Archäologisches Freilichtlabor Lauresham, Lorsch

Nach einem zweimonatigen Probebetrieb 2014 ist das Archäologische Freilichtlabor Lauresham nun in seine erste richtige Saison gestartet, und noch holpert der Betrieb ein wenig: Der geplante Parkplatz kann wohl zumindest bis auf Weiteres nicht gebaut werden, der direkte Zufahrtsweg wurde ausgerechnet zur Ferienzeit neu befestigt und war daher gesperrt, die Ausweichstrecke hätte besser ausgeschildert sein können.
Hat man das Areal dann glücklich erreicht, findet man sich in einer Art riesigem Gewächshaus wieder, das statt Beeten und Pflanzen große Quader aus Tischlerplatten enthält – Seminar-, Personal- und Verwaltungsräume. Einige Bilder an den Wänden, ein paar Topfpflanzen könnten dazu beitragen, die äußerst sterile Atmosphäre aufzulockern. Aber das ist sicherlich bereits in Planung, und auch der Getränkeautomat ist inzwischen wahrscheinlich mit Ware gefüllt …

Haus der servi non casati. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Rückseite des Herrenhauses, Frauenarbeitshaus und Haus der servi non casati. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Das Freilichtlabor selbst ist nur im Rahmen einer ca. 90-minütigen Führung zu besichtigen, für die pro Person € 7,- zu entrichten sind. Eingefasst von einer Palisadenwand, besteht das Kernareal, der karolingische Herrenhof, aus acht Gebäuden unterschiedlicher Funktion. Es handelt sich um eine idealtypische (Re-)Konstruktion, die nicht auf einem konkreten Befund, sondern auf einer Vielzahl archäologischer Erkenntnisse und Hinweise in frühmittelalterlichen Quellen beruhen.
Da Ausgrabungen einigermaßen gesicherte Aussagen lediglich zu Fundamentierung und Grundriss vergangener Gebäude ermöglichen, ist ein großer Teil des Aufbaus notwendigerweise spekulativ. Das gilt umso mehr für Ausstattung, Inneneinrichtung, Funktionsbestandteile wie Türriegel oder Fensterläden, Dachkonstruktion etc. Mit diesen Unsicherheiten wurde zumindest in unserer Führung sehr offen und ehrlich umgegangen, ebenso mit der Tatsache, das längst nicht alle verwendeten Bauteile auf frühmittelalterliche Weise hergestellt wurden. Ein großer Teil der vielen tausend hölzernen Dachschindeln etwa wurde nicht von Hand aus Stammabschnitten gespalten, sondern maschinell gesägt. Nun gut, anders lassen sie die benötigten Mengen (geschätzt ca. 20-25.000 Stück pro Dach) heute ohne dienstpflichtige Hörige wahrscheinlich kaum in einem akzeptablen Budget und Zeitrahmen herstellen, aber ein wenig schade ist es natürlich dennoch.

Gewichtswebstühle im Frauenarbeitshaus. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Gewichtswebstühle im Frauenarbeitshaus. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Auch bei der Ausstattung der Gebäude mit Funktionsmodellen und Gebrauchsobjekten stieß man wiederholt auf unerwartete Probleme. So sind etwa die Gewichtswebstühle in einem zu steilen Winkel errichtet, wodurch die Fächer sehr schmal werden und das Einfädeln des Schussfadens erschweren. Der Lehmbackofen musste mit einem (m.W. nicht belegten) Rauchabzug versehen werden, da er das kleine Backhaus andernfalls in eine Räucherkammer verwandelte.
Einige dieser Schwierigkeiten hätten ohne Frage vermieden werden können, wennn man sich die Erfahrungen anderer Freilichtmuseen und living history-Projekte oder -Darsteller bei der Konzeption zunutze gemacht hätte. Andererseits bieten sie allerdings auch Erkenntnisse über die Alltagsprobleme, mit denen Menschen in früheren Zeiten konfrontiert waren, die dann zu Lösungen in den heute aus der Archäologie sowie aus Bildquellen bekannten Formen geführt haben.

Der karolingische Herrenhof Lauresham. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Der karolingische Herrenhof Lauresham. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Insgesamt jedoch macht der Hof einen sehr stimmigen Eindruck. Das Herrenhaus ist von mehreren Funktions- und Wohngebäuden umgeben: Ein Grubenhaus als Gynäceum oder Frauenarbeitshaus zur Textilverarbeitung, Pfostenbauten der servi non casati sowie für Frauen und Kinder, das Haus des Clericus sowie eine kleine Kapelle aus Stein und das erwähnte Backhaus. Brunnen und Gemüsegarten befinden sich ebenfalls innerhalb der Palisade, die von weiteren Nutzflächen und Gebäuden umgeben ist. Kelter, Färbehaus und Schmiede wären wohl auch im Frühmittelalter aufgrund der Brandgefahr und Geruchsbelästigung lieber in gewisser Entfernung zum Wohnbereich platziert gewesen.
Dem geplanten frühmittelalterlichen Feldbau machte in dieser ersten Saison neben Schwierigkeiten mit dem Ochsengespann vor allem das heiße Wetter einen Strich durch die Rechnung.
Einrichtungen wie Heuberge, Schafsunterstand, Ställe für die Düppeler Weideschweine und Kelter runden das landwirtschaftliche Ensemble ab.

Altarnische in der Kapelle. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Altarnische in der Kapelle. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Das einzige Steingebäude, die kleine schlichte Kapelle, strahlt eine ganz besondere, meditative Atmosphäre aus. In unmittelbarer Nähe findet sich das Häuschen des zugehörigen Clericus, das teilweise mit Requisiten des Films „Die Päpstin“ ausgestattet wurde. Darunter finden sich Schreibmaterialien, eine wunderbare Reproduktion einer zeitgenössischen Handschrift auf Pergament, aber leider auch ein anachronistischer Wandschrank.
Der größte Teil des Mobiliars im Herrenhaus wurde vom Regensburger Tischlermeister und Restaurator Stephan Mühlbauer, auch bekannt als „Der Kistler„, nach historischen Vorbildern angefertigt.

Innenraum des Herrenhauses. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Innenraum des Herrenhauses. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

All die Wohngebäude und Werkstätten schreien geradezu nach Belebung durch engagierte Frühmittelaltergruppen. Solche Gelegenheiten sind bislang noch etwas rar, dürften jedoch in Zukunft häufiger werden, wenn sich das Freilichtlabor erst einmal etabliert hat. Ohne Darsteller wirkt die gesamte Anlage ein wenig wie eine verlassene Kulisse, und man wünscht sich, Menschen auf den Feldern, in der Schmiede, an den Webstühlen oder im Färbe- und Backhaus bei der Arbeit beobachten zu können.

Schreib-/Lesepult im Haus des Clericus. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Schreib-/Lesepult im Haus des Clericus. Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Doch dafür wäre die Zeit vermutlich ohnehin zu knapp, denn die für die Führungen angesetzten 1,5 Stunden reichen kaum aus, um all die baulichen und ausstatterischen Details gebührend zu würdigen. Ein Besuch in Lauresham lohnt sich jedoch allemal, denn das Areal vermittelt einen schönen Eindruck von der zum Teil zwar primitiven, aber in ihrer pragmatischen Schlichtheit auch beeindruckenden Anlage eines karolingischen Herrenguts. So oder so ähnlich könnte das – von wenigen anachronistischen Details abgesehen – tatsächlich ausgesehen und funktioniert haben.
Als Veranstaltungsort, aber auch als Schauplatz archäologischer Experimente, lebendiger Geschichte und historischer Bildung hat das Freilichtlabor großes Potential – es bleibt zu hoffen, dass die Erwartungen erfüllt werden können, dass nicht eines Tages ökonomische Not dem Bildungs- und Forschungsanspruch den garaus macht und nur ein weiteres auf ewig am Tropf öffentlicher Fördergelder siechendes pseudo-historisches Disneyland übrig bleibt. Immerhin: Bislang scheint man in Lorsch auf dem richtigen Weg, setzt auf Qualität und langsame, bedachte Entwicklung statt kurzfristige Spektakel. Und ich bin sicher, spätestens zur nächsten Saison werden auch Zufahrt und Parkplätze zur Nutzung bereit stehen …

Die Kochstelle wartet darauf, von living history-Gruppen benutzt zu werden! Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Die Kochstelle wartet darauf, von living history-Gruppen benutzt zu werden! Foto (c) HistoFakt/Jan H. Sachers M.A.

Das Archäologische Freilichtlabor Lauresham ist von Ostern bis 31. Oktober dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
Etwa einmal im Monat findet ein Themenwochenende statt. Für Schulklassen und andere Kindergruppen können besondere Aktionen gebucht werden.
Das Freilichtmuseum ist Teil des Welterbe Areals Kloster Lorsch, das noch weitere attraktive Ausflugsziele bietet. Weitere Informationen auf www.kloster-lorsch.de.

Auf tribur.de findet sich ein Bericht von einer Belebung des Museums im September 2014.

Während der Winterpause wurden verschiedene Experimente durchgeführt, um Wohn- und Lebensbedingungen des Frühmittelalters zu erforschen.

 

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