Vavra/Bauer (Hgg.): Die Kunst des Fechtens

Elisabeth Vavra und Matthias Johannes Bauer (Hgg.): Die Knst des Fechtens, Heidelberg 2017.

Elisabeth Vavra und Matthias Johannes Bauer (Hgg.): Die Kunst des Fechtens, Heidelberg 2017.

Fecht- und Ringbücher – mittelalterliche und frühneuzeitliche Schriftwerke zu Kampfkunst und Selbstverteidigung – sind in den vergangenen Jahren nicht nur verstärkt in den Fokus engagierter Praktiker geraten, sondern auch zu einem ernstzunehmenden Forschungsfeld historischer Disziplinen avanciert. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen in Form von Aufsätzen, Tagungsberichten, Monographien und Sammelbänden steigt seit rund 10 Jahren kontinuierlich an, ein Ende ist einstweilen nicht in Sicht. Gemeinsam ist den meisten dieser Arbeiten ihr interdiszpliniärer Forschungsansatz, der z.B. klassische epigraphische, kunsthistorische, sozial-, rechts- und sportgeschichtliche Fragestellungen mit neueren Ansätzen der historischen Bildkunde oder der Interpretation von Gestik und Performanz vereint.
Die Beiträge des vorliegenden Bandes entstanden überwiegend aus Vorträgen, die 2009 im Rahmen eines Round Table-Gesprächs des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit in Krems gehalten wurden. Die enorme Verzögerung bei der Publikation ist weder Autoren noch Herausgebern oder Verlag anzulasten, sondern liegt in der Umstrukturierung und dem Umzug des Instituts sowie der Einstellung seiner Publikationsreihe begründet.

Innerhalb der artes mechanicae oder „Handwerkskünste“ des späten Mittelalters wurden Fechten und Ringen nicht, wie man meinen könnte, zu den Kriegskünsten (armaturae) gezählt, sondern zu den Unterhaltungskünsten (theatricae). Während jedoch andere artes wie Medizin, Architektur oder auch Kriegführung eine zunehmende Verwissenschaftlichung erfuhren, vermissen die Autoren Bernhard D. Haage und Wolfgang Wegner eine solche Entwicklung bei den Kampfkünsten, was sie in einem kurzen Beitrag anhand zahlreicher Fecht- und Ringbücher in den Traditionen der Meister Liechtenauer und Ott darlegen. Tatsächlich blieb die schriftliche Überlieferung mittelalterlicher Kampftechniken mit und ohne Waffen in ihrer textlichen und blidlichen Darstellung konservativen Traditionen verhaftet, bis sie schließlich geradezu antiquarischen Charakter annahm. Statt von der Kampfkunst zur Kampfwissenschaft entwickelten sich Fechten und Ringen von der Selbstverteidigung zum Sport. Allerdings war zu dieser Zeit das mittelalterliche artes-Schema schon weitestgehend veraltet und überholt, das Argument daher nur noch bedingt stichhaltig.
Der (gerichtliche) Zweikampf, der eine Selbstverteidigungssituation konstituiert, bildet den historischen Hintergrund zahlreicher Fechtbücher, allen voran der überlieferten Werke Hans Talhoffers. In seinem rechtshistorischen, mit sehr ausführlichen Fußnoten und Quellenbelegen solide fundamentierten Aufsatz geht Hans-Georg Herrmann den Fragen nach, in welchem Ausmaß solche bewaffneten Gottesurteile im 15.-17. Jahrhundert noch zur tatsächlichen Gerichtspraxis und damit zur Lebenswirklichkeit der Zeitgenossen zählten, wie sie gesetzlich und praktisch geregelt waren, wie sie abliefen und schließlich, wie sich diese Bedingungen in den Fechtbüchern widerspiegelten. Wenngleich die Überliefeurng durch normative und erzählende Quellen viele Fragen offen lässt, kommt Herrmann zu dem Schluss, dass die Praxis des gerichtlichen Zweikampfs zu Talhoffers Zeiten durchaus noch gängige Praxis gewesen sein dürfte, wenngleich ihre juristische Legitimation bereits seit langem zumindest in Frage gestellt war – von der theologischen Legitimation ganz zu schweigen.
Umso bedeutender erscheinen vor diesem Hintergrund die zahlreichen Bezüge zu Gott, Gottesurteilen, Beistand durch Heilige u.ä. in jenen Fechtbüchern, die den gerichtlichen Zweikampf zum Inhalt haben. Silvan Wagner sieht in ihnen laientheologische Entwürfe, die  Vermittler entsprechender Kampftechniken als „Fechtmeister Gottes“ zu Ausführungsorganen oder „Kontingenzmoderatoren“ des göttlichen Willens konstruieren und ihm damit eine heilsgeschichtliche Rolle, einen fast schon heiligmäßigen Status zuweisen.
Der heute wohl bekannteste solche Fechtmeister und Verfasser von sechs erhaltenen Handschriften ist Hans Talhoffer. In den teils stark theologisch bzw. heilsgeschichtlich aufgeladenen, stellenweise auch sehr drastischen Illustrationen seiner Fechtbücher erkennt Uwe Israel vornehmlich ein Bildprogramm zur Eigenwerbung und Selbststilisierung, zumal er sich nicht nur als Experte für bewaffneten und unbewaffneten Kampf, sondern auch „als Berater in juristischen, diätetischen, mentalen, taktischen, mantischen und religiös-kultischen Fragen“ empfielht.

Heidemarie Bodemer widmet sich in ihrem anschaulich illustrierten Beitrag der Entwicklung der Fechtbücher vom 14. bis zum 17. Jahrhundert. Anhand von Beispielen und Biographien zeigt sie auf, wie die „deutschen Schule“ in Nachfolge Meister Liechtenauers die mittelalterliche Fechtkunst in Italien beeinflusste, ehe sich in der Renaissance die Strömungsrichtung umkehrte. Leider bleibt die Verfasserin einer umfangreichen kunsthistorischen Studie zur Geschichte der Fechtbücher eine Antwort auf die Frage nach den Gründen dieser Entwicklung in diesem Beitrag letztlich schuldig.
Während sich H. Bodemer den Lehren der Fechtbücher von der Betrachtung ihrer Bildprogramme her nähert, wählt Grzegorz Zabinski einen Ansatz aus pragmatischer Sicht (auf Englisch). Ausgehend von der Überlieferung der Merkverse Johannes Liechtenauer vergleicht er den didaktischen und methodischen Aufbau mehrerer Fechtbücher, woraus sich nicht nur Veränderungen der Lehrmethode, sondern auch Lehr- bzw. Vermittlungsabsicht ablesen lassen.
Früher und in weit stärkerem Maße als das Fechten erlebte das Ringen eine Umwandlung – und Abwertung – vom integralen Bestandteil der Kampfkunst und wesentlichen Element adeliger Erziehung zum bloßen Sport bzw. zur Freizeitbeschäftigung „tumber Bauern“. Rainer Welle analysiert in seinem Beitrag zunächst die verschiedenen Formen von Ringkampf, Kampfringen und Fechtringen mit ihren jeweils inhärenten Problemen der Vermittlung und Darstellung. Schlüssig legt er anschließend dar, warum diese in der adeligen und gehoben-bürgerlichen Gesellschaft der Frühen Neuzeit keinen Platz mehr finden konnten.
Die oft nicht unproblematischen Text-Bild-Relationen illustrierter Fechtbücher bzw. die jeweils spezifischen Probleme reiner Text- bzw. Bildwerke stehen im Mittelpunkt des Beitrags von Rainer Leng, in dem er den damaligen (2009) Forschungsstand seiner Arbeitsgruppe am Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters (Stoffgruppe 38, Band 4.2) knapp und eloquent zusammenfasst.
Ein Fechtbuch der Albertina in Wien (Graphische Sammlung, Inv. 26232) genießt seit mehr als 100 Jahren einen besonderen Ruf, da seine Ausführung dem Künstler Albrecht Dürer zugeschrieben wurde, der es möglicherweise im Auftrag Kaiser Maximilians verfasst haben soll. Heinz Widauer fasst die bisherigen Argumente für und gegen die Urheberschaft Dürers zusammen, um sich schließlich aufgrund eigener Erkennntisse einer 2009 noch andauernden Untersuchung eindeutig und plausibel gegen diese auszusprechen.
Dem 2009 von Matthias Johannes Bauer unter dem Titel „Langes Schwert und Schweinespieß“ herausgegebenen sogenannten „Kölner Fechtbuch“ kommt aus mehreren Gründen ebenfalls eine Ausnahmestellung zu: Unter anderem ist es keiner bekannten Lehrtradition zuzuordnen und als einziges bislang bekanntes Werk im ripuarischen Sprachraum entstanden. Die sprachlichen Besonderheiten und hier insbesondere die Tierallegorien stehen im Zentrum von Bauers Beitrag im vorliegenden Sammelband.
Zu den bekanntesten Werken der historischen Kampfkünste zählen die Arbeiten des Sammlers, Verfassers und Praktikers Paulus Hector Mair. Entstehung, Quellen, Inhalt, Aufbau und Intention des in Wien (ÖNB Cod. Vindob. 10825 und 10826) aufbewahrten umfangreichsten seiner Fechtbücher legt Jeffrey L. Forgeng (auf Englisch) ausführlich und anschaulich dar.

Ein wenig aus der Reihe fällt der letzte Beitrag des Bandes, da sich Franz Albrecht Bornschlegel nicht direkt mit Fechtbüchern und Kampfkunst, sondern mit der Verzierung von Klingen in Form von Inschriften in Mittelalter und Früher Neuzeit beschäftigt. Auch dieser Aufsatz fasst im Wesentlichen den Forschungsstand von 2009 in einem Teilbereich einer andauernden Untersuchung zusammen, bietet aber insofern Anschluss an andere Beiträge des Bandes, als sich in der Veränderung des Klingendekors, seiner Inhalte und Zweckbestimmungen Parallelen zur Entwicklung des Fechtens von Kampfkunst und Selbstverteidigung zur sportlichen Freizeitbetätigung bzw. der Fechtbücher von Lehrwerken zu mehr oder minder historischen oder antiquarischen Abhandlungen ziehen lassen.

Alle Beiträge des Sammelbands sind ohne Frage von hohem wissenschaftlichem Wert und erweitern unsere Kenntnisse über Fechtbücher und Kampfkunst des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Dennoch ist an vielen Stellen nicht zu übersehen, wie weit die Forschung in den vergangenen acht Jahren zwischen dem Round Table-Gespräch im Krems und der Veröffentlichung der überarbeiteten Vorträge fortgeschritten ist. Unterdessen haben diverse Fachkonferenzen stattgefunden und wurden zahlreiche Publikationen veröffentlicht, von denen hier nur auf den Tagungsband „Das Schwert – Symbol und Waffe“ (2014) oder den Band „Zweikämpfer. Fechtmeister, Kämpen, Samurai“ (Band 19, Heft 2) der Zeitschrift „Das Mittelalter“ (2014) sowie den geplanten Band zum Symposium „Das Schwert – Gestalt und Gedanke“ vom November 2015 verwiesen werden soll.
Gerade auch einige der Autorinnen und Autoren des Sammelbands haben ihre Themen inzwischen verschiedentlich weiter ausgeführt. Die in „Die Kunst des Fechtens“ präsentierten Ansätze und Erkenntnisse sind angesichts der neueren Arbeiten daher keineswegs als obsolet zu betrachten, sondern ergänzen vielmehr einige wichtige Steine im Fundament der interdisziplinären Erforschung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fecht- und Ringlehren, ihrer Quellen und Protagonisten. Der Band sollte deshalb in keiner Bibliothek zu den hisotirschen europäischen Kampfkünsten fehlen – ganz gleich, ob sich diese Beschäftigung aus praktischem oder rein akademischem Interesse speist.
Am Ende bleibt letztlich allein das bedauerliche Fehlen biographischer und bibliographischer Angaben zu den Beitragenden zu bemängeln.

Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2017. 318 S., 20 farb., 65 s/w-Abb. ISBN 978-3-8253-6699-5. € 45,-.

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