei, der vor allem für seine Fechtfedern bekannt ist, die auf etlichen Turnieren bevorzugt eingesetzt werden, zwar anderswo im Text erwähnt wird, in der Auflistung aber ebenso fehlt wie die ebenfalls nicht ganz unbekannten Marken JINO (Jiri Novak) oder Berbekucz.
Analog zu den Serienproduzenten werden im Anschluss die „besten Schwertschmiede“ der Gegenwart vorgestellt. Auch diese Übersicht nennt die meisten bekannten Namen wie Peter Johnsson oder Stefan Roth, lässt aber z.B. den „Berggeist“ Jan-Peter Naujoks vermissen.

Naturgemäß ebenfalls nur eine Momentaufnahme, aber von größter Wichtigkeit angesichts immer wieder hochkochender Debatten und geplanter Verschärfungen des Waffenrechts ist die Übersicht „Das Schwert im Gesetz“. Gerade bei diesem Thema sind zahlreiche Mythen und Falschdarstellungen im Umlauf, die in der Praxis unangenehme Folgen haben können! Neben der Erwähnung und Auslegung der relevanten Paragraphen gibt Laible hier auch Tips für (rechts-)sicheren Transport und Aufbewahrung von Klingenwaffen.

Ein ausführliches Kapitel befasst sich mit Schnitttests, die im japanischen Schwertkampf schon lange verbreitet sind und sich auch unter Anhängern europäischer Kampfkünste wachsender Beliebtheit erfreuen. Neben zahlreichen Tips für die Praxis vom Autor geht der Fechtlehrer Stefan Dieke in einem Gastbeitrag auf den Zusammenhang zwischen solchen Schnittübungen an statischen Zielen und Techniken des bewaffneten Zweikampfs ein.
Abschließend sind zwei Kapitel der Pflege und dem Schärfen von Schwertern gewidmet, ersteres ein Thema, das auch unter aktiven Schwertfechtern gerne vernachlässigt wird. Laibles Ausführungen sind sehr nützlich und bieten Anfängern eine brauchbare Anleitung, doch wie der Autor selbst zugibt stellen sie „nicht die allein selig machende Weisheit“ dar. Anstelle der von ihm beschriebenen Methoden hat sich z.B. auch die Verwendung von Schleifschwämmen in der Praxis bewährt.
Auch beim Thema Schärfen werden etliche Mythen, Missverständnisse, Fehldarstellungen und – noch schlimmer! – Geheimtipps immer wieder aufs neue tradiert. Dankenswerterweise erklärt Laible die unterschiedlichen Verfahren des Schärfens mit Schneidfase bzw. „auf Null“ verständlich und liefert die entsprechenden Anleitungen. Und wer die vorangegangenen Abschnitte zur Schwertherstellung und über die Eigenschaften verschiedener Materialien aufmerksam gelesen hat, wird hoffentlich davon absehen, sein 100 Euro-Dekoschwert oder sein differentiell gehärtetes hochpreisiges Katana mit der Schleifmaschine zu ruinieren.

Insgesamt bietet „Das große Buch vom Schwert“ auf 220 Seiten eine Fülle nützlicher, hilfreicher und wertvoller Informationen – nicht nur für Einsteiger und potentielle Erstkäufer, sondern auch für fortgeschrittene Schwertbesitzer. Hervorzuheben ist die großzügige und qualitativ hochwertige Bebilderung, neben erstklassigen Fotos finden sich auch schematische Darstellungen etwa der Oakeshott-Typologie, von Knaufmontierungen, Klingenprofilen oder Schmiedemustern.
Das Literaturverzeichnis im Anhang ist etwas knapp ausgefallen, zumal die Zahl der veröffentlichten Werke zu Schwertern in den vergangenen Jahren – seit dem Erscheinen von „Mythos und Wirklichkeit“ – erheblich zugenommen hat. Ebenso wirken die Begriffe im zweiseitigen Index etwas willkürlich zusammengestellt. Doch von solchen kleinen Mängeln abgesehen ist der Gebrauchswert des Werkes sehr hoch einzustufen, die klare Systematik erleichtert das Nachschlagen, und Besitzer werden das Buch ohne Frage immer wieder zur Hand nehmen.
Die Anschaffung ist daher allen Schwertfans und solchen, die es werden wollen, unbedingt zu empfehlen! Auch Besitzer von „Mythos und Wirklcihkeit“ finden genügend neues Material, um den Kauf zu rechtfertigen.

Bad Aibling: Wieland-Verlag 2019. Geb., 224 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-938711-39-2. € 39,90.

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