Wikinger im ZDF

Angesichts des Titels zeigten meine Fußnägel wieder einmal Tendenzen des Einrollens: „Terra X Große Völker: Die Wikinger„. Arrgh! Die Wikinger waren vieles, aber ein Volk?

Doch um es vorweg zu nehmen: So schlimm, wie befürchtet, war die 45 minütige Doku dann am Ende nicht. Vielleicht lag es an Prof. Rudolf Simek, der als Berater der Sendung fungierte und auch selbst als Experte auftrat. Ließen die ersten Minuten noch befürchten, es würde nur wieder einmal das Klischee von den wilden Barbaren aus dem Norden, den brutalen Plünderern, Schlächtern und Vergewaltigern bemüht, entwickelte sich doch im weiteren Verlauf eine recht ausgewogene und verschiedene Aspekte berücksichtigende Betrachtung. Die nordische Mythologie und Religion sowie die ambivalente Haltung der Skandinavier zum Christentum wurden ebenso thematisiert wie Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen oder Rechtsprechung.
Großen Raum nahmen erwartungsgemäß die Entdeckungsfahrten und Staatsgründungen der Wikinger ein. Dabei hätte ich mir jedoch (wie ganz allgemein bei wichtigen Ereignissen oder Entwicklungen) etwas mehr Chronologie und die Nennung der einen oder anderen Jahreszahl gewünscht. Warum allerdings zum Thema „Normandie“ die gotische Kathedrale von Mont St. Michel das Bild beherrschte, weiß wohl nur die Regisseurin.

(C) ZDF / Nadine Klement

(C) ZDF / Nadine Klement

Natürlich kommt keine Folge von Terra X ohne Spielszenen aus. Diese waren recht manierlich anzusehen, ohne weiteres Einrollen von Zehennägeln oder lautes Zähneknirschen. Natürlich wirkten die wilden Krieger eher ungepflegt, wo doch die Zahl der gefunden Kämme und anderen Utensilien der Körperpflege eher darauf schließen lassen, dass es sich bei den Wikingern um eine Art eitle frühmittelalterliche Dandies gehandelt haben muss.
Fellumhänge und Trinkhörner entsprechen wohl auch eher einer populären Vorstellung als dem aktuellen Forschungsstand, doch dafür wirkten die übrige Bekleidung und Ausstattung hinreichend authentisch. Wünschenswert wäre gewesen, etwas näher auf diese einzugehen, wie etwa auch auf das Handwerk der Wikinger (abgesehen vom Schiffbau). Doch natürlich ist es nicht möglich, in 45 Minuten erschöpfend alle Aspekte einer vergangenen Kultur zu behandeln.

(c) ZDF / xkopp

(c) ZDF / xkopp

Alles in allem war ich also von „Große Völker: Die Wikinger“ recht angenehm überrascht. Kein Meisterwerk zwar, kein revolutionäres Format, keine Sendung, die nun meine Meinung über die Geschichtskompetenz des Zweiten Deutschen Fernsehens grundlegend auf den Kopf gestellt hätte. Aber immerhin mal eine Mittelalterdoku, die meine (inzwischen sehr niedrigen) Erwartungen an Geschichte im Fernsehen nicht völlig enttäuschte – kleine Schritte!
Als wirklich störend, ärgerlich, unsinnig und geradezu dämlich empfand ich lediglich die gelegentlich eingestreuten Cartoons. Nicht nur passten die krakeligen Figuren überhaupt nicht zum übrigen Stil der Dokumentation, sie entsprachen auch mit ihren Hörnerhelmen und sonstigen Klischees genau jenem Bild der Wikinger, gegen das sich der Rest der Sendung doch eigentlich explizit (in Form von Wagners Germanen oder Wiki & die starken Männer) richtete. Sollte das witzig oder ironisch sein? In meinen Augen wirkte es allenfalls lächerlich und infantil, eher auf dem Niveau alberner, billiger Kindersendungen als dem, was diese Folge von Terra X ansonsten zu bieten hatte.

Hier gibt es offizielle Infos und Videoclips zur Sendung.

 

Fundstücke KW 12

In Karfunkel 111 erscheint im April 2014 ein Beitrag von mir über das noch immer rätselhafte angelsächsische Bootsgrab von Sutton Hoo. Darin vertrete ich (wie viele andere vor mir) die These, dass es sich bei dem Bestatteten um Raedwald, den König von East Anglia handelt.
Nun haben Archäologen in der Nähe der Anlage möglicherweise den zugehörigen Königshof entdeckt:

De Re Militari hat einen interessanten Beitrag von David Eltis über spätmittelalterliche Stadtbefestigungen in Deutschland (zuerst erschienen 1989 in Nottingham Medieval Studies):

Auf Kickstarter hat Jim Rodda alias „Zheng3“ eine Kampagne gestartet, um eine mittelalterliche Rüstung für Barbie-Puppen zu entwerfen und mittels 3D-Drucker zu produzieren:

Und noch was zum Nachdenken: Kurt Tucholsky über Geschichtswissenschaft (auf schmalenstroer.net):

 

Fundstücke KW 10

Einem zuverlässigen Bericht des überaus seriösen Magazins Der Postillon zufolge lagert in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin ein bedeutendes historisches Werk über sinnlose Krieg der Vergangenheit, das seit vielen Jahren in Vergessenheit geraten und darüber alles andere als erfreut ist:

In Konstanz wirft das Jubiläum des Konzils (1414-1418) seine Schatten voraus. Darüber berichtet Spiegel Online mit Hinweis auf die geplanten Ausstellungen, Veranstaltungen etc.:

Im British Museum hat derweil die lange und groß angekündigte „Jahrhundertschau“ The Vikings begonnen. Die Presse ist eher unbeeindruckt – eine Übersicht liefert die BBC:

Die Seite des British Museums zur Ausstellung:

Und zu guter Letzt: Selbst das F-Wort ist keine neuzeitliche Errungenschaft, sondern mindestens seit dem frühen 16. Jahrhundert belegt.

"o d fuckin abbot" - Bleistiftnotiz von 1528 in einer Abschrift von "De Officiis"

"o d fuckin abbot" - Bleistiftnotiz von 1528 in einer Abschrift von "De Officiis"

Fundstücke KW 9

Persönlich war ich in dieser Woche besonders froh über die Entdeckung dieser Illustration aus dem Beachamp Pageants (London, British Library, Cotton Julius E IV, art. 6, fol. 4; ca. 1485).

Beauchamnp Pageants. London, British Library, Cotton Julius E IV, art. 6, fol. 4: Schlacht von Shrewsbury 1403.

Beauchamnp Pageants. London, British Library, Cotton Julius E IV, art. 6, fol. 4: Schlacht von Shrewsbury 1403.

Die Darstellung zeigt die Schlacht von Shrewsbury am 21. Juli 1403, wobei die Rüstungen, Waffen etc. eher der Entstehungszeit (um 1485) zuzuordnen sind. Vor allen Dingen aber zeigt die Zeichnung vorne rechts zwei Bogenschützen, die mit Schwertern und Faustschilden – „Bucklern“ – bewaffnet sind.
In der Literatur ist zwar immer wieder zu lesen, dass Fußtruppen und insbesondere Bogenschützen im Mittelalter mit Bucklern ausgerüstet gewesen sein sollen. Die obige Buchillustration ist jedoch tatsächlich der erste (wenngleich sehr späte) Beleg für diese Behauptung, der mir untergekommen ist. (Die meisten zeitgenössischen Darstellungen zeigen Schwert und Buckler als Waffen im Zweikampf, Gerichtskampf, als Attribute von Adeligen wie in der Manessischen Liederhandschrift oder in nicht eindeutig zu erschließenden Kontexten, aber m.W. nie in der Schlacht.)
Hinweise auf weitere zeitgenössische Abbildungen nehme ich dankend entgegen!

Über die Seeschlacht von Sluis, eines der ersten Gefechte des Hundertjährigen Krieges, habe ich vor einige Zeit einen Artikel veröffentlicht (Karfunkel Combat 7, März 2011, S. 44-46). Kelly DeVries hat nun einen interessanten Aufsatz über zeitgenössische Wahrnehmungen und Deutungen des englischen Sieges in dieser Schlacht verfasst (via De Re Militari):

In Carnuntum, der wohl bedeutendsten antiken Ausgrabungsstätte Österreichs, wurden 2011 die Reste einer römischen Gladiatorenschule entdeckt .Forscher haben diese nun virtuell rekonstruiert, berichtet Der Standard online:

Darüber schreibt auch National Geographic (auf Englisch) und liefert etwas zweifelhafte Videos über die mutmaßliche Ausbildung der Gladiatoren:

 

Fundstücke KW 8

Der „Barbarenschatz“ aus dem 5. Jh. und seine Entdeckung durch einen Raubgräber haben in der vergangenen Woche reiches Medienecho erhalten. Auf archaeologik gibt Rainer Schreg eine Presseschau und einen Kommentar, dem man nur zustimmen kann:

Auf „Das Mittelalter – Der Blog“ gibt es einen Beitrag über die Wikinger in Russland:

http://dasmittelalterderblog.com/2014/02/20/die-wikinger-in-russland-wegbereiter-eines-weltreiches/

Und bestimmt war noch viel mehr los im Netz, doch ich war zu beschäftigt, es zu bemerken. Schöne Woche allerseits!

 

Zum Training englischer Bogenschützen im Mittelalter

Am 1. Juni 1363 wies der englische König Edward III. seine Sheriffs an, einen Erlass bekannt zu machen,

„… dass jeder körperlich fähige Mann an Feiertagen [inkl. sonntags], wenn er Freizeit hat, den Umgang mit Bogen und Pfeil, Kugeln oder Bolzen pflegen und die Kunst des Schießens erlernen und üben soll, es zugleich verboten ist, bei Gefängnisstrafe dem Steinwurf, loggat [eine Art Kegelspiel], Wurfringspiel, Handball, Fußball, Schlägerball, cambuc, Hahnenkämpfen oder anderen eitlen Spielen ohne Wert beizuwohnen oder nachzugehen […]“

 

(„… that every able bodied man on feast days [including Sundays] when he has leisure shall in his sports use bows and arrows, pellets or bolts, and shall learn and practice the art of shooting, forbidding all and singular on pain of imprisonment to attend or meddle with hurling of stones, loggats, or quoits, handball, football, club ball, cambuc, cock fighting or other vain games of no value […]“)
[CCR Ed III 1363]

Das Statut sollte dazu dienen, den Nachschub fähiger Bogenschützen für die Feldzüge des Herrschers im Hundertjährigen Krieg mit Frankreich sicherzustellen. Bis ins 16. Jahrhundert folgten etliche solcher Erlasse, denn Bogenschützen stellten im Mittelalter stets einen großen und wichtigen Anteil englischer Heere.

Bogenschützen in der Schlacht von Crécy. Wenig realistische Darstellung aus dem 15. Jahrhundert.

Bogenschützen in der Schlacht von Crécy. Wenig realistische Darstellung aus dem 15. Jahrhundert.

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Fundstücke KW 7

Am 15. Februar vor 450 Jahren wurde Galileo Galilei geboren. Die SZ fasst in einem kurzen Beitrag seine Konflikte mit der katholischen Kirche zusammen: „Als die Kirche den Menschen das Denken verbieten wollte„.

Auf derStandard.at widmet sich Eric Frey ebenfalls dem „Vater der modernen Wissenschaft“, vor allem aber der Frage, ob das von ihm propagierte „evidenzbasierte und wissenschaftliche Denken“ inzwischen (wieder) auf dem Rückzug ist. Leider geraten dem Autor dabei Begriffe wie „Wissenschaft“, „Forschung“ und „Technik“ ein wenig durcheinander und er muss sich wohl auch den Vorwurf selektiver Wahrnehmung gefallen lassen: Wer hätte gedacht, dass man Galilei sogar zur Legitimation von Gentechnik missbrauchen kann? „Galileos Feinde unter uns„.

Der erste Kopernikaner kam aus Vorarlberg“ (sagt derStandard.at), wurde aber nie so berühmt wie Galileo, musste seine Lehren nicht widerrufen und hatte meines Wissens auch nix mit Genmanipulationen am Hut …

Der hl. Valentin war ein Bischof des 3. Jahrhunderts, der Liebespaare nach christlichem Ritus getraut und dafür den Märtyrertod erlitten haben soll, was ihn zum Patron der Liebenden machte. Zum Valentinstag haben die medievalists eine schöne Sammlung mittelalterlicher Darstellung von LIebespaaren zusammengestellt:

Bei Germersheim in der Pfalz wurde von einem Sondengänger ein „Barbarenschatz“ aus dem 5. Jahrhundert entdeckt – und der Fundort durch die unfachmännische Raubgrabung unwiederbringlich zerstört, so dass hier keine Erkenntnisse mehr gewonnen werden können. Artikel in der Allgemeinen Zeitung.

Und zu guter Letzt hier die Wahrheit über Historiker:

Historians never die …

 

Fundstücke KW 5

Vor 1.200 Jahren starb am 28. Januar (möglicherweise) Karl der Große. Das Jubiläum hat auch im Netz einige Spuren hinterlassen. So berichtet z.B. DIE ZEIT über Untersuchungen der (wahrscheinlichen) Gebeine des Herrschers, die den Beinamen „der Große“ zu rechtfertigen scheinen:

Der Mediävist Johannes Fried hat eine Biographie Karls des Großen veröffentlicht. Ebenfalls auf ZEIT Online berichtet er über den Schreibprozess und seine Schwierigkeiten, die allgemeine Problematik historischer Biographien und vieles mehr:

Germanisten der Universität Graz haben mittelalterliche Textquellen auf Hinweise untersucht, wie Lebensmittel haltbar gemacht wurden, und einige dieser Verfahren im Experiment erprobt. Darüber berichtet 3Sat in einem Beitrag der Reihe nano (der hoffentlich länger als nur eine Woche lang auffindbar sein wird …).

Wie hat sich das moderne Englisch aus seinen germanischen Wurzeln entwickelt? Dazu gibt es (via medievalists.net) ein unterhaltsames Video eines Vortrags des Historikers und Linguisten Dr. Phil Uttley:

Und dann ist in dieser Woche noch Maximilian Schell im Alter von 84 Jahren gestorben. Der Schauspieler, Regisseur und Oscar-Preisträger war über Jahrzehnte ein renommierter Bühnen-, Film- und Fernsehdarsteller. Zuletzt präsentierte er im ZDF Sendungen der Reihe „Terra X“ zu historischen Themen in einem von Kerzen und Fackeln erleuchteten Verlies – insgesamt eine eher traurige Angelegenheit. Möge er seinen Frieden finden, und möge das ZDF sein Dahinscheiden nutzen, das Konzept und vielleicht auch die Inhalte dieser Sendung zu überdenken.

 

Fundstücke KW 4

Auch diese Woche bin ich nicht viel dazu gekommen, im Netz Ausschau nach interessanten Neuigkeiten oder Links aus der Welt der Geschichte zu halten. Ein Grund dafür war, dass ich sehr beschäftigt und fleissig war: mit dem Schreiben von Artikeln, einer Übersetzung aus dem Lateinischen und Planung neuer Aufgaben und Angebote für 2014.

Der zweite Grund ist zugleich mein erstes Fundstück für heute. Ja, ich weiß, das hat nichts mit Geschichte oder Mittelalter zu tun, aber es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich es den Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten will:

Auf middle-earth.thehobbit.com kann man Mittelerde erkunden, Aufgaben erfüllen und Spiele spielen. Ich empfehle einen Besuch in Lake Town (Seestadt), wo man sich im Bogenschießen üben kann (und es ist mir ganz egal, ob das kindisch ist!) …

2014 ist ein Jahr mehrerer bedeutender Jubiläen. Den Anfang macht Karl der Große, dessen Todestag sich am 28. Januar zum 1200. Mal jährt. Ihm hat der Schauspieler Christopher Lee (der im Mai 92 Jahre alt wird!) sein zweites Heavy Metal-Album (!) gewidmet. Ich enthalte mich jeglicher Wertung und verweise lediglich auf den Link:

beziehungsweise das Video zum Song „The Bloody Verdict of Verden“:

Und noch ein Video, leider wieder nur auf English: Das dänische Nationalmuseum hat eine virtuelle 3D-Rekonstruktion eines wikingerzeitlichen Hofes bei Tissø produzieren lassen:

Wikingerhof und Kultstätte in Tissø (DK)

Wikingerhof und Kultstätte in Tissø (DK)

Fundstücke KW3

Leider (?) hatte ich diese Woche nicht viel Zeit, im Netz zu surfen. Daher fallen auch die Fundstücke etwas spärlicher aus.

A propos Fundstücke: In England tauchen seit einiger Zeit die Gebeine mittelalterlicher Könige auf. Zuerst Richard III. unter einem Parkplatz, nun möglicherweise Alfred der Große (oder sein Sohn Edward) in einer Kiste:

Auf medievalists.net findet sich ein Video von einer interessanten Debatte (eigentlich eher vier Kurzvorträge) über den Stand der Mediävistik (in England), ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, ihren möglichen Nutzen oder ihre Bedeutung für die moderne Gesellschaft, für die Frage nationaler Identität, das Mittelalter in Lehrplänen und im Alltag sowie viele weitere Aspekte. Sehenswert (auf Englisch)!

Außerdem: Lesenswerte „Gedanken zur Reenactmen-Szene“ auf tribur.de:

Und nur zum Spaß: Dennis the Constitutional Peasant aus Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“: