Mittelalter & TV, Folge xxx: Vom (Nicht-)Wollen und (Nicht-)Können und einfach-nicht-drum-scheren …

An wen wendet man sich, wenn man sich für die Kochkunst des Mittelalters interessiert: An erfahrene Köche, die seit Jahrzehnten eine mittelalterliche Küche betreiben? An Darstellergruppen, die regelmäßig historische Rezepte auf möglichst authentische Weise nachkochen? An Autoren, Herausgeber oder Übersetzer von mittellterlichen Kochbüchern? An ausgewiesene Historiker, die zum Thema geforscht und publiziert haben?

Nein! Zumindest, wenn man RedakteurIn eines öffentlich-rechtlichen TV-Senders in Deutschland ist, dann weiß man instinktiv, wo man am ehesten kompetente Informationen zu Kochkunst und praktisch allen anderen Aspekten des Mittelalters erfahren kann: Natürlich auf einem … MITTELALTERMARKT!

So zog also die Filmautorin Nina Thomas los, um sich auf dem „Mittelalter“-Spektakel in Münzenberg von selbsternannten „Experten“, „Rittern“ und „Staufern“ hanebüchenen Blödsinn die Wahrheit über das Mittelalter erzählen zu lassen.
Das Ergebnis ist eine 45minütige Sendung der Reihe „Hessen à la Carte“ mit dem Titel „Lagerküche wie im Mittelalter“ (Hessischer Rundfunk, 6.1.2018, 16 Uhr) – wobei sich als erstes die Frage aufdrängt: In wie fern ist das Kochen am Lagerfeuer „typisch“ mittelalterlich? Wer hat im Mittelalter „gelagert“ und warum? Muss die „Lagerküche“ nicht auch schon für diese Zeit als eher außergewöhnlicher Sonderfall gelten?
Und woher weiß man überhaupt, was „die im Mittelalter“ im Lager gekocht haben? Die Kochbücher, die im Spätmittelalter erstmals Rezepte aus den Küchen der gehobenen Schichten verzeichnen, gehen jedenfalls in der Regel von einer gut ausgestatteten Küche aus, nicht von einem Lagerfeuer mit Dreibein und Grillrost …

„Krustenbraten auf Gemüsebett“, das Rezept zur Sendung. Foto (c) HR.

A propos Rezept: Das „Rezept zur Sendung„, ein Krustenbraten auf Gemüsebett, weiß mit überrschanden Zutaten wie Paprika, Chili oder Cayennepfeffer aufzuwarten. Kamen die nicht allesamt erst viel später aus Amerika?
Aber andererseits haben ja bereits die Wikinger die „neue Welt“ besiedelt und bestimmt auch jede Menge mittelamerikanische Gewürze mit nach Hause gebracht …

Ganz im Ernst: ich möchte mich eigentlich gar nicht weiter über diesen weiteren Tiefpunkt zum Thema „Mittelalter im deutschen Fernsehen“ auslassen. Praktisch nichts, was in dem Beitrag zu sehen oder zu hören ist, hat das Geringste mit dem historischen Mittelalter zu tun. Die Bekleidung entstammt zum weit überwiegenden Teil nicht dem Mittelalter, sondern der Phantasie, bei den Blechkleidern handelt es sich keineswegs um Rekonstruktionen historischer Vorbilder, das Geprügel hat nichts mit historischen europäischen Kampfkünsten zu tun und die „Küche“ ist vielleicht fürs Pfadfinderlager geeignet, aber nicht für eine Darstellung einer historischen Epoche – egal welcher!

Tatsächlich hatte ich mir fest vorgenommen, mich gar nicht mehr mit dem traurigen Thema zu befassen, denn da sich NICHTS zum Besseren zu verändern scheint, gibt es auch nichts Neues zu sagen und meine Kritik von früher (z.B. hier oder hier oder auch hier) gilt nach wie vor.
Aber es ist eben doch jedes Mal aufs Neue wieder ärgerlich, wie Geschichte und insbesondere das Mittelalter im Fernsehen dargestellt werden – erst recht in Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die der Information und Dokumentation dienen und den Bildungsauftrag der Sender erfüllen sollen! Dabei ist es ja nicht so, dass Wissen und Kenntnisse nicht zur Verfügung stünden, dass es gerade zur mittelalterlichen Küche einige ausgewiesene Experten gibt, die gerne bereits sind, Auskunft zu geben; dass nicht jedes Jahr zahlreiche Gruppen seriöser Darsteller an verschiedenen Orten überlieferte Rezepte auf möglichst authentische Weise nachkochen und darüber allgemein zugänglich berichten.

Das in Erfahrung zu bringen, hätte allerdings ein gewisses Maß an Recherche vorausgesetzt. Wie viel einfacher ist es dagegen doch, einfach mal mit einem Kamerateam den örtlichen „Mittelalter“-Markt aufzusuchen und sich die Welt der Kostümfuzzis als „Wiederbelebung einer historischen Epoche“ verkaufen zu lassen.
Natürlich, um den Blödsinn zu erkennen, den man da verzapft bekommt, oder um kritische Fragen stellen zu können, wäre ebenfalls Recherche erforderlich gewesen. Aber was soll’s, ist Wohlfühlfernsehen, so genau guckt schon keiner hin und wenn was nicht ganz passt, dann merkt’s eh niemand … Den Mangel an Recherche, Sachkenntnis und Seriosität immerhin haben Filmemacherin und dargestelltes Marktpersonal gemeinsam!

Bis auf die Burg im Hintergrund: Kein Mittelalter weit und breit … Foto (c) HR.

Bis auf die Burg im Hintergrund: Kein Mittelalter weit und breit … Foto (c) HR.

Aber, liebe Filmemacher: So schwierig ist es gar nicht, das Mittelalter authentisch darzustellen – ehrlich, denn zahlreichen Gruppen und Darstellern, die sich ihrem Hobby mit großer Leidenschaft, Sachkenntnis und zeitlicher wie finanzieller Investition widmen, gelingt es ja auch. Da wird es doch für einen gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen TV-Sender ein Leichtes sein, in einer Dokumentation ein vergleichbares Niveau zu erreichen – zumal die erwähnten Darsteller ja als Berater und Experten zur Verfügung stehen!
Sollten Sie Hilfe bei der Recherche benötigen, finden Sie meine Kontaktdaten und weitere Informationen auf der Seite meiner Agentur. Oder wenden Sie sich z.B. an Kaptorga Medienproduktion.
Nehmen Sie doch mal Kontakt auf mit Museen wie Bad Windsheim, Lauresham oder der Bachritterburg. Dort fand z.B. 2017 die „Küchenmeisterei“ statt, bei der auf authentische Weise authentische Rezepte von authentisch ausgestatteten Köchinnen und Köchen zubereitet wurden. Bilder davon gibt es hier zu sehen.
Rezepte und Kocherlebnisse bieten z.B. vrouwe maere, die Wienischen Hantwercliute, Neues aus der Gotik und dutzende weitere seriöse Geschichtsdarsteller.

Und der SWR hat sogar schon vor einigen Jahren eine Sendung zum Kochen im Mittelalter produziert, in der zwar auch nicht alles zu 100% korrekt ist, die sich aber immerhin um ein wissenschaftlich fundiertes und differenzierte Bild der Zeit bemüht: „EpochenKochen: Wie die Ritter tafelten“.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Seriöse, authentische Geschichtsdarstellung ist möglich, auch und gerade im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Man muss es nur wollen …

 

2 Gedanken zu „Mittelalter & TV, Folge xxx: Vom (Nicht-)Wollen und (Nicht-)Können und einfach-nicht-drum-scheren …

  1. Schöner Beitrag.
    Leider haben wir seriöse Geschichtsdarsteller/Museumsmitarbeiter doch ähnliches schon ach so oft erlebt.
    Ich war so frei dieses Artikel über Facebook zu teilen.

    • Danke, meine Beiträge dürfen immer gern verbreitet werden! 🙂
      Ja, das ist das Frustrierende, ich bin ja bei Weitem nicht der Einzige, der sich wiederholt kritisch dazu äußert – ich weise nur auf die regelmäßigen „Shitstorms“ im Netz hin, wenn Terra X mal wieder Unsinn verbreitet. Aber ungeachtet aller Kritik, aller Alternativen, aller Angebote, aller frei verfügbaren Informationen ändert sich seit Jahren NICHTS!

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