(Un-) Mittelalterliche Küche

Das Thema „Ernährung im Mittelalter“ weist noch immer etliche Lücken, Forschungsdesiderate und auch Uneinigkeiten unter Historikern und Archäologen auf. Deutet z.B. die geringe Zahl von im Umfeld mittelalterlicher (Adels-)Burgen gefundener Wildknochen darauf hin, dass die Jagd für die Ernährung keine große Rolle gespielt hat? Oder ist sie dadurch zu erklären, dass die erlegten Tiere an Ort und Stelle aufgebrochen wurden, die Knochen also im Wald oder auf dem Feld verblieben und nur das Fleisch in die heimische Küche geschafft wurde? (Vieles spricht für letztere These.)
Auch zahlreiche andere Aspekte des Themas bieten reichlich Möglichkeiten zu kritischer Quellenarbeit, zu Makro- und Mikrostudien oder auch zu praktischer Erprobung, Rekonstruktion und experimenteller Archäologie.

Festmahl Wilhelms des Eroberers auf dem Teppich von Bayeux (um 1070).

Festmahl Wilhelms des Eroberers auf dem Teppich von Bayeux (um 1070).

Gerade die praktische Reanimation mittelalterlicher Kochkunst erfreut sich seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit nicht nur unter „Gewandeten“. Historische Kochbücher werden „wiederentdeckt“, übersetzt und ihre Rezepte mehr oder weniger behutsam dem heutigen Geschmacksempfinden angepasst.
Daneben gelangen immer mehr Bücher auf den Markt, die vorgeben, von historischen Koch- und Essgewohnheiten inspiriert zu sein. „Kochen wie die Wikinger“, „Kochen wie die Kelten“, „Rezepte nach Hildegard von Bingen“ oder angeblich mittelalterliche Klosterküche – die Nachfrage scheint das Angebot zu rechtfertigen.
Häufig stößt man dann bereits beim ersten Durchblättern der Rezepte auf verdächtige Zutaten: Kartoffelsuppen, Tomatensaucen, Putenbrustfilets, gefüllte Kürbisse oder Würzmischungen mit Paprika, Vanille, Chili – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Und die ebenfalls in wachsender Zahl allenthalben angebotenen „mittelalterlichen“ Ritter-, Bürger- oder Klostermahle sind oftmals kein Stück besser!

Verkauf von Fischen, Schnecken und Fröschen. Ulrich Richental: Chronik des Konzils von Konstanz (ca. 1464). Konstanz, Rosgartenmuseum, Hs. 1, fol 25r.

Verkauf von Fischen, Schnecken und Fröschen. Ulrich Richental: Chronik des Konzils von Konstanz (ca. 1464). Konstanz, Rosgartenmuseum, Hs. 1, fol 25r.

Doch zahlreiche Nahrungs- und Genussmittel, die für uns heutzutage selbstverständlich und nahezu allgegenwärtig sind, waren im Mittelalter noch gar nicht bekannt. Meist, weil sie erst nach der Entdeckung Amerikas Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhundert allmählich nach Europa gelangten, teils aber auch, weil sie aus dem fernen Asien stammten, tropische Bedingungen zum Anbau benötigten und ohne künstliche Kühlung nicht über weite Strecken transportiert werden konnten oder auch, weil die Verfahren zu ihrer Herstellung noch nicht erfunden waren.

Die folgende Liste ist zwar etwas umfangreicher als andere mir bekannte Aufzählungen, erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für Hinweise auf weitere „verbotene Lebensmittel“ bin ich dankbar.

  • Ananas (aus Amerika)
  • Apfelsine (Orange, urspr. aus China, 15. Jh.)
  • Aubergine (urspr. aus Asien, ca. 15. Jh. in Italien)
  • Avocado (aus Amerika)
  • Banane (aus Amerika)
  • Chili (aus Amerika)
  • Erdnuss (aus Amerika)
  • Feuerbohne (aus Amerika)
  • Gartenbohne (aus Amerika)
  • Graupen (erstmals im 17. Jh. schriftlich belegt)
  • Grünkern (unreif getrockneter Dinkel, erstmals im 17. Jh. schriftlich belegt)
  • Guave (aus Amerika)
  • Kaffee (aus Afrika, 16. Jh.)
  • Kakao (aus Amerika)
  • Kartoffel (aus Amerika)
  • Kiwi (aus China, 20. Jh.)
  • Kokosnuss (trop., Asien, Afrika und Südamerika)
  • Kürbis (Gattung Cucurbita, aus Amerika)
  • Mais (aus Amerika)
  • Mandarine (aus China, 1805)
  • Maniok (aus Amerika)
  • Orange (Apfelsine, urspr. aus China, 15. Jh.)
  • Papaya (trop., aus Amerika))
  • Paprika (aus Amerika)
  • Pepperoni (aus Amerika)
  • Pute (Truthahn, aus Amerika)
  • Regenbogenforelle (Nordamerika, 19. Jh.)
  • Rhabarber (aus Asien, 18. Jh.)
  • Rohrzucker (aus Asien, ab ca. 13. Jh. als Luxusartikel, weite Verbreitung erst im 17. Jh.)
  • Rübenzucker (18. Jh.)
  • Schokolade (aus Amerika, 16. Jh.)
  • Soja (aus Asien, 17./18. Jh.)
  • Sonnenblumenöl (Sonnenblume aus Amerika)
  • Spirituosen (durch Destillation, 16. Jh.)
  • Süßkartoffel (aus Amerika)
  • Tabak (aus Amerika)
  • Tee (aus China, 17. Jh.)
  • Tomate (aus Amerika)
  • Vanille (aus Amerika)
  • Wildreis (Wasserreis, Zizania L., aus Amerika)
  • Zucchini (Kürbisart, aus Amerika)

Die Liste, die sich mit Sicherheit noch verlängern ließe, ist also ziemlich lang. Auffällig ist dabei, wie sehr die Entdeckung Amerikas unseren Speiseplan, unsere Ernährungsgewohnheiten und nicht zuletzt auch die europäische Landwirtschaft beeinflusst hat.

Literaturempfehlungen:

Mit Dank an D. Braun-Zeuner, M. Kuhn und M. Honrighausen.

 

8 Gedanken zu „(Un-) Mittelalterliche Küche

  1. Moin ! Salve! Buenos días! Guten Tag!

    Im Prinzip einverstanden ! Unser Reden seit langem! Dein Hinweis zu Wild ist nicht schlüssig. Nur Filets sind sicher nicht in die Burgen transportiert worden. Frau Schulz ist hier schlüssiger …
    Bei der Liste gibt es bei einigen Lebensmitteln frühere Belege, z.B. Kaffee 10. Jhd. als Medizin erwähnt, Verwendung in Mitteleuropa 16 Jhd.
    Aubergine in Catalunya 13 Jhd. erwähnt, Italien 15. Jhd., Verwendung in Mitteleuropa 20 Jhd. (?), Die Bitterorange gab es natürlich schon im 11. Jhd. in Spanien, evt. sogar früher. Forellen gab es, aber natürlich nicht die Regenbogenforelle, sondern die Lachsforelle und die Apfelforellen (Salmo alpines), Die Faba, die Sau- oder Ackerbohne gab es natürlich auch schon. Reis wurde in Spanien angebaut. Der Teufel steckt wieder im Detail. Ich wäre schon froh, wenn keine Tomaten, Kartoffeln und Mais (oder Brühwürfel wie in einem „karolingischen Kochbuch“) verwendet würden in der sogenannten „mittelalterlichen Küche“. Großer Seufzer
    Dein Isí

    • Hallo Isí,
      vielen Dank für den Kommentar! Der Beleg für Auberginen in Catalunya war mir nicht bekannt. Die Verwendung von Kaffee als Medizin im 10. Jahrhundert beschränkte sich m.W. aber auf die islamische Welt (inkl. al Andalus), möglicherweise lernten Kreuzfahrer ihn im Heiligen Land auch schon kennen, aber die Verbreitung in Deutschland bzw. Mitteleuropa erfolgte später – oder hast Du andere Quellen?
      Der Frage nach Wildbret will ich bei Gelegenheit mal in einem eigenen Beitrag näher nachgehen. Kannst Du zu „Frau Schulz“ nähere Angaben machen? Ihre Ausführungen sind mir wohl nicht bekannt, daher würde ich mich über eine Quellenangabe freuen. Vielen Dank!
      Herzliche Grüße,
      Jan

      • Moin Jan,
        Kaffeebohnenfragmente wurden unter anderem auch im Grab von Ladby (Dänemark) ca. 925 gefunden.
        Man vermutet, das die Bohnen zusammen mit den dort ebenfalls gefundenen arab. Münzen Tauschware und Geschenke an den König waren.

        • Wow, interessant! Aber offensichtlich wussten die Wikinger mit den Bohnen nichts praktisches anzufangen und haben sie daher als Grabbeigabe „entsorgt“ … 😉

          • …oder man war sich des Wertes durchaus bewusst und hat Sie deshalb so hoch eingeschätzt und als Grabbeigabe für würdig befunden 🙂

  2. Jo, Jan,
    ordentlich was durchzuarbeiten. Die Schulz liegt auf meinem Platz und macht sich ganz schön breit:
    http://blog.ottonenzeit.de/archives/861
    Nein, Kaffee ist doch ok, ich wollte nur krümelkacken, sorry. Wenn die Doctores in Salerno ihren Avicenna gekannt haben, wird er ihnen über den Weg gelaufen sein .. als Medizin. Auch im Arabischen Raum kein anderer Erkenntnisstand. Die gepflegte Tasse Kaffee fällt ganz sicher aus!
    oh, Rohrzucker, da haben die Uhls aus Weilheim einen Beleg aus Norditalien (Reich) für das 11. Jhd., meine ich. In Spanien auf jeden Fall bereits zu Emiratszeiten (vor 1000) ganz sicher bekannt, angebaut und verbreitet. Auf beiden Seiten der Demarkationslinie. (Todeslinie Duero) . Anscheinend waren noch im 10. Jhd. die Handelswege so gut, dass sich unser bekannter arabischer Reisender sich wunderte, wie gut die Gewürzversorgung in Mainz war.
    Also spannendes Thema, man lernt ständig Neues und muß revidieren. Jetzt bekomme ich Hunger….

    P.S.: Bei Kürbis war natürlich Flaschenkürbis bekannt, leckerer Nachtisch und als Pilgerflasche allgemein bekannt.

    • Ah, danke. Ich erinnere mich, hatte damals das Erscheinen des Bandes registriert, beim Preis einmal heftig geschluckt und das Thema ad acta gelegt …
      Klar, Flaschenkürbis war bekannt und wurde genutzt, ist aber eben biologisch nicht cucurbita wie Gartenkürbis oder auch Zucchini.
      Bei allem, was nicht ausschließlich in Amerika vorkommt, ist es oft schwer, einen Zeitpunkt festzumachen, an dem es in Mitteleuropa bekannt oder verbreitet war. Manches mag sogar bekannt gewesen, aber nicht genutzt oder aus der Mode gekommen sein. Archäologische Nachweise sind bei pflanzlichen Nahrungsmitteln leider problematisch, die Archäobotanik kann auch nicht alles, und literarische oder bildliche Zeugnisse gibt’s leider auch nicht immer.
      Vieles war aber tatsächlich erstaunlich früh verbreitet, etwa der Ingwer (mind. 9. Jh.). Rohrzucker würde mich daher auch nicht wundern, nur kenne ich die Belege dazu nicht. Ja, man lernt immer dazu, und auch das ist wieder nur der aktuellste Stand des Irrtums …
      Ich freue mich jedenfalls immer über Rückmeldungen, Ergänzungen und neue Informationen zu alten Lebensmitteln!

  3. @Schulz und Preis: Richtig, kaum erschwinglich, aber dafür gibt es Bibliotheken. Ich habe den Vorteil vor Ort die Quellen und Vergleichsfunde überprüfen zu können.

    Grüße aus der „Himmelsscheiben-Bibliothek“ im „Gefängnis“
    Dein Isí

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.