Bäuerliche Nachnamen

„Bauer ist nicht gleich Bauer“ stellte Benjamin Lammertz kürzlich in einem Beitrag auf „In Foro 1300“ fest. Er widmete sich darin der sozialen Unterschiede innerhalb der mittelalterlichen Landbevölkerung, die durch eine undifferenzierte (moderne) Kollektivbezeichnung als „Bauern“ verwischt werden.
Leicht überspitzt könnte man gar behaupten, „Bauern“ habe es im Mittelalter überhaupt nicht gegeben! In den Quellen zumindest tauchen sie kaum einmal auf, und falls doch, so meistens nicht in ihrer Eigenschaft als landbearbeitende Nahrungsmittelproduzenten, sondern als Adressaten von Spott und Kritik, aufgrund ihrer (vermeintlichen) groben, derben, unkultivierten, eben „bäurischen“ Sitten – im Lateinischen unterschieden durch die Begriffe agricola (= Landwirt) und rusticus (daher unser Adjektiv „rustikal“, der sprichwörtliche tumbe Bauer).

Wenn die Landbevölkerung in mittelalterlichen Texten Erwähnung fand, die nicht explizit ihrer Diffamierung dienen sollten, so bediente man sich präziser Bezeichnungen, welche die rechtliche, soziale und wirtschaftliche Differenzierung dieses Bevölkerungsteils zum Ausdruck bringen und sich heute vielfach als Nachnamen erhalten haben.
Im ersten Teil meiner Reihe „Berufe im Mittelalter“ (Karfunkel 74, Februar 2008, S. 48-49) habe ich einige zeitgenössische Bezeichnungen wie „Censiten“ (waren zu Zinszahlungen verpflichtet), „Kolonen“ (besaßen an einem Gut ein meist erbliches Nutzungsrecht) oder „Hintersassen“ (Halbfreie oder Hörige mit eigenem Haus, Garten und kleinem Feld) aufgeführt. Lammertz erwähnt ebenfalls einige Benennungen, die in der Regel entweder auf den Besitzstand oder den rechtlichen Status ihres Trägers verweisen.
Ich will im Folgenden versuchen, einige Bezeichnungen und daraus entstandene Namen ein wenig detaillierter aufzuschlüsseln.

"Bauern" bei der Feldarbeit: Hörige oder freie, Hübner, Kötter, Breitner oder Hintersassen? Holzschnitt, 16. Jh.

„Bauern“ bei der Feldarbeit: Hörige oder freie, Hübner, Kötter, Breitner oder Hintersassen? Holzschnitt, 16. Jh.

Die „Standardeinheit“ landwirtschaftlicher Nutzfläche im Mittelalter war die Hufe, regional auch als Hube oder Huobe anzutreffen, deren Größe jedoch variieren konnte. Wer frei über eine solche Fläche verfügen konnte, war also ein Hufner, Hüfner, Huber oder Hübner. Auch der Hofbauer war ein „Hufenbauer„. Als Hofmann bzw. Hoffmann bezeichnete man hingegen einen zu einem Gehöft gehörigen oder dem Hof zu Diensten verpflichteten Bauern.

Ein Kätner besaß ein kleines Häuschen, eine Kate, aber kein Ackerland außer vielleicht einem kleinen Nutzgarten. Im heutigen Westfalen und einigen anderen Gegenden war das Haus als Kotten, sein Bewohner daher als Köttner oder (häufiger) Kötter bekannt. Als Nachname hat sich diese Bezeichnung oft auch in zusammengesetzter Form erhalten, z.B. als Nienkötter, Fehrenkötter, Brinkkötter ….
Einen ähnlichen Status besaßen andernorts die Büdner (von der Bude, dem kleinen Wohnhaus) oder Häusler. Sie alle waren entweder auf dem Herrenhof abhängig beschäftigt oder betrieben ein handwerkliches Gewerbe.

Auch der Beckenbauer war gewissermaßen „Nebenerwerbslandwirt“ und erfüllte außerdem die Funktion des Dorfbäckers.

Andere Namen wiederum verweisen auf Besitzverhältnisse: Ein Widmer oder Wimmer bewirtschaftete ein Kirchenlehen, ein Widemgut. Der Breitner hingegen war auf ehemaligem Herrenland – der Breite – ansässig.

Meier, Meyer, Maier, Mayer, Mayr – von lat. maior – war die Bezeichnung für einen Verwalter von Gütern einer Grundherrschaft. Insbesondere in Westfalen und Teilen Niedersachsens sind heute noch Namen verbreitet, die auf die Hofstelle verweisen, die ein Vorfahr einst innegehabt hatte, wie Meyer zu Heepen, Meyer zum Gottesberge etc.

Dagegen war der Schultheiß ein vom Grundherrn ernannter „Dorfvorsteher“, der dafür Sorge zu tragen hatten, dass die Gemeindemitglieder ihre Pflichten diesem gegenüber erfüllten – der also deren Schuld heischte. Davon sind z.B. die Namen Schulz, Schultz, Schulze, Schultze, Schulte u.ä. abgeleitet.

Hörige Bauern übergeben ihre Abgaben an den Meier oder Schultheiß. Holzschnitt, 15. Jh.

Hörige Bauern übergeben ihre Abgaben an den Meier oder Schultheiß. Holzschnitt, 15. Jh.

Einige Bezeichnungen oder Namen bezogen sich auf bevorzugte Anbauprodukte, ganz deutlich natürlich beim Weinbauer, Weinmann, Winzer, Wingerter oder Wengerter (vom Wingert, dem Weinberg), Weingärtner, in Österreich und Bayern auch Weinzierl.
Dann gab es den Häberle (schwäb.) oder Häberlein: Ein Bauer, der (vornehmlich) Hafer anbaute oder mit Hafer handelte. Ähnlich Haberer/Häberer, Habermann, Habermeyer.
Selbsterklärend ist der Name Dinkelacker, weniger offensichtlich hingegen die Herkunft des Namens Rockstroh: Es handelte sich analog um den Roggenbauern.

Der Begriff „Bauer“ selbst geht zurück auf das mittelhochdeutsche gebure, das ursprünglich den Mitbewohner des bur, der Behausung bezeichnete, den Dorfgenossen, den Angehörigen einer Siedlungsgemeinschaft (burschap). Als Bezeichnung eines Menschen, der landwirtschaftlicher Tätigkeit nachgeht, scheint der Ausdruck erst seit dem Hochmittelalter verwendet worden zu sein. Zugleich treten in den Quellen zahlreiche Synonyme auf, die sich ebenfalls noch in heutigen Nachnamen wiederfinden, wie Ackermann, Ackerer oder Baumann.

Weitere Beispiele von historischen Berufsbezeichnungen im deutschen Namensschatz finden sich hier.

 

2 Gedanken zu „Bäuerliche Nachnamen

  1. Sehr spannend! Da sieht man mal, wie sehr der Lebensalltag die Sprache prägt. Heute wäre es ja vollkommen unverständlich, so viele verschiedene Bezeichnungen für Bauern zu haben. Das ist ein bisschen wie mit den berühmten (falls das denn stimmt) 20 Wörtern für Schnee in Inuit-Kulturen 😉

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