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Timm Radt: Men in Blech

Timm Radt: Men in Blech, Freiburg: Verlag Herder 2006.
Timm Radt: Men in Blech, Freiburg: Verlag Herder 2006.

Mittelalterliche Rüstungen sind „in“! Die Nachfrage steigt sowohl in der Living history– und reenactment-Szene als auch im Bereich der historischen Kampfkünste (HEMA: Historical European Martial Arts), wo in zunehmender Zahl Veranstaltungen zum Harnischfechten stattfinden. In den vergangenen Jahren sind zudem zahlreiche neue Publikationen erschienen, die sich mit der historischen Entwicklung der Schutzpanzerung befassen. Die meisten davon stammen jedoch von englischspachigen Autoren und befassen sich oft auch überwiegend mit der Situation in England (wie z.B. das dreibändige Werk von Ralph Moffat).
Schon aus diesem Grund ist die Veröffentlichung von „Men in Blech“ zu begrüßen. Gleichwohl stellt sich die Frage: Taugt das kleine Bändchen des promovierten Architekten Timm Radt mit dem launigen Wortspiel im Titel auch etwas?

Auf nur 152 Seiten stellt der Autor 26 mitteleuropäische Ritter und ihre Rüstungen vor. Dabei handelt es sich, wie es der Klappentext formuliert, nicht um „Könige oder Berühmtheiten, sondern ’ganz normale’ Ritter“ aus dem 12. bis 17. Jahrhundert. Ihr gemeinsames Merkmal besteht darin, dass von ihnen eine mehr oder weniger detaillierte Darstellung, meist in Form ener Grabplatte existiert, die als Vorlage für die zeichnerische Rekonstruktion ihrer Schutzbewaffnung dienen konnte.

Jedem der „Modelle“ ist eine sehr knapp gehaltene Biographie gewidmet, gefolgt von einer Kurzbeschreibung der Rüstungsbestandteile und deren Einordnung in die militärische Mode der jeweiligen Zeit. Es folgt eine ganzseitige Farbzeichnung des betreffenden Ritters in voller Montur sowie eine weitere Seite mit Bildern von erhaltenen historischen Originalen, modernen Nachbildungen, zeitgenössischen Bilddarstellungen oder ähnlichen visuellen Vergleichsstücken.
An die 26 chronologisch aufeinanderfolgenden Einzeldarstellungen schließt sich ein wiederum sehr kurzer Überblick des mittelalterlichen Plattnerhandwerks an, gefolgt von einer (sehr) kleinen „Rüstungskunde“, bestehend aus beschrifteten Zeichnungen von zwei Vollharnischen aus der Blütezeit der Körperpanzerung, dem 14. und 15. Jahrhundert, sowie einer visuellen Darstellung der Evolution europäischer Helmtypen. Den Abschluss bildet ein mit 25 Seiten vergleichsweise ausführliches Glossar, auf das die in den Texten farbig hervorgehobenen Begriffe verweisen.

Das Konzept des Büchleins, auf nur wenigen Seiten einen verständlichen, aber nicht oberflächlichen Überblick der historischen Entwicklung ritterlicher Schutzpanzerung zu bieten, geht voll und ganz auf. Der Autor ist nicht nur Architekt und Burgenforscher, sondern auch ein ausgezeichneter Illustrator und Grafiker, der sich in seinem Thema hervorragend auskennt. Fachliche Unterstützung erhielt er zudem von dem Plattner Christian Wiedner, dessen originalgetreue Rekonstruktionen sich auf zahlreichen Veranstaltungen bewundern lassen.
Wenngleich das Taschenbuch-Format zwar sehr praktisch und nicht zuletzt für den günstigen Preis verantwortlich ist, hätten jedoch Radts lebensnahe Zeichnungen und vor allem auch die Fotos der Grabplatten mehr Platz verdient gehabt. Gleichwohl ist auf den rund 150 Seiten alles vorhanden, was man von einem derartigen Überblickswerk erwartet. Sowohl das Glossar als auch Radts Kunstwerke allein wären den Preis des Gesamtwerks allemal wert. Auch bei der Gestaltung hat sich der Verlag nicht lumpen lassen – man erhält gewissermaßen einen ausgewachsenen Bildband im handlichen Taschenformat.
Inhaltlich gibt es ebenfalls nichts auzusetzen, Radt schreibt verständlich und sachlich-unterhaltsam, zugleich knapp und auf den Punkt. Während in den Beschreibungen zuweilen der Ausdruck „Hundsgugel“ für eine bestimmte Form der Beckenhaube mit spitzem Visier verwendet wird, weist die Erläuterung im Glossar darauf hin, dass diese Bezeichnung nach neuestem Stand der Forschung (Retsch 2020) eigentlich nicht mehr haltbar ist. (An dieser Stelle weist das Glossar einen kleinen Satzfehler auf, da die Trennung zwischen den Einträgen „Hundsgugel“ und „Kastenbrust“ fehlt.)

Für Alle, die sich für die Geschichte der europäischen Ritterrüstung interessieren, ist „Men in Blech“ einen absolute Pflichtanschaffung. Harnischfechter, Darstellende und Fans des Mittelalters werden an dem preiswerten Büchlein gleichermaßen ihre Freude haben. Die Frage, ob’s etwas taugt, kann also nur mit einem eindeutigen „Ja!“ beantwortet werden.

Verlag Herder, Freiburg 2026. Klappenbroschur, 152 S., mehr als 200 Abb. ISBN 978-3-534-61878-9. € 20,-.

Erhältlich bei shop.HistoFakt.de.

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