Werner Meyer: Haferbrei und Hellebarde

Werner Meyer: Haferbrei und Hellebarde, Oppenheim: Nünnerich & Asmus 2021.

Werner Meyer: Haferbrei und Hellebarde, Oppenheim: Nünnerich & Asmus 2021.

Die Zahl der Einladungen, Einstiege und Einführungen ins Mittelalter auf dem Buchmarkt wird allmählich unüberschaubar. Bei jeder der jährlichen Neuerscheinungen stellen sich daher die gleichen Fagen: Warum? War das nötig? Was macht dieses Werk anders oder gar besser als die bereits existierenden?

Werner Meyer, ordentlicher Professor für Geschichte und Archäologie des Mittelalters an der Universität Basel, hat bereits 1985 unter dem Titel „Hirsebrei und Hellebarde“ eine Einführung in die mittelalterliche (Alltags-) Geschichte veröffentlicht. Bei dem vorliegenden Werk mit dem leicht veränderten Titel handelt es sich allerdings nicht um eine einfache Neuauflage, sondern um eine komplett überarbeitete, aktualisierte und erweiterte Neufassung.
Während der Fokus des Originals vornehmlich auf dem Gebiet der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft lag, wurde der Betrachtungsraum nun auf das Heililge Römische Reich erweitert. Lebensbedingungen und -formen, genauer gesagt „Leben im Mittelalter zwischen Alltag und Krieg“, so der Untertitel, sollen im Mittelpunkt stehen.

Auf den ersten Blick hebt sich Meyer Werk durch seinen Umfang, auf den zweiten auch durch die Themenbreite von den meisten anderen Einstiegslektüren ab. Mit Herrschaft und Gesellschaft, Altagsleben, Glauben, Festkultur, Recht und Gewalt, Krieg und Frieden decken die acht Kapitel wesentliche und für „Neulinge“ interessante Aspekte des Lebens im Mittelalter ab.
Zunächst befasst sich der Autor allerdings ausführlich mit einem Komplex, der in dieser Form und Breite nur relativ selten Beachtung findet: Unter der Überschrift „Wildnis und Wohnlichkeit“ erörtert Meyer den Einfluss der Landschaft auf die Lebensbedingungen der Menschen im Mittelalter sowie deren Einfluss auf die Umgestaltung ihrer Umgebung, die Umwandlung von Wildnis in Kulturland, Landesausbau sowie die Entwicklung des Bauens und Wohnens auf dem Land, im Dorf und in der „neuen“ Umgebung der Stadt.
Da die unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens u.a. erhebliche Auswirkungen auf den sozialen und rechtlichen Status von Individuen und Gemeinschaften hatten, die Erschließung neuer Agrarflächen oder Rohstoffvorkommen, Ausbau von Land- und Wasserwegen oder die Unterscheidungen in Alt- und Neusiedelland außerdem ganz wesentlich zur wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklung beitrugen, kann diesem Thema kaum zu viel Bedeutung zugemessen werden. Es ist daher sehr erfreulich, diesen Komplex hier einmal zusammenhängend in angemessener Breite, wenn auch sicher nicht erschöpfender Tiefe dargestellt zu finden.

Eine gewisse Oberflächlichkeit ist ein unvermeidliches Kennzeichen jeglicher Einstiegsliteratur, und je nach persönlicher Vorkenntnis und Interessenlage werden sich Leser*innen wünschen, der eine oder andere Aspekt würde mit größerer Gründlichkeit behandelt. So hätte z.B. die Ernährung ohne Frage mehr Raum verdient, Kunst und Literatur finden nur am Rande Erwähnung. Doch nicht nur Leser*innen haben ihre Vorlieben, auch Autor*innen setzen ihre Schwerpunkte nach Interessen- und Kenntnislage, und es ist in der Regel kein Fehler, wenn der Schuster bei seinen Leisten bleibt und sich nicht als Bäcker versucht.
Meyers Stärken liegen eindeutig darin, komplexe Zusammenhänge knapp und verständlich darzustellen. Insbesondere die Interdependenzen von Kategorien wie Gesellschaft, Herrschaft, Recht und Gewalt, denen im Mittelalter eine wichtige und z.T. gänzlich andere Bedeutung zukam als heute, treten im Verlauf der Lektüre immer wieder deutlich zutage.
Manche anderen Themen liegen dem Autor hingegen spürbar weniger am Herzen, und so finden sich in einigen Abschnitten auch immer wieder Ungenauigkeiten, Übernahmen aus veralteter und überholter Fachliteratur oder schlicht Fehler. Belege für gestrickte Beinlinge etwa wird man wohl kaum je ausfindig machen können, da diese nicht nur sehr unpraktisch und wenig langlebig gewesen wären, sondern das Stricken auch nach bisherigem Kenntnisstand erst in nachmittelalterlicher Zeit erfunden wurde.
Solch fehlerhafte Details kann man nach Belieben amüsant oder ärgerlich finden, sie schmälern aber nicht den Wert dieses umfassenden, mit Genuss und Gewinn zu lesenden Werkes. Erfreulich auch, dass viele der zahlreichen Illustrationen nicht aus dem Fundus der immer wieder verwendeten „Standardabbildungen“ stammen, sondern aus deutlich seltener genutzten Quellen. Die Erweiterung des Betrachtungsraums auf das Heilige Römische Reich hindern den Autor auch nicht daran, immer wieder Beispiele für die Situation in der alten Eidgenossenschaft aufzuführen, die nicht selten einen interessanten Kontrast zu anderen, dem Rezensenten besser bekannnten Regionen aufzeigen.

Quellenauszüge finden sich mit Erläuterungen versehen an etlichen Stellen in abgesetzten Textkästen, während der eigentliche Fließtext fast komplett darstellend oder erzählend gehalten ist. Auf Fuß- oder Endnoten wurde verzichtet, was dem Lesefluss gut tut, dafür finden sich am Ende der Abschnitte Literaturhinweise zu den einzelnen Themenkomplexen.
Der Anhang bietet neben einer Bibliographie ausgewählter Einstiegsliteratur ein nützliches Glossar sowie eine ereignisgeschichtliche Zeittafel, leider aber kein Stichwortverzeichnis.

In seiner Einleitung gibt Meyer an, sein Buch solle „das Mittelalter als Erlebniswelt mit allen Facetten […] schildern“. Das ist ihm mit wenigen, kaum zu vermeidenden Abstrichen auch sehr gut gelungen. Zuweilen mag der fast vollständige Verzicht auf die Schilderung ereignisgeschichtlichlicher Rahmenbedingungen Leser*innen ohne Vorkenntisse ein wenig verwirren, aber diesen steht – wie eingangs erwähnt – eine große, im Anhang des vorliegenden Werkes zumindest teilweise aufgelistete Auswahl an aktueller Literatur zur Verfügung, um solche Wissenskücken zu schließen.
Indem Meyer den Fokus ganz klar auf die sozial gestaffelten und vom Umfeld geprägten Lebens- und Erfahrungswelten legt, gelingt ihm eine Perspektive, welche die Menschen des Mittelalters, ihre Auseinandersetzungen mit ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen lebhaft, vielschichtig und realitätsnah vor Augen treten lässt. Gepaart mit der unbestreitbar großen Sachkenntis des Autors und der Darstellungsbreite seines Werks gelingt ihm so eine der anregendsten und besten Lektüren zum Einstieg in die vielschichtige Alltagsgeschichte des Mittelalters.
Der Preis des großformatigen, 352 Seiten starken und reichhaltig illustrierten Buches fällt mit € 29,- vergleichsweise günstig aus. Allen am Mittelalter interessierten Leser*innen, die nicht bereits einige Meter Einstiegsliteratur im Regal stehen haben, ist die Anschaffung daher vorbehaltlos zu empfehlen.

Oppenheim: Nünnerich & Asmus Verlag 2021. Geb., 352 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-96176-145-6. € 29,-.

 

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