Fundstücke KW 20

Anschaulich und in einfachen Worten erklärt der US-Historiker Robert Bateman auf 20min.ch die Geschichte der Schweizer Garde.

Was können geisteswissenschaftliche Dozenten von der US-Fantasy-Serie Game of Thrones lernen? Nein, keine Tricks und Kniffe historischer Kampfkünste, sondern Erzählstrategien, schreibt Stephan Porombka auf Zeit Campus.

Das Domschatz- und Diözesanmuseum Eichstätt hat einen wertvollen Bildteppich von 1527 erworben.

Die fremdenfeindliche, rechtpopulistische und auch sonst nicht für intellektuelle Leistungen bekannte Schweizerische Volkspartei (SVP) hat 2015 den Schweizerischen Bundesrat aufgefordert, “Massnahmen zu ergreifen, damit es künftig weniger «Psychologen, Ethnologen, Soziologen, Historiker, Kultur- und Kunstwissenschafter und dergleichen» gebe. Die Absolventen dieser Studiengänge seien in der Wirtschaft nicht zu gebrauchen und müssten in staatlichen Institutionen durchgefüttert werden.” (Zitiert nach http://archaeologik.blogspot.de/2016/05/geisteswissenschftler-sind-nicht-zu.html)
Dagegen geht die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) nun in die Initivative, um aufzuzeigen, wie und wo Geistes- und Kulturwissenschaftler sich überall “nützlich” machen, berichtet die NZZ.

“Mit Hightech auf den Spuren der Kelten” heißt die neue Ausstellung im Alamannenmuseum Ellwangen, die zeigt, wie modernste Technologie dabei hilft, Erkenntnisse über die Vergangenheit zu gewinnen.
Darüber berichten u.a. die Südwest-Presse und die Schwäbische Post.

Das Stadtarchiv Memmingen bietet auf seiner Website einige interessante Dossiers inklusive Verweisen zu den Originalquellen in digitaler Form, Downloads etc. Z.B. “Quellen zur Geschichte des “Hailtums” in der mittelalterlichen Reichsstadt Memmingen” anlässlich des 800. Jahrestags eines angeblichen “Hostienfrevels”.

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Acta Periodica Duellatorum” ist online und steht zum Download bereit.

Fundstücke KW 19

Vor 2,5 Jahren übernahm der niederländische Archäologe Roeland Paardekooper die Leitung des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen. In dieser Zeit wurde die nationalen und internationale Bekanntheit der Einrichtung enorm gesteigert, die Zahl der jährlichen Besucher erhöht, Zahl UND Qualität der Veranstaltungen noch einmal gesteigert, und mit neuer Beschilderung, Audio-Guides und vielen weiteren Maßnahmen ist das altehrwürdige Freilichtmuseum nun auch im 21. Jahrhundert angekommen.
Nun übergibt Paardekooper im kommenden Monat den Staffelstab wieder an seinen Vorgänger und Nachfolger Karl Banghard, wie die NW meldet. Es bleibt zu hoffen, dass dieses wunderbare living history-Museum unter seinem selbstgefälligen alten und neuen Direktor dann nicht wieder in der Bedeutungslosigkeit, lippischen Behäbigkeit und Altbackenheit versinkt, aus der es erst 2013 von R. Paardekooper erweckt wurde …

Dazu passend auch die Meldung, dass die historischen Stationen auf dem Wanderweg vom AFM zum Tönsberg nun auch per App erschlossen werden können.

“Der Islam gehört zu den Fundamenten europäischer Kultur” – diese Aussage dürfte bei manchen Zeitgenossen wohl Schnappatmung verursachen, sie aber ausgerechnet in einem katholischen Online-Portal zu lesen, hat auch mich überrascht.

In der Welt schreibt Florian Stark über Kaiser Karl IV., der vor 700 Jahren geboren wurde. Ihm ist auch eine große Ausstellung gewidmet, die bis zum 25. September in Prag, ab 20. Oktober im GNM Nürnberg zu sehen ist.

“Hatespeech” gegen Historiker und Archäologen war zuletzt u.a. ein Thema der re:publica. Kristin Oswald fasst die Lage auf ihrem Blog zusammen.

Reisen und lebendige Geschichtsdarstellung zu verbinden ist das Konzept eines neuen Unternehmens, das auf einer Crowdfunding-Plattform um Investoren wirbt.

Mein neuester Beitrag zur Reihe “Mittelalter-Mythen” widmet sich dem angeblichen Glauben an eine flache Erdgestalt im Mittelalter.

Und wer hätte gedacht, dass die alten Germanen im Jahr 2016 ein solches Comeback veranstalten würden?

Die Vandalen sind zurück! Quelle leider unbekannt.

Die Vandalen sind zurück! Quelle leider unbekannt.

Der Mythos vom Glauben an die flache Erde

Im Mittelalter glaubten die Menschen, die Erde sei flach, überwölbt von einer halbrunden Himmelskuppel. An ihrem Rand, wo sich Himmel und Erde berührten, verwandelten sich die umgebenden Ozeane in reißende Wasserfälle, weshalb es gefährlich war, zu weit auf das offene Meer hinaus zu segeln. Erst durch die Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus und Ferdinand Magellan sei die Kugelgestalt der Erde bewiesen und die offizielle Lehrmeinung von Kirche und Gelehrten widerlegt worden.
So oder so ähnlich liest es sich selbst noch im 21. Jahrhundert in den meisten Geschichtsbüchern, die in Deutschland, Österreich, den USA und Großbritannien – und vermutlich vielen anderen westlichen Ländern – im Unterricht verwendet werden. Als Belege werden gerne die scheinbar flache Gestalt der Erde auf mittelalterlichen Weltkarten und die Prozesse gegen Kopernikus und Galilei angeführt, sowie die Tatsache, dass der älteste erhaltene Globus von Martin Behaim erst 1492, im Jahr der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus geschaffen wurde. Zur anschaulichen Illustration der These dient gerne ein Holzstich im Stil des 16. Jahrhunderts, auf dem ein Mann zu sehen ist, der am Rand der Welt kniet und seinen Kopf durch die Himmelskuppel in den Weltraum steckt.
Und wenn das so in den Schulbüchern steht, dann muss es doch wahr sein, oder?

"Der Pilger am Rand der Welt" lautet der populäre Titel dieses Kupferstichs aus Camille Flammarion: L'atmosphère. Météorologie Populaire (1888).

"Der Pilger am Rand der Welt" lautet der populäre Titel dieses Kupferstichs aus Camille Flammarion: L'atmosphère. Météorologie Populaire (1888).

Die Fakten

Wenige Mythen über das Mittelalter sind so oft und so gründlich widerlegt worden wie der vom Glauben an die flache Erde, und halten sich dennoch so hartnäckig, dass sie nicht nur in populären Medien, sondern sogar in offiziellen Unterrichtsmaterialien immer wieder aufs Neue wiederholt werden.
Dabei lässt sich die Entstehungsgeschichte dieses wirkmächtigen Mythos’ ziemlich genau zurückverfolgen, und es stellt sich heraus, dass es sich um ein erstaunlich junges Beispiel handelt: Erst gegen Ende des 19 Jahrhunderts finden sich in verschiedenen Publikationen vermehrt Behauptungen, im Mittelalter sei das antike Wissen um die Kugelgestalt der Erde verloren gegangen oder gar von der allmächtigen Kirche als häretische Ansicht unterdrückt worden. Eine Untersuchung deutscher und österreichischer Schulbücher von 1723 bis 2008 ergab, dass der Mythos vom Glauben an die flache Erde darin erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts Eingang fand und in der Folgezeit sogar noch weiter ausgeschmückt wurde!
Tatsächlich jedoch beruhte das mittelalterliche Weltbild auf den Erkenntnissen der griechischen und römischen Antike. Schon Aristoteles war die Kugelgestalt der Erde bekannt gewesen, und der bedeutende Universalgelehrte Eratosthenes hatte im 3. Jahrhundert vor unserer Zeit sogar ihren Umfang mit einiger Genauigkeit berechnet, was wiederum zur Grundlage der Kalkulationen des Mathematikers und Astronomen Ptolemaios aus dem 2. Jahrhundert unserer Zeit wurde. Ihre Schriften waren mittelalterlichen Gelehrten wohlbekannt.
Kirchenväter wie Ambrosius und Augustinus (4. und 5. Jahrhundert), bedeutende Denkerinnen und Denker wie Isidor von Sevilla (7. Jahrhundert) oder Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert) benutzten Metaphern wie „Dotter“, „Ball“, „Apfel oder schlicht „Globus“, um die Form der Erde zu beschreiben. Der englische Kirchenhistoriker Beda Venerabilis bezeichnete die Erde im 8. Jahrhundert als orbis in medio totius mundi positus: Eine Kugel, die sich im Zentrum des Universums befindet. Neben vielen anderen beschrieben im 13. Jahrhundert Roger Bacon und Thomas von Aquin die Kugelgestalt der Erde, im 14. Jahrhundert u.a. John Buriden und Nikolaus von Oresme – die herausragendsten Gelehrten ihrer Zeit, und Kleriker allesamt!
Auch die praktische, alltägliche Erfahrung deutete auf die Kugelform hin: Wer auf einen Kirchturm stieg, konnte weiter sehen als Jemand, der ebenerdig stand, was sich ebenso mit der Krümmung der Erdoberfläche erklären ließ wie die Tatsache, das Schiffe am Horizont nicht einfach verschwinden, sondern langsam zu versinken scheinen, worauf bereits der arabische Astronom Ahmad al-Farghani im 9. Jahrhundert hingewiesen hatte.

Holzschnitt aus einer spätmittelalterlichen gedruckten Ausgabe eines astronomischen Werkes des 13. Jahrhunderts.Holzschnitt aus einer spätmittelalterlichen gedruckten Ausgabe eines astronomischen Werkes des 13. Jahrhunderts.

Holzschnitt aus einer spätmittelalterlichen gedruckten Ausgabe eines astronomischen Werkes des 13. Jahrhunderts.

Entsprechend mangelt es nicht an Abbildungen der Erdkugel in mittelalterlichen Handschriften. Ein prominentes Beispiel findet sich im „Liber Divinorum Operum“ der Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert), ein weiteres z.B. im „L‘Image du Monde“ (1246) des Walter von Metz. Auch die christliche Symbolik bediente sich der Erdkugel, so etwa im Bildtopos von Christus, der als salvator mundi (Erlöser der Welt) auf einer solchen thront. Der Reichsapfel (erstmals 1014 erwähnt), der den kaiserlichen Herrschaftsanspruch über die gesamte bekannte Welt symbolisierte, ist nur ein weiteres Beispiel für die Allgegenwart kugelförmiger Erddarstellungen in der mittelalterlichen Bildwelt.
Erdscheiben sucht man hingegen vergebens. Die mittelalterlichen Weltkarten, die immer wieder gerne als vermeintliche Belege für den Glauben an die flache Erde herangezogen werden, unternehmen gar nicht den Versuch, ein realistisches Abbild der Welt zu vermitteln. Sie sind nicht als geographische, sondern als spirituelle Orientierungshilfen zu verstehen, sie illustrieren das christliche Heilsgeschehen, nicht die physische Erscheinung der profanen Welt. Das Erdenrund wird außen durch den Ozean begrenzt, darin teilen der Nil, der Don und das Mittelmeer die drei bekannten Kontinente Asien (oben), Europa (unten links) und Afrika (unten rechts) voneinander. Da das Weltmeer die Form eines „O“ und die drei anderen Gewässer ein „T“ bilden, spricht man von TO-Karten. In der Mitte befindet sich Jerusalem, der Osten (Orient) ist oben, und über allem thront Jesus Christus. Doch wenngleich diese Form der Darstellung den Eindruck erwecken kann, ihr Schöpfer habe sich die Erde als flache Scheibe vorgestellt, gehen die erläuternden Beschriften dieser mappae mundi (Weltkarten) ganz selbstverständlich von der Kugelform aus.
Die älteste erhaltene dreidimensionale Wiedergabe der irdischen Topographie, der sogenannte „Erdapfel“ des Martin Behaim, stammt in der Tat von 1492. Doch handelt es sich bei diesem Globus keineswegs um den ersten, der geschaffen wurde, sondern lediglich um den ältesten, der die Zeiten bis heute überdauerte.
Die Kugelgestalt der Erde war selbstverständlich auch Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei bekannt. Doch nicht sie wurde – lange nach der ersten Weltumsegelung durch Magellan 1522 – den beiden Astronomen und Naturforschern zum Verhängnis, sondern die Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne und nicht umgekehrt, sei also mitnichten der Mittelpunkt des Universums. Mit dieser Vorstellung tat sich die Kirche in der Tat noch lange Zeit schwer, wohingegen sich zu keiner Zeit ein offizielles Dokument nachweisen lässt, das aus religiösen Gründen die Kugelgestalt der Erde bezweifelte oder gar den Glauben daran als Häresie verdammte.

Die Kugelgestalt der Erde in Hildegard von Bingens "Liber Divinorum Operum" (12. Jh.)

Die Kugelgestalt der Erde in Hildegard von Bingens "Liber Divinorum Operum" (12. Jh.)

Interessanterweise findet sich auch zur Zeit der Aufklärung selbst in den Schriften der schärfsten Kirchenkritiker noch keine derartige Behauptung. Es war der US-amerikanische Schriftsteller Washington Irving, der wohl eher unfreiwillig eine jener Fiktionen schuf, die im Lauf der Zeit ein Eigenleben entwickeln und sich als wirkmächtiger als die Fakten erweisen.
Irving veröffentlichte 1828 seine halb-fiktionale Romanbiographie „A History of the Life and Voyages of Christopher Columbus“. Kapitel IV des 2. Buches beschreibt, wie Kolumbus seinen Plan, den Seeweg nach Indien zu finden, vor einer von den spanischen Herrschern eingesetzten Kommission rechtfertigen muss, deren klerikale Mitglieder die Kugelgestalt der Erde anzweifeln, da dieser Glaube bereits von den Kirchenvätern verdammt worden sei. Es handelt sich dabei um eine reine Erfindung des Autors, denn in Wahrheit war der strittige Punkt der Verhandlungen in Salamanca nicht die Form der Erde, sondern ihr Umfang und damit die Entfernung bis zur Ostküste Asiens, die Kolumbus – absichtlich oder unwissentlich – viel zu gering angegeben hatte, was berechtigte Besorgnis erregte, da die Schiffe des 15. Jahrhunderts nur begrenzte Mengen an Proviant mitführen konnten und nicht für viele Wochen auf offener See ausgestattet waren.
Doch gerade diese fast vollständig frei erfundene Episode findet sich als „Nacherzählung historischer Fakten“ seit Mitte des 20. Jahrhunderts in zahllosen Schulbüchern! War der Wunsch nach Dramatik hier größer als das Bemühen um objektive, faktentreue Geschichtsdarstellung?

Irving blieb jedenfalls kein Einzelfall. Zahlreiche Philosophen und Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts betrachteten die Entwicklungsgeschichte des christlichen Abendlandes als eine „Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft“ (so der Titel eines Werkes des Historikers und Naturwissenschaftlers John William Draper, 1875). Antiklerikale Denker wie Draper, Jean Antoine Letronne, William Whewell oder Andrew Dickson White („History of the Warfare of Science with Theology in Christendom“, 1896) sahen den Fortschritt der Wissenschaften durch den Einfluss der Kirche behindert, die ungeachtet empirischer Beweise an überkommenen und unhaltbaren Dogmen festhielt.
Den zeitgenössischen Anlass der Auseinandersetzungen bildete vor allem die Ablehnung der Darwinschen Evolutionstheorie durch Kirche und christlich geprägte Wissenschaftler. Doch ließen sich vom mittelalterlichen Verbot der Sektion von Leichen zu anatomischen Zwecken bis zu den Prozessen um Kopernikus und Galilei zahlreiche Beispiele aufführen, in denen kirchlicher Einfluss den empirischen Wissenschaften im Weg gestanden hatte.
Da kam die vermeintliche Ablehnung der Kugelgestalt der Erde gerade passend, und auf der Suche nach mittelalterlichen Gewährsleuten für diese Ansicht wurden die eifrigen Kirchenkritiker sogar fündig: Lactantius, Autor der „Institutiones Divinae“ (um 310) und ein Cosmas Indicopleustes, der um 548 eine „Christliche Topographie“ verfasst hatte, gingen aufgrund einer wörtlich genommenen biblischen Metapher tatsächlich davon aus, dass die Erde die Form eines runden Zeltbodens aufweise, über den sich wie ein Zelt die Himmelskuppe erhob.
Falls Sie jedoch von diesen beiden christlichen Schriftstellern noch nie etwas gehört haben, so befinden Sie sich damit in bester Gesellschaft. Verbreitung und Wirkung ihrer Werke sind praktisch nicht messbar, denn diese sind nur in wenigen Fragmenten überliefert, und da Cosmas’ Schrift zudem auf Griechisch verfasst worden war und erst Anfang des 18. Jahrhunderts wieder entdeckt und ins Lateinische übersetzt wurde, wäre sie den Gelehrten des christlichen Abendlandes ohnehin unverständlich geblieben, selbst wenn diesen ein Exemplar davon in die Hände gefallen wären.
Doch wenngleich alle leicht nachprüfbaren Fakten in Form mittelalterlicher Text- und Bildzeugnisse dagegen sprachen und bereits Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts wiederholt darauf hinwiesen, dass die Kugelgestalt der Erde seit antiken Zeiten niemals in Vergessenheit und schon gar nicht als ketzerischer Irrglaube gebrandmarkt worden war, konnte sich der Mythos vom Glauben an die flache Erde nicht nur seit fast 200 Jahren erhalten, sondern durch seine Verbreitung in Schulbüchern sogar an Autorität gewinnen. Er passte einfach zu gut in die Erzählung vom finsteren Mittelalter und der alles dominierenden Kirche, durch deren Machtmissbrauch den Menschen jahrhundertelang das Licht der wissenschaftlichen Erkenntnis vorenthalten worden sei.
Zur Ausschmückung dieser griffigen Theorie erfand der französische Astronom Camille Flammarion sogar den Bericht eines mittelalterlichen Missionars, der auf seinen Reisen angeblich bis an den Rand der Welt gelangt sei, „wo die Erde und der Himmel sich berühren“. Zur Illustration dieser fiktionalen Anekdote ließ er einen Holzstich im Stil des 16. Jahrhunderts anfertigen, der erstmals in seinem Buch „L‘Atmosphère: Météreologie Populaire“ (1888) abgedruckt wurde und seither immer wieder – meist unter dem Titel „Der Wanderer am Rand der Welt“ – aufs Neue als bildhafter Beleg für den mittelalterlichen Glauben an die flache Erde herhalten musste.

Fundstücke KW 18

Der LWL berichtet über den Abschluss der Grabungen auf dem Warburger Burgberg, die vielfältige Funde zutage förderte.

Über “Die runden Wappentafeln der Zünfte” schreibt Jens Kremb auf heraldica. hypotheses.org.

Als “Teilchenbeschleuniger der Geschichte” bezeichnet ein Artikel auf APA Science das Werkzeug der Netzwerkanalyse.

Wer war der Bamberger Reiter? fragt Florian Welle auf sueddeutsche.de.

Hiltibold veröffentlicht den zweiten Teil seines Intervies mit dem Archäologen Raimund Karl zum Streitthema Sondengänger.

Das Tiroler Blog vrouwe maere gibt Tips zur Recherche von mittelalterlichen Bildquellen im Internet.

Fokus Hndschrift, die informative Facebook-Seite zum mittelalterlichen Schrift- und Buchwesen, feierte diese Woche mehr als 5.000 Fans mit einem kurzen Video: “Die Spur der Hasen II”

(Teil I ist hier zu finden.)

Fundstücke KW 17

Lässt sich nach Rezepten aus dem alten Ägypten noch heute Bier brauen? Video eines Praxistests in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks.

Wurden frühmittelalterliche Krisen durch Vulkanausbrüche ausgelöst? derstandard.at berichtet über aktuelle Forschungsergebnisse.

Als “mit öffentlichen Geldern bezahlte Schädigung des Berufsstandes” bezeichnet der Verband der Restauratoren eine neue Sendereihe des ZDF.

Die Wienischen Hantwercliute rezensieren ein Buch über mittelalterliche Frauenheilkunde, sie berühmte (und umstrittene) “Trotula”

Im Blog des LWL Landesmuseums berichten Herner Historiker über ihre Erfahrungen als Grabungshelfer am Paderborner Dom.

Isidor berichtet im Blog der Ottonenzeit über den 10. Heerbann in Berlin Brandenburg.

“Die Außenpolitik des Deutschen Ordens unter Hochmeister Konrad von Jungingen (1393-1407)” – 1.000 Worte Forschung auf mittelalter.hypotheses.org.

Zum ewigen (?) Streit zwischen Sondengehern und Archäologen hat Hiltibold ein Interview mit dem Archäologen Raimund Karl geführt.

Und wer schon immer wissen wollte, wie Archäologen eigentlich an ihre Erkenntnisse gelangen – hier die Auflösung:

(c) DirkJan (www.dirkjan.nl)

(c) DirkJan (www.dirkjan.nl)

(Ja, OK, ich weiß auch, dass das hier eher ein Fall der Paläontologie als der Archäologie ist. Aber das Prinzip ist ähnlich. (Natürlich nicht! Ich mache nur Witze …))

Fundstücke KW 16

Sensation! Ui – eine Meldung aus der Archäologie, die ohne die Begriffe “Sensation” und “spektakulär! auskommt, das ist ja schon fast eine spektakuläre Sensation für sich …
Die Existenz eines frühmittelalterlichen Gräberfeldes in Pasing war wohl jedenfalls schon länger bekannt, nun wird es durch eine private Grabungsfirma freigelegt, wie die SZ meldet.

Am Samstag, den 23. April feierte eine Bierpreisordnung 500. Jubiläum, die nun bereits seit mehr als 100 Jahren als “bayerisches” bzw. “deutsches Reinheitsgebot” gefeiert wird. (Mehr dazu hier im Blog. Und hier.)
Woher Herr Unterstöger von der SZ die Kenntnis hat, dass vor dem Erlass dieses Mandats u.a. Pech und Ochsengalle (!) unter die Würze gemischt wurden, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Aber ansonsten ist sein Beitrag recht informativ.

Auf derstandard.at berichtet die Archäologin Petra Schneidhofer über ihren Arbeitsalltag ohne Spaten, Kelle und Pinsel.

Daniel Ossenkop rezensiert auf dasmittelalterderblog.com das Buch von Wand-Wittkowski, Christine: elegant, kultiviert, beschränkt. Höfische Kultur im Mittelalter. Aisthesis-Verlag, Bielefeld, 2016.

Manchmal offenbaren archäologische Funde auch Einblicke in historische Kriminalfälle oder Spionagegeschichten, wie im Fall eines Seidenkleides aus dem 17. Jahrhundert, über das Der Spiegel berichtet.

Die Volkswagen-Stiftung unterstützt das Wikinger-Museum Haithabu und berichtet über abgeschlossene, andauernde und bevorstehende Projekte in einem laaaaaangen, aber lesenswerten Blogpost.

Ein Stück lebendige mittelalterliche Alltagsgeschichte von Niklas Hofbauer auf “Neues aus der Gotik”: das Salzfass in Fund und Rekonstruktion.

Für die Augen gibt es diese Woche das Album “Medieval People” von Günter Ludwig Design – fantastische, stimmungsvolle Porträt von Spätmittelalter-Darstellern, dazwischen dann aber plötzlich wenig authentische Show-Ritter, und mit dieser Mischung irgendwie auch sinnblidlich für das Mittelalterbild großer Teile der Bevölkerung …

500 Jahre “Reinheitsgebot”

Bier zählt zu den ältesten Kulturgetränken der Menschheit. Älteste Hinweise stammen aus dem Neolithikum, bierähnliche Getränke sind z.B. aus Babylon und Ägypten belegt. In germanischer Zeit und im Frühmittelalter lag das Bierbrauen als Teil der bäuerlichen Selbstversorgung vorwiegend in Händen der Frauen. Doch nicht zuletzt der hohe Arbeitsaufwand sowie der Platz- und Gerätebedarf sorgten seit dem Aufkommen der Städte für einen Übergang zu gewerblicher Produktion, wodurch der eigenständige Beruf des Bierbrauers entstand.

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, um 1425 (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Bierbrauer im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, um 1425 (Nürnberg, Stadtbibliothek, Amb. 317.2°, fol. 20v.)

Die zur Bierherstellung bevorzugte Getreidesorte war Gerste, der mitunter – besonders, wenn daran Mangel herrschte – Weizen, Roggen oder Hafer beigemischt wurde. Letzterer galt im Mittelalter als minderwertiges Getreide, das eigentlich nur als Viehfutter angebaut und verwendet wurde. Reine Weizenbiere wurden z. B. in Breslau, Goslar (“Gose“) oder Bayern gebraut, hatten aber nur lokale Bedeutung.

Die Samenkörner wurden zunächst in Wasser eingeweicht und so zum Keimen gebracht, wobei sich die enthaltene Stärke in Zucker umwandelte. Nach etwa sieben Tagen wurde der Keimvorgang durch Trocknung der Masse auf der sogenannten Darre unterbrochen. Das so entstandene Malz konnte einige Monate gelagert werden. Unmittelbar vor Braubeginn wurde es grob gemahlen und mit warmem Wasser zur Maische vermischt, aus der dann die Würze gepresst wurde. Je nach Grad der Trocknung bzw. Röstung wurden das Malz und somit das Bier dunkler und geschmacklich intensiver; man unterschied daher zwischen Weiß- und Rotbieren.

Üblich war es, der Würze verschiedene Aromastoffe zuzusetzen, von Honig über Anis, Wacholderbeeren, Harz, Kümmel oder Ingwer bis zu verschiedenen Kräutermischungen, deren genaue Zusammensetzung Betriebsgeheimnis des jeweiligen Brauherrn war. Solche Zusätze waren besonders im Norden des Reiches verbreitet und unter der Bezeichnung „Grut“ bekannt.
In der Kirchenprovinz Köln, also zwischen Somme und Weser, war das Grutrecht im 10. und 11. Jh. ein Privileg, das die Grutherrn – meist die Bischöfe – zu alleiniger Herstellung und alleinigem Verkauf der Grut berechtigte. Die am häufigsten verwendeten Kräuter waren Gagel (Myrica gale, Heidemyrthe) oder Porst (Ledum palustre oder Rhododendron tomentosum), daneben Laserkraut, Schafgarbe, Lorbeer, Salbei, Rosmarin, Koriander, Wacholder und Mädesüß. Zuweilen wurde auch das giftige Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) zugesetzt, das halluzinogene Wirkung hatte, aber bereits in geringer Dosis tödlich sein konnte.
Der Kauf der Grut war Voraussetzung für den Erwerb der Braugenehmigung – kein Wunder also, dass die Obrigkeit ihr lukratives Monopol energisch verteidigte, während das System bei den Brauern nicht gerade beliebt war.

Hopfen. Anholter-Moyländer Kräuterbuch, um 1470, fol. 87v.

Hopfen. Anholter-Moyländer Kräuterbuch, um 1470, fol. 87v.

Statt der Grut begannen norddeutsche Brauer mindestens bereits im 11. Jh., der Würze Hopfen zuzusetzen, der nicht nur den Geschmack verbesserte, sondern auch bakterienhemmende Wirkung hatte. Das Endprodukt war somit länger haltbar und konnte über weitere Strecken exportiert werden. Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass sich Hopfen im Gegensatz etwa zu Porst und Gagel kultivieren ließ; so wurden besonders ab dem 13 Jahrhundert vielerorts Hopfengärten angelegt.
Allerdings konnte Hopfenbier nur untergärig gebraut werden, d.h. bei einer Temperatur von unter 10°C, was die Brauzeit auf die Monate November bis Mai beschränkte. Doch auch die übrigen, obergärigen Biersorten wurden überwiegend im Winter gebraut, da der Verderb im Sommer noch schneller einsetzte. Bis zum Spätmittelalter hatte sich der Zeitraum zwischen St. Michael am 29. September und St. Georg am 23. April allgemein als Brausaison durchgesetzt.

Im offenen Gärbottich wurde die Würze mit Wasser verdünnt und mit Hefe versetzt, die den Zucker in Alkohol umwandelte. Das Mischungsverhältnis entschied über die Stärke des fertigen Produkts: das stärkste wurde meist für den Export gebraut und Faßbier genannt, die Tafel-, Tonnen- oder Tischbiere waren etwas schwächer. Als Kofent oder Nachlese wurde ein Dünnbier bezeichnet, für das die Würze ein zweites Mal aufgegossen wurde. Der beim Gärvorgang entstehende Hefeschaum wurde abgeschöpft und an die Bäcker verkauft.

Die Biere des Mittelalters wurden nach ihren Brauorten benannt, von denen einige zu einer Art Markenzeichen wurden. Darunter zählten Einbeck, Hamburg, Bremen, Braunschweig, Goslar und Nürnberg zu den berühmtesten. Das mit Hopfen gebraute, untergärige Bier der Hansestädte wurde im 13. Jh. zu einer Art „Exportschlager“. In Hamburg, dem „Brauhaus der Hanse“, zählte man um das Jahr 1410 etwa 500-520 Brauberechtigte, die jährlich ca. 250.000-300.000 Hektoliter produzierten. Das Bier der Hanse wurde nach Skandinavien, ins Baltikum, nach England und in die Niederlande vertrieben. Mit dem Export qualitativ hochwertiger Biere ließen sich beträchtliche Gewinne erzielen, so dass zahlreiche Brauherren zu vermögenden und einflussreichen Unternehmern avancierten, die mancherorts (z. B. in Goslar) den Rat der Stadt beherrschten.

Doch gewerbliches Bierbrauen konnte sich nur lohnen, wenn die Produktion entsprechend hoch war. Die Investitionen waren hoch, die Gefahr des Verderbs groß, das Mälzen und der Verkauf des Endprodukts mit Steuern belegt. Die Bierherstellung wurde durch städtische Brauordnungen geregelt, von denen die Augsburger von 1155 wohl die älteste ist. Meist wurden die Zahl der Brauberechtigten und der Ausstoß des einzelnen Brauvorgangs begrenzt, um Überproduktion zu verhindern und die Preise stabil zu halten. Beauftragte des Rates überwachten Malzbereitung, Braumengen, Qualität und Preisgestaltung.

Sogenannte Höchstpreistaxen galten im späten Mittelalter für zahlreiche Lebensmittel, etwa Fisch, Brot, Fleisch, Wein oder eben Bier. Eine Bierpreisordnung war auch Teil der Landesordnung, die am 23. April 1516 von den Herzögen Wilhelm IV. und Ludwig X. von Bayern auf dem Ingolstädter Landtag erlassen wurde:

„Item wir ordnen / setzen / und wöllen mit Rathe unnser Lanndtschaft / das füran allennthalben in dem Fürstenthumb Bayrn / auff dem Lande / auch in unnsern Stettn unn Märckthen / da deßhalb hieuor kain sonndere ordnung ist / von Michaelis biß auff Georij / ain mass oder kopffpiers über ainen pfenning Müncher werung / unn von sant Jorgentag / biß auff Michaelis / die mass über zwen pfenning derselben werung / und derenden der kopff ist / über drey haller / bey nachgesetzter Pene / nicht gegeben noch außgeschenckht sol werden.“

Gedenkmedaille. (c) Yvonne/Badische Zeitung

Gedenkmedaille. (c) Yvonne/Badische Zeitung

Geregelt wurde also der Bierpreis während und außerhalb der Brausaison. Doch immer war die Gefahr groß, dass unredliche Produzenten versuchten, ihren Gewinn durch die Verwendung minderwertiger Zutaten oder unlautere Beimischungen zu steigern. Davon ging, wie beim erwähnten Bilsenkraut, nicht selten eine Gesundheitsgefährdung für die Konsumenten aus.
Um derartige Experimente zu unterbinden und eine möglichst gleichbleibend hohe Qualität der bayrischen Biere sicherzustellen, heißt es in dem herzoglichen Mandat weiter:

„Wir wöllen auch sonderlichen / das füran allenthalben in unsern Stetten / Märckthen / unn auf dem Lannde / zu kainem Pier / merer stückh / dann allain Gersten / Hopfen / unn wasser / genommen unn gepraucht sölle werdn.“

Es handelte sich weder um den ersten noch um den letzten Versuch, die Bierproduktion auf die Verwendung von Gerste, Hopfen und Wasser zu beschränken, nicht in Bayern und schon gar nicht im Rest des Reiches. Viele deutsche Städte kannten seit dem 14. oder 15. Jahrhundert ähnliche Verordnungen. Eine Verordnung des Münchener Stadtrats von 1447, welche die Bierzutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser beschränkte, wurde später auf ganz Oberbayern ausgedehnt, 1469 übernahm der Rat der Stadt Regensburg die Regelung. Ja, selbst in London wurde 1484 verfügt, dass Bier ausschließlich aus „licuor, malt and yeste“, also Wasser, Malz und Hefe zu bestehen habe!
Neu war an dem bayerischen Erlass von 1516 daher allenfalls, dass er für das gesamte (kürzlich wiedervereinigte) Herzogtum gelten sollte und sich ausdrücklich nicht nur auf die Städte, sondern auch auf Marktorte und das ländliche Brauwesen bezog. Dabei mochte eine Rolle gespielt haben, dass der Hopfen im Süden prächtig gedieh und gezielt angebaut werden konnte, ganz im Gegensatz zu Porst und Gagel, die teuer importiert werden mussten.

Nicht ganz zufällig hatte eine solche Beschränkung der erlaubten Zutaten daneben den Vorteil, die Besteuerung des Produkts zu vereinfachen. Bald wurden auch Strafzölle auf nach Bayern importierte Biere erhoben und die Ausfuhr bayerischer Biere ebenfalls mit zusätzlichen Abgaben belegt.
Nicht zuletzt richtete sich die Regelung auch gegen die „Verschwendung“ des wertvollen Brotgetreides Weizen für die Bierherstellung. Noch 1567 heißt es in einem herzoglichen Mandat, das überwiegend aus Böhmen importierte Weiß- oder Weizenbier sei

„gar ein vnnuez getranck … / das weder fueert noch nert / weder sterck / krafft noch macht gibt / vnd dahin gericht ist / das es die Zechleut / oder diejenigen dies trincken / nur zu mehrerm trincken raizt vnd vrsach.“

Die Einstellung änderte sich jedoch rasch, als Kurfürst Maximilian I. 1602 erkannte, dass sich mit einem herzoglichen Weißbiermonopol viel Geld verdienen ließ. In kurzer Zeit entstanden so 15 staatliche Weißbierbrauereien, deren Einnahmen bald den größten Einzelposten des bayerischen Staatssäckels ausmachten. Dafür sorgte auch die Verpflichtung der Wirte, stets ausreichend viele Fässer Weißbier auf Lager zu halten.
Nicht einmal einhundert Jahre nach der gesetzlichen Beschränkung der Bierzutaten auf Gerste, Hopfen und Wasser schien diese bereits in völlige Vergessenheit geraten zu sein …

Vom 17. Jahrhundert an ist jedenfalls in der bayerischen Gesetzgebung von einer derartigen Bierverordnung nirgends mehr die Rede. Ausnahmen gab es ohnehin: So wurden z.B. schon 1551 zur Herstellung bestimmter „Traditionsbiere“ die Zugabe von Koriander und Lorbeer ausdrücklich erlaubt. Die bayerische Landesverordnung von 1616 ließ außerdem Salz, Wacholder und Kümmel als Beigaben zu.

Brauwesen und Bierkultur gediehen dennoch prächtig und erreichten ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Allein in Bayern existierten um 1800 mehr als 30.000 Brauereien. Gaststätten entwickelten sich zu sozialen und kommunikativen Zentren von Bürgern wie Arbeitern, und gemeinsames Biertrinken avancierte zum elementaren Bestandteil der Alltags- und Freizeitgestaltung. Neue technische Errungenschaften optimierten die Brauverfahren und garantierten gleichbleibend hohe Qualität. Kältemaschinen, die Erfindung der Bügelflasche und des Kronkorkens trugen zu steigenden Absätzen bei.

Zugleich war das 19. Jahrhundert die Zeit der Wiederentdeckung und romantischen Verklärung des Mittelalters, des aufblühenden Nationalismus‘ wie auch des Regionalpatriotismus‘. Bier war Teil der deutschen, ganz besonders aber auch der bayerischen Identität. Nicht umsonst trugen zahlreiche der von deutschen Auswanderern in den USA und anderswo gegründeten Brauereien den Namen „Bavaria“ und warben mit „bayerischer Brautradition“.

Das Hofbräuhaus Las Vegas. (c) magazineUSA.com

Das Hofbräuhaus Las Vegas. (c) magazineUSA.com

Da traf es sich prächtig, dass die Bierverordnung des Landtagsabschieds von 1516 zu Beginn des 19. Jahrhunderts „wiederentdeckt“ wurde. Am 10. November 1861 wurde die Beschränkung auf Gersten, Hopfen und Wasser erneut in der bayerischen Gesetzgebung verankert, nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde sie in anderen Teilstaaten übernommen, ab 1906 galt sie für das gesamte Reichsgebiet.

Von einem „Reinheitsgebot“ war jedoch zu dieser Zeit noch nicht die Rede. Der Begriff wurde wohl erstmals vom Landtagsabgeordneten und Leiter der Buchstelle bei der Akademie für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan Hans Rauch in einer Sitzung des bayerischen Landtags am 4. März 1918 verwendet.
In der Weimarer Republik, der alten Bundesrepublik und der DDR regelten verschiedene Gesetze die Besteuerung des Biers und in diesem Zuge die erlaubten Zutaten. Gerste, Hopfen und Wasser waren in der Regel für untergärige Biere vorgeschrieben, bei obergärigen (wie z.B. bayerischem Weißbier) galten Ausnahmen. Seit 2005 regelt die Bierverordnung, was als „Bier“ bezeichnet und in den Handel gebracht werden darf.
Seit einigen Jahren beginnt die ursprünglich aus den USA stammende Craft Beer“-Bewegung, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Kleinst- und Hobbybrauereien produzieren seither zunehmend Biere, die nicht dem sogenannten „Reinheitsgebot“ entsprechen und die geschmackliche Vielfalt des deutschen Lieblingsgetränks mit verschiedenen Aromazusätzen massiv erweitern.

Der Deutsche Brauer-Bund jedoch hält eisern an der historischen, wiederentdeckten (und überholten?) Vorschrift fest. Was 1516 als Höchstpreistaxe erlassen worden war, dient den deutschen Brauereikonzernen heute als Marketinginstrument, als Schutzwall gegen ausländische Konkurrenz, als traditions- und damit identitätsstiftendes Werkzeug der Image-Pflege.

(c) Deutscher Brauer-Bund

(c) Deutscher Brauer-Bund

Schon 1994 wurde der 23. April zum „Tag des deutschen Bieres“ erhoben, in diesem Jahr (2016) jährt sich der Erlass der bayerischen Herzöge zum 500. Mal. Zahlreiche Medien feiern ganz im Sinne des Brauer-Bundes das „älteste Lebensmittelgesetz“ der Welt.
Betont wird dabei immer wieder gerne die „ungebrochene Tradition“, die sich bei näherer Betrachtung ebenso als reine Fiktion erweist wie die angebliche Sorge der bayerischen Herzöge um das leibliche Wohlergehen ihrer Untertanen, die zum Erlass des „Reinheitsgebots“ geführt haben soll.
Doch wie schon der große Historiker Ernst Schubert in diesem Zusammenhang feststellte:

„Fiktionen können geschichtsmächtiger als Fakten sein.“

(Ernst Schubert, Essen und Trinken im Mittelalter, 2. Auflage, Darmstadt 2010, S. 229f.)

Fundstücke KW 15

Jürgen Sarnowsky auf mittelalter.hypotheses.org: “Was sind und zu welchem Ende studiert man Geisteswissenschaften?

Der Deutschlandfunk ist der Meinung, die Geschichtswissenschaft entdecke gerade die “schriftlose Geschichte”. Das tut sie zwar schon seit 30 oder 40 Jahren, aber der Beitrag ist trotzdem nicht uninteressant.

“Wenn Braveheart sein Netzwerk aktiviert” – derstandard.at über eine Tagung zur Erforschung sozialer Netzwerke im Mittelalter.

Sie haben in den vergangenen zwei Jahren eine “hervorragende mediävistische Dissertation von interdisziplinärer Bedeutung” verfasst? Dann bewerben Sie sich doch für den (mit immerhin € 2.000,- dotierten) Nachwuchspreis des Mediävistenverbandes.

Die Süddeutsche berichtet über die Eröffnung der dreiteiligen Ausstellung “Bilderwelten. Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit” in der Bayerischen Staatsbibliothek – ohne eine einzige Abbildung im Artikel! Auch irgendwie eine Leistung …

Nach längerer Pause meldet sich Daniel Ossenkop auf dasmittelalterderblog.com mit einem Beitrag über Wappen in der Bildwelt des Mittelalters zurück.

Wikinger sind offenkundig nicht das Spezialgebiet der Archäologin Angelika Franz. Dennoch enthält ihr Beitrag auf Spiegel Online auch einige interessante neue Informationen.

Am Freitag hielt ich einen Vortrag über Herstellung, Einsatz und Wirkung von Brandpfeilen in der europäischen Geschichte.* Dazu passend das Video der Woche von Nick Birmingham / der Free Company of Aquitaine:

*Interessiert? Nur eines von zahlreichen möglichen Vortragsthemen. Weitere Infos hier, Anfragen willkommen!

 

Fundstücke KW 14

Schöner reisen mit Ibn Battuta: Der SPON hat 10 Tipps des Reisenden aus dem 14. Jahrhundert zusammengestellt.

Hieronymus Bosch war ohne Zweifel eienr der originellsten, aber auch düstersten Künstler des ausgehenden Mittelalters. Zu seinem 500. Geburtstag lässt seine Heimatstadt ‘s-Hertogenbosch einige seiner bizarren Kreationen dreidimensional auferstehen (via WDR 5).

Am 23. April jährt sich zum 500. Mal ein Erlass der bayerischen Herzöge, der vornehmlich den Bierpreis im Land regeln sollte und seit seiner Wiederentdeckung geschickt als “Deutsches Reinheitsgebot” vermarktet wird (mehr dazu hier und demnächst).
Aus diesem Anlass widmen sich zahlreiche – jubilierende und kritische – Zeitschriften- und andere Medienbeiträge dem Lieblingsgetränk der Deutschen und seiner Geschichte. Aktuell z.B. die Süddeutsche Zeitung mit einem Artikel über die Craft Beer-Bewegung, die mit der Beschränkung auf Malz, Hefe, Wasser und Hopfen wenig anfangen kann; ein weiterer über eines der traditionsreichsten Biere, das “Zoigl”, das in der nördlichen Oberpfalz im kommunalen Brauhaus von wechselnden Hobbybraumeistern gebraut wird; und über die Bier-Ausstellungen im Münchener Stadtmuseum und im Jüdischen Museum.

Hiltibold schreibt einen offenen Brief an den Geschäftsführer des umstrittenen living history-Projekts “Campus Galli“.

Wiener Byzantinisten erfassen handschriftliche Gebetbücher aus dem Mittelalter in einer Datenbank und machen erstaunliche Entdeckungen, berichtet derstandard.at.

H. Jablonski wies mich freundlicherweise auf eine Crowdfunding-Initiative des Spessartprojekts hin, mit der Ausgrabungen an einer rätselhaften abgegangenen Burg bei Waldaschaff finanziert werden sollen.

Die Bilder der Woche stammen von einer beeindruckenden Burgbelebung auf Haute Koenigsbourg und wurden von Diana Goodwin auf Facebook veröffentlicht:

I only had a couple of hours to shoot on Friday morning as everyone was just getting ready for the arrival of the first…

Posted by Diana Goodwin on Dienstag, 5. April 2016

Fundstücke KW 13

Nach längerer Pause – für die ich mich hiermit ausdrücklich entschuldige! – hier endlich eine neue Folge der Fundstücke der Woche. Es hat sich einiges angesammelt, daher eine Auswahl lohnender aktueller Links zu Archäologie, Geschichte, Mittelalter u.ä.:

Hiltibold hat sich u.a. mit Holzgefäßen in den Funden aus Haithabu beschäftigt.

Archäologie und Computer-Spiele – wie passt das zusammen? Dieser Frage geht ein Beitrag von DRadio Wissen nach.

Regelmäßig spannende Beiträge zum Leben im mittelalterlichen Tirol bietet das Blog “vrouwe maere”, aktuell zum Glaube und Gebräuchen der einfachen Landbevölkerung.

Friedrich Barbarossa und die zweimalige Unterwerfung Mailands” lautet der Titel eines Beitrags auf kurz!-Geschichte.
Außerdem widmet man sich dort in einer Reihe den sechs Ehefrauen Heinrichs VIII. Die aktuelle Folge handelt von Gattin Nr. 5, Catherine Howard.

Martin Zimmerman veröffentlichte auf archaeologie-online.de einen Beitrag zum Glashandwerk im Frühmittelalter.

Zahlreiche Fachbücher zu mittelalterlichen Themen wurden im März rezensiert; mittelalter.hypotheses.org gibt den Überblick.

Auf den interessanten YouTube-Kanal von Rainer Leng hatte ich bereits einmal hingewiesen. Derzeit widmet sich der Würzburger Mediävist dem Thema Universitätsgeschichte(n), die aktuelle, vierte Folge widmet sich der Frage: Was kostete im Mittelalter ein Studium und woher kam das Geld dafür?