„Das Wolfegger Hausbuch“

„Was ein Fürst an der Schwelle zur Neuzeit wissen musste“

„Das Wolfegger Hausbuch“, Darmstadt: wbg 2022.

Das sogenannte „Wolfegger Hausbuch“ ist eine der spannendsten, aber auch rätselhaftesten illustrierten Handschriften des späten 15. Jahrhunderts. Obwohl sich die Forschung bereits seit mehr als 100 Jahren mit dem Werk beschäftigt, sind viele wichtige Fragen, z.B. nach dem Auftraggeber, den beteiligten Künstlern, dem Zweck und dem genauen Zeitraum der Anfertigung, nach wie vor ungeklärt.
Schon die Bezeichnung als „Hausbuch“ ist eigentlich nicht zutreffend, denn inhaltlich hat das Manuskript kaum etwas von einer Sammmlung nützlicher Texte für den täglichen Gebrauch (wie etwa der berühmte „Ménagier de Paris„) und enthält dementsprechend auch nur wenig von dem, „was ein Fürst an der Schwelle zur Neuzeit wissen musste“, wie der Untertitel suggeriert. Stattdessen wirkt das Bildprogramm geradezu willkürlich zusammengestellt und zumindest teilweise nur lose mit dem Inhalt der Textteile verbunden.

Das Original befindet sich in Privatbesitz und steht der Forschung aktuell nicht mehr zur Verfügung. Von seinen ursprünglich 98 Pergamentblättern sind noch 63 Blätter in 9 Lagen erhalten. Auf ihnen finden sich 47 (teil-)kolorierte Federzeichnungen im Format 25 × 15 cm (ganzseitig) bzw. 35 × 26 cm (doppelseitig) sowie zwei Ausklapptafeln.
Die vorliegende Edition umfasst das gesamte Bildprogramm, die Textteile in Original und Transkription sowie Essays namhafter Expertinnen und Experten.

Die Handschrift beginnt mit einer ganzseitigen Darstellung eines Wappens, das bislang noch keiner Person oder Familie zweifelsfrei zugeordnet werden konnte. Es folgt eine Szene mit verschiedenen Gauklern, die dem Kartenspiel des „Meister E.S.“ nachgemalt sind. Die nächsten Abbildungen enthalten Personifikationen einiger Planeten und ihrer „Kinder“ mit gereimten Beischriften.
Die sogenannten „Genreszenen“ umfassen beliebte Bildthemen wie Liebesgarten, Badehaus, Turnier und Jagd und sind überwiegend als Zeichnungen mit kolorierten Elementen gestaltet. Da gewisse Figuren wie der Ritter vom Kannenorden immer wieder auftauchen, liegt die Vermutung nahe, dass hier der Versuch einer fortlaufenden Bilderzählung unternommen wurde, wobei unklar ist, um welche Geschichte es sich handeln könnte.
Einer detaillierten Zeichnung eines Spinnrads, einer weiteren Wappendarstellung und einer stilistisch auffallend abweichenden, überaus detailreichen Szene um ein Bergwerk folgen technische Skizzen von Bergbau- und Metallverarbeitungsgeräten, Öfen, Kriegsgerät, eines Heerzugs und einer Wagenburg.

Die teils auf Latein, überwiegend aber auf Deutsch abgefassten Texte befassen sich mit Gedächtniskunst, medizinischen und hauswirtschaftlichen Rezepten, Münzgewichten und Büchsenmeisterei. Sie wurden von mehreren Händen in unterschiedlichen Schriftsprachen und möglicherweise auch zu verschiedenen Zeiten geschrieben, wie Frank Fürbeth in seinem Aufsatz „Das Wissensprogramm des Hausbuchs“ darlegt. Er kann außerdem für einige der Bestandteile Quellen bzw. alternative Überlieferungen nachweisen und verortet das Werk eher in der Tradition einer Adelslehre im Sinne eines Fürstenspiegels als in der der Hausväterliteratur.
Mit den verschiedenen künstlerischen Techniken des auch in dieser Hinsicht erstaunlich heterogenen Bildprogramms sowie den verwendeten Farben befassen sich Doris Oltrogge und Robert Fuchs. Es kann inzwischen kein Zweifel mehr bestehen, dass die Illustrationen von verschiedenen Händen stammen, wenngleich umstritten ist, wie viele es sind, und ob ihre Arbeiten speziell für dieses Werk im Auftrag angefertigt oder erst nachträglich zusammengefügt wurden.
Auf fast 40 Seiten spürt Eberhard König der Identität des sogenannten „Hausbuchmeisters“ nach und weist auf technische und stilistische Unterschiede der Bildszenen sowie mögliche Vorbilder und Querverweise hin. Stefan Matter analysiert im Detail die sogenannten Genresezenen, ihren Bezug zu den übrigen Darstellungen und den Textbestandteilen, ihrer (möglichen) Quellen sowie Sinn und Aussageabsicht.
Der umfangreichste Beitrag von Stefan Hoppe widmet sich dem künstlerischen Umfeld des Wolfegger Hausbuchs. Dabei zeichnet er nicht nur ein anschauliches Bild der künstlerischen und intellektuellen Atmopshäre der Frührenaissance am Mittelrhein, sondern kann auch mit guten Argumenten einige Meister identifizieren, deren Beteiligung am Hausbuch mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann.

Die Essays auf dem jeweils aktuellsten Stand der Forschung bieten eine Fülle wertvoller und spannender Informationen, setzen aber gewisse Grundkenntnisse künstlerischer Praktiken sowie kunsthistorischer Methoden und Fachbegriffe voraus.
Die transkribierten Texte des „Hausbuchs“ enthalten u.a. Rezepte für Pflaster, Seifen, Kerzen, Schwarzpulver, Stinkbomben, Schreckschüsse aus Kanonen sowie Details zum Bergbau und den metallurgischen und chemischen Kenntnissen der Zeit. Leider fehlt eine Übersetzung der lateinischen Teile, und auch bei den deutschsprachigen Anweisungen wären einige Worterklärungen mitunter hilfreich für das Verständnis.

So interessant und aufschlussreich die übrigen Bestandteile auch sein mögen: Es sind natürlich in erster Linie die originellen, künstlerisch hochwertigen und teils rätselhaften Illustrationen, die das „Wolfegger Hausbuch“ zu einem so außergewöhnlichen Werk machen.
Die Reproduktion der Originalseiten ist von hoher Qualität und erlaubt das Studium vieler Details. Insbesondere in den Planeten- und den Genrebildern lassen sich viele kleine unterhaltsame Einzelszenen ausmachen. Die technischen Zeichnungen sind von einer Qualität und Genauigkeit, die in Handschriften dieser Zeit nur selten anzutreffen ist.
Da das Original wie erwähnt nicht mehr zur Verfügung steht, wird die vorliegende Edition wohl auf lange Zeit die einzige Möglichkeit bleiben, das eigene Bücherregal um eine bezahlbare Reproduktion zu bereichern. Der Preis ist mit € 115,- (ab 1.2.2023: € 150,-) nicht unbedingt auf Schnäppchenniveau, aber angesichts des Umfangs, der Bildqualität sowie der Ausstattung mit Leineneinband und Lesebändchen durchaus angemessen.
Für diese Summe erhält man die ca. 130 Seiten umfassende, erstklassige Reproduktion des Originals, die Transkription, geballtes wertvolles Fachwissen mit zahlreichen weiteren Abbildungen, einen umfangreichen Anmerkungsapparat sowie ein ebenfalls sehr ausführliches Literaturverzeichnis.
Wer sich für Kunst und Kultur des ausgehenden MIttelallters und der Frührenaissance in Deutschland interessiert, sollte daher auf jeden Fall zugreifen – am besten vor dem 1. Feburar 2023! Das „Wolfegger Hausbuch“ ist nicht nur ein Schmuckstück für die Bibliothek oder den Kaffeetisch, sondern auch eine überaus ergiebige Quelle für living history und reenactment, deren wiederholte Betrachtung großes Vergnügen bereitet und nicht so schnell langweilig wird.

Darmstadt: wbg 2022. Geb., 364 S. mit ca. 123 farb. Abb. und Farbtafeln, darunter 2 Falttafeln. ISBN 978-3-534-27411-6. € 115,- (ab 1.2.2023: € 150).

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2 Gedanken zu „„Das Wolfegger Hausbuch“

    • Digitale Bildersammlungen haben zweifellos Vorteile und bieten großen Nutzen. Betrachtung und Genuss von Kunstwerken gehört mMn allerdings nicht unbedingt dazu …

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