Mal wieder: Mittelalter im TV

Am 27. April 2014 widmet das SWR Fernsehen einen Thementag dem „Mittelalter im Südwesten„. Begleitend dazu laufen die ganze Woche über Beiträge in verschiedenen Formaten. Das Themenspektrum deckt mit dem Konstanzer Konzil (1414-1418) oder den Rittern und ihren Turnieren auch die großen aktuellen Ausstellungen in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen sowie in Konstanz ab (mehr dazu im Blogbeitrag vom 17. April).

Das Mittelalter im Südwesten | (c) SWR

Das Mittelalter im Südwesten | (c) SWR

Ein eigener Beitrag beschäftigt sich mit dem Projekt „Karolingische Klosterstadt“ in Messkirch, wo der Aachener Unternehmer Bert M. Geurten dank Finanzierung von EU, Land und Stadt den St. Gallener Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert in die Realität umsetzen will. Das Unternehmen ist im Lauf des vergangenen Jahres zunehmend in die Kritik (u.a. vom Bund der Steuerzahler) geraten, scheint mehr oder weniger pleite zu sein und muss daher wohl bereits mit zusätzlichen Steuergeldern unterstützt werden.
Während zahlreiche lokale und regionale Printmedien die kritischen und warnenden Stimmen seit geraumer Zeit geflissentlich ignorieren und lieber kommentarlos die (zahlreichen) PR-Verlautbarungen des Herrn Geurten veröffentlichen, bleibt abzuwarten, ob sich der (öffentlich-rechtliche) SWR in seiner Berichterstattung etwas kritischer zeigt.

An der Mittelalter-Reihe des Senders sind auch die Sendungen Odysso und Planet Schule bezeichnet. Letztere wird sich im Oktober noch einmal intensiv dem Thema „Mittelalter“ zuwenden, doch Beiträge zu „Das Mittelalter-Experiment“ sind online bereits jetzt abrufbar. Aus der Programmbeschreibung:

„Das Mittelalter – rückständig, kulturlos und finster. Diese Vorstellung über eine fast 1000 Jahre dauernde Epoche hält sich hartnäckig in unseren Köpfen.
Die sechsteilige Reihe von Planet Schule zeigt ein differenziertes Bild: Sie nimmt die Zuschauer mit auf eine Entdeckungsreise durch ein faszinierendes Zeitalter mit erfindungsreichen, gläubigen und zugleich sehr pragmatischen Menschen. Die Filme blicken aus der Perspektive der heutigen Mittelalterforschung auf mittelalterliches Leben, Kultur und Alltag.
Experimente, sorgfältige Reenactments und spektakuläre 3D-Animationen lassen das Mittelalter lebendig werden.“

Ich bin gespannt – immerhin werden fast gleich lautende Behauptungen auch regelmäßig von anderen Geschichtssendungen aufgestellt und dann doch oft genug nicht einmal ansatzweise in die Tat umgesetzt. Allerdings lässt die Beteiligung namhafter Darsteller und Unternehmen wie z.B. „Geschichtsfenster“ sowie die Tatsache, dass man sich für die Dreharbeiten offenbar viel Zeit gelassen und Vorschläge oder Einwände der Beteiligten ernst genommen hat, auf qualitativ hochwertigeres TV-„Edutainment“ hoffen.

Hier noch einmal die Links im Einzelnen:

 

Wikinger im ZDF

Angesichts des Titels zeigten meine Fußnägel wieder einmal Tendenzen des Einrollens: „Terra X Große Völker: Die Wikinger„. Arrgh! Die Wikinger waren vieles, aber ein Volk?

Doch um es vorweg zu nehmen: So schlimm, wie befürchtet, war die 45 minütige Doku dann am Ende nicht. Vielleicht lag es an Prof. Rudolf Simek, der als Berater der Sendung fungierte und auch selbst als Experte auftrat. Ließen die ersten Minuten noch befürchten, es würde nur wieder einmal das Klischee von den wilden Barbaren aus dem Norden, den brutalen Plünderern, Schlächtern und Vergewaltigern bemüht, entwickelte sich doch im weiteren Verlauf eine recht ausgewogene und verschiedene Aspekte berücksichtigende Betrachtung. Die nordische Mythologie und Religion sowie die ambivalente Haltung der Skandinavier zum Christentum wurden ebenso thematisiert wie Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen oder Rechtsprechung.
Großen Raum nahmen erwartungsgemäß die Entdeckungsfahrten und Staatsgründungen der Wikinger ein. Dabei hätte ich mir jedoch (wie ganz allgemein bei wichtigen Ereignissen oder Entwicklungen) etwas mehr Chronologie und die Nennung der einen oder anderen Jahreszahl gewünscht. Warum allerdings zum Thema „Normandie“ die gotische Kathedrale von Mont St. Michel das Bild beherrschte, weiß wohl nur die Regisseurin.

(C) ZDF / Nadine Klement

(C) ZDF / Nadine Klement

Natürlich kommt keine Folge von Terra X ohne Spielszenen aus. Diese waren recht manierlich anzusehen, ohne weiteres Einrollen von Zehennägeln oder lautes Zähneknirschen. Natürlich wirkten die wilden Krieger eher ungepflegt, wo doch die Zahl der gefunden Kämme und anderen Utensilien der Körperpflege eher darauf schließen lassen, dass es sich bei den Wikingern um eine Art eitle frühmittelalterliche Dandies gehandelt haben muss.
Fellumhänge und Trinkhörner entsprechen wohl auch eher einer populären Vorstellung als dem aktuellen Forschungsstand, doch dafür wirkten die übrige Bekleidung und Ausstattung hinreichend authentisch. Wünschenswert wäre gewesen, etwas näher auf diese einzugehen, wie etwa auch auf das Handwerk der Wikinger (abgesehen vom Schiffbau). Doch natürlich ist es nicht möglich, in 45 Minuten erschöpfend alle Aspekte einer vergangenen Kultur zu behandeln.

(c) ZDF / xkopp

(c) ZDF / xkopp

Alles in allem war ich also von „Große Völker: Die Wikinger“ recht angenehm überrascht. Kein Meisterwerk zwar, kein revolutionäres Format, keine Sendung, die nun meine Meinung über die Geschichtskompetenz des Zweiten Deutschen Fernsehens grundlegend auf den Kopf gestellt hätte. Aber immerhin mal eine Mittelalterdoku, die meine (inzwischen sehr niedrigen) Erwartungen an Geschichte im Fernsehen nicht völlig enttäuschte – kleine Schritte!
Als wirklich störend, ärgerlich, unsinnig und geradezu dämlich empfand ich lediglich die gelegentlich eingestreuten Cartoons. Nicht nur passten die krakeligen Figuren überhaupt nicht zum übrigen Stil der Dokumentation, sie entsprachen auch mit ihren Hörnerhelmen und sonstigen Klischees genau jenem Bild der Wikinger, gegen das sich der Rest der Sendung doch eigentlich explizit (in Form von Wagners Germanen oder Wiki & die starken Männer) richtete. Sollte das witzig oder ironisch sein? In meinen Augen wirkte es allenfalls lächerlich und infantil, eher auf dem Niveau alberner, billiger Kindersendungen als dem, was diese Folge von Terra X ansonsten zu bieten hatte.

Hier gibt es offizielle Infos und Videoclips zur Sendung.

 

Zum Training englischer Bogenschützen im Mittelalter

Am 1. Juni 1363 wies der englische König Edward III. seine Sheriffs an, einen Erlass bekannt zu machen,

„… dass jeder körperlich fähige Mann an Feiertagen [inkl. sonntags], wenn er Freizeit hat, den Umgang mit Bogen und Pfeil, Kugeln oder Bolzen pflegen und die Kunst des Schießens erlernen und üben soll, es zugleich verboten ist, bei Gefängnisstrafe dem Steinwurf, loggat [eine Art Kegelspiel], Wurfringspiel, Handball, Fußball, Schlägerball, cambuc, Hahnenkämpfen oder anderen eitlen Spielen ohne Wert beizuwohnen oder nachzugehen […]“

 

(„… that every able bodied man on feast days [including Sundays] when he has leisure shall in his sports use bows and arrows, pellets or bolts, and shall learn and practice the art of shooting, forbidding all and singular on pain of imprisonment to attend or meddle with hurling of stones, loggats, or quoits, handball, football, club ball, cambuc, cock fighting or other vain games of no value […]“)
[CCR Ed III 1363]

Das Statut sollte dazu dienen, den Nachschub fähiger Bogenschützen für die Feldzüge des Herrschers im Hundertjährigen Krieg mit Frankreich sicherzustellen. Bis ins 16. Jahrhundert folgten etliche solcher Erlasse, denn Bogenschützen stellten im Mittelalter stets einen großen und wichtigen Anteil englischer Heere.

Bogenschützen in der Schlacht von Crécy. Wenig realistische Darstellung aus dem 15. Jahrhundert.

Bogenschützen in der Schlacht von Crécy. Wenig realistische Darstellung aus dem 15. Jahrhundert.

Leider gingen weder Edward noch seine Nachfolger näher darauf ein, in welcher Weise das Training erfolgen sollte. Die Situation auf einem Schlachtfeld alles andere als ein friedlicher Sonntagnachmittag auf der Dorfwiese, und militärisches Bogenschießens erfordert wesentlich andere Fähigkeiten als das Schießen zum vergnügen oder im sportlichen Wettkampf auf Scheiben oder andere statische Ziele in festgelegter Entfernung.

Auch andere Textquellen geben nur sehr wenige Hinweise auf das Training der legendären englischen Bogenschützen des Mittelalters. Allerdings vermitteln einige zeitgenössische Abbildungen einen Eindruck davon, welche Disziplinen im 14. bis 16. Jahrhundert beliebt waren und praktiziert wurden. Zum Teil lassen sie eine direkte Ableitung aus der militärischen Praxis oder zumindest die Nützlichkeit einzelner Übungen für den Einsatz in der Feldschlacht, bei Belagerungen oder in Seegefechten erkennen.

Shooting at the butts

Die butts waren etwa mannshohe, künstlich aufgeschüttete und mit Grassoden bedeckte Erdhügel. Man fand sie in jedem Dorf, denn butt shooting war offenbar die beliebteste und am weitesten verbreitete Disziplin des Bogenschießens im mittelalterlichen England. In der Regel standen sich zwei butts im Abstand von einigen Dutzend yards gegenüber, so dass nach dem Ziehen der Pfeile in der entgegen gesetzten Richtung weiter geschossen werden konnte.

Bogenschützen beim "Shooting at the Butts" im Luttrell Psalter, ca. 1320/30.

Bogenschützen beim "Shooting at the Butts" im Luttrell Psalter, ca. 1320/30.

Zeitgenössischen Abbildungen wie dieser aus dem „Luttrell Psalter“ (um 1320-1330) zufolge kamen stumpfe Pfeile oder spezielle stumpfe Aufsätze zum Einsatz – wohl um zu verhindern, dass die Pfeile zu tief eindrangen.

Popinjay oder shooting at the bird

Pieter Brueghel der Ältere: Der Jahrmarkt zum St. Georgs-Tag. Hinten links wird auf den Vogel geschossen.

Pieter Brueghel der Ältere: Der Jahrmarkt zum St. Georgs-Tag. Hinten links wird auf den Vogel geschossen.

Das Vogelschießen wird erstmals in Homers „Ilias“ (um 800 v.u.Z.) erwähnt. Ursprünglich wurde auf lebende Vögel geschossen, später auf hölzerne Attrappen, die in großer Höhe – etwa auf einem Schiffsmast – befestigt waren. Die so trainierten Fähigkeiten waren ohne Zweifel bei Belagerungen und Seegefechten, wenn feindliche Schützen auf den Rahen oder im Krähennest beschossen werden mussten, sowie bei der Jagd von besonderem Nutzen.

Detail: Der Vogel ist an einer langen Stange auf der Windmühle befestigt.

Detail: Der Vogel ist an einer langen Stange auf der Windmühle befestigt.

Shooting at the marks

Die marks waren hölzerne Masten, die z.T. auf Sockeln aus Stein in einer weitläufigen Landschaft verteilt waren. Die Entfernungen waren unbekannt, und oft war die Sicht durch Hecken, Hügel oder ähnliche natürliche Hindernisse beeinträchtigt. Ziel war es, mit einem oder mehreren Pfeil so dicht wie möglich an das Ziel heranzukommen.

Diese Karte des Bogensportgeländes Finsbury Fields in London von 1594 zeigt mehr als 190 "marks".

Diese Karte des Bogensportgeländes Finsbury Fields in London von 1594 zeigt mehr als 190 "marks".

Clout shooting

Das clout (von engl. cloth = Tuch) war ein rundes Ziel von meist 18 Zoll Durchmesser mit einem Holzpflock in der Mitte. Es wurde in der Regel auf eine Entfernung von 240 yards beschossen. Ziel war es, so dicht wie möglich an das Ziel heranzukommen, wobei ein Treffer des prick genannten Pflocks Extrapunkte erzielte.
Wie beim shooting at the marks wurde hier vor allen Dingen das parabolische oder Artillerie-Schießen geübt, mit dem Einheiten von Bogenschützen in der Feldschlacht die gegnerischen Truppen begrüßten, oder bei Belagerungen Feinde auf oder hinter den Mauern bekämpft werden konnten.

Der englische König Henry VIII. beim Clout-Schießen (1520).

Der englische König Henry VIII. beim Clout-Schießen (1520).

Splitting the wand

„Das Spalten des Stabs“ war eine Disziplin, von der m.W. keine zeitgenössischen Darstellungen existieren. Es wird jedoch in Textquellen vereinzelt erwähnt oder angedeutet. Das Ziel bestand aus einem schmalen Pfosten oder Brett, etwa mannshoch, das aus unterschiedlichen Distanzen beschossen wurde. Die korrekte Einschätzung der Schussdistanz war hier weniger wichtig als ein sauberes Lösen des Pfeils und eine möglichst geringe seitliche Abweichung.
Die militärische Anwendung könnte im Schießen auf bzw. durch schmale Schießscharten im Falle einer Belagerung bestanden haben.

•••

Ein ausführlicherer Artikel zu diesem Thema wird im März 2014 in der englischen Zeitschrift „Bow International“ veröffentlicht.

Ab April 2014 biete ich Einführungskurse in das intuitive Bogenschießen mit einfachen Holzbögen. Je nach Gelände und Ausstattung können auf Wunsch auch einzelne dieser historischen Disziplinen praktiziert werden. Bei Interesse setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung.

Fundstücke KW 6

Schätze, Schätze, Schätze! Diese Woche hatte das weltweite Netz etliche Goldstücke und Perlen für Geschichts- bzw. Mittelalterinteressierte zu bieten.

Zur Magdalenenflut von 1342, einer europaweiten Flutkatastrophe, hat Martin Bauch im Mittelalterblog einen überaus lesenswerten Beitrag verfasst:

Rainer Schreg hat diesen Post auf Archaeologik gleich kommentiert:

Hiltibold aus Graz – ein überaus emsiger Goldgräber in Sachen „Geschichte im Netz“ – postet immer wieder interessante Audiobeiträge:

Ich greife hier zwei heraus, die mir besonders gut gefallen haben: Zum Ersten ein Beitrag des SWR von Nadja Eckerle über den Englischen Langbogen, das „Maschinengewehr des Mittelalters“ (der etwas dämliche Titel ist ein Zitat und sagt nichts über die Qualität des
Features aus!):

Und ein Beitrag des Bayerischen Rundfunks über die mittelalterliche Ständegesellschaft:

Apropos Schätze: Noch mehr Fundstücke kamen in dieser Woche in einem Keller in Bingerbrück zutage. Es handelt sich um

„Bananenkisten mit mittelalterlichen und neuzeitlichen Funden aus Mainz (Steinzeug mit Bartmannkrügen, lokale manganviolette spätmittelalterliche Ware, bemalte Hafnerware sind auf den Bildern zu erkennen) …“

Ob es sich um Beute aus Raubgrabungen oder um Diebesgut aus Museen handelt, ist bislang noch nicht geklärt. Die Nachricht hat in den Medien einige Wellen geschlagen und eine Diskussion um die personelle und finanzielle Ausstattung der Landesarchäologie und Denkmalpflege (wieder) entfacht.
Rainer Schreg bietet in seinem Blog Archaeologik eine Presseschau:

So, ich gehe jetzt auch in den Keller, wo allerdings keine archäologischen Schätze lagern, sondern Arbeit wartet …

 

Fundstücke KW3

Leider (?) hatte ich diese Woche nicht viel Zeit, im Netz zu surfen. Daher fallen auch die Fundstücke etwas spärlicher aus.

A propos Fundstücke: In England tauchen seit einiger Zeit die Gebeine mittelalterlicher Könige auf. Zuerst Richard III. unter einem Parkplatz, nun möglicherweise Alfred der Große (oder sein Sohn Edward) in einer Kiste:

Auf medievalists.net findet sich ein Video von einer interessanten Debatte (eigentlich eher vier Kurzvorträge) über den Stand der Mediävistik (in England), ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, ihren möglichen Nutzen oder ihre Bedeutung für die moderne Gesellschaft, für die Frage nationaler Identität, das Mittelalter in Lehrplänen und im Alltag sowie viele weitere Aspekte. Sehenswert (auf Englisch)!

Außerdem: Lesenswerte „Gedanken zur Reenactmen-Szene“ auf tribur.de:

Und nur zum Spaß: Dennis the Constitutional Peasant aus Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“:

 

"Die Pilgerin": Das Fernsehen und das Mittelalter, eine (unendliche?) Leidensgeschichte

Nun habe ich es also getan: Ich habe mir „Die Pilgerin“, den „historischen ZDF-Jahresauftakt“, das „spätmittelalterliche TV-Event des Jahres“ angesehen. Naja, zumindest den ersten Teil. Wahrscheinlich werde ich noch einige Zeit brauchen, um mich davon zu erholen. Den zweiten Teil werde ich mir ersparen – dafür ist mir meine Zeit zu kostbar. Weiterlesen

Mittelalter im deutschen Fernsehen – Zum Zweiten

Im April dieses Jahres habe ich mich in einem Blog-Beitrag kritisch mit der Darstellung des Mittelalters im deutschen Fernsehen auseinandergesetzt. Anlass war damals eine als „Doku-Drama“ angepriesene Produktion über Karl den Großen auf ARTE gewesen, und ich war beileibe nicht der Einzige, der im Netz seinem Unmut Luft gemacht hat. Weiterlesen

Linkliste zum Schriftwesen im Mittelalter

Die folgende Liste von Links zum mittelalterlichen Schriftwesen war bis vor ca. zwei Jahren als „Bonusmaterial“ zum Buch „Die Schreibwerkstatt. Schrift und Schreiben im Mittelalter“ von Jan H. Sachers und Katja Rother (G&S-Verlag, Zirndorf 2009) über die Website von HistoFakt aufrufbar.

Aufgrund einer Anfrage habe ich beschlossen, sie hier wieder zugänglich zu machen. Einige tote Links wurden entfernt, aber keine weiteren Ergänzungen vorgenommen. Inzwischen dürfte es etliche weitere interessante Seiten zum Thema geben, und ich freue mich über entsprechende Hinweise in den Kommentaren.

Evangeliar Ottos III. Einband.

Evangeliar Ottos III. Einband.

Im Magazin „Karfunkel. Zeitschrift für erlebbare Geschichte“ erscheint außerdem seit Ausgabe 104 (Februar 2013) meine Reihe „Buchkunst des Mittelalters“ über herausragende illuminierte Handschriften. Bislang erschienen: Evangeliar Ottos III, Kreuzfahrerbibel, Wiener Dioskurides. Kommende Themen: Falkenbuch Kaiser Friedrichs II., Codex aureus Epternacensis, Luttrell-Psalter, Les très riches heures du Duc de Berry, Oxford-Apocalypse, Golf Hours, Breviarium Grimani, …

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Link-Sammlungen

Datenbanken und Nachschlagewerke online

Handschriftenkataloge online

Digitalisierte Handschriften online

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Interessante Museen zum Thema

Historische Zeichensätze für den Computer

Weitere interessante Seiten

Das Mittelalter im deutschen Fernsehen

Auf einem öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehsender läuft ein „Doku-Drama“ über die Wirtschaftswunderjahre. In einer Szene sehen wir Konrad Adenauer, wie er mit seinem Smartphone den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy anruft. Der Bundeskanzler wird standesgemäß in einem Citroën Traction Avant 11CV kutschiert, sein Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hingegen bevorzugt einen Porsche 911. Überhaupt mag es der CDU-Politiker sportlich: er nimmt gerne in Jeans und Turnschuhen an den Sitzungen des Bundestags teil und spielt in seiner Freizeit Ballerspiele am Computer … Weiterlesen

Die tägliche Dosis Mittelalter – Allgegenwärtige Spuren einer längst vergangenen Zeit

[Unveröffentlichter Artikel von 2010]

Da sitzt man in der Bankfiliale seinem persönlichen Finanzberater gegenüber, der sich zunächst die Brille zurecht rückt und dann ein dickes Buch aufschlägt: wer würde in einer solchen Situation ausgerechnet an‘s Mittelalter denken? Und doch ist uns diese faszinierende und fremdartige Vergangenheit fast niemals fern.
Bank und Brille sind ebenso Erfindungen des Mittelalters wie die typische Form von Büchern, wie wir sie heute noch kennen. Und wenn besagte Bankfiliale dann auch noch in der Schmiedgasse, der Klosterstraße oder im Färbergraben liegt und unser Finanzexperte auf den Namen Bogner, Meier, Ackermann oder Müller hört – spätestens dann ist klar, das Mittelalter ist nahezu allgegenwärtig.

Das gilt z. B. auch für unsere Schrift, die eigentlich aus zwei ganz unterschiedlichen Alphabeten besteht. Ihre Großbuchstaben oder Majuskeln (von lat. maior = größer) gehen zurück auf die Schriftzeichen der römischen Capitalis oder Kapitalschrift, die auch das gesamte Mittelalter hindurch vor allem für Inschriften verwendet wurde. Die Kleinbuchstaben oder Minuskeln (von lat. minus = kleiner) hingegen entstanden zur Zeit Karls des Großen (747/748-814) in den Klöstern seines neu gegründeten Reiches.
In dieser Schrift, die daher auch als Karolingische Minuskel bezeichnet wird, wurden Jahrhunderte lang Texte der griechischen, römischen und christlichen Antike abgeschrieben. Als italienische Gelehrte der Renaissance begannen, sich für Geschichte und Kultur der vorchristlichen Zeit zu interessieren, fielen ihnen diese Dokumente in Kloster- und Privatbibliotheken dutzend- bis hundertfach in die Hände. Die eifrigen Forscher hielten sie fälschlicherweise für die antiken Originalschriften und die Buchstaben, mit denen sie geschrieben waren, daher für die authentischen Schriftzeichen des römischen Reiches.

Beispiel für die Karolingische Minuskel

Beispiel für die Karolingische Minuskel

Künstler und Schriftschneider, die das sich ausbreitende Druckereigewerbe mit Formen für Drucktypen versorgten, schufen nun ein neues, doppeltes Alphabet, bestehend aus den Großbuchstaben der römischen Kapitalschrift und den leicht abgewandelten Grundformen der Karolingischen Minuskel – in dem Glauben, den tatsächlichen Schriftgebrauch ihrer antiken Vorfahren wieder zu beleben. Konsequenterweise nannten sie ihre Neuschöpfung Antiqua, und diese Bezeichnung tragen noch heute die meisten der Zeichensätze, derer wir uns täglich am Computer bedienen. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die „Times“, die 1931 für die gleichnamige Tageszeitung in London entwickelt wurde und in der Bezeichnung „Times New Roman“ ganz eindeutig auf dieses historische Missverständnis verweist.
Die Wurzeln der Zeitung reichen übrigens ebenfalls bis ins Mittelalter zurück. Der Begriff leitet sich von zidunge ab, womit seit dem 14. Jahrhundert ganz allgemein Neuigkeiten oder Nachrichten bezeichnet wurden. Diese wurden schon vor Gutenbergs Erfindung der Druckpresse mit beweglichen Lettern verbreitet, indem im Tiefdruckverfahren Abzüge eigens geschaffener Holzschnitte vervielfältigt wurden. Ihren Siegeszug als Informationsmedium Nr. 1 trat die Zeitung, nun mit beweglichen Lettern schnell und in hoher Auflage gedruckt, jedoch erst in den religiösen und politischen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts an.

Beispiel einer Renaissance-Antiqua von Aldus Manutius.

Beispiel einer Renaissance-Antiqua von Aldus Manutius.

Mit seiner Erfindung revolutionierte Johannes Gensfleisch genannt Gutenberg (1400-1468) die Produktion von Büchern, jedoch nicht deren Form. Diese entwickelte sich – wie könnte es anders sein – im Mittelalter. Zuvor war die Schriftrolle die gängige Form gewesen, in der längere Texte niedergeschrieben und aufbewahrt wurden, denn der am weitesten verbreitete Beschreibstoff der Antike war Papyrus, der nur von einer Seite beschrieben werden konnte und sich nicht ohne Beschädigungen knicken ließ. Doch der Papyrus wuchs in Ägypten, musste also teuer nach Europa importiert werden, wo er zudem das kalte und feuchte Klima schlecht vertrug.
Alternativen mussten her, zumal das sich ausbreitende Christentum einen enorm anwachsenden Bedarf an Schriftgut mit sich brachte. Pergament, die ungegerbte Haut von Ziegen, Schafen oder Kälbern, war zwar ebenfalls seit dem Altertum bekannt, seine Herstellung jedoch aufwändiger und teurer als die des Papyrus‘. Dafür ließ es sich von beiden Seiten beschreiben, war unempfindlicher gegenüber der Feuchtigkeit und konnte gefaltet werden.
Zusammen mit dem „neuen“ Beschreibstoff verbreitete sich daher eine neue Buchform: der Codex. Seine Bezeichnung leitet sich ab vom lateinischen Wort caudex für Baumstamm oder Holzklotz, denn nachdem die Pergamentbogen gefalzt und am Rücken vernäht waren, wurden sie in hölzerne Buchdeckel eingefasst, die meistens mit Leder bezogen waren und reich verziert sein konnten. Einige trugen Schließen oder Schnallen und verfügten über kleine Messing- oder Bronzebuckel, so genannte Schonerknöpfe auf ihrer Vorderseite. Denn bis ins 17. Jahrhundert wurden Bücher überwiegend liegend gelagert.
Die neue Form der Bücher bot etliche Vorteile gegenüber der Papyrusrolle. Da die Seiten beidseitig genutzt werden konnten, ließ sich doppelt so viel Text auf der gleichen Fläche unterbringen; das sparte Platz und Material. Außerdem waren sie durch die Buchdeckel besser geschützt, und ein bestimmter Text ließ sich in einer umfangreichen Bibliothek leichter finden, indem man einfach den Titel oder ein bestimmtes Kürzel auf dem Buchrücken anbrachte. Und schließlich waren einzelne Textstellen einfacher ausfindig zu machen als auf einer Rolle: man konnte die Bogen oder Seiten nummerieren oder einen Index anlegen, was besonders bei den täglichen Bibellesungen von größtem Nutzen war.

Schreibstube eines spätmittelalterlichen Schreibers (Jean Miélot).

Schreibstube eines spätmittelalterlichen Schreibers (Jean Miélot).

Die Form der mittelalterlichen Codices erscheint uns heute vertraut, denn es hat sich nicht viel daran verändert. Allerdings bekommen wir nur noch selten in Leder gebundene Bände in die Finger, und das Pergament ist ganz aus der Buchproduktion verschwunden. Stattdessen kommt Papier zum Einsatz, das allerdings – man ahnt es schon – ebenfalls bereits im Mittelalter verwendet wurde. Erfunden wurde es von den Chinesen schon einige Jahrhunderte vor Christus, doch nach Europa gelangte es erst im 9. oder 10. Jahrhundert über die islamischen Länder. Eine eigenständige Papierproduktion entwickelte sich zuerst in Spanien und Frankreich, in Deutschland gründete der Nürnberger Kaufmann Ulman Stromer 1390 die erste Papiermühle.
Der Rohstoff zur Papierherstellung war damals noch nicht Holz, sondern Lumpen, die in Fetzen gerissen, in Wasser gestampft und zu einem Brei verrührt wurden. Mit einem Siebrahmen, durch den das Wasser ablaufen konnte, wurde diese so genannte Pulpe aus der Bütte geschöpft, auf Filze gestürzt und in einer Presse vom restlichen Wasser befreit. Nach dem Trocknen auf langen Leinen wurden die Bogen in einer Leimlösung getränkt, damit sie später die Tinte besser aufnehmen konnten, erneut getrocknet und schließlich sortiert, gestapelt und in Massen verkauft.
Papier war billig, schnell und in großen Mengen produzierbar, in Sachen Haltbarkeit und Ästhetik jedoch ein deutlicher Rückschritt gegenüber dem Pergament. In dieser Hinsicht wäre zu wünschen, wir wären von noch ein wenig mehr Mittelalter umgeben als dies ohnehin schon der Fall ist.

Buchtipp: