Dierk Hagedorn & J. Christoph Amberger: Codex Amberger

Dierk Hagedorn & J. Christoph Amberger:

Dierk Hagedorn & J. Christoph Amberger: „Codex Amberger“, VS-Books 2020.

„Codex Amberger“ – selbst erfahrene, langjährige Fechtbuchforscher werden mit dieser Bezeichnung zunächst wenig anfangen können. Das Werk trägt nicht den Namen eines obskuren, vergessenen Fechtmeisters, Autors, Sammlers, Künstlers oder auch nur eines berühmten Vorbesitzers, sondern des Mannes, der es 2005 in einem New Yorker Antiquariat erwarb und nun gemeinsam mit dem ausgewiesenen Experten Dierk Hagedorn gemeinsam herausgegeben hat.
Bei seinem Fund handelt es sich um ein gebundenes Album von 15 handgemalten Blättern, die einzelne Szenen des Zweikampfs mit verschiedenen Wehren enthalten. Keine dieser Techniken kann allerdings besondere Originalität für sich beanspruchen, und lediglich auf einer Seite findet sich ein beschreibender Text. Verfasser und Künstler sind unbekannt, zu Entstehungszeit und -ort lassen sich nur Vermutungen anstellen. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um ein Fragment eines ursprünglich umfangreicheren, möglicherweise auch unvollendeten Werks, dessen Reste jedoch weiterhin als verschollen gelten müssen.
Was also macht dieses kleine „Sammelalbum“ so bedeutsam, dass es nun in einer wohlfeilen Ausgabe von 144 Seiten Aufnahme in die renommierte „Bibliothek der historischen Kampfkünste“ fand?

Um es gleich vorweg festzuhalten: Der „Codex Amberger“ ist nicht dazu geeignet, historische Kampfkunst zu erlernen oder auch nur einzelne Techniken zu rekonstruieren. Die sehr ordentlich und detailreich ausgeführten – einstmals fälschlich Albrecht Dürer zugeschriebenen – Illustrationen zeigen immer nur Momentaufnahmen bestimmter Stücke, die sich ohne erklärende Beischriften nicht entschlüsseln lassen. Diese jedoch fehlen in dem erhaltenen Fragment, was es für den praktischen Gebrauch zunächst nutzlos erscheinen lässt.
Nahezu identische Abbildungen finden sich jedoch in mehreren anderen Fechtbüchern des 16. Jahrhunderts, die allesamt einen Bezug zum berühmt-berüchtigten Augsburger Ratsdiener, frühen Fechthistoriker und manischen Sammler Paulus Hector Mair (1517-1579) aufweisen, entweder von ihm für seine umfangreiche Sammlung von Fechtliteratur erworben oder sogar von ihm selbst in Auftrag gegeben wurden.
Die darin enthaltenen Beschreibung der dargestellten Techniken weichen allerdings trotz der offenkundigen Ähnlichkeit der Bildinhalte zum Teil recht erheblich voneinander ab.

Anstatt nun einfach die Illustrationen des „Codex Amberger“ abzudrucken und mit einer mehr oder weniger nützlichen Einleitung zu versehen, entschieden sich die Herausgeber für eien ungleich aufwändigeren und langwierigeren, aber auch wesentlich nutzbringenderen Ansatz: Alle 15 Bilder des Albums zu Ringen (8), Schwert (2), Langschwert (1), Dussack oder Messer (3) und Halber Stange (1) werden ganzseitig wiedergegeben und durch die daneben abgedruckten Texte aus den anderen Quellen in modernem Deutsch und Englisch beschrieben. So lassen sich nicht nur die Abbildungen des Codex‘ konkreten Techniken zuordnen, sondern auch noch Unterschiede in den verwendeten Fechtbüchern wie Egenolff oder Paurnfeindt unmittelbar vergleichen.
In der anschließenden Konkordanz sind noch einmal sämtliche Szenen des Codex‘ sowie – sofern vorhanden – ihre Entsprechungen in den anderen Quellen im Briefmarkenformat nebeneinander gestellt und letztere mit den transkribierten Originaltexten untertitelt.

Die rund 30 einleitenden Seiten enthalten neben einer Schilderung der Provenienz des Werkes, einer kurzen kodikologischen Beschreibung und Angaben zur Edition vor allem Hagedorns Ausführungen zu den Verwandtschaftsverhältnissen der Handschriften und Drucke aus Mairs Umfeld, welche der Konkordanz zugrunde liegen, sowie seine Schlussfolgerungen zur Entstehung und Datierung der Blätter des „Codex Amberger“, jeweils auf Deutsch und Englisch.
Der Anhang umfasst ein nützliches Glossar (ebenfalls zweisprachig) und ein Literaturverzeichnis.
Wie bei Arbeiten von Dierk Hagedorn nicht anders zu erwarten, ist der Band sehr ansprechend gestaltet, auf hochwertigem Papier gedruckt und mit Lesebändchen versehen. Der Preis von € 29,80 ist allemal gerechtfertigt für eine vorbildliche Edition eines etwas kuriosen, im Kontext betrachtet aber durchaus aufschlussreichen Bildbands zur deutschen Fechtkunst des 16. Jahrhunderts. Ein weiteres Schmuckstücke für jede Fechtbibliothek, ein „Muss“ für Sammler und Fechtbuchforscher und ein weiteres Steinchen im großen, buten Mosaik der historischen Kampfkünste.

Herne: VS-Books 2020. Geb., Querformat. 144 S., 16 ganzseite Illustrationen, 97 Konkordanzbilder, deutscher/englischer Text. Bibliothek der historischen Kampfkünste Bd. 6. ISBN 978-3-932077-49-4. € 29,80.

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