Armut in der Stadt. Lübecker Kolloquium zur Stadtarchäologie im Hanseraum XIII

Ein Gewicht von mehr als 2,5 kg, 38 Beiträge, 632 Seiten im Großformat – dieser Tagungsband ist ein Mammutwerk! Und zugleich ein Paradoxon, denn bereits auf Seite 36 fällt Armand Baeriswyl aus Bern das ernüchternde Urteil:
„… im Gegensatz zu vielen anderen Fragen und Problemen der Stadtgeschichte kann die Archäologie wohl nicht viel Entscheidendes und Neues beitragen.“
Glücklicherweise operieren die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes „Soziale urbane Peripherie“ jedoch getreu dem Motto: Versuchen muss man es trotzdem! Und Not macht erfinderisch – das belegen die zahlreichen unterschiedlichen Fragestellungen, Ansätze und Methoden, die in den 38 Beiträgen zum Ausdruck kommen.
Sie alle machen jedoch zugleich deutlich, wie schwierig es tatsächlich ist, sich dem Thema vormoderne Armut aus dem Blickwinkel und mit den Werkzeugen der Archäologie zu nähern. Angefangen bei gar nicht so banalen Fragen der Definition: Was ist, wo beginnt eigentlich Armut? Und dann: Wie äußert sie sich im historischen Alltag und im archäologischen Befund? Ist sie Ursache oder Folge sozialer Randständigkeit?
Während sich Wohlstand in der Regel recht gut u.a. durch Wohnsituation oder sogenannte marker objects nachweisen lässt, fällt dies bei der Armut wesentlich schwerer. Die Armen lebten nicht unbedingt zusammengepfercht in Slums oder Ghettos, sondern zuweilen Wand an Wand mit wohlhabenden Bürgern. Typischerweise den unteren Bevölkerungsschichten zuzuordnende Gegenstände wie Holzlöffel und -teller finden sich auch im Kontext von Grabungen im Umfeld der Reichen, und umgekehrt tauchen in eindeutig als „ärmlich“ identifizierten Milieus vereinzelt Prestigeobjekte von auch beachtlichem materiellem Wert auf.
Klar ist auch: Einfache Dienstboten in begüterten Haushalten etwa mögen aus heutiger Sicht als arm erscheinen; in ihrem Selbstverständnis waren sie es hingegen wohl nicht, und versorgt im Mindesten mit Kost und Logis trennten sie buchstäblich Welten von den Obdachlosen, Bettlern, Krüppeln, Waisen und Leprösen. Wo also verlaufen die Grenzen, und welche Spuren haben diese – wenn überhaupt – hinterlassen?
Auf sich allein gestellt steht die Archäologie dem Phänomen vormoderner Armut tatsächlich etwas hilflos gegenüber. Nur unter Einbeziehung von Schrift- und Bildquellen – Steuerlisten, Bürgerverzeichnisse, historischen Stadtplänen und -ansichten, Stiftungen, Nachlässe u.ä. – lässt sich ein wenn auch zuweilen noch etwas skizzenhaftes Bild erstellen. Dann aber kann es der Archäologie durchaus gelingen, neue Erkenntnisse zu gewinnen oder bestehende zu bestätigen, zu konkretisieren oder auch zu widerlegen, wie die vorliegenden Beiträge beweisen.
Die versammelten Aufsätze behandeln überwiegend den Zeitraum vom Spätmittelalter bis ins 17. Jahrhundert, greifen aber z.T. auch darüber hinaus. Die Beispiele entstammen allesamt, wie nicht anders zu erwarten, Städten des Hanseraums, aus Deutschland (13), Belgien (2), Dänemark (2), England (2), Estland (1), Finnland (1), Irland (1), Lettland (1), den Niederlanden (5), Norwegen (1), Polen (4) und Schweden (3).
So breit gestreut wie die geographischen Bezüge sind auch die behandelten Untersuchungsgegenstände: Abfallgruben und Aborte, Skelette auf Armenfriedhöfen, Behausungen und Wohnviertel, Überreste eines mittelalterlichen Hospiz‘, … Soziale Peripherie ist nicht gleichbedeutend mit räumlicher Peripherie, Armut war in der vormodernen Stadt durchaus kein marginales Phänomen, die Armen blieben zwar oft unsichtbar, waren jedoch nahezu allgegenwärtig.
Mehr als einmal wird in den Beiträgen allerdings deutlich, dass „Armut“ ein kontextabhängiger und sehr unterschiedlich zu definierender Begriff ist, und dass „die Armen“ keineswegs als homogene Gruppe verstanden werden können. Armut, Bedürftigkeit, Randständigkeit sowie oft auch Krankheit oder Alter konnten auf unterschiedlichste Weise miteinander verflochten sein, erfordern jedoch ihre jeweils eigene Betrachtung.
Trotz seines Umfangs und der dargebotenen Vielfalt kann der vorliegende Tagungsband daher lediglich als ein erster Überblick zu Methoden, Fragestellungen, Vorgehensweisen und Einzelfällen zum Thema archäologischer Nachweise städtischer Armut in der Vormoderne verstanden werden. Diese Aufgabe erfüllt er allerdings auf sehr fundierte, kompetente, spannende und anregende Weise. Wenngleich sich der Band in erster Linie an ein Fachpublikum richtet, sind die Beiträge auch für Laien mit gewissen Vorkenntnissen verständlich geschrieben; das gilt auch für die englischsprachigen Texte, die etwas mehr als die Hälfte des Inhalts ausmachen. Alle sind zudem reich und aussagekräftig illustriert.
Angesichts der durchgängig hohen Qualität der Inhalte und der ansprechenden Gestaltung hätte der Band allerdings ein gründlicheres Lektorat verdient gehabt: Tipp-, Grammatik- und Formatierungsfehler finden sich leider in überaus großer Zahl. Wenngleich der Verkaufspreis von € 39,- für ein solches Mammutwerk als vergleichsweise überaus günstig bewertet werden kann, wurde hier wohl am falschen Ende gespart.
Den Wert der Veröffentlichung schmälern diese Ärgerlichkeiten zum Glück nicht. Der Sammelband liefert spannende und erhellende Einblicke in den aktuellen Forschungsstand der europäischen Stadtarchäologie zum Thema Armut und leistet, wie der Klappentext verspricht, „einen wichtigen Beitrag zur Rekonstruktion vormoderner Stadtgesellschaften.“ Die Vielfalt der geschilderten Ansätze und der multinationale Vergleich eröffnen neue, mitunter ungewohnte Perspektiven auf einen nahezu omnipräsenten, jedoch schwer zu fassenden und daher oft zu wenig beachteten Aspekt mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Geschichte.
Oppenheim, Nünnerich Asmus Verlag 2026. Geb., 632 S., 463 Abb. ISBN 978-3-96176-333-7. € 39,-


