Fundstücke KW 26

Aus dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe sind wertvolle Artefakte verschwunden, meldet die Stuttgarter Zeitung.

Eine erfolgreiche Woche für die Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL): Wie Archäologie Online berichtet wurde bei Dorsten im Kreis Recklinghausen ein hölzerner Brunnen aus dem Mittelalter freigelegt. Und bei Grabungen auf der Holsterburg bei Warburg (Kreis Höxter) kam ein geschnitzter Elfenbeinkamm aus dem 12. Jahrhundert zutage.

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Fundstücke KW 24

Das Blog der LWL-Archäologie berichtet über die siedlungshistorisch sehr interessanten Ergebnisse der Notgrabungen bei Scharmede.

Gleich zwei ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger wurde an Christi Himmelfahrt in Mecklenburg-Vorpommern fündig und entdeckten wikingerzeitliche Schmuckstücke, wie das Blog Bodendenkmalpfleger meldet.

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Fundstücke KW 21

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll: In Nürnberg fordert ein Aktionsbündnis den Abriss der mittelalterlichen Stadtmauer als „Symbol der Engstirnigkeit“– so ist es auf der Website des Bayrischen Rundfunks zu lesen. (Dank an Frau Lipk für den Hinweis!)

Aufschlussreiche Funde bei neuerlichen Grabungen in der mittelalterlichen Wüstung Dorpede bei Marsberg meldet archäologie-online.de.

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Der „Brückenheilige“ Johannes von Nepomuk, ein böhmischer Märtyrer

Man begegnet ihm allenthalben, vor allem auf Brücken, aber auch auf Altären, an Hauswänden, an Wegen und gelegentlich sogar auf Gegenständen des Alltags. Meist trägt er die Kleidung des Kanonikers – Soutane und Birett -, den Palmzweig des Märtyrers und ein Kreuz in der Armbeuge. Sein Nimbus wird gelegentlich von fünf Sternen geziert. Doch wer ist dieser Schutzpatron der Brücken und Wege, der Bewahrer vor Hochwasser und dem Tod durch Ertrinken, zugleich Hüter des Beichtsiegels und einer der Landespatrone Böhmens? Weiterlesen

Fundstücke KW 40

Die Zeithistorikerin Brigitte Hamann ist am Dienstag verstorben. Der Spiegel schreibt u.a.:

„Hamann wollte mit ihrer Arbeit beweisen, dass es durchaus möglich ist, populäre Themen auf wissenschaftlich präzise Weise so darzustellen, dass auch interessierte Laien zum Lesen angeregt werden. Damit setzte sie sich gegen die Zweifel ihres Ehemanns, des Historikers und Universitätsprofessors Günther Hamann, durch, dessen Privatassistentin sie zunächst gewesen war.“

Dazu passend – wenngleich auf Wissenschaft im Allgmeinen, nicht Geschichtsforschung im Besonderen bezogen – ein Beitrag von Patrick Breitenbach im Online-Magazin des Stifterverbandes: „Wissenschaft muss uns wieder neu bezaubern“. Weiterlesen

Fundstücke KW 21

Ein Beitrag über archäologische Ausgrabungen bei Kleinmachnow in den Potsdamer Neuesten Nachrichten.

„Digital History“ ist eines der großen aktuellen Modeschlagwörter der Geschichtswissenschaft. Urs Hafner hält sie (in der NZZ) für einen Irrweg.

Der Untergang der großen Reiche der Bronzezeit stellt Archäologen und Historiker noch immer vor ein Rätsel, ebenso wie die Identität der sogenannten „Seevölker“, die zuweilen für diese Entwicklung verantwortlich gemacht werden. Könnte es sich dabei um die „Luwier“ gehandelt haben? Urs Willmann stellt die Theorie in Die Zeit vor.

„Klimawandel“ ist ein weiteres Modethema der Geschichtsforschung und wird in jüngster Zeit gerne für alles Mögliche verantwortlich gemacht. So nun auch für den Abzug der Mongolen aus Ungarn im 13. Jahrhundert, wie eine neue Studie behauptet, die Der Standard vorstellt.

Auf kurz!-Geschichte schreibt der Historiker Max Emmanuel Frick über „Die Wundervölker des Ostens“, auf seinem eigenen Blog über „Die Jungfrau und das Einhorn auf dem Erfurter Einhornaltar“.

In Brandenburg hat ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger in einem Spargelfeld einen Münzschatz aus dem Mittelalter gefunden, wie Der Focus berichtet.

Das Bild der Woche machte in den sozialen Medien die Runde und zeigt, dass moderne Technik frühmittelalterlicher Waffentechnik mitunter nicht gewachsen ist …

10 Jahre HistoFakt!

„HistoFakt wurde 2006 gegründet, um Unternehmen, Institutionen, Vereinen und Privatpersonen als kompetenter Partner in allen Fragen der Erforschung, Vermittlung und Darstellung von Geschichte zur Seite zu stehen.“

So steht es auf unserer Website zu lesen. Seit der Gründung sind inzwischen 10 Jahre vergangen. Die Aussage stimmt natürlich immer noch, doch unser Angebot hat sich in dieser Zeit erheblich verändert.
Redaktionelle Betreuung und Gestaltung von Buchveröffentlichungen, die in den Anfangsjahren noch einen nicht unerheblichen Teil der Aufträge ausmachten, spielen heute nur noch eine vergleichsweise untergeordnete Rolle – vermutlich auch, weil immer mehr Verlage inzwischen aus Kostengründen auf professoinelles Lektorat verzichten und insbesondere im geisteswissenschaftlichen Sektor immer häufiger den Autoren selbst die Gestaltung von Satz und Layout auferlegt wird.

Erheblich gestiegen ist dagegen die Nachfrage nach Transkription und/oder Übersetzung mittelalterlicher Urkunden. Manchmal ist ein bevorstehendes Ortsjubiläum der Anlass, zuweilen wird aber auch nach konkreten Informationen geforscht, etwa um den einstigen Standort abgegangener Gebäude zu lokalisieren. Insbesondere für Textquellen aus dem mittelniederdeutschen Sprachraum konnte sich HistoFakt in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Ruf erwerben.

Jan H. Sachers M.A. mit Moderatorin Heike Greis am Set der SWR-Sendung "EpochenKochen: Wie die Ritter tafelten" (EA 25.12.2014). Foto: (c) Markus Siewert/maz&more.

Jan H. Sachers M.A. mit Moderatorin Heike Greis am Set der SWR-Sendung "EpochenKochen: Wie die Ritter tafelten" (EA 25.12.2014). Foto: (c) Markus Siewert/maz&more.

Kleinere und größere Rechercheaufträge machen nach wie vor einen nicht zu vernachlässigenden Teil des Alltagsgeschäfts aus. Die Auftraggeber reichen dabei von Privatpersonen über Fachkollegen und Ausstellungsmacher bis hin zu verschiedenen analogen und digitalen Medien.
Auch für das Fernsehen war HistoFakt in der Vergangenheit tätig. Erwähnenswert ist z.B. die SWR-Sendung „EpochenKochen“, für die Gründer und Inhaber Jan H. Sachers M.A. auch selbst als Experte vor der Kamera stand.

Seine Beiträge erscheinen außerdem seit Firmengründung in verschiedenen Fachpubilkationen wie „Karfunkel“ oder „Traditionell Bogenschießen“. Im G&S-Verlag wurden bislang drei Bücher unter Beteiligung von Jan H. Sachers veröffentlicht.

Publikumsaktivitäten

Die nachhaltigste Veränderung der Angebotspalette stellt jedoch ohne Frage die in den letzten 3 Jahren erfolgte stärkere Hinwendung zu Publikumsaktivitäten dar. Auf eine wachsende Nachfrage nach erlebbarer Geschichte und anderen Erlebnisangeboten reagierte HistoFakt 2014 erstmals mit der Durchführung von Einführungskursen in das traditionelle Bogenschießen im Histotainment Park Adventon bei Osterburken. Im Folgejahr wurde das Angebot erfolgreich um den Grundkurs Pfeilbau erweitert, und dank der Zusammenarbeit mit anderen Experten können inzwischen auch Kurse im historischen Fechten, mittelalterlichen Ringen und verschiedenen Handwerkstechniken angeboten werden.
Das Gleiche gilt für Mitmach-Aktionen für Erwachsene und Kinder wie Bogenschießen, Kerzengießen oder Feuerschlagen sowie für Vorführungen z.B. im historischen Fechten mit dem Langen Schwert.

Der Kurs "Einführung in das intuitive Bogenschießen" ist seit 2014 im Programm von HistoFakt.

Der Kurs "Einführung in das intuitive Bogenschießen" ist seit 2014 im Programm von HistoFakt.

Da von KursteilnehmerInnen immer wieder nach kompetenten, zuverlässigen Bezugsquellen für Material zum Pfeilbau, Zubehör zum Bogenschießen sowie Literatur zu Pfeil und Bogen, historischen Kampfkünsten und mittelalterlicher Geschichte gefragt wurde, bietet HistoFakt seit Anfang des Jahres selbst ein ausgewähltes Sortiment an, das in Zukunft kontinuierlich erweitert werden soll. Ein Webshop ist derzeit noch in Vorbereitung, ein Bestellformular kann unter http://shop.HistoFakt.de heruntergeladen werden.

In Zusammenarbeit mit erfahrenen Handwerkern übernimmt HistoFakt die Anfertigung von Rekonstruktionen historischer Objekte in Museumsqualität, von der Recherche bis zur Anwendung inkl. Dokumentation – vom Schmiedenagel bis zum kompletten Fachwerkhaus. Einzelne Stücke sollen künftig ebenfalls in das Verkaufssortiment aufgenommen werden.

Seit einiger Zeit ist auch eine verstärkte Nachfrage nach klassischen Vorträgen zu verzeichnen, vornehmlich zu Themen rund um die Geschichte von Pfeil und Bogen, aber auch zu historischem Handwerk oder Bauen im Mittelalter.

Blick in die Zukunft

Neben der Einrichtung eines Webshops ist für die nahe Zukunft in erster Linie der Ausbau des Kursprogramms geplant. Zudem soll die Zusammenarbeit mit Museen nd Sehenswürdigkeiten der Region intensiviert werden, z.B. in Form von Vorführungen und ähnlichen Programmpunkten, aber auch in der Konzeption und Umsetzung von Sonderausstellungen, Themenführungen u.ä. Neue Vortragsthemen befinden sich ebenfalls in Planung.

Selbstverständlich wird HistoFakt auch in den kommenden Jahren eine breite Palette an historischen Dienstleistungen anbieten und seinen Klienten und Auftraggebern als zuverlässiger und kompetener Partner in allen Fragen der Erforschung, Vermitlung und Darstellung von Geschichte zur Seite stehen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit!

Die nächsten Termine

 

Der Mythos vom Glauben an die flache Erde

Im Mittelalter glaubten die Menschen, die Erde sei flach, überwölbt von einer halbrunden Himmelskuppel. An ihrem Rand, wo sich Himmel und Erde berührten, verwandelten sich die umgebenden Ozeane in reißende Wasserfälle, weshalb es gefährlich war, zu weit auf das offene Meer hinaus zu segeln. Erst durch die Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus und Ferdinand Magellan sei die Kugelgestalt der Erde bewiesen und die offizielle Lehrmeinung von Kirche und Gelehrten widerlegt worden. Weiterlesen

Fundstücke KW 18

Der LWL berichtet über den Abschluss der Grabungen auf dem Warburger Burgberg, die vielfältige Funde zutage förderte.

Über „Die runden Wappentafeln der Zünfte“ schreibt Jens Kremb auf heraldica. hypotheses.org.

Als „Teilchenbeschleuniger der Geschichte“ bezeichnet ein Artikel auf APA Science das Werkzeug der Netzwerkanalyse.

Wer war der Bamberger Reiter? fragt Florian Welle auf sueddeutsche.de.

Hiltibold veröffentlicht den zweiten Teil seines Intervies mit dem Archäologen Raimund Karl zum Streitthema Sondengänger.

Das Tiroler Blog vrouwe maere gibt Tips zur Recherche von mittelalterlichen Bildquellen im Internet.

Fokus Hndschrift, die informative Facebook-Seite zum mittelalterlichen Schrift- und Buchwesen, feierte diese Woche mehr als 5.000 Fans mit einem kurzen Video: „Die Spur der Hasen II“

(Teil I ist hier zu finden.)

500 Jahre "Reinheitsgebot"

Bier zählt zu den ältesten Kulturgetränken der Menschheit. Älteste Hinweise stammen aus dem Neolithikum, bierähnliche Getränke sind z.B. aus Babylon und Ägypten belegt. In germanischer Zeit und im Frühmittelalter lag das Bierbrauen als Teil der bäuerlichen Selbstversorgung vorwiegend in Händen der Frauen. Doch nicht zuletzt der hohe Arbeitsaufwand sowie der Platz- und Gerätebedarf sorgten seit dem Aufkommen der Städte für einen Übergang zu gewerblicher Produktion, wodurch der eigenständige Beruf des Bierbrauers entstand.

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, um 1425 (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, um 1425 (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Die zur Bierherstellung bevorzugte Getreidesorte war Gerste, der mitunter – besonders, wenn daran Mangel herrschte – Weizen, Roggen oder Hafer beigemischt wurde. Letzterer galt im Mittelalter als minderwertiges Getreide, das eigentlich nur als Viehfutter angebaut und verwendet wurde. Reine Weizenbiere wurden z. B. in Breslau, Goslar („Gose„) oder Bayern gebraut, hatten aber nur lokale Bedeutung.

Die Samenkörner wurden zunächst in Wasser eingeweicht und so zum Keimen gebracht, wobei sich die enthaltene Stärke in Zucker umwandelte. Nach etwa sieben Tagen wurde der Keimvorgang durch Trocknung der Masse auf der sogenannten Darre unterbrochen. Das so entstandene Malz konnte einige Monate gelagert werden. Unmittelbar vor Braubeginn wurde es grob gemahlen und mit warmem Wasser zur Maische vermischt, aus der dann die Würze gepresst wurde. Je nach Grad der Trocknung bzw. Röstung wurden das Malz und somit das Bier dunkler und geschmacklich intensiver; man unterschied daher zwischen Weiß- und Rotbieren.

Üblich war es, der Würze verschiedene Aromastoffe zuzusetzen, von Honig über Anis, Wacholderbeeren, Harz, Kümmel oder Ingwer bis zu verschiedenen Kräutermischungen, deren genaue Zusammensetzung Betriebsgeheimnis des jeweiligen Brauherrn war. Solche Zusätze waren besonders im Norden des Reiches verbreitet und unter der Bezeichnung „Grut“ bekannt.
In der Kirchenprovinz Köln, also zwischen Somme und Weser, war das Grutrecht im 10. und 11. Jh. ein Privileg, das die Grutherrn – meist die Bischöfe – zu alleiniger Herstellung und alleinigem Verkauf der Grut berechtigte. Die am häufigsten verwendeten Kräuter waren Gagel (Myrica gale, Heidemyrthe) oder Porst (Ledum palustre oder Rhododendron tomentosum), daneben Laserkraut, Schafgarbe, Lorbeer, Salbei, Rosmarin, Koriander, Wacholder und Mädesüß. Zuweilen wurde auch das giftige Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) zugesetzt, das halluzinogene Wirkung hatte, aber bereits in geringer Dosis tödlich sein konnte.
Der Kauf der Grut war Voraussetzung für den Erwerb der Braugenehmigung – kein Wunder also, dass die Obrigkeit ihr lukratives Monopol energisch verteidigte, während das System bei den Brauern nicht gerade beliebt war.

Hopfen. Anholter-Moyländer Kräuterbuch, um 1470, fol. 87v.

Hopfen. Anholter-Moyländer Kräuterbuch, um 1470, fol. 87v.

Statt der Grut begannen norddeutsche Brauer mindestens bereits im 11. Jh., der Würze Hopfen zuzusetzen, der nicht nur den Geschmack verbesserte, sondern auch bakterienhemmende Wirkung hatte. Das Endprodukt war somit länger haltbar und konnte über weitere Strecken exportiert werden. Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass sich Hopfen im Gegensatz etwa zu Porst und Gagel kultivieren ließ; so wurden besonders ab dem 13 Jahrhundert vielerorts Hopfengärten angelegt.
Allerdings konnte Hopfenbier nur untergärig gebraut werden, d.h. bei einer Temperatur von unter 10°C, was die Brauzeit auf die Monate November bis Mai beschränkte. Doch auch die übrigen, obergärigen Biersorten wurden überwiegend im Winter gebraut, da der Verderb im Sommer noch schneller einsetzte. Bis zum Spätmittelalter hatte sich der Zeitraum zwischen St. Michael am 29. September und St. Georg am 23. April allgemein als Brausaison durchgesetzt.

Im offenen Gärbottich wurde die Würze mit Wasser verdünnt und mit Hefe versetzt, die den Zucker in Alkohol umwandelte. Das Mischungsverhältnis entschied über die Stärke des fertigen Produkts: das stärkste wurde meist für den Export gebraut und Faßbier genannt, die Tafel-, Tonnen- oder Tischbiere waren etwas schwächer. Als Kofent oder Nachlese wurde ein Dünnbier bezeichnet, für das die Würze ein zweites Mal aufgegossen wurde. Der beim Gärvorgang entstehende Hefeschaum wurde abgeschöpft und an die Bäcker verkauft.

Die Biere des Mittelalters wurden nach ihren Brauorten benannt, von denen einige zu einer Art Markenzeichen wurden. Darunter zählten Einbeck, Hamburg, Bremen, Braunschweig, Goslar und Nürnberg zu den berühmtesten. Das mit Hopfen gebraute, untergärige Bier der Hansestädte wurde im 13. Jh. zu einer Art „Exportschlager“. In Hamburg, dem „Brauhaus der Hanse“, zählte man um das Jahr 1410 etwa 500-520 Brauberechtigte, die jährlich ca. 250.000-300.000 Hektoliter produzierten. Das Bier der Hanse wurde nach Skandinavien, ins Baltikum, nach England und in die Niederlande vertrieben. Mit dem Export qualitativ hochwertiger Biere ließen sich beträchtliche Gewinne erzielen, so dass zahlreiche Brauherren zu vermögenden und einflussreichen Unternehmern avancierten, die mancherorts (z. B. in Goslar) den Rat der Stadt beherrschten.

Doch gewerbliches Bierbrauen konnte sich nur lohnen, wenn die Produktion entsprechend hoch war. Die Investitionen waren hoch, die Gefahr des Verderbs groß, das Mälzen und der Verkauf des Endprodukts mit Steuern belegt. Die Bierherstellung wurde durch städtische Brauordnungen geregelt, von denen die Augsburger von 1155 wohl die älteste ist. Meist wurden die Zahl der Brauberechtigten und der Ausstoß des einzelnen Brauvorgangs begrenzt, um Überproduktion zu verhindern und die Preise stabil zu halten. Beauftragte des Rates überwachten Malzbereitung, Braumengen, Qualität und Preisgestaltung.

Sogenannte Höchstpreistaxen galten im späten Mittelalter für zahlreiche Lebensmittel, etwa Fisch, Brot, Fleisch, Wein oder eben Bier. Eine Bierpreisordnung war auch Teil der Landesordnung, die am 23. April 1516 von den Herzögen Wilhelm IV. und Ludwig X. von Bayern auf dem Ingolstädter Landtag erlassen wurde:

„Item wir ordnen / setzen / und wöllen mit Rathe unnser Lanndtschaft / das füran allennthalben in dem Fürstenthumb Bayrn / auff dem Lande / auch in unnsern Stettn unn Märckthen / da deßhalb hieuor kain sonndere ordnung ist / von Michaelis biß auff Georij / ain mass oder kopffpiers über ainen pfenning Müncher werung / unn von sant Jorgentag / biß auff Michaelis / die mass über zwen pfenning derselben werung / und derenden der kopff ist / über drey haller / bey nachgesetzter Pene / nicht gegeben noch außgeschenckht sol werden.“

Gedenkmedaille. (c) Yvonne/Badische Zeitung

Gedenkmedaille. (c) Yvonne/Badische Zeitung

Geregelt wurde also der Bierpreis während und außerhalb der Brausaison. Doch immer war die Gefahr groß, dass unredliche Produzenten versuchten, ihren Gewinn durch die Verwendung minderwertiger Zutaten oder unlautere Beimischungen zu steigern. Davon ging, wie beim erwähnten Bilsenkraut, nicht selten eine Gesundheitsgefährdung für die Konsumenten aus.
Um derartige Experimente zu unterbinden und eine möglichst gleichbleibend hohe Qualität der bayrischen Biere sicherzustellen, heißt es in dem herzoglichen Mandat weiter:

„Wir wöllen auch sonderlichen / das füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unn auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer stückh / dann allain Gersten / Hopfen / unn wasser / genommen unn gepraucht sölle werdn.“

Es handelte sich weder um den ersten noch um den letzten Versuch, die Bierproduktion auf die Verwendung von Gerste, Hopfen und Wasser zu beschränken, nicht in Bayern und schon gar nicht im Rest des Reiches. Viele deutsche Städte kannten seit dem 14. oder 15. Jahrhundert ähnliche Verordnungen. Eine Verordnung des Münchener Stadtrats von 1447, welche die Bierzutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser beschränkte, wurde später auf ganz Oberbayern ausgedehnt, 1469 übernahm der Rat der Stadt Regensburg die Regelung. Ja, selbst in London wurde 1484 verfügt, dass Bier ausschließlich aus „licuor, malt and yeste“, also Wasser, Malz und Hefe zu bestehen habe!
Neu war an dem bayerischen Erlass von 1516 daher allenfalls, dass er für das gesamte (kürzlich wiedervereinigte) Herzogtum gelten sollte und sich ausdrücklich nicht nur auf die Städte, sondern auch auf Marktorte und das ländliche Brauwesen bezog. Dabei mochte eine Rolle gespielt haben, dass der Hopfen im Süden prächtig gedieh und gezielt angebaut werden konnte, ganz im Gegensatz zu Porst und Gagel, die teuer importiert werden mussten.

Nicht ganz zufällig hatte eine solche Beschränkung der erlaubten Zutaten daneben den Vorteil, die Besteuerung des Produkts zu vereinfachen. Bald wurden auch Strafzölle auf nach Bayern importierte Biere erhoben und die Ausfuhr bayerischer Biere ebenfalls mit zusätzlichen Abgaben belegt.
Nicht zuletzt richtete sich die Regelung auch gegen die „Verschwendung“ des wertvollen Brotgetreides Weizen für die Bierherstellung. Noch 1567 heißt es in einem herzoglichen Mandat, das überwiegend aus Böhmen importierte Weiß- oder Weizenbier sei

„gar ein vnnuez getranck … / das weder fueert noch nert / weder sterck / krafft noch macht gibt / vnd dahin gericht ist / das es die Zechleut / oder diejenigen dies trincken / nur zu mehrerm trincken raizt vnd vrsach.“

Die Einstellung änderte sich jedoch rasch, als Kurfürst Maximilian I. 1602 erkannte, dass sich mit einem herzoglichen Weißbiermonopol viel Geld verdienen ließ. In kurzer Zeit entstanden so 15 staatliche Weißbierbrauereien, deren Einnahmen bald den größten Einzelposten des bayerischen Staatssäckels ausmachten. Dafür sorgte auch die Verpflichtung der Wirte, stets ausreichend viele Fässer Weißbier auf Lager zu halten.
Nicht einmal einhundert Jahre nach der gesetzlichen Beschränkung der Bierzutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser schien diese bereits in völlige Vergessenheit geraten zu sein …

Vom 17. Jahrhundert an ist jedenfalls in der bayerischen Gesetzgebung von einer derartigen Bierverordnung nirgends mehr die Rede. Ausnahmen gab es ohnehin: So wurden z.B. schon 1551 zur Herstellung bestimmter „Traditionsbiere“ die Zugabe von Koriander und Lorbeer ausdrücklich erlaubt. Die bayerische Landesverordnung von 1616 ließ außerdem Salz, Wacholder und Kümmel als Beigaben zu.

Brauwesen und Bierkultur gediehen dennoch prächtig und erreichten ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Allein in Bayern existierten um 1800 mehr als 30.000 Brauereien. Gaststätten entwickelten sich zu sozialen und kommunikativen Zentren von Bürgern wie Arbeitern, und gemeinsames Biertrinken avancierte zum elementaren Bestandteil der Alltags- und Freizeitgestaltung. Neue technische Errungenschaften optimierten die Brauverfahren und garantierten gleichbleibend hohe Qualität. Kältemaschinen, die Erfindung der Bügelflasche und des Kronkorkens trugen zu steigenden Absätzen bei.

Zugleich war das 19. Jahrhundert die Zeit der Wiederentdeckung und romantischen Verklärung des Mittelalters, des aufblühenden Nationalismus‘ wie auch des Regionalpatriotismus‘. Bier war Teil der deutschen, ganz besonders aber auch der bayerischen Identität. Nicht umsonst trugen zahlreiche der von deutschen Auswanderern in den USA und anderswo gegründeten Brauereien den Namen „Bavaria“ und warben mit „bayerischer Brautradition“.

Das Hofbräuhaus Las Vegas. (c) magazineUSA.com

Das Hofbräuhaus Las Vegas. (c) magazineUSA.com

Da traf es sich prächtig, dass die Bierverordnung des Landtagsabschieds von 1516 zu Beginn des 19. Jahrhunderts „wiederentdeckt“ wurde. Am 10. November 1861 wurde die Beschränkung auf Gersten, Hopfen und Wasser erneut in der bayerischen Gesetzgebung verankert, nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde sie in anderen Teilstaaten übernommen, ab 1906 galt sie für das gesamte Reichsgebiet.

Von einem „Reinheitsgebot“ war jedoch zu dieser Zeit noch nicht die Rede. Der Begriff wurde wohl erstmals vom Landtagsabgeordneten und Leiter der Buchstelle bei der Akademie für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan Hans Rauch in einer Sitzung des bayerischen Landtags am 4. März 1918 verwendet.
In der Weimarer Republik, der alten Bundesrepublik und der DDR regelten verschiedene Gesetze die Besteuerung des Biers und in diesem Zuge die erlaubten Zutaten. Gerste, Hopfen und Wasser waren in der Regel für untergärige Biere vorgeschrieben, bei obergärigen (wie z.B. bayerischem Weißbier) galten Ausnahmen. Seit 2005 regelt die Bierverordnung, was als „Bier“ bezeichnet und in den Handel gebracht werden darf.
Seit einigen Jahren beginnt die ursprünglich aus den USA stammende Craft Beer“-Bewegung, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Kleinst- und Hobbybrauereien produzieren seither zunehmend Biere, die nicht dem sogenannten „Reinheitsgebot“ entsprechen und die geschmackliche Vielfalt des deutschen Lieblingsgetränks mit verschiedenen Aromazusätzen massiv erweitern.

Der Deutsche Brauer-Bund jedoch hält eisern an der historischen, wiederentdeckten (und überholten?) Vorschrift fest. Was 1516 als Höchstpreistaxe erlassen worden war, dient den deutschen Brauereikonzernen heute als Marketinginstrument, als Schutzwall gegen ausländische Konkurrenz, als traditions- und damit identitätsstiftendes Werkzeug der Image-Pflege.

(c) Deutscher Brauer-Bund

(c) Deutscher Brauer-Bund

Schon 1994 wurde der 23. April zum „Tag des deutschen Bieres“ erhoben, in diesem Jahr (2016) jährt sich der Erlass der bayerischen Herzöge zum 500. Mal. Zahlreiche Medien feiern ganz im Sinne des Brauer-Bundes das „älteste Lebensmittelgesetz“ der Welt.
Betont wird dabei immer wieder gerne die „ungebrochene Tradition“, die sich bei näherer Betrachtung ebenso als reine Fiktion erweist wie die angebliche Sorge der bayerischen Herzöge um das leibliche Wohlergehen ihrer Untertanen, die zum Erlass des „Reinheitsgebots“ geführt haben soll.
Doch wie schon der große Historiker Ernst Schubert in diesem Zusammenhang feststellte:

„Fiktionen können geschichtsmächtiger als Fakten sein.“

(Ernst Schubert, Essen und Trinken im Mittelalter, 2. Auflage, Darmstadt 2010, S. 229f.)