Hatten im Mittelalter alle Menschen schlechte Zähne?

Saubere, gesunde und weiße Zähne galten im Mittelalter als Schönheitsideal. In Minnedichtung und Epik kommt kaum eine Beschreibung einer edlen Dame ohne Verweis auf ihr intaktes und gepflegtes Gebiss aus: “weiße Zähne, roter Mund” oder auch “ihre Zähne so weiß, ihr Atem so süß” heißt es dann in zahlreichen Varianten. Umgekehrt werden Schurken oder Wesen der Unterwelt gerne durch ihr abstoßendes Äußeres charakterisiert, zu dem schlecht gepflegte und fehlende Zähne ebenso gehören wie faulig stinkender Atem.
Doch Ideal und Wirklichkeit klaffen bekanntlich oft weit auseinander. Wie stand es also wirklich um Mundhygiene und Zahngesundheit der Bürger und Bauern, der Mönche und Ritter im Mittelalter?

Ein Zahn wird gezogen, weitere sind zu Werbezwecken auf einem Band aufgereiht (ca. 1360-1375). London, BL Royal 6 E.VI, fol. 503v.

Ein Zahn wird gezogen, weitere sind zu Werbezwecken auf einem Band aufgereiht (ca. 1360-1375). London, BL Royal 6 E.VI, fol. 503v.

In medizinischen Handschriften und Hausbüchern sind zahlreiche Rezepte zur Zahnpflege überliefert. Bevorzugt wurden Mundspülungen, die Beläge entfernen und somit zugleich eine Ursache für schlechten Atem beseitigen sollten. Hildegard von Bingen empfiehlt das Gurgeln mit kaltem Wasser, die meisten anderen Autoritäten wie Trotula oder Gilbertus Anglicus setzten stattdessen auf Wein oder Essig, denen verschiedene Kräuter und Gewürze zugesetzt werden konnten. Besonders beliebt waren Minze, Nelken, Zimt, Rosmarin, Salbei, Fenchel und Petersilie. Extrakte dieser Pflanzen werden noch heute in Zahncrèmes verwendet (“… in den grünen Streifen”), und die antibakterielle, entzündungshemmende Wirkung von Nelkenöl findet ebenfalls noch immer Anwendung in der Zahnmedizin.
Für frischen Atem sorgte auch das Kauen von Fenchelsamen, Petersilie, Minze oder Majoran. Ein zahnpflegendes Pulver sollte nach einem Rezept aus dem 12. Jahrhundert aus gleichen Teilen Pfeffer, Minze und Steinsalz zubereitet und zuerst ausgiebig gekaut, dann geschluckt werden. Gewürzkugeln gegen Mundgeruch, bestehend aus Nelken, Muskatnuss, Zimt, Kardamom und anderen Gewürzen, mit frisch gepresster MInze gemischt, wurden unter die Zunge gelegt.

Empfehlungen, wie sich die weiße Farbe der Zähne erhalten oder wiederherstellen ließ, gab im 12. Jahrhundert der Arzt und Medizinschriftsteller Bartholomäus von Salerno:

“Wil dû die zende wîz machen, sô nim die wurze des linsenchrûtes unde schab die rinden abe unde rîp die zende vast dâ mit, sô werdent si wîz. Nehelphe daz niht, sô brenne einen bumez ze pulver unde nim die hal, dâ die nüze inne sint, unde truchen die unde rîp die zende wol vast mit den zwein, sô werdent si schône unde wîz, unde leiche si danne mit einem wîzen marmelsteine.”

["Willst Du die Zähne weiß machen, so nimm die Wurzel des Linsenkrauts und schabe die Rinde ab und reibe die Zähne fest damit, so werden sie weiß. Wenn das nicht hilft, so verbrenne einen Bimsstein zu Pulver und nimm die Hülle, in der sich die Nüsse befinden, und trockne sie und reibe die Zähne fest mit Beidem, so werden sie schön und weiß, und gleichen weißem Marmor."]

Zur täglichen oder zumindest häufigen Reinigung wurden Zähne und Zahnfleisch mit einem Leinentuch gerieben. Gegen hartnäckige Beläge wurde das Tuch zuvor mit Wasser, Wein oder Essig angefeuchtet und in gemahlenen Bimsstein, Marmorkalk, weißen Natron oder ähnliche Pulver getaucht. Die Wirkung dürfte der moderner Zahnbürsten vergleichbar gewesen sein.

Halfen all die vorbeugenden Reinigungs- und Pflegemaßnahmen nicht, war die mittelalterliche Zahnmedizin allerdings am Ende ihrer Weisheit. Gegen Karies, die man seit frühgeschichtlicher Zeit (und noch bis ins 20. Jahrhundert!) dem Wirken des Zahnwurms zuschrieb, war kein wirksames Mittel bekannt. Auch bei anderen schmerzhaften Erkrankungen half nur die Entfernung des befallenen Zahns, die in der Regel nicht von studierten Ärzten, sondern von Badern und fahrenden Zahnbrechern vorgenommen wurde.

Der Zahnwurm als Höllenplage. Schnitzerei des 18. Jahrhunderts.

Der Zahnwurm als Höllenplage. Schnitzerei des 18. Jahrhunderts.

Allerdings waren die Menschen des Mittelalters ihren modernen Nachfahren gegenüber im Vorteil, was den Erhalt ihrer Zahngesundheit betrifft, denn die heute häufigste Ursache für Zahnschädigung und -verfall war damals noch nicht verbreitet: Das Überangebot und die nahezu allgegenwärtige Verwendung von Zucker ist eine Entwicklung der Neuzeit. Das vorrangige Süßungsmittel des Mittelalters war Honig, und auch dieser wurde insbesondere in den unteren Bevölkerungsschichten überaus sparsam verwendet.
Auch Fruchtzucker wurde in vergleichsweise geringen Mengen konsumiert. Dagegen stärkte eine kalziumreiche Ernährung mit vielen Milchprodukten die Zähne, was durch archäologische Befunde bestätigt wird: Die meisten untersuchten Gebisse mittelalterlicher Schädel weisen deutlich geringere Anzeichen für Verfall oder Zahnerkrankungen auf als vergleichbare Befunde des 20. Jahrhunderts. Auch die typischen Ursachen für Verfärbungen der Zähne – der Konsum von Tabak, Tee und Kaffee – waren im Mittelalter noch unbekannt.

Zwar sind wir über die Situation bei den untersten Bevölkerungsschichtn wie üblich kaum bis gar nicht informiert, doch wer etwas auf sich hielt, wird ohne Zweifel von den zahlreichen Möglichkeiten zur Zahnpflege Gebrauch gemacht und auf frischen Atem geachtet haben. Da die typische Ernährung die Zahngesundheit zudem weit weniger gefährdete, als dies heutzutage der Fall ist, dürften also die meisten Menschen im Mittelalter entgegen populärer Vor- und Darstellungen tatsächlich nicht über schlechte, sondern im Gegenteil über starke, gesunde und weiße Zähne verfügt haben.
Nicht Verfall war im Mittelalter die größte Gefahr für Zähne und Zahnfleisch, sondern Verschleiß. Beim Mahlen des Getreides mit Mühlsteinen blieben feiner Sand und kleine Steinsplitter im Mehl zurück, die zu Zahnfleischbluten führen konnten und im Lauf der Jahre insbesondere die Backenzähne regelrecht abschliffen. Spuren dieser Abnutzung konnte an vielen untersuchten Gebissen aller mittelalterlichen Bevölkerungsschichten nachgewiesen werden.
Kurzfristig trug diese Schleifwirkung sogar zur Zahngesundheit bei, denn die Zahnflächen wurden geglättet und boten so weniger Nischen, in denen sich schädlicher Belag festsetzen konnte. Auf Dauer jedoch konnten die Zähne sogar bis zur Wurzel abgeschliffen werden und Zahnausfall die Folge sein.

Link: Dissertation zur Geschichte des Zahnwurms (Uni Regensburg 2008)


 

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