Der Mythos vom Glauben an die flache Erde

Im Mittelalter glaubten die Menschen, die Erde sei flach, überwölbt von einer halbrunden Himmelskuppel. An ihrem Rand, wo sich Himmel und Erde berührten, verwandelten sich die umgebenden Ozeane in reißende Wasserfälle, weshalb es gefährlich war, zu weit auf das offene Meer hinaus zu segeln. Erst durch die Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus und Ferdinand Magellan sei die Kugelgestalt der Erde bewiesen und die offizielle Lehrmeinung von Kirche und Gelehrten widerlegt worden. Weiterlesen

Waren Ritter in Rüstung wirklich so unbeweglich?

Wenn ein Ritter in Rüstung vom Pferd fiel, war er nicht in der Lage, ohne Hilfe wieder aufzustehen. Bei Turnieren mussten die Teilnehmer mit einem Kran oder einer ähnlichen Einrichtung auf ihr Pferd gehoben werden, weil die Rüstungen so schwer waren. Laufen war in diesen Blechbüchsen fast unmöglich, denn sie waren ausschließlich für den Kampf zu Pferde gemacht.
Solcherart sind die Behauptungen über mittelalterliche Rüstungen, die man immer wieder hören und lesen kann. Sie wurden zwar von Forschern und Praktikern schon vielfach widerlegt und als Mythen entlarvt, doch scheinen sie in der Vorstellung vieler Menschen geradezu unerschütterlich verankert zu sein (und durch Filme und Fernsehbeiträge immer wieder bestätigt zu werden).
Hier also ein weiterer Versuch, solche irrigen Annahmen zu entkräften.

Die Entwicklung der mittelalterlichen Körperrüstung verlief parallel und in Abhängigkeit von immer weiter verbesserter Waffentechnologie und Kampftaktik. Die den Körper vollständig umhüllende Plattenrüstung stellt dabei den Endpunkt dieser Evolution dar. Sie entstand im 14. Jahrhundert und wurde durch den verstärkten Einsatz von Feuerwaffen im 16. Jahrhundert zunehmend obsolet. Lediglich im Turnierwesen wurde sie weiterhin getragen und fortentwickelt.
Insbesondere beim sogenannte Scharfrennen, dem Tjost mit spitzen Lanzen, kamen spezielle Plattenrüstungen zum Einsatz. Sie waren für diese lebensgefährliche Disziplin optimiert und zu keinem anderen Zweck geeignet. Der Helm verfügte nur über einen schmalen Sehschlitz, der dazu zwang, den Kopf nach unten geneigt zu halten. Die Brustplatte war aus besonders starkem Stahl gefertigt und häufig reich verziert. Der Schulterbereich war ebenfalls verstärkt und schränkte die Bewegung ein, um Brüche und andere Verletzungen beim Aufprall der Lanze zu verhindern.

Reiterharnisch Kurfürst Moritz' von Sachsen, um 1545. Quelle: wikicommons/User: Anthonyjonker23

Reiterharnisch Kurfürst Moritz' von Sachsen, um 1545. Quelle: wikicommons/User: Anthonyjonker23

Es sind vor allem solche Turnierrüstungen aus Spätmittelalter und Renaissance, die sich heute in zahlreichen Museen bewundern lassen. Ihr hohes Gewicht durch das schwere, dicke Material und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit dürften zu dem verzerrten Bild beigetragen haben, das in der Öffentlichkeit von mittelalterlichen Plattenrüstungen existiert.
Doch bei diesen Exemplaren handelt es sich um hochspezialisierte Sonderanfertigungen für eine besondere, lebensgfährliche sportliche Disziplin. Sie haben nur wenig mit den älteren Rüstungen für den Kampf zu Pferd oder zu Fuß zu tun – das ist in etwa so, als würde man einen modernen Schützenpanzer mit einem SUV vergleichen.

Entstanden war die Plattenrüstung, indem ältere Formen der Körperpanzerung – wattierte Kleidungsstücke und Kettengeflecht – nach und nach durch eiserne Bestandteile ergänzt wurden: Zunächst im Brustbereich, dann auch an Armen, Beinen, Hüfte und Gelenken. Die Einzelteile wurden beweglich miteinander verbunden, um möglichst große Bewegungsfreiheit mit optimalem Schutz insbesondere gegen Stiche mit dem Schwert oder der Lanze zu kombinieren.
Die Ritter, die solche teuren und aufwändigen Panzerungen trugen, waren professionelle Krieger und im Gegensatz zu modernen Lesern und Fernsehzuschauern mit der Dynamik, den Bedingungen und Anforderungen eines Gefechts vertraut. Ein Kämpfer in einer steifen, schweren Hülle aus starkem Stahlblech mag in der Lage sein, den Einwirkungen der gegnerischen Waffen lange Zeit zu widerstehen. Doch um selbst aktiv mit Lanze oder Schwert angreifen zu können, müssen nicht nur die Arme über einen großen Bewegungsspielraum verfügen, sondern auch die Beine, denn ohne schnelle, flexibe Schrittarbeit sind wirkungsvolle Hiebe oder Stiche nicht auszuführen.

Ein hohes Gewicht der Panzerung schränkt zudem nicht nur die Beweglichkeit ein, sondern führt zudem zu schnellerer Ermüdung des Körpers. Ein vollständiger Plattenharnisch des Spätmittelalters brachte zwischen 20 und 30 Kilogramm auf die Waage, also deutlich weniger als die 30-40 kg, die etwa ein moderner US-amerikanischer Marineinfanterist als Kampfgepäck mit sich herumschleppt.
Dieses Gewicht lastete nicht nur auf den Schultern wie bei einem Rucksack, sondern verteilte sich über den gesamten Körper. An mehreren Stellen waren die Eisenteile mit der darunter getragenen Kleidung verbunden, so dass zum Beispiel jeder Arm nur etwa 2-3 kg zusätzlich zu bewegen hatte. Ein solches Gewicht lässt sich mit entsprechendem Training problemlos ohne nennenswerte Einschränkung der Bewegungsfreiheit oder -geschwindigkeit handhaben.
Plattenrüstungen waren Maßanfertigungen, die exakt an die Proportionen ihre Trägers angepasst wurden. Nur so war zu gewährleisten, dass die kritischen Partien etwa an Arm- und Beingelenken im Wortsinne reibungslos funktionieren konnten. Forscher des 19. Jahrhunderts, die sich in unangepasste historische Rüstungen zwängten und damit zu bewegen versuchten, konnten daher geradezu zwangsläufig nur zu dem Trugschluss gelangen, diese seien unbequem, schwer, steif und unbeweglich.

Spätmittelalterliche Fechtbücher zeigen den dynamischen Kampf in Plattenrüstung (Krakau, Biblioteka Jagiellońska, MS Germ.Quart.16, fol. 33r).

Spätmittelalterliche Fechtbücher zeigen den dynamischen Kampf in Plattenrüstung (Krakau, Biblioteka Jagiellońska, MS Germ.Quart.16, fol. 33r).

Moderne Experimente haben jedoch wiederholt deutlich gezeigt, dass die Agilität durch eine gut angepasste Plattenrüstung tatsächlich kaum eingeschränkt wird. Die Experimentatoren konnten darin laufen, tanzen, Leitern erklimmen, Purzelbäume schlagen, Liegestütze ausführen und problemlos aus einer liegenden Position aufstehen (vgl. z.B. dieses Video in der SWR-Mediathek).
Voraussetzung dafür, über einen längeren Zeitraum in Panzerung beweglich zu bleiben, ist allerdings neben der Passgenauigkeit ein entsprechendes Training, wie es für mittelalterliche Ritter fraglos vorausgesetzt werden kann. Der französische schweizer(!) Historiker Daniel Jaquet hat diesem Thema seine Dissertation gewidmet. In einem Buchbeitrag schreibt er über seine Erkenntnisse:

„Diese Experimente führen zu dem Schluss, dass die Beeinträchtigung des Harnischs auf das biomechanische Verhalten des Trägers tatsächlich relativ gering ausfällt. Einige Bewegungen sind eingeschränkt, aber sie beeinträchtigen die motorischen Fähigkeiten während des Kamfes nicht, wo sie ohnehin nicht hilfreich sind oder sogar zum Nachteil des Kämpfers ausfallen, indem sie eine Blöße bieten. […] Das Gewicht der Rüstung kann nicht verringert werden und stellt ein Hindernis dar, jedoch zugunsten eines hohen Schutzes. Es kann durch eine gute körperliche Verfasung und ein angemessenes Training abgemildert werden, was es erlaubt, ein kinästhetisches Gedächtnis und spezifische Muskulatur aufzubauen.“

(Daniel Jaquet, „Sich mit guter Körperrüstung und passenden Waffen zu wappnen“. Experimente zum Kampf in der Rüstung, in: Dierk Hagedorn und Bartłomiej Walczak, Gladiatoria, Herne 2015, S. 118-124; hier: S. 119f.)

Die gleichen Erfahrungen hatten bereits die Ritter im Mittelalter gemacht. Zugunsten eines verbesserten Schutzes von Leib und Leben nahmen sie Gewicht und leichte Einschränkungen gerne in Kauf. Die Kampfweise wurde an die geänderten Bedingungen angepasst, wie zahlreiche historische Fechtbücher zeigen, und die Behauptung, gerüstete Kämpfer wären ohne HIlfe nicht in der Lage gewesen, vom Boden aufzustehen oder auf das Pferd zu steigen, kann getrost ins Reich der Mittelalter-Mythen verwiesen werden.

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Galt man im Mittelalter mit 40 Jahren als alt?

So oder so ähnlich ist es immer wieder zu lesen oder zu hören: „Im Mittelalter sind die Menschen jung gestorben!“ Oder: „Mit 40 war man im Mittelalter ein alter Mann!“ Dazu wird in populären und seriösen Publikationen, sogar in Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien zum Leben im Mittelalter gerne die durchschnittliche Lebenserwartung des mittelalterlichen Menschen angegeben. Allerdings schwanken die genannten Zahlen mitunter erheblich, einer kurzen und nur oberflächlichen Recherche zufolge zwischen etwa 33 und 50 Jahren für Männer, 25 und 40 Jahren für Frauen.
Leider werden in den konsultierten Werken und Webseiten niemals Quellen für diese Erkenntnisse oder gar Formeln ihrer Berechnung angegeben. Wie diese Zahlen gewonnen wurden, bleibt also ebenso im Dunkeln wie Antworten auf die Fragen, für welchen Zeitraum des Früh-, Hoch- oder Spätmittelalters, welche Region oder welche Bevölkerungsschicht sie Gültigkeit beanspruchen. „Das Mittelalter“ ist in diesem Zusammenhang wieder einmal zu verstehen als „das finstere, rückständige, schmutzige, unaufgeklärte Zeitalter vor der Moderne“, als das Leben der Menschen kurz, hart und elend, voller Krankheiten und Dreck, durch Kirche und König fremdbeherrscht gewesen ist.
Soweit das Klischee. Doch was lässt sich tatsächlich über die Lebenserwartung der Menschen im Mittelalter aussagen?

Das Leben ist kurz, hart und elend: Der Tod mit Mutter und Kind. (Quelle: wikicommons, User: Wolfgang Sauber)

Das Leben ist kurz, hart und elend: Der Tod mit Mutter und Kind. (Quelle: wikicommons, User: Wolfgang Sauber)

Wie immer sind wir über die Verhältnisse der unteren Bevölkerungsschichten unzureichend informiert. Niemand hat ihre Geburts- oder Sterbedaten oder die Zahl ihrer Kinder notiert. Nur durch Zufall gewähren mitunter grundherrliche Verzeichnisse, Chroniken oder andere Schriftquellen einen Blick auf Einzelschicksale.
Anders bei den „großen Namen“. Ein knapper, recht willkürlicher Überblick: Karl der Große erreichte trotz seines gewiss nicht bequemen Lebensstils ein Alter von 66 oder 67 Jahren, sein Biograph Einhard wurde ungefähr 70. Auf etwa 60 Jahre brachte es Walther von der Vogelweide. Der Bischof und Gelehrte Albertus Magnus erreichte wohl die 80, Hildegard von Bingen sogar 81, die Schriftstellerin Christine de Pizan wurde mindestens 65, Eleonore von Aquitanien dürfte mit 82 Jahren gestorben sein, der Nürnberger Baumeister Endres Tucher verschied kurz nach seinem 84 Geburtstag.
Doch problemlos ließen sich ebenso etwa Beispiele für jung, sogar schon im Jugend- oder
Kindesalter verstorbene Nachkommen berühmter Eltern aufführen. Was sagen diese Zahlen also aus?
Zunächst einmal machen sie deutlich, dass die Angabe einer durchschnittlichen Lebenserwartung im Mittelalter wenig über das tatsächliche Sterbealter eines Großteils der Bevölkerung, das zu erwartende oder zu erreichende Lebensalter oder die Verteilung des Altersdurchschnitts aussagt. Dazu wären Statistiken erforderlich, die aufgrund des Mangels an Daten nicht zuverlässig erstellt werden können. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40 Jahren kann theoretisch tatsächlich der weit überwiegende Teil der Menschen in diesem Alter (plus/minus wenige Jahre) verstorben sein. In der Praxis jedoch ist die Bandbreite viel größer: Während einerseits ein erheblicher Anteil der Nachkommen bereits im Kindesalter durch Krankheiten, Mangelernährung, Unfälle und andere Ursachen ums Leben kam, war es einem ebenfalls nicht kleinen Kreis von Menschen vergönnt, ein gesegnetes Alter zu erreichen.
Lebensumstände, genetische Vorbelastungen, Ernährung, medizinische Versorgung, sozialer Stand und weitere Faktoren hatten dabei Einfluss auf die Lebenserwartung eines Individuums. Während etwa der in persönlicher Abhängigkeit von einem Grundherrn schwer körperlich arbeitende Teil der Bevölkerung nur geringe Aussichten hatten, ein Alter von 60 Jahren oder mehr zu erreichen, standen die Chancen z.B. bei Mönchen und Nonnen entschieden besser.

Der Steinmetz Hans Puttner starb 1594 im Alter von 76 Jahren im Haus der Landauerschen Zwölbrüderstiftung, wo er als verarmter Handwerker mit 67 Jahren aufgenommen worden war (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 279.2°, fol. 59r.).

Der Steinmetz Hans Puttner starb 1594 im Alter von 76 Jahren im Haus der Landauerschen Zwölbrüderstiftung, wo er als verarmter Handwerker mit 67 Jahren aufgenommen worden war (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 279.2°, fol. 59r.).

Großen Einfluss auf die Verfälschung der Statistik hatte die hohe Kindersterblichkeit, die vor allem durch Krankheiten bzw. mangelnde medizinische Kenntnis und Versorgung, falsche oder mangelnde Ernährung, mangelnde Hygiene, Geburtskomplikationen und plötzlichen Kindstod hervorgerufen wurde. Schätzungen zufolge starben bis zu 40% der Kinder vor Erreichen der Pubertät, 10-20% im ersten Lebensjahr.
Hatte ein Mensch jedoch erst einmal die frühen Jahre der Kindheit überstanden, standen die Aussichten nicht allzu schlecht, ein Alter von 50, 60 oder auch mehr Jahren zu erreichen. Gewalt und Krieg, Epidemien, Hunger und Unfälle gefährdeten das Leben jedoch weiterhin. Bei Frauen kam zudem die Belastung durch zahlreiche Geburten, bei Männern vor allem durch schwere körperliche Arbeiten hinzu, die das Leben im Vergleich zu heute deutlich verkürzen konnten. Hingegen spielten zahlreiche moderne Risikofaktoren wie Rauchen, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes eine geringere oder gar keine Rolle.

Hans Baldung Grien: "Die sieben Lebensalter des Weibes" (1544). Leipzig, Museum der bildenden Künste

Hans Baldung Grien: "Die sieben Lebensalter des Weibes" (1544). Leipzig, Museum der bildenden Künste

Insgesamt betrachtet waren Personen im Renten- oder Greisenalter im Mittelalter jedenfalls durchaus kein ungewohnter Anblick. Das Leben wurde in Phasen eingeteilt, die zu verschiedenen Zeiten und von einzelnen Autoren unterschiedlich definiert wurden. Im Allgemeinen jedoch galt der Mensch im Alter von 21 bis ungefähr 40 als erwachsen (adultus), von 41 bis 60 als „reif“ (maturus) und ab 61 als Greis (senectus). Kaum ein städtischer Handwerker dürfte mit weniger als 30 bis 40 Jahren seinen Meistertitel und eine eigene Werkstatt erworben haben – dafür sorgten schon die oft langen Lehr- und Gesellenzeiten. Für öffentliche Ämter galt stets eine gewisse „Reife“, also ein Alter jenseits der 40 als Voraussetzung. Ausnahmen bestätigen hier die Regel, denn gerade sie wurden in der Regel für wert erachtet, in Aufzeichnungen besonders vermerkt zu werden.
Mit 40 Jahren galt man also noch keineswegs als „alt“, auch wenn manch hart arbeitender Bauer, Handwerker oder Tagelöhner sich durchaus so gefühlt haben mag.

Die bisherigen Folgen der Reihe „Mittelalter-Mythen“.

Hatten im Mittelalter alle Menschen schlechte Zähne?

Saubere, gesunde und weiße Zähne galten im Mittelalter als Schönheitsideal. In Minnedichtung und Epik kommt kaum eine Beschreibung einer edlen Dame ohne Verweis auf ihr intaktes und gepflegtes Gebiss aus: „weiße Zähne, roter Mund“ oder auch „ihre Zähne so weiß, ihr Atem so süß“ heißt es dann in zahlreichen Varianten. Umgekehrt werden Schurken oder Wesen der Unterwelt gerne durch ihr abstoßendes Äußeres charakterisiert, zu dem schlecht gepflegte und fehlende Zähne ebenso gehören wie faulig stinkender Atem.
Doch Ideal und Wirklichkeit klaffen bekanntlich oft weit auseinander. Wie stand es also wirklich um Mundhygiene und Zahngesundheit der Bürger und Bauern, der Mönche und Ritter im Mittelalter?

Ein Zahn wird gezogen, weitere sind zu Werbezwecken auf einem Band aufgereiht (ca. 1360-1375). London, BL Royal 6 E.VI, fol. 503v.

Ein Zahn wird gezogen, weitere sind zu Werbezwecken auf einem Band aufgereiht (ca. 1360-1375). London, BL Royal 6 E.VI, fol. 503v.

In medizinischen Handschriften und Hausbüchern sind zahlreiche Rezepte zur Zahnpflege überliefert. Bevorzugt wurden Mundspülungen, die Beläge entfernen und somit zugleich eine Ursache für schlechten Atem beseitigen sollten. Hildegard von Bingen empfiehlt das Gurgeln mit kaltem Wasser, die meisten anderen Autoritäten wie Trotula oder Gilbertus Anglicus setzten stattdessen auf Wein oder Essig, denen verschiedene Kräuter und Gewürze zugesetzt werden konnten. Besonders beliebt waren Minze, Nelken, Zimt, Rosmarin, Salbei, Fenchel und Petersilie. Extrakte dieser Pflanzen werden noch heute in Zahncrèmes verwendet („… in den grünen Streifen“), und die antibakterielle, entzündungshemmende Wirkung von Nelkenöl findet ebenfalls noch immer Anwendung in der Zahnmedizin.
Für frischen Atem sorgte auch das Kauen von Fenchelsamen, Petersilie, Minze oder Majoran. Ein zahnpflegendes Pulver sollte nach einem Rezept aus dem 12. Jahrhundert aus gleichen Teilen Pfeffer, Minze und Steinsalz zubereitet und zuerst ausgiebig gekaut, dann geschluckt werden. Gewürzkugeln gegen Mundgeruch, bestehend aus Nelken, Muskatnuss, Zimt, Kardamom und anderen Gewürzen, mit frisch gepresster MInze gemischt, wurden unter die Zunge gelegt.

Empfehlungen, wie sich die weiße Farbe der Zähne erhalten oder wiederherstellen ließ, gab im 12. Jahrhundert der Arzt und Medizinschriftsteller Bartholomäus von Salerno:

„Wil dû die zende wîz machen, sô nim die wurze des linsenchrûtes unde schab die rinden abe unde rîp die zende vast dâ mit, sô werdent si wîz. Nehelphe daz niht, sô brenne einen bumez ze pulver unde nim die hal, dâ die nüze inne sint, unde truchen die unde rîp die zende wol vast mit den zwein, sô werdent si schône unde wîz, unde leiche si danne mit einem wîzen marmelsteine.“

[„Willst Du die Zähne weiß machen, so nimm die Wurzel des Linsenkrauts und schabe die Rinde ab und reibe die Zähne fest damit, so werden sie weiß. Wenn das nicht hilft, so verbrenne einen Bimsstein zu Pulver und nimm die Hülle, in der sich die Nüsse befinden, und trockne sie und reibe die Zähne fest mit Beidem, so werden sie schön und weiß, und gleichen weißem Marmor.“]

Zur täglichen oder zumindest häufigen Reinigung wurden Zähne und Zahnfleisch mit einem Leinentuch gerieben. Gegen hartnäckige Beläge wurde das Tuch zuvor mit Wasser, Wein oder Essig angefeuchtet und in gemahlenen Bimsstein, Marmorkalk, weißen Natron oder ähnliche Pulver getaucht. Die Wirkung dürfte der moderner Zahnbürsten vergleichbar gewesen sein.

Halfen all die vorbeugenden Reinigungs- und Pflegemaßnahmen nicht, war die mittelalterliche Zahnmedizin allerdings am Ende ihrer Weisheit. Gegen Karies, die man seit frühgeschichtlicher Zeit (und noch bis ins 20. Jahrhundert!) dem Wirken des Zahnwurms zuschrieb, war kein wirksames Mittel bekannt. Auch bei anderen schmerzhaften Erkrankungen half nur die Entfernung des befallenen Zahns, die in der Regel nicht von studierten Ärzten, sondern von Badern und fahrenden Zahnbrechern vorgenommen wurde.

Der Zahnwurm als Höllenplage. Schnitzerei des 18. Jahrhunderts.

Der Zahnwurm als Höllenplage. Schnitzerei des 18. Jahrhunderts.

Allerdings waren die Menschen des Mittelalters ihren modernen Nachfahren gegenüber im Vorteil, was den Erhalt ihrer Zahngesundheit betrifft, denn die heute häufigste Ursache für Zahnschädigung und -verfall war damals noch nicht verbreitet: Das Überangebot und die nahezu allgegenwärtige Verwendung von Zucker ist eine Entwicklung der Neuzeit. Das vorrangige Süßungsmittel des Mittelalters war Honig, und auch dieser wurde insbesondere in den unteren Bevölkerungsschichten überaus sparsam verwendet.
Auch Fruchtzucker wurde in vergleichsweise geringen Mengen konsumiert. Dagegen stärkte eine kalziumreiche Ernährung mit vielen Milchprodukten die Zähne, was durch archäologische Befunde bestätigt wird: Die meisten untersuchten Gebisse mittelalterlicher Schädel weisen deutlich geringere Anzeichen für Verfall oder Zahnerkrankungen auf als vergleichbare Befunde des 20. Jahrhunderts. Auch die typischen Ursachen für Verfärbungen der Zähne – der Konsum von Tabak, Tee und Kaffee – waren im Mittelalter noch unbekannt.

Zwar sind wir über die Situation bei den untersten Bevölkerungsschichtn wie üblich kaum bis gar nicht informiert, doch wer etwas auf sich hielt, wird ohne Zweifel von den zahlreichen Möglichkeiten zur Zahnpflege Gebrauch gemacht und auf frischen Atem geachtet haben. Da die typische Ernährung die Zahngesundheit zudem weit weniger gefährdete, als dies heutzutage der Fall ist, dürften also die meisten Menschen im Mittelalter entgegen populärer Vor- und Darstellungen tatsächlich nicht über schlechte, sondern im Gegenteil über starke, gesunde und weiße Zähne verfügt haben.
Nicht Verfall war im Mittelalter die größte Gefahr für Zähne und Zahnfleisch, sondern Verschleiß. Beim Mahlen des Getreides mit Mühlsteinen blieben feiner Sand und kleine Steinsplitter im Mehl zurück, die zu Zahnfleischbluten führen konnten und im Lauf der Jahre insbesondere die Backenzähne regelrecht abschliffen. Spuren dieser Abnutzung konnte an vielen untersuchten Gebissen aller mittelalterlichen Bevölkerungsschichten nachgewiesen werden.
Kurzfristig trug diese Schleifwirkung sogar zur Zahngesundheit bei, denn die Zahnflächen wurden geglättet und boten so weniger Nischen, in denen sich schädlicher Belag festsetzen konnte. Auf Dauer jedoch konnten die Zähne sogar bis zur Wurzel abgeschliffen werden und Zahnausfall die Folge sein.

Link: Dissertation zur Geschichte des Zahnwurms (Uni Regensburg 2008)


 

War das Trinken von Wasser im Mittelalter tabu?

Selbst in eigentlich seriösen Publikationen zu Alltagsleben oder Ernährung im Mittelalter ist immer wieder zu lesen, aus Angst vor Krankheiten oder schlechten Einflüssen auf die Körpersäfte hätten die Menschen jener Zeit kein Wasser getrunken. Stattdessen seien Bier und Wein die alltäglichen Getränke gewesen, die sogar schon Kindern verabreicht wurden, wenn auch in verdünnter Form. (Es stellt sich die Frage: Womit verdünnt, wenn doch kein Wasser getrunken werden sollte?)
Der Mythos ist inzwischen so verbreitet, dass sich kaum jemand je die Mühe macht, ihn anhand von Quellen zu belegen. Der Grund dafür ist simpel: Ein solcher Beweis wäre unmöglich, entsprechende Belege existieren nicht. Die Behauptung, im Mittelalter hätten die Menschen kein Wasser getrunken, beruht auf mangelnder Kenntnis der schriftlichen Überlieferung bzw. deren Missinterpretation und ist inzwischen zu einem Selbstläufer geworden, einer vermeintlichen Gewissheit, die selbst von renommierten Forschern nicht mehr hinterfragt wird. In den Worten des Historikers Ernst Schubert:

„Fiktionen können geschichtsmächtiger als Fakten sein.“

Tatsächlich finden sich in spätantiken und mittelalterlichen Quellen durchaus Hinweise auf den Konsum von Wasser, doch sie sind weit verstreut und längst nicht so verbreitet wie Angaben zum Genuss von Bier oder Wein. Der Grund dafür ist jedoch nicht in einer Verachtung des Wassers als Getränk zu suchen. Im Gegenteil: Das Trinken von Wasser war so normal, alltäglich und verbreitet, dass es kaum der Erwähnung wert war. Während Wein und Bier über weite Entfernungen gehandelt, ihre Herstellung obrigkeitlich geregelt und ihr Verkauf besteuert wurde, war das beim Trinkwasser nicht der Fall. Wenn alkoholhaltige Getränke vielfach als Teil des Naturallohns etwa von Bauarbeitern erwähnt werden, bedeutet dies keineswegs, dass sie Wasser als Alltagsgetränk vollständig ersetzt haben müssen – sie dienten vielmehr als nahrhafte Ergänzung, die der Kräftigung des Körpers, nicht dem Löschen von Durst dienen sollten.

Trinken von Quellwasser. Tacuinum sanitatis, ca. 1390-1400. (Paris, BNF NAL 1673, fol. 96r.)

Trinken von Quellwasser. Tacuinum sanitatis, ca. 1390-1400. (Paris, BNF NAL 1673, fol. 96r.)

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Die Gabel – ein Werkzeug des Teufels?

Im Mittelalter, so heißt es, hätten die Menschen  – selbst die reichen und vornehmen – mit der Hand gegessen, weil die Kirche den Gebrauch der Gabel verboten habe. Als Werkzeug des Teufels sei sie angesehen worden und habe sich daher erst später, in einem aufgeklärteren, rationaleren, kultivierteren Zeitalter, als Teil des Essbestecks durchsetzen können.
Nahezu immer, wenn in populären Medien die Essgewohnheiten des Mittelalters thematisiert werden, dient dieses Beispiel dazu, gleichermaßen die vermeintlich rohen Tischsitten wie die naive Frömmigkeit und Kirchenhörigkeit zu illustrieren. Doch die These findet sich auch in zahlreichen Fachpublikationen zum Thema und hat es sogar ins renommierte Lexikon des Mittelalters geschafft. Die Geschichte vom Teufel, seiner Gabel und der Kirche ist zum Selbstläufer geworden, zum geschichtswissenschaftlichen Topos, der nicht länger hinterfragt, sondern nur mehr kolportiert wird.
Eines nämlich haben all diese Reiterationen, vom LexMA über bekannte Online-Lexika bis zur Kochsendung im Fernsehen, gemeinsam: Es fehlt ihnen an zeitgenössischen Quellen, um die so beliebte These zu belegen.

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