Jahrestage mittelalterlicher Geschichte 2015

Welche bedeutenden Geschehnisse ereigneten sich vor 500, 750 oder 1000 Jahren? Welche Jahrestage der mittelalterlichen Geschichte kommen dieses Jahr auf uns zu? Auf welche Feiern, Gedenktage, Debatten müssen wir uns einstellen?
Ein kurzer, keineswegs vollständiger und schamlos eurozentrischer Überblick:

Vor mehr als 1.000 Jahren:

1015 – Vor 1.000 Jahren:

Knut der Große. Buchminiatur, um 1320.

Knut der Große. Buchminiatur, um 1320.

1115 – Vor 900 Jahren:

1215 – Vor 800 Jahren:

1265 – Vor 750 Jahren:

Dante Alighieri. Fresco von Andrea de Castagno, um 1450.

Dante Alighieri. Fresco von Andrea de Castagno, um 1450.

1315 – Vor 700 Jahren:

1415 – Vor 600 Jahren:

  • Johannes XXIII., der einzige der drei Päpste des Abendländischen Schismas, der am Konstanzer Konzil (1414-1418) teilgenommen hat, flieht aus der Stadt (20. März). Am 29. April wird er in Freiburg gefasst und an König Sigismund ausgeliefert. Am 29. Mai wird er für abgesetzt erklärt, zwei Tage später stimmt er der Entscheidung zu.
  • Mit dem Dekret Haec sancta reklamiert das Konzil von Konstanz höhere Autorität als der Papst (6. April)
  • Mit der Ernennung Friedrichs, des Burggrafen von Nürnberg, zum Kurfürsten von Brandenburg beginnt die bis 1918 andauernde Herrschaft des Hauses Hohenzollern (30. April)
  • Das Konzil von Konstanz erklärt den 1384 verstorbenen englischen Kirchenreformator John Wyclif zum Ketzer und befiehlt, seine Gebeine zu verbrennen, was im Jahr 1428 erfolgt (4. Mai).
  • Auf Drängen des Konzils tritt Papst Gregor XII. zurück und wird dafür zum päpstlichen Legaten auf Lebenszeit ernannt, Der drite Papst, Benedikt XIII., wird für abgesetzt erklärt (4. Juli).
  • Der böhmische Reformator Jan Hus wird nach fast einjähriger Gefangenschaft als Ketzer verbrannt (6. Juli).
  • Geburt von Friedrich III., ab 14140 römisch-deutscher König, ab 1452 Kaiser († 1493).
  • König Henry V. von England besiegt dank seiner Langbogenschützen ein fast doppelt so großes französisches Heer in der Schlacht von Agincourt (25. Oktober)
  • Bei der Eroberung des Aargaus fällt den schweizer Eidgenossen auch die Stammburg der Habsburger in die Hände.
Schlacht von Azincourt, 25. Oktober 1415. Zeitgenössische Darstellung.

Schlacht von Azincourt, 25. Oktober 1415. Zeitgenössische Darstellung.

1515 – Vor 500 Jahren:

Rhinoceros. Skizze von Albrecht Dürer, 1515.

Rhinoceros. Skizze von Albrecht Dürer, 1515.

Fundstücke KW 51

Auf der Liste zur Wahl des Wissenschaftsblogs des Jahres 2014 stehen auch zwei Blogs zur Geschichte: Rainer Schregs archaeologik und mittelalter.hypotheses.org. Abstimmen geht schnell und kostet nichts …

Vergangene Woche wies ich auf die Petition zum Erhalt des Lehrstuhls für Archäologie an der Universität des Saarlands hin. Nun soll es auch dem renommierten Lehrstuhl für rheinische Landesgeschichte an der Universität Bonn an den Kragen gehen. Auch dagegen gibt es eine Petition.

Bereits am 4. Dezember zeigte der Bildungssender RTL das „Historiendrama Götz von Berlichingen„. Zugegebenermaßen ist dieses Großereignis des Geschichtsfernsehens unbemerkt an mir vorüber gegangen, doch ich möchte hier zumindest einen Teil der Beschreibung nachliefern:

Berühmt und berüchtigt und ein unverbesserlicher Frauenheld: Henning Baum verkörpert im TV-Event „Götz von Berlichingen“ den Raubritter mit der eisernen Hand. Der Historienfilm spielt im 16. Jahrhundert. […]
Als Götz von Berlichingen Kisten mit Goldmünzen des französischen Königs erbeutet, wird ihnen die Brisanz ihres Fundes erst klar, nachdem sie sicher ihre Burg erreicht haben. […] Im Kampf verliert Götz seine rechte Hand – er überlebt nur mit Hilfe der geheimnisvollen Heilerin Saleema (Dennenesch Zoudé). Der Ritter schafft das Unmögliche: Mit seiner eisernen Hand erkämpft er sich nicht nur seine alte Stärke zurück, sondern findet auf diesem Weg auch treue Weggefährten und nicht zuletzt die Unterstützung der Bauern. […]

Den Rest mag sich Jede/r anhand des zugehörigen Fotos selbst zusammenreimen:

Götz von Berlichingen (Henning Braun) und die "geheimnisvolle Heilerin Saleema" (Dennenesch Zoude). (c) RTL

Götz von Berlichingen (Henning Braun) und die "geheimnisvolle Heilerin Saleema" (Dennenesch Zoude). (c) RTL

Ich hoffe, damit ist nun endgültig der absolute Tiefpunkt der Geschichtsdarstellung im Fernsehen erreicht …

A propos Mittelalter im TV: Auf der Facebook-Seite von EpochenKochen gibt es die offiziellen Bilder von den Dreharbeiten zur gleichnamigen Sendung, an der HistoFakt. Historische Dienstleistungen mitgewirkt hat. Die Sendung ist am zweiten Weihnachtstag ab 14.15 Uhr im SWR Fernsehen zu sehen. Darüber berichtet u.a. das Mittelaltermagazin „Praeco Medii Aevi“.

Fundstücke KW 27

Hans-Ulrich Wehler war ohne Frage einer der profiliertesten, bekanntesten und streitbarsten Historiker Deutschlands. Durch die kahlen Gänge der Universität Bielefeld wehte auch noch zu meiner Studienzeit sein Geist, wenngleich er da selbst bereits emeritiert war. An der von ihm mitbegründete kritischen Sozialgeschichte der „Bielefelder Schule“ hält man dort noch immer gerne fest, wenngleich ihre Methoden und Ansichten inzwischen bereits etwas verstaubt, um nicht zu sagen: vermodert müffeln. Aber das ist natürlich nicht dem Manne anzulasten, der sie vor 40 Jahren als damals zeitgemäße Form der Geschichtsschreibung mit ins Leben gerufen und wesentlich geprägt hat.
Am Samstag, den 5. Juli 2014 ist Hans-Ulrich Wehler im Alter von 82 Jahren in Bielefeld verstorben: Nachruf auf Spiegel Online.

Am Wolfgangsee wurden 2009 die Überreste einer Pilgerherberge aus dem 17. Jahrhundert entdeckt. Die Ausgrabungen, Untersuchungen, Vermessungen mit Hilfe von Bodenradar etc. dienten nun als Grundlage für die dreidimensionale virtuelle Rekonstruktion der Unterkunft, berichtet derstandard.at.
Hier gibt es weitere Informationen und Bilder des Forschungsprojekts: „Auf den Spuren des heiligen Wolfgang„.

Aus einem Götzen wird ein Heiliger, aus einem heidnischen Heiligtum eine Kirche: So geschehen im 10. Jahrhundert in Harsefeld bei Stade, wie Angelika Franz auf Spiegel Online berichtet.

Wunderbar passend zum Thema eines Artikels, an dem ich gerade arbeite, verlinkt Hiltibold aus Graz den Aufsatz Morten Hegewisch: Lampen im Barbaricum. Ein Beitrag zur Beleuchtung in germanischen Siedlungen, in: Tanya Armbruester/Morten Hegewisch (Hgg.), Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte der iberischen Halbinsel und Mitteleuropas (Studien zur Archäologie Europas 11), Bonn 2010, S. 193-228. (Via academia.edu, Download (pdf) nach Anmeldung.)

Außerdem hat Hiltibold wieder interessante Podcasts und Audiofiles gesammelt.

 

Fundstücke KW 24

"Die bis jetzt älteste Hose der Welt. Man beachte den weiten Schnitt im Schritt, der das Beinkleid zur idealen Reiterhose machte." foto: mayke wagner, dai peking (via derstandard.at)

"Die bis jetzt älteste Hose der Welt. Man beachte den weiten Schnitt im Schritt, der das Beinkleid zur idealen Reiterhose machte." foto: mayke wagner, dai peking (via derstandard.at)

 

 

Fundstücke KW 19

Folgende Links und Seiten sind mir im Lauf der Woche ins Netz gegangen:

Zunächst die Entdeckung und Ergrabung einer sächsischen Befestigung des 6.-10. Jahrhunderts an der Schwinge bei Stade:

Die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter wurde vom Club der Wissenschaftsjournalisten zur Wissenschaftlerin des Jahres 2013 gewählt. Unter der Überschrift „Lehren aus der Umweltgeschichte“ gibt es auf kurier.at einen Blick auf ihre jüngste Publikation (zus. mit Hans-Rudolf Bork), Die Geschichte unserer Umwelt. Eine Weltreise in 60 Stationen, Darmstadt: Primus Verlag 2014, sowie ein Porträt der Forscherin.

In der Kathedrale von Durham bieten archäologische Funde interessante Einblicke in vergangene Ernährungsgewoghnheiten:

Hiltibold hat wieder etliche Audiobeiträge zusammengetragen, u.a. zum Konstanzer Konzil und zum Kloster Lorsch:

Die bereits erwähnte Plagiatsdebatte („Radergate“) zieht noch immer und zunehmend größere Kreise. Zunächst (am 5. Mai) greift Patrick Bahners in der FAZ den Verlag C.H. Beck und insbesondere den Autor Olaf Rader an.
Fehler, Schwächen und Unsinnigkeiten der Argumentation Bahners nimmt dann Martin Bauch auf mittelalter.hypotheses.org ins Visier.
Dessen Ansichten kann wiederum Klaus Graf von Archivalia nicht nachvollziehen …

In seinem Artikel bezeichnete Patrick Bahners zudem die Mittelalterarchäologie als „hochspekulative Wissenschaft“. Das ist natürlich Unsinn (s.o.), und so sieht es auch Maxi Maria Platz:

Ist das nun alles Zirkus und Kindergarten oder steht tatsächlich die Zukunft geisteswissenschaftlicher Forschung auf dem Spiel? Muss man Position beziehen? Können (dürfen?) wir zum Tagesgeschäft zurückkehren oder gilt es, nun alle historischen Sachbücher der vergangenen zehn Jahre sorgfältig nach geklauten Satzfetzen zu durchwühlen?
Ich persönlich widme mich lieber wieder meiner Arbeit und wünsche eine angenehme Woche!

Fundstücke KW 16/17

Etwas verspätet hier die Netz-Fundstücke der vergangenen beiden Wochen.

Ein Historikerduo hat im renommierten Verlag C.H. Beck einen Band über große Seeschlachten der Weltgeschichte veröffentlicht. Bei der Lektüre fiel einem Leser (ebenfalls Historiker) auf, dass zumindest Teile des Werkes direkt aus Artikeln der Wikipedia übernommen worden waren. Er schrieb daraufhin am 22. April auf seiner Facebook Seite (inzwischen bearbeitet), das Buch sei „vollständig aus Wikipedia-Einträgen zusammenkopiert“.
Das ist eine starke Formulierung und eine heftige Anschuldigung. Befremdlich jedoch auch die Reaktion der betroffenen Autoren, die ihr Vorgehen als durchaus gängig bezeichnen und kein Fehlverhalten ihrerseits erkennen können. Nun ist es natürlich durchaus üblich, Informationen und unter Umständen auch ganze Formulierungen aus anderen Werken – sei es Forschungsliteratur, der Brockhaus oder eben auch Wikipedia – zu übernehmen. Doch das Mindeste in Sachen wissenschaftlicher Ethik wie auch juristischer Absicherung ist es eigentlich, solche Übernahmen kenntlich zu machen.
Der Fall zieht jedenfalls zunehmend weite Kreise, die weitere Entwicklung und ein mögliches Gerichtsverfahren dürften spannend und vielleicht sogar relevant für ähnliche Fälle werden.

 

Mit Kommentaren und Kritik zu den Vorgängen auf der Karolingischen Klosterstadt „Campus Galli“ habe ich mich bislang zurückgehalten – nicht zuletzt, weil Andere schon genug darüber geschrieben haben. Auffallend und ärgerlich sind jedoch die anhaltende Geheimnistuerei und der offensichtliche vollkommene Unwille des Betreibers Herrn Geurten und seines Kompagnons, des Messkircher Bürgermeisters Arne Zwick, sich mit seriöser Kritik und den Vorwürfen der Steuerverschwendung auch nur auseinanderzusetzen. Hier (mal wieder) ein Beitrag von Hiltibold:

Armbanduhr mit Taschenrechner? Mobiltelefon mit Zusatzfunktionen? Alte Hüte! Bereits im 17. Jahrhundert beschäftigte man sich mit der Idee von wearable technology:

http://fashionablygeek.com/jewelry/the-nerdiest-ring-of-the-17th-century/#!ECGYE

 

Fundstücke KW 14

Ausgerechnet am 1. April las ich eine Meldung, die sich leider als wahr herausstellte: In Paris ist im Alter von 90 Jahren der große französische Historiker Jacques Le Goff (*1.1.1924) verstorben.

Jacques Le Goff (1.1.1924-1.4.2014) via medievalists.net

Jacques Le Goff (1.1.1924-1.4.2014) via medievalists.net

Le Goff war einer der bedeutendsten Mediävisten der Gegenwart und Mitherausgeber der Zeitschrift „Annales“. An der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) lehrte er von 1962 bis zu seiner Emeritierung 1977, seit 1972 als Nachfolger von Fernand Braudel.
Auch außerhalb der Universität war Le Goff sehr aktiv. Mit seinen zahlreichen Publikation, Auftritten, Vorträgen etc. trug er wesentlich dazu bei, die moderne Mediävistik zu definieren und einem breiten Publikum bekannt zu machen.
Für mich persönlich zählten seine Schriften zu den prägendsten und inspirierendsten Arbeiten des Fachs. Die Welt hat einen der leidenschaftlichsten Vertreter der Mittelalterforschung verloren.

Hier eine Auswahl von Nachrufen und Würdigungen:

Hiltibold hat sich in der vergangenen Woche mit „gesunder“ Ernährung im Mittelalter, Diätetik und Humoralpathologie beschäftigt:

Auf medievalists.net gab es einen interessanten Aufsatz zum mittelalterlichen Zeitverständnis:

Und wer das nötige Kleingeld übrig hat, findet in Frankreich eine wunderschöne kleine Burg aus dem 13. Jahrhundert zum Verkauf – für gerade mal € 3,2 Mio. Hm, mal abwarten, was die Steuerrückzahlung bringt …

 

Fundstücke KW 7

Am 15. Februar vor 450 Jahren wurde Galileo Galilei geboren. Die SZ fasst in einem kurzen Beitrag seine Konflikte mit der katholischen Kirche zusammen: „Als die Kirche den Menschen das Denken verbieten wollte„.

Auf derStandard.at widmet sich Eric Frey ebenfalls dem „Vater der modernen Wissenschaft“, vor allem aber der Frage, ob das von ihm propagierte „evidenzbasierte und wissenschaftliche Denken“ inzwischen (wieder) auf dem Rückzug ist. Leider geraten dem Autor dabei Begriffe wie „Wissenschaft“, „Forschung“ und „Technik“ ein wenig durcheinander und er muss sich wohl auch den Vorwurf selektiver Wahrnehmung gefallen lassen: Wer hätte gedacht, dass man Galilei sogar zur Legitimation von Gentechnik missbrauchen kann? „Galileos Feinde unter uns„.

Der erste Kopernikaner kam aus Vorarlberg“ (sagt derStandard.at), wurde aber nie so berühmt wie Galileo, musste seine Lehren nicht widerrufen und hatte meines Wissens auch nix mit Genmanipulationen am Hut …

Der hl. Valentin war ein Bischof des 3. Jahrhunderts, der Liebespaare nach christlichem Ritus getraut und dafür den Märtyrertod erlitten haben soll, was ihn zum Patron der Liebenden machte. Zum Valentinstag haben die medievalists eine schöne Sammlung mittelalterlicher Darstellung von LIebespaaren zusammengestellt:

Bei Germersheim in der Pfalz wurde von einem Sondengänger ein „Barbarenschatz“ aus dem 5. Jahrhundert entdeckt – und der Fundort durch die unfachmännische Raubgrabung unwiederbringlich zerstört, so dass hier keine Erkenntnisse mehr gewonnen werden können. Artikel in der Allgemeinen Zeitung.

Und zu guter Letzt hier die Wahrheit über Historiker:

Historians never die …

 

Fundstücke KW3

Leider (?) hatte ich diese Woche nicht viel Zeit, im Netz zu surfen. Daher fallen auch die Fundstücke etwas spärlicher aus.

A propos Fundstücke: In England tauchen seit einiger Zeit die Gebeine mittelalterlicher Könige auf. Zuerst Richard III. unter einem Parkplatz, nun möglicherweise Alfred der Große (oder sein Sohn Edward) in einer Kiste:

Auf medievalists.net findet sich ein Video von einer interessanten Debatte (eigentlich eher vier Kurzvorträge) über den Stand der Mediävistik (in England), ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, ihren möglichen Nutzen oder ihre Bedeutung für die moderne Gesellschaft, für die Frage nationaler Identität, das Mittelalter in Lehrplänen und im Alltag sowie viele weitere Aspekte. Sehenswert (auf Englisch)!

Außerdem: Lesenswerte „Gedanken zur Reenactmen-Szene“ auf tribur.de:

Und nur zum Spaß: Dennis the Constitutional Peasant aus Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“:

 

Crowdfunding: Die Zukunft geisteswissenschaftlicher Forschung?

Der Brite Spencer Gavin Smith möchte eine Dissertation zum Thema mittelalterliche Parks und Gärten verfassen. Zur Finanzierung der Arbeit vertraut er auf Crowdfunding, also freiwillige Spenden von Leuten wie Du und ich, die das Projekt unterstützenswert finden und im Rahmen ihrer Möglichkeiten Geld dafür locker machen. Auf www.gofundme.com hat er eine Seite eingerichtet, auf der mögliche Unterstützer Informationen zu seinem Vorhaben abrufen und ihren Beitrag zu seiner Finanzierung leisten können (außerdem betreibt er ein Blog).

2.000 Britische Pfund hofft der Historiker auf diese Weise zu gewinnen – eine moderate Summe, wenn man bedenkt, in welcher Höhe wissenschaftliche Dissertationen normalerweise durch Stipendien gefördert werden. Aber wie lange noch? Im Vergleich zu naturwissenschaftlicher Forschung führen die Geisteswissenschaften ohnehin ein Schattendasein. Die öffentlichen Mittel, die etwa jedes Jahr in die Geschichtsforschung fließen, dürften wahrscheinlich nicht einmal ausreichen, um einen einzelnen Forschungssatelliten ins All zu schießen oder einen Teilchenbeschleuniger länger als einige Stunden oder Tage in Betrieb zu halten. (Zugegeben, ich habe das jetzt nicht recherchiert oder ausgerechnet!)

Doch selbst die bescheidenen Mittel, die etwa der Erforschung unserer eigenen Vergangenheit zur Verfügung stehen, sind inzwischen beständiger Erosion ausgesetzt. Nordrhein-Westfalen hat den Anfang gemacht und beschlossen, die Förderung von Archäologie und Denkmalpflege bis 2015 auf Null zu reduzieren. Ungeachtet anderslautender Beteuerungen dürften ähnliche Erwägungen in anderen Bundesländern längst im Gange sein.

Spencer Gavin Smith ist längst nicht der Einzige. Auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo („Finanziere, was Dir wichtig ist!“) buhlen vermehrt junge Geisteswissenschaftler um private Finanzierung ihrer Forschungsvorhaben. Doch was bedeutet das – ist diese Bewegung Ausdruck und Folge einer Krise in der Finanzierung geisteswissenschaftlicher Forschung? Oder ein innovativer Ansatz, um die Öffentlichkeit  stärker in die Produktion und Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Forschung zu integrieren? Kann so ein neues Interesse an den Humanities generiert werden oder leistet ein solches Vorgehen dem schleichenden Rückzug der öffentlichen Hand aus der Finanzierung geisteswissenschaftlicher Arbeiten unnötig Vorschub? Und besteht dann nicht die Gefahr, dass nur noch gefördert wird, was gerade en vogue ist und dem Geschmack der Massen entspricht?

Sollten Arbeiten in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften nicht der Allgemeinheit dienen, der Allgemeinheit zur Verfügung stehen und daher von der Allgemeinheit, sprich: der öffentlichen Hand finanziert werden? Oder ist es nur fair und richtig, der Allgemeinheit die Wahl zu lassen, welche Arbeiten sie mit welchem Betrag fördern möchte?

Zugegeben: Ich habe zu diesem Zeitpunkt auch keine Antworten. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten …