Fundstücke KW 24

In Osttirol musste die Erweiterung eines Friedhofs unterbrochen werden, weil Überreste einer frühmittelalterlichen Siedlung zu Tage kamen, melden derstandard.at und die Kleine Zeitung, letzere auch mit Bild.

In Dänemark haben “Hobbyarchäologen” einen großen Goldschatz der Wikingerzeit gefunden, wie der Spiegel berichtet.

Äußerst spannende Funde auch in Pasing bei München: Dort wurden in einem Reihengräberfeld mehr als 140 Bestattungen entdeckt – darunter möglicherweise die des legendären Ortsgründers Paoso (und seines Pferdes), steht in der Süddeutschen Zeitung.

Das Keltendorf Mitterkirchen feiert 25jähriges Bestehen und hat einiges in Planung, wie auf meinbezirk.at zu lesen ist.

Das wunderbare Blog vrouwe maere informiert über die Lebensrollen der Frau im mittelalterlichen Tirol.

kurz!-Geschichte widmet sich der nicht immer konfliktfreien Beziehung Kaiser Friedrichs I. zu den Päpsten.

mittelalter.hypotheses.org hat einen Tagungsbericht zur Kreuzzugsgeschichte und “1000 Worte Forschung” zur urchristlichen Gütergemeinschaft im Spätmittelalter.

Das Mittelalter – Der Blog widmet sich dem Thema Liebe und Lust im Mittelalter.

Um die Geschichte der Stadt Würzburg im Mittelalter geht es im Blog “der quatspreche”.

Die Wienischen Handwerksleute von 1350 haben in ihrem Blog eine umfangreiche Bildergalerie unterschiedlicher gelungener living history-Events zusammengestellt – Darstellern als Ansporn, Veranstaltern als Maßstab empfohlen.

Hier dieht man z.B. Mitglieder der “Reisecen” beim Bebeilen von Balken:

Die Reisecen – Saisoneröffnung auf der Bachritterburg Kanzach.

Die Reisecen – Saisoneröffnung auf der Bachritterburg Kanzach.

Fundstücke KW 23

Bayerns älteste Blockhauswand steht in Schliersee und stammt von 1406, meldet die Süddeutsche.

Stonehenge hingegen stand einer neuen Theorie zufolge ursprünglich in Wales, und das wiederum steht im Spiegel.

Alexander Koch, der Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, verlässt eben selbiges – geht, wurde gegangen, will gegangen worden sein? So genau weiß das weder Der Tagessspiegel (“… abgesetzt”) noch Die Welt (“Hässlicher Abgang …”).

Der Art und Creative Director, Geschichtsdarsteller und Autor Jan Hochbruck hat einen kurzen, aber sehr wahren Text zur intellektuellen Unterforderung von Kindern (nicht nur, aber vor allem) im Museum geschrieben.

In Köln soll 2019 der erste unterirdische Rundgang zur Stadtgeschichte in Antike und Mittelalter eröffnet werden. Die Meldung dazu erschien ausgerechnet im österreichischen Standard.

Ulla Kypta hat das Europäische Hansemuseum in Lübeck besucht und schreibt darüber auf H-Soz-Kult. Ihre begeisterte Rezension ist etwas überraschend, denn bislang hatte das textlastige Konzept des Museums vor allem negative Kritik auf sich gezogen, siehe diesen Beitrag in der SHZ vom 31. Dezember 2015.

Anfang des 16. Jahrhunderts hielt der deutsche Landsknecht Paul Dolnstein seine Erlebnisse in einem Skizzenbuch fest. Ausgerechnet die Darstellung einer Belagerung diente ofenbar später einem anderen Autor zur Niederschrift eines Kochrezepts (?) zur Zubereitung einer (Friedens?-) Taube:

“Item gnommen j fl geglüett vnnd den dawben dy fittichen do mit vorsengit flewgt
eyne wegk wen man sye flitzenn lest
Item leyman clein gecloppffet Salcz wasser ader pruntz wasser honig dar vnder
gemülbe genommen bej den öll slahern vnnd haffer gersten adder wiß dis alleß
vnder eynander gemacht donnc mit dem salcz wasser vnnd daß in daß daw
ben hawß geschutt auch ist eberwurtz gut dar vnder gesnitten”

Gefunden auf medievalists.net (auf Englisch), die zugehörige Miszelle inkl. Transkription und moderner Interpretation des Rezepts (ebenfalls auf Englisch) findet sich auf academia.edu, und das hier ist die fragliche Zeichnung:

Die Belagerung von Älvsborg, in der rechten oberen Ecke das Taubenrezept.

Die Belagerung von Älvsborg, in der rechten oberen Ecke das Taubenrezept.

Leider ist der Text wirklich nicht gut zu lesen, aber mich würde dennoch interessieren, was Leser dieses Blogs davon halten. Persönlich habe ich die Vermutung, dass der Autorin hier ein recht erheiternder Irrtum unterlaufen ist … Demnächst (vielleicht) mehr dazu!

Fundstücke KW 22

Ein Interview mit der Archäologin Ursula Quatember auf nachrichten.at.

Ein Blogbeitrag über den Historikertag und sein Motto “Glaubensfragen”.

Was ist, was kann, was soll “Open History”? Ein Diskussionsbeitrag beim histocamp.

Was sind, was können, was sollen “Digital Humanities”? Definitionsfragen und Praxisbeispiele aus der Geschichtswissenschaft im Blog des DHIP.

Dass der Interimsleiter des AFM Oerlinghausen Roeland Paaredekooper nicht nur das Museum einen riesigen Schritt nach vorne gebracht hat, sondern auch bei Geschichtsdarstellern für Begeisterung sorgte, dankten diese ihm mit einem Flashmob, über den die NW berichtet.

Im Blog curiositas dreht sich der aktuelle Beitrag um Heinrich den Löwen.

Die “Draken Harald Hårfagre”, ein norwegischer Nachbau eines WIkingerschiffes, hat erfolgreich den Atlantik überquert und Neufundland erreicht, worüber derstandard.at berichtet.

Hans-Peter Pökel und Torsten Wollina schreiben im TraFo-Blog über Sinn und Unsinn eines “islamischen” Mittelalters.

kurz!-Geschichte widmet sich dem Elefanten Abu Abaz.

Im französischen Montcornelles soll eine Stadt des 14. Jahrhunderts errichtet werden. Die Website ist leider nur auf Französisch verfügbar, die Visualisierung des Projekts ist immerhin schon ganz hübsch anzusehen (s.u.). Bleibt zu hoffen, dass man im Jura bei der Umsetzung mit mehr Sachverstand zu Werke gehen wird als am Bodensee …

Digitale Visualisierung des Projekts Montcornelles.

Digitale Visualisierung des Projekts Montcornelles.

Fundstücke KW 21

Ein Beitrag über archäologische Ausgrabungen bei Kleinmachnow in den Potsdamer Neuesten Nachrichten.

“Digital History” ist eines der großen aktuellen Modeschlagwörter der Geschichtswissenschaft. Urs Hafner hält sie (in der NZZ) für einen Irrweg.

Der Untergang der großen Reiche der Bronzezeit stellt Archäologen und Historiker noch immer vor ein Rätsel, ebenso wie die Identität der sogenannten “Seevölker”, die zuweilen für diese Entwicklung verantwortlich gemacht werden. Könnte es sich dabei um die “Luwier” gehandelt haben? Urs Willmann stellt die Theorie in Die Zeit vor.

“Klimawandel” ist ein weiteres Modethema der Geschichtsforschung und wird in jüngster Zeit gerne für alles Mögliche verantwortlich gemacht. So nun auch für den Abzug der Mongolen aus Ungarn im 13. Jahrhundert, wie eine neue Studie behauptet, die Der Standard vorstellt.

Auf kurz!-Geschichte schreibt der Historiker Max Emmanuel Frick über “Die Wundervölker des Ostens”, auf seinem eigenen Blog über “Die Jungfrau und das Einhorn auf dem Erfurter Einhornaltar”.

In Brandenburg hat ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger in einem Spargelfeld einen Münzschatz aus dem Mittelalter gefunden, wie Der Focus berichtet.

Das Bild der Woche machte in den sozialen Medien die Runde und zeigt, dass moderne Technik frühmittelalterlicher Waffentechnik mitunter nicht gewachsen ist …

10 Jahre HistoFakt!

“HistoFakt wurde 2006 gegründet, um Unternehmen, Institutionen, Vereinen und Privatpersonen als kompetenter Partner in allen Fragen der Erforschung, Vermittlung und Darstellung von Geschichte zur Seite zu stehen.”

So steht es auf unserer Website zu lesen. Seit der Gründung sind inzwischen 10 Jahre vergangen. Die Aussage stimmt natürlich immer noch, doch unser Angebot hat sich in dieser Zeit erheblich verändert.
Redaktionelle Betreuung und Gestaltung von Buchveröffentlichungen, die in den Anfangsjahren noch einen nicht unerheblichen Teil der Aufträge ausmachten, spielen heute nur noch eine vergleichsweise untergeordnete Rolle – vermutlich auch, weil immer mehr Verlage inzwischen aus Kostengründen auf professoinelles Lektorat verzichten und insbesondere im geisteswissenschaftlichen Sektor immer häufiger den Autoren selbst die Gestaltung von Satz und Layout auferlegt wird.

Erheblich gestiegen ist dagegen die Nachfrage nach Transkription und/oder Übersetzung mittelalterlicher Urkunden. Manchmal ist ein bevorstehendes Ortsjubiläum der Anlass, zuweilen wird aber auch nach konkreten Informationen geforscht, etwa um den einstigen Standort abgegangener Gebäude zu lokalisieren. Insbesondere für Textquellen aus dem mittelniederdeutschen Sprachraum konnte sich HistoFakt in den vergangenen Jahren einen hervorragenden Ruf erwerben.

Jan H. Sachers M.A. mit Moderatorin Heike Greis am Set der SWR-Sendung "EpochenKochen: Wie die Ritter tafelten" (EA 25.12.2014). Foto: (c) Markus Siewert/maz&more.

Jan H. Sachers M.A. mit Moderatorin Heike Greis am Set der SWR-Sendung "EpochenKochen: Wie die Ritter tafelten" (EA 25.12.2014). Foto: (c) Markus Siewert/maz&more.

Kleinere und größere Rechercheaufträge machen nach wie vor einen nicht zu vernachlässigenden Teil des Alltagsgeschäfts aus. Die Auftraggeber reichen dabei von Privatpersonen über Fachkollegen und Ausstellungsmacher bis hin zu verschiedenen analogen und digitalen Medien.
Auch für das Fernsehen war HistoFakt in der Vergangenheit tätig. Erwähnenswert ist z.B. die SWR-Sendung “EpochenKochen”, für die Gründer und Inhaber Jan H. Sachers M.A. auch selbst als Experte vor der Kamera stand.

Seine Beiträge erscheinen außerdem seit Firmengründung in verschiedenen Fachpubilkationen wie “Karfunkel” oder “Traditionell Bogenschießen”. Im G&S-Verlag wurden bislang drei Bücher unter Beteiligung von Jan H. Sachers veröffentlicht.

Publikumsaktivitäten

Die nachhaltigste Veränderung der Angebotspalette stellt jedoch ohne Frage die in den letzten 3 Jahren erfolgte stärkere Hinwendung zu Publikumsaktivitäten dar. Auf eine wachsende Nachfrage nach erlebbarer Geschichte und anderen Erlebnisangeboten reagierte HistoFakt 2014 erstmals mit der Durchführung von Einführungskursen in das traditionelle Bogenschießen im Histotainment Park Adventon bei Osterburken. Im Folgejahr wurde das Angebot erfolgreich um den Grundkurs Pfeilbau erweitert, und dank der Zusammenarbeit mit anderen Experten können inzwischen auch Kurse im historischen Fechten, mittelalterlichen Ringen und verschiedenen Handwerkstechniken angeboten werden.
Das Gleiche gilt für Mitmach-Aktionen für Erwachsene und Kinder wie Bogenschießen, Kerzengießen oder Feuerschlagen sowie für Vorführungen z.B. im historischen Fechten mit dem Langen Schwert.

Der Kurs "Einführung in das intuitive Bogenschießen" ist seit 2014 im Programm von HistoFakt.

Der Kurs "Einführung in das intuitive Bogenschießen" ist seit 2014 im Programm von HistoFakt.

Da von KursteilnehmerInnen immer wieder nach kompetenten, zuverlässigen Bezugsquellen für Material zum Pfeilbau, Zubehör zum Bogenschießen sowie Literatur zu Pfeil und Bogen, historischen Kampfkünsten und mittelalterlicher Geschichte gefragt wurde, bietet HistoFakt seit Anfang des Jahres selbst ein ausgewähltes Sortiment an, das in Zukunft kontinuierlich erweitert werden soll. Ein Webshop ist derzeit noch in Vorbereitung, ein Bestellformular kann unter http://shop.HistoFakt.de heruntergeladen werden.

In Zusammenarbeit mit erfahrenen Handwerkern übernimmt HistoFakt die Anfertigung von Rekonstruktionen historischer Objekte in Museumsqualität, von der Recherche bis zur Anwendung inkl. Dokumentation – vom Schmiedenagel bis zum kompletten Fachwerkhaus. Einzelne Stücke sollen künftig ebenfalls in das Verkaufssortiment aufgenommen werden.

Seit einiger Zeit ist auch eine verstärkte Nachfrage nach klassischen Vorträgen zu verzeichnen, vornehmlich zu Themen rund um die Geschichte von Pfeil und Bogen, aber auch zu historischem Handwerk oder Bauen im Mittelalter.

Blick in die Zukunft

Neben der Einrichtung eines Webshops ist für die nahe Zukunft in erster Linie der Ausbau des Kursprogramms geplant. Zudem soll die Zusammenarbeit mit Museen nd Sehenswürdigkeiten der Region intensiviert werden, z.B. in Form von Vorführungen und ähnlichen Programmpunkten, aber auch in der Konzeption und Umsetzung von Sonderausstellungen, Themenführungen u.ä. Neue Vortragsthemen befinden sich ebenfalls in Planung.

Selbstverständlich wird HistoFakt auch in den kommenden Jahren eine breite Palette an historischen Dienstleistungen anbieten und seinen Klienten und Auftraggebern als zuverlässiger und kompetener Partner in allen Fragen der Erforschung, Vermitlung und Darstellung von Geschichte zur Seite stehen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit!

Die nächsten Termine

 

Fundstücke KW 20

Anschaulich und in einfachen Worten erklärt der US-Historiker Robert Bateman auf 20min.ch die Geschichte der Schweizer Garde.

Was können geisteswissenschaftliche Dozenten von der US-Fantasy-Serie Game of Thrones lernen? Nein, keine Tricks und Kniffe historischer Kampfkünste, sondern Erzählstrategien, schreibt Stephan Porombka auf Zeit Campus.

Das Domschatz- und Diözesanmuseum Eichstätt hat einen wertvollen Bildteppich von 1527 erworben.

Die fremdenfeindliche, rechtpopulistische und auch sonst nicht für intellektuelle Leistungen bekannte Schweizerische Volkspartei (SVP) hat 2015 den Schweizerischen Bundesrat aufgefordert, “Massnahmen zu ergreifen, damit es künftig weniger «Psychologen, Ethnologen, Soziologen, Historiker, Kultur- und Kunstwissenschafter und dergleichen» gebe. Die Absolventen dieser Studiengänge seien in der Wirtschaft nicht zu gebrauchen und müssten in staatlichen Institutionen durchgefüttert werden.” (Zitiert nach http://archaeologik.blogspot.de/2016/05/geisteswissenschftler-sind-nicht-zu.html)
Dagegen geht die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) nun in die Initivative, um aufzuzeigen, wie und wo Geistes- und Kulturwissenschaftler sich überall “nützlich” machen, berichtet die NZZ.

“Mit Hightech auf den Spuren der Kelten” heißt die neue Ausstellung im Alamannenmuseum Ellwangen, die zeigt, wie modernste Technologie dabei hilft, Erkenntnisse über die Vergangenheit zu gewinnen.
Darüber berichten u.a. die Südwest-Presse und die Schwäbische Post.

Das Stadtarchiv Memmingen bietet auf seiner Website einige interessante Dossiers inklusive Verweisen zu den Originalquellen in digitaler Form, Downloads etc. Z.B. “Quellen zur Geschichte des “Hailtums” in der mittelalterlichen Reichsstadt Memmingen” anlässlich des 800. Jahrestags eines angeblichen “Hostienfrevels”.

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Acta Periodica Duellatorum” ist online und steht zum Download bereit.

Fundstücke KW 19

Vor 2,5 Jahren übernahm der niederländische Archäologe Roeland Paardekooper die Leitung des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen. In dieser Zeit wurde die nationalen und internationale Bekanntheit der Einrichtung enorm gesteigert, die Zahl der jährlichen Besucher erhöht, Zahl UND Qualität der Veranstaltungen noch einmal gesteigert, und mit neuer Beschilderung, Audio-Guides und vielen weiteren Maßnahmen ist das altehrwürdige Freilichtmuseum nun auch im 21. Jahrhundert angekommen.
Nun übergibt Paardekooper im kommenden Monat den Staffelstab wieder an seinen Vorgänger und Nachfolger Karl Banghard, wie die NW meldet. Es bleibt zu hoffen, dass dieses wunderbare living history-Museum unter seinem selbstgefälligen alten und neuen Direktor dann nicht wieder in der Bedeutungslosigkeit, lippischen Behäbigkeit und Altbackenheit versinkt, aus der es erst 2013 von R. Paardekooper erweckt wurde …

Dazu passend auch die Meldung, dass die historischen Stationen auf dem Wanderweg vom AFM zum Tönsberg nun auch per App erschlossen werden können.

“Der Islam gehört zu den Fundamenten europäischer Kultur” – diese Aussage dürfte bei manchen Zeitgenossen wohl Schnappatmung verursachen, sie aber ausgerechnet in einem katholischen Online-Portal zu lesen, hat auch mich überrascht.

In der Welt schreibt Florian Stark über Kaiser Karl IV., der vor 700 Jahren geboren wurde. Ihm ist auch eine große Ausstellung gewidmet, die bis zum 25. September in Prag, ab 20. Oktober im GNM Nürnberg zu sehen ist.

“Hatespeech” gegen Historiker und Archäologen war zuletzt u.a. ein Thema der re:publica. Kristin Oswald fasst die Lage auf ihrem Blog zusammen.

Reisen und lebendige Geschichtsdarstellung zu verbinden ist das Konzept eines neuen Unternehmens, das auf einer Crowdfunding-Plattform um Investoren wirbt.

Mein neuester Beitrag zur Reihe “Mittelalter-Mythen” widmet sich dem angeblichen Glauben an eine flache Erdgestalt im Mittelalter.

Und wer hätte gedacht, dass die alten Germanen im Jahr 2016 ein solches Comeback veranstalten würden?

Die Vandalen sind zurück! Quelle leider unbekannt.

Die Vandalen sind zurück! Quelle leider unbekannt.

Der Mythos vom Glauben an die flache Erde

Im Mittelalter glaubten die Menschen, die Erde sei flach, überwölbt von einer halbrunden Himmelskuppel. An ihrem Rand, wo sich Himmel und Erde berührten, verwandelten sich die umgebenden Ozeane in reißende Wasserfälle, weshalb es gefährlich war, zu weit auf das offene Meer hinaus zu segeln. Erst durch die Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus und Ferdinand Magellan sei die Kugelgestalt der Erde bewiesen und die offizielle Lehrmeinung von Kirche und Gelehrten widerlegt worden.
So oder so ähnlich liest es sich selbst noch im 21. Jahrhundert in den meisten Geschichtsbüchern, die in Deutschland, Österreich, den USA und Großbritannien – und vermutlich vielen anderen westlichen Ländern – im Unterricht verwendet werden. Als Belege werden gerne die scheinbar flache Gestalt der Erde auf mittelalterlichen Weltkarten und die Prozesse gegen Kopernikus und Galilei angeführt, sowie die Tatsache, dass der älteste erhaltene Globus von Martin Behaim erst 1492, im Jahr der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus geschaffen wurde. Zur anschaulichen Illustration der These dient gerne ein Holzstich im Stil des 16. Jahrhunderts, auf dem ein Mann zu sehen ist, der am Rand der Welt kniet und seinen Kopf durch die Himmelskuppel in den Weltraum steckt.
Und wenn das so in den Schulbüchern steht, dann muss es doch wahr sein, oder?

"Der Pilger am Rand der Welt" lautet der populäre Titel dieses Kupferstichs aus Camille Flammarion: L'atmosphère. Météorologie Populaire (1888).

"Der Pilger am Rand der Welt" lautet der populäre Titel dieses Kupferstichs aus Camille Flammarion: L'atmosphère. Météorologie Populaire (1888).

Die Fakten

Wenige Mythen über das Mittelalter sind so oft und so gründlich widerlegt worden wie der vom Glauben an die flache Erde, und halten sich dennoch so hartnäckig, dass sie nicht nur in populären Medien, sondern sogar in offiziellen Unterrichtsmaterialien immer wieder aufs Neue wiederholt werden.
Dabei lässt sich die Entstehungsgeschichte dieses wirkmächtigen Mythos’ ziemlich genau zurückverfolgen, und es stellt sich heraus, dass es sich um ein erstaunlich junges Beispiel handelt: Erst gegen Ende des 19 Jahrhunderts finden sich in verschiedenen Publikationen vermehrt Behauptungen, im Mittelalter sei das antike Wissen um die Kugelgestalt der Erde verloren gegangen oder gar von der allmächtigen Kirche als häretische Ansicht unterdrückt worden. Eine Untersuchung deutscher und österreichischer Schulbücher von 1723 bis 2008 ergab, dass der Mythos vom Glauben an die flache Erde darin erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts Eingang fand und in der Folgezeit sogar noch weiter ausgeschmückt wurde!
Tatsächlich jedoch beruhte das mittelalterliche Weltbild auf den Erkenntnissen der griechischen und römischen Antike. Schon Aristoteles war die Kugelgestalt der Erde bekannt gewesen, und der bedeutende Universalgelehrte Eratosthenes hatte im 3. Jahrhundert vor unserer Zeit sogar ihren Umfang mit einiger Genauigkeit berechnet, was wiederum zur Grundlage der Kalkulationen des Mathematikers und Astronomen Ptolemaios aus dem 2. Jahrhundert unserer Zeit wurde. Ihre Schriften waren mittelalterlichen Gelehrten wohlbekannt.
Kirchenväter wie Ambrosius und Augustinus (4. und 5. Jahrhundert), bedeutende Denkerinnen und Denker wie Isidor von Sevilla (7. Jahrhundert) oder Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert) benutzten Metaphern wie „Dotter“, „Ball“, „Apfel oder schlicht „Globus“, um die Form der Erde zu beschreiben. Der englische Kirchenhistoriker Beda Venerabilis bezeichnete die Erde im 8. Jahrhundert als orbis in medio totius mundi positus: Eine Kugel, die sich im Zentrum des Universums befindet. Neben vielen anderen beschrieben im 13. Jahrhundert Roger Bacon und Thomas von Aquin die Kugelgestalt der Erde, im 14. Jahrhundert u.a. John Buriden und Nikolaus von Oresme – die herausragendsten Gelehrten ihrer Zeit, und Kleriker allesamt!
Auch die praktische, alltägliche Erfahrung deutete auf die Kugelform hin: Wer auf einen Kirchturm stieg, konnte weiter sehen als Jemand, der ebenerdig stand, was sich ebenso mit der Krümmung der Erdoberfläche erklären ließ wie die Tatsache, das Schiffe am Horizont nicht einfach verschwinden, sondern langsam zu versinken scheinen, worauf bereits der arabische Astronom Ahmad al-Farghani im 9. Jahrhundert hingewiesen hatte.

Holzschnitt aus einer spätmittelalterlichen gedruckten Ausgabe eines astronomischen Werkes des 13. Jahrhunderts.Holzschnitt aus einer spätmittelalterlichen gedruckten Ausgabe eines astronomischen Werkes des 13. Jahrhunderts.

Holzschnitt aus einer spätmittelalterlichen gedruckten Ausgabe eines astronomischen Werkes des 13. Jahrhunderts.

Entsprechend mangelt es nicht an Abbildungen der Erdkugel in mittelalterlichen Handschriften. Ein prominentes Beispiel findet sich im „Liber Divinorum Operum“ der Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert), ein weiteres z.B. im „L‘Image du Monde“ (1246) des Walter von Metz. Auch die christliche Symbolik bediente sich der Erdkugel, so etwa im Bildtopos von Christus, der als salvator mundi (Erlöser der Welt) auf einer solchen thront. Der Reichsapfel (erstmals 1014 erwähnt), der den kaiserlichen Herrschaftsanspruch über die gesamte bekannte Welt symbolisierte, ist nur ein weiteres Beispiel für die Allgegenwart kugelförmiger Erddarstellungen in der mittelalterlichen Bildwelt.
Erdscheiben sucht man hingegen vergebens. Die mittelalterlichen Weltkarten, die immer wieder gerne als vermeintliche Belege für den Glauben an die flache Erde herangezogen werden, unternehmen gar nicht den Versuch, ein realistisches Abbild der Welt zu vermitteln. Sie sind nicht als geographische, sondern als spirituelle Orientierungshilfen zu verstehen, sie illustrieren das christliche Heilsgeschehen, nicht die physische Erscheinung der profanen Welt. Das Erdenrund wird außen durch den Ozean begrenzt, darin teilen der Nil, der Don und das Mittelmeer die drei bekannten Kontinente Asien (oben), Europa (unten links) und Afrika (unten rechts) voneinander. Da das Weltmeer die Form eines „O“ und die drei anderen Gewässer ein „T“ bilden, spricht man von TO-Karten. In der Mitte befindet sich Jerusalem, der Osten (Orient) ist oben, und über allem thront Jesus Christus. Doch wenngleich diese Form der Darstellung den Eindruck erwecken kann, ihr Schöpfer habe sich die Erde als flache Scheibe vorgestellt, gehen die erläuternden Beschriften dieser mappae mundi (Weltkarten) ganz selbstverständlich von der Kugelform aus.
Die älteste erhaltene dreidimensionale Wiedergabe der irdischen Topographie, der sogenannte „Erdapfel“ des Martin Behaim, stammt in der Tat von 1492. Doch handelt es sich bei diesem Globus keineswegs um den ersten, der geschaffen wurde, sondern lediglich um den ältesten, der die Zeiten bis heute überdauerte.
Die Kugelgestalt der Erde war selbstverständlich auch Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei bekannt. Doch nicht sie wurde – lange nach der ersten Weltumsegelung durch Magellan 1522 – den beiden Astronomen und Naturforschern zum Verhängnis, sondern die Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne und nicht umgekehrt, sei also mitnichten der Mittelpunkt des Universums. Mit dieser Vorstellung tat sich die Kirche in der Tat noch lange Zeit schwer, wohingegen sich zu keiner Zeit ein offizielles Dokument nachweisen lässt, das aus religiösen Gründen die Kugelgestalt der Erde bezweifelte oder gar den Glauben daran als Häresie verdammte.

Die Kugelgestalt der Erde in Hildegard von Bingens "Liber Divinorum Operum" (12. Jh.)

Die Kugelgestalt der Erde in Hildegard von Bingens "Liber Divinorum Operum" (12. Jh.)

Interessanterweise findet sich auch zur Zeit der Aufklärung selbst in den Schriften der schärfsten Kirchenkritiker noch keine derartige Behauptung. Es war der US-amerikanische Schriftsteller Washington Irving, der wohl eher unfreiwillig eine jener Fiktionen schuf, die im Lauf der Zeit ein Eigenleben entwickeln und sich als wirkmächtiger als die Fakten erweisen.
Irving veröffentlichte 1828 seine halb-fiktionale Romanbiographie „A History of the Life and Voyages of Christopher Columbus“. Kapitel IV des 2. Buches beschreibt, wie Kolumbus seinen Plan, den Seeweg nach Indien zu finden, vor einer von den spanischen Herrschern eingesetzten Kommission rechtfertigen muss, deren klerikale Mitglieder die Kugelgestalt der Erde anzweifeln, da dieser Glaube bereits von den Kirchenvätern verdammt worden sei. Es handelt sich dabei um eine reine Erfindung des Autors, denn in Wahrheit war der strittige Punkt der Verhandlungen in Salamanca nicht die Form der Erde, sondern ihr Umfang und damit die Entfernung bis zur Ostküste Asiens, die Kolumbus – absichtlich oder unwissentlich – viel zu gering angegeben hatte, was berechtigte Besorgnis erregte, da die Schiffe des 15. Jahrhunderts nur begrenzte Mengen an Proviant mitführen konnten und nicht für viele Wochen auf offener See ausgestattet waren.
Doch gerade diese fast vollständig frei erfundene Episode findet sich als „Nacherzählung historischer Fakten“ seit Mitte des 20. Jahrhunderts in zahllosen Schulbüchern! War der Wunsch nach Dramatik hier größer als das Bemühen um objektive, faktentreue Geschichtsdarstellung?

Irving blieb jedenfalls kein Einzelfall. Zahlreiche Philosophen und Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts betrachteten die Entwicklungsgeschichte des christlichen Abendlandes als eine „Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft“ (so der Titel eines Werkes des Historikers und Naturwissenschaftlers John William Draper, 1875). Antiklerikale Denker wie Draper, Jean Antoine Letronne, William Whewell oder Andrew Dickson White („History of the Warfare of Science with Theology in Christendom“, 1896) sahen den Fortschritt der Wissenschaften durch den Einfluss der Kirche behindert, die ungeachtet empirischer Beweise an überkommenen und unhaltbaren Dogmen festhielt.
Den zeitgenössischen Anlass der Auseinandersetzungen bildete vor allem die Ablehnung der Darwinschen Evolutionstheorie durch Kirche und christlich geprägte Wissenschaftler. Doch ließen sich vom mittelalterlichen Verbot der Sektion von Leichen zu anatomischen Zwecken bis zu den Prozessen um Kopernikus und Galilei zahlreiche Beispiele aufführen, in denen kirchlicher Einfluss den empirischen Wissenschaften im Weg gestanden hatte.
Da kam die vermeintliche Ablehnung der Kugelgestalt der Erde gerade passend, und auf der Suche nach mittelalterlichen Gewährsleuten für diese Ansicht wurden die eifrigen Kirchenkritiker sogar fündig: Lactantius, Autor der „Institutiones Divinae“ (um 310) und ein Cosmas Indicopleustes, der um 548 eine „Christliche Topographie“ verfasst hatte, gingen aufgrund einer wörtlich genommenen biblischen Metapher tatsächlich davon aus, dass die Erde die Form eines runden Zeltbodens aufweise, über den sich wie ein Zelt die Himmelskuppe erhob.
Falls Sie jedoch von diesen beiden christlichen Schriftstellern noch nie etwas gehört haben, so befinden Sie sich damit in bester Gesellschaft. Verbreitung und Wirkung ihrer Werke sind praktisch nicht messbar, denn diese sind nur in wenigen Fragmenten überliefert, und da Cosmas’ Schrift zudem auf Griechisch verfasst worden war und erst Anfang des 18. Jahrhunderts wieder entdeckt und ins Lateinische übersetzt wurde, wäre sie den Gelehrten des christlichen Abendlandes ohnehin unverständlich geblieben, selbst wenn diesen ein Exemplar davon in die Hände gefallen wären.
Doch wenngleich alle leicht nachprüfbaren Fakten in Form mittelalterlicher Text- und Bildzeugnisse dagegen sprachen und bereits Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts wiederholt darauf hinwiesen, dass die Kugelgestalt der Erde seit antiken Zeiten niemals in Vergessenheit und schon gar nicht als ketzerischer Irrglaube gebrandmarkt worden war, konnte sich der Mythos vom Glauben an die flache Erde nicht nur seit fast 200 Jahren erhalten, sondern durch seine Verbreitung in Schulbüchern sogar an Autorität gewinnen. Er passte einfach zu gut in die Erzählung vom finsteren Mittelalter und der alles dominierenden Kirche, durch deren Machtmissbrauch den Menschen jahrhundertelang das Licht der wissenschaftlichen Erkenntnis vorenthalten worden sei.
Zur Ausschmückung dieser griffigen Theorie erfand der französische Astronom Camille Flammarion sogar den Bericht eines mittelalterlichen Missionars, der auf seinen Reisen angeblich bis an den Rand der Welt gelangt sei, „wo die Erde und der Himmel sich berühren“. Zur Illustration dieser fiktionalen Anekdote ließ er einen Holzstich im Stil des 16. Jahrhunderts anfertigen, der erstmals in seinem Buch „L‘Atmosphère: Météreologie Populaire“ (1888) abgedruckt wurde und seither immer wieder – meist unter dem Titel „Der Wanderer am Rand der Welt“ – aufs Neue als bildhafter Beleg für den mittelalterlichen Glauben an die flache Erde herhalten musste.

Fundstücke KW 18

Der LWL berichtet über den Abschluss der Grabungen auf dem Warburger Burgberg, die vielfältige Funde zutage förderte.

Über “Die runden Wappentafeln der Zünfte” schreibt Jens Kremb auf heraldica. hypotheses.org.

Als “Teilchenbeschleuniger der Geschichte” bezeichnet ein Artikel auf APA Science das Werkzeug der Netzwerkanalyse.

Wer war der Bamberger Reiter? fragt Florian Welle auf sueddeutsche.de.

Hiltibold veröffentlicht den zweiten Teil seines Intervies mit dem Archäologen Raimund Karl zum Streitthema Sondengänger.

Das Tiroler Blog vrouwe maere gibt Tips zur Recherche von mittelalterlichen Bildquellen im Internet.

Fokus Hndschrift, die informative Facebook-Seite zum mittelalterlichen Schrift- und Buchwesen, feierte diese Woche mehr als 5.000 Fans mit einem kurzen Video: “Die Spur der Hasen II”

(Teil I ist hier zu finden.)

Fundstücke KW 17

Lässt sich nach Rezepten aus dem alten Ägypten noch heute Bier brauen? Video eines Praxistests in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks.

Wurden frühmittelalterliche Krisen durch Vulkanausbrüche ausgelöst? derstandard.at berichtet über aktuelle Forschungsergebnisse.

Als “mit öffentlichen Geldern bezahlte Schädigung des Berufsstandes” bezeichnet der Verband der Restauratoren eine neue Sendereihe des ZDF.

Die Wienischen Hantwercliute rezensieren ein Buch über mittelalterliche Frauenheilkunde, sie berühmte (und umstrittene) “Trotula”

Im Blog des LWL Landesmuseums berichten Herner Historiker über ihre Erfahrungen als Grabungshelfer am Paderborner Dom.

Isidor berichtet im Blog der Ottonenzeit über den 10. Heerbann in Berlin Brandenburg.

“Die Außenpolitik des Deutschen Ordens unter Hochmeister Konrad von Jungingen (1393-1407)” – 1.000 Worte Forschung auf mittelalter.hypotheses.org.

Zum ewigen (?) Streit zwischen Sondengehern und Archäologen hat Hiltibold ein Interview mit dem Archäologen Raimund Karl geführt.

Und wer schon immer wissen wollte, wie Archäologen eigentlich an ihre Erkenntnisse gelangen – hier die Auflösung:

(c) DirkJan (www.dirkjan.nl)

(c) DirkJan (www.dirkjan.nl)

(Ja, OK, ich weiß auch, dass das hier eher ein Fall der Paläontologie als der Archäologie ist. Aber das Prinzip ist ähnlich. (Natürlich nicht! Ich mache nur Witze …))