Mittelaltertage im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim

Goldlahnstickerin bei den Mittelaltertagen in Bad Windsheim.

Goldlahnstickerin bei den Mittelaltertagen in Bad Windsheim.

Am verlängerten Wochenende vom 30. September bis 3. Oktober sollten im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim einige namhafte, hochwertige Gruppen von Darstellern Handwerk und Alltag des Mittelalters lebendig werden lassen. Für mich ergab sich am Sonntag kurzfristig Gelegenheit, das trockene Wetter für einen Besuch zu nutzen und einige „Internetbekanntschaften“ persönlich kennenzulernen.

Das Freilandmuseum bietet auf einem fast 50 ha großen Gelände eine Reise durch rund 700 Jahre fränkische Baugeschichte mit inzwischen mehr als 100 Wohnhäusern, Bauernhöfen, Scheunen, Werkstätten, Mühlen, Brauereien, Gasthäusern und sogar einem kleinen barocken Adelsschloss. Das wirklich sehr weitläufige Museum ist dabei nach Regionen bzw. Themen in verschiedene Bereiche aufgeteilt, etwa Main- und Altmühlfranken oder „Industrie & Technik“ etc. Belebt waren am verlängerten Wochenende das „Archäologische Dorf“ sowie die Baugruppen „Mittelalter“ und „Stadt“, letztere außerhalb des eigentlichen Museumsbereich gelegen.

Baugruppe Mittelalter: Leben und Handwerk im 15. Jahrhundert

Der Seiler erklärt seine Arbeit.

Der Seiler erklärt seine Arbeit.

Die Baugruppe Mittelalter besteht aus sechs Gebäuden, von denen das Bauern- und das Tagelöhnerhaus jeweils auf das Jahr 1367 zurückgehen, die übrigen aus dem 15. bzw. 16. Jahrhundert stammen. Entsprechend zeigen sie leicht unterschiedliche Ausprägungen des Fachwerkbaus, mit einer (schiefergedeckten) Ausnahme fachgerecht mit steilen, hohen Strohdächern versehen. Trotz der Unterschiede in Bauform und -zeit bilden sie ein gelungenes ländliches Ensemble, das von zahlreichen Mitgliedern des „Städtischen [!] Aufgebots 1476“ und dem „Collegium Arteficium“ mit Leben erfüllt wurde.
Zu den dargstellten Handwerken zählten die Herstellung von Knochenperlen für Paternoster, das Sticken mit Goldlahn, Schuhmacherei, Korbflechten, drechseln, schnitzen und einige weitere. Großes Interesse erweckte die Seilerei, an der sich nicht nur Kinder mit großer Begeisterung beteiligten. Sarwürker, Armbruster und Futteralmacher zeigten ihre Arbeiten und beantworteten mit großer Sachkenntnis und Geduld alle Frage, auch die nach der Echtheit der Knochen oder des Leders …

Perlen für Paternosterschnüre oder Rosenkränze.

Perlen für Paternosterschnüre oder Rosenkränze.

Unterdessen wurde in der verräucherten, durch ein kleines Herdfeuer und ein winziges Fensterchen kaum erhellten Küche Mittag- und Abendessen vorbereitet, angesichts der Personenzahl eines tagesfüllende Aufgabe. Und wohin man auch blickte, standen oder lagen rekonstruierte Möbelstücke, Werkzeuge, Trinkgefäße, Dosen und Behälter aus Holz, Bein und Keramik, da hingen ein Rosenkranz und ein Andachtsbildchen neben einer Schlafstätte, warteten hölzerne Trippen auf ihren nächsten Einsatz. Kurz gesagt, „Belebung“ ist genau der treffende Ausdruck, um die Aktivitäten der Darsteller zu beschreiben, die Gebäude und ihre Umfeld erweckten den Eindruck eines geschäftigen mittelalterlichen Dorflebens (wenngleich sich im Mittelalter Armbruster, Futteral- und Schuhmacher kaum eine enge Stube geteilt hätten …).

Erstklassige Rekonstruktion einer Gürteltasche aus Leder.

Erstklassige Rekonstruktion einer Gürteltasche aus Leder.

Herstellung von Knochenperlen für Paternosterschnüre.

Herstellung von Knochenperlen für Paternosterschnüre.

Baugruppe Stadt: Städtisches Leben im 14. Jahrhundert

Ganz ähnlich das Bild in der Baugruppe Stadt: Mitglieder von Forachheim, Heyden Bürger czu Nuerenberch und der IG14 sorgten für geschäftiges Treiben in den drei rekonstruierten Gebäuden und drum herum.

Spanschachtelmacher bei der Arbeit.

Spanschachtelmacher bei der Arbeit.

Zwar war der Schreiber gerade unauffindbar, doch seine zurückgelassene Arbeit zeugte von höchstem Können. Das präsentierten auch Spanschachtelmacher, Schuhmacher, Nadler oder Strohhutmacherin. Gebacken wurde außerdem in einem transportablen Lehmbackofen, gekocht in der Rauchküche des Bürgerhauses aus Wolframs-Eschenbach. Dieser Ständergeschossbau von 1410 bildet zusammen mit dem ungefähr zeitgleichen Handwerkerhaus aus Bad Windsheim und dem Hinterhaus aus Eichstätt von 1322 (!) ein sehr ansehnliches kleines Ensemble voller interessanter und z.T. überraschender architektonischer Details. Dazu zählen nicht nur die Rekonstruktionen früher Kachelöfen, sondern etwa auch die Geschossbauweise des Eichstätter Gebäudes, die für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts überaus ungewöhnlich ist.

v.l.n.r.: Handwerkerhaus, Bürgerhaus, Hinterhaus.

v.l.n.r.: Handwerkerhaus, Bürgerhaus, Hinterhaus.

Hier ließ sich also ganz problemlos viel Zeit damit zubringen, die mittelalterliche Architektur zu studieren und den Darstellern zuzusehen, die einfach nur ihrem normalen Tagesablauf nachzugehen schienen, als wäre dies ihr täglich Brot. Erfreuen, aber auch erstaunen dürfte die Beteiligten die Tatsache, dass sie für ihre Bemühungen fürstlich entlohnt wurden, denn wie ein Besucher seinen Begleitern erklärte:

„Die bekommen ein Schweinegeld dafür, die machen ein Wochenende im Monat so eine Aktion und leben dann das ganze Jahr davon!“

Vielleicht sollte ich also doch mit living history anfangen …

Leider konnte ich mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass die Blasmusik und fränkische Küche im Bauhofstadel beim Publikum auf größeres Interesse stieß als die erstklassige Geschichtsdarstellung der genannten Gruppen. Der Andrang war jedenfalls in der Baugruppe Stadt deutlich geringer als im Dorf, was aber immerhin den interessierten Besuchern Gelegenheit für aufschlussreiche Gespräche und unverstellte Fotomotive bot.

Backen im transportablen Lehmbackofen.

Backen im transportablen Lehmbackofen.

Archäologisches Dorf: Handwerk und Alltag um das Jahr 1000

Der dritte Schauplatz der Mittelaltertage besteht im Gegensatz zu den anderen beiden nicht aus historischen Gebäuden, sondern aus rekonstruierten Museumsbauten, die sich an archäologischen Befunden des 11.-12. Jahrhunderts orientieren. Allerdings werfen einige der architektonischen Lösungen ernsthafte Fragen zu ihrer Praktikabilität und historischen Authentizität auf. So erscheint z.B. das Strohdach des Firstpfostenhauses viel zu dünn, und das Fehlen einer Zwischendecke weckt Zweifel, ob der Innenraum im Winter lediglich durch die offene Feuerstelle auf Wohntemperatur geheizt werden könnte.
Das Archäologische Dorf wurde von Franken, Alamannen, Sueben und weiteren frühmittelalterlichen Gruppen belebt. Auch sie beeindruckten mit der Fülle authentisch rekonstruierter Alltagsgegenstände, von Schmuck und Bekleidung über Koch- und Essgeschirr bis hin zu Werkzeugen und Waffen.
Ein Schwerpunkt der Darstellung lag auf der Textilverarbeitung mit Spinnen, Weben und Nadelbinden, den größten Zuspruch erfuhr jedoch der Bronzegießer mit seinen Gehilfen: Er war beständig so belagert, dass sich keine guten Fotos schießen ließen!

Das einzige historische Gebäude des Ensembles (zu dem noch ein kleines Grubenhaus und ein Speicherbau, beide in Holzbauweise, gehören) ist die große, aus Stein errichtete Schafscheune von 1507. Sie beherbergt als Außenstelle der Archäologischen Staatssammlung München eine Ausstellung zu Besiedlungsgeschichte der Region mit zahlreichen sehr detaillierten Modellen, einigen archäologischen Originalfunden und Rekonstruktionen von Gefäßen, Werkzeugen u.ä. Das größte Exponat ist ein Nachbau der dreistöckigen Grabkammer aus dem Gräberfeld von Zeuzleben, in der im 6. Jahrhundert eine fränkisch-thüringische Fürstin in einem Holzkarren mit zahlreichen Beigaben bestattet wurde. Für ein Museum eher peinlich ist allerdings der Aufbau des zugehörigen Gewichtswebstuhls, der falsch herum aufgespannt wurde, so dass die Gewichte nicht nach unten hängen und ihrer Funktion beraubt sind …

In den übrigen Teilen des Geländes ging auch während der Mittelaltertage der reguläre Museumsbetrieb weiter. Aus frisch geernteten Äpfeln wurde Saft gepresst, und die zahlreichen Gastwirtschaften verzeichneten keinen Mangel an Kundschaft. Das Museum war gut besucht, doch offenbar war vielen Besuchern gar nicht klar, dass an diesem Wochenende das Thema „Mittelalter“ im Mittelpunkt stand.
Nach insgesamt fast 5 Stunden an den drei Schauplätzen blieb allerdings leider keine Zeit mehr, den Rest des Museums in Augenschein zu nehmen. Das wird zu einem späteren Zeitpunkt mit Sicherheit nachgeholt, denn schon der erste oberflächliche Eindruck von den übrigen Baugruppen ließ erahnen, dass dort noch einiges zu entdecken ist.

Rekonstruierter Kachelofen in der Baugruppe Stadt.

Rekonstruierter Kachelofen in der Baugruppe Stadt.

Das Fazit der Mittelaltertage lautet jedenfalls für mich: Es war eine tolle Erfahrung, so viele erstklassige Darsteller verschiedener Gruppen und Zeiten versammelt zu erleben, die nicht nur hervorragend ausgestattet waren und ihre vorgeführten Handwerke und Tätigkeiten wirklich beherrschten, sondern auch mit größter Geduld und Sachkenntnis anschaulich erklären und manches schiefe Bild vom Mittelalter ein wenig geraderücken konnten!
Dabei zeigte sich auch, dass unter „Laien“ durchaus Interesse an authentischer Darstellung und Information sowie Neugier und Unvoreingenommenheit vorhanden sind. Offenbar verlangt das Publikum doch nicht nur nach Spielleuten und Gauklern, Schaukämpfen und Pseudo-Turnieren, also nach Klamauk und Action, wie die Veranstalter sogenannter „Mittelaltermärkte“ gerne verbreiten. Auch mit ernsthafter Geschichtsvermittlung auf hohem Niveau lassen sich offenkundig Interesse an der und Verständnis für die Zeit des Mittelalters erwecken – sogar (oder gerade?) dann, wenn die fraglichen Besucher gar nicht explizit des Themas wegen ins Museum gekommen sind.
Das macht Hoffnung!

Stube im Eichstätter Hinterhaus.

Stube im Eichstätter Hinterhaus.

Ich bitte, die Qualität der Fotos zu entschuldigen, sie wurden mit einem fast 10 Jahre alten Smartphone geschossen … Insbesondere die Bilder aus dem Archäologischen Dorf waren leider nicht zur Veröffentlichung geeignet.

Hier findet sich noch ein Album der Heyden – Bürger czu Nuerenberch.

 

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