Fundstücke KW 2

Offenbar genügt es nicht mehr, „einfach nur“ Geschichte zu schreiben – sie muss heute wohl auch einen (wie sehr auch immer an den Haaren herbeigezogenen) Bezug zur Gegenwart aufweisen.
Effizientes Management von Wasser- und Getreideressourcen hat ein Team von Hydrologen und Historikern um den Umweltwissenschaftler Brian Dermody (Universität Utrecht/NL) als Ursache für Aufstieg UND Untergang des Römischen Reiches ausgemacht – und sieht darin, wenig verwunderlich, Parallelen zur Gegenwart, wie derstandard.at berichtet.
Der in Brüssel lehrende Althistoriker David Engels hingegen ist der Ansicht, dass eine Identitätskrise den Untergang der Römischen Republik verursacht habe – und sieht, wen wundert’s, darin Parallelen zur Gegenwart, genauer gesagt zur aktuellen Situation der EU. Auf SZ Online rezensiert der Berliner Kulturhistoriker Olaf B. Rader Engels Buch „Auf dem Weg ins Imperium“ und verwechselt dabei mehrfach das Ende des Römischen Reiches mit dem der Römischen Republik – zumindest hoffe ich, dass diese Konfusion nicht dem Autor selbst anzukreiden ist …

Ganz schlimm wird es immer dann, wenn Politiker historische Vergleiche ziehen oder die Vergangenheit bemühen, um ihren tagespolitischen Standpunkt zu rechtfertigen. Geradezu fahrlässig, wenn dies in einem „launigen Artikel“ (Spiegel Online) der Franktfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschieht. Da durfte der (ehemalige F.A.Z.-Redakteur und heutige) AfD-Politiker Konrad Adam über die Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 schwadronieren: „Wie die Christen schon einmal die Türken besiegten“.
Immerhin muss man dem Mutterblatt F.A.Z. zugute halten, dass sie einen wunderbar sarkastischen und historisch deutlich besser informierten Kommentar eines gewissen „Don Alphonso“ in einem ihrer Blogs ebenfalls veröffentlichte: „Wie die Christen Europas für Profit den Türken hofierten„.
Einen ebenfalls sehr lesenswerten Kommentar aus Historikersicht veröffentlichte Achim Landwehr in seinem Blog „Geschichte wird gemacht. Über die Alltäglichkeit des Historischen„.

Daniel Ossenkop M.A. bietet in seinem Blog immer wieder sehr lesenswerte, informative und anregende Betrachtungen zu verschiedenen Aspekten mittelalterlicher Geschichte. In seinem Beitrag vom 3. Januar widmet er sich „Konrad Kyesers Ideen für den Krieg – Die Darstellungen aus dem Bellifortis in Talhoffers Fechtbuch„. Darunter finden sich u.a. Schwimmbrücken, Taucheranzug, Sauna und viele spannende Kuriositäten mehr!

Mittelalterliche Sauna. Kopenhagen, Kongelige Bibliotek MS Thott.290.2°, fol. 31v. Via dasmittelalterderblog.com

Mittelalterliche Sauna. Kopenhagen, Kongelige Bibliotek MS Thott.290.2°, fol. 31v. Via dasmittelalterderblog.com

Fundstücke KW 9

Persönlich war ich in dieser Woche besonders froh über die Entdeckung dieser Illustration aus dem Beachamp Pageants (London, British Library, Cotton Julius E IV, art. 6, fol. 4; ca. 1485).

Beauchamnp Pageants. London, British Library, Cotton Julius E IV, art. 6, fol. 4: Schlacht von Shrewsbury 1403.

Beauchamnp Pageants. London, British Library, Cotton Julius E IV, art. 6, fol. 4: Schlacht von Shrewsbury 1403.

Die Darstellung zeigt die Schlacht von Shrewsbury am 21. Juli 1403, wobei die Rüstungen, Waffen etc. eher der Entstehungszeit (um 1485) zuzuordnen sind. Vor allen Dingen aber zeigt die Zeichnung vorne rechts zwei Bogenschützen, die mit Schwertern und Faustschilden – „Bucklern“ – bewaffnet sind.
In der Literatur ist zwar immer wieder zu lesen, dass Fußtruppen und insbesondere Bogenschützen im Mittelalter mit Bucklern ausgerüstet gewesen sein sollen. Die obige Buchillustration ist jedoch tatsächlich der erste (wenngleich sehr späte) Beleg für diese Behauptung, der mir untergekommen ist. (Die meisten zeitgenössischen Darstellungen zeigen Schwert und Buckler als Waffen im Zweikampf, Gerichtskampf, als Attribute von Adeligen wie in der Manessischen Liederhandschrift oder in nicht eindeutig zu erschließenden Kontexten, aber m.W. nie in der Schlacht.)
Hinweise auf weitere zeitgenössische Abbildungen nehme ich dankend entgegen!

Über die Seeschlacht von Sluis, eines der ersten Gefechte des Hundertjährigen Krieges, habe ich vor einige Zeit einen Artikel veröffentlicht (Karfunkel Combat 7, März 2011, S. 44-46). Kelly DeVries hat nun einen interessanten Aufsatz über zeitgenössische Wahrnehmungen und Deutungen des englischen Sieges in dieser Schlacht verfasst (via De Re Militari):

In Carnuntum, der wohl bedeutendsten antiken Ausgrabungsstätte Österreichs, wurden 2011 die Reste einer römischen Gladiatorenschule entdeckt .Forscher haben diese nun virtuell rekonstruiert, berichtet Der Standard online:

Darüber schreibt auch National Geographic (auf Englisch) und liefert etwas zweifelhafte Videos über die mutmaßliche Ausbildung der Gladiatoren:

 

Fundstücke KW 1

Ein frohes neues Jahr allerseits!

Eigentlich bin ich kein Freund von guten Vorsätzen, doch in diesem Jahr will ich eine Ausnahme machen. Ich habe mir vorgenommen, 2014 mehr und regelmäßiger Beiträge ins Blog zu stellen – z.B. indem ich hier jede Woche Fundstücke aus dem Netz präsentiere. Mal sehen, wie lange ich durchhalte … Heute will ich jedenfalls mal einen Anfang machen.

Ganz frisch ist dieser Bericht auf Spiegel online über die Rekonstruktion und Erprobung römischer Torsionsgeschütze – warum diese als „Horrorwaffen“ und „Killermaschinen“ bezeichnet werden müssen, weiß allerdings wahrscheinlich nur die Redaktion:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/torsionsgeschuetze-roemische-horrorwaffen-im-wettertest-ausgegraben-a-941289.html

Auf medievalists.net, der Online-Schatzkiste für Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte, findet sich ein Video-Interview mit der Historikerin Dr. Mary Watt von der University of Florida zum Thema „Beschreibstoffe des Mittelalters“: Pergament, Vellum, Papier, ihre Herstellung, Verbreitung etc. (auf Englisch):

http://www.medievalists.net/2013/12/30/medieval-writing-surfaces-an-interview-with-dr-mary-watt/

Und hier noch ein Fundstück von DRadio Wissen, das ich bereits auf meiner Facebook-Seite verlinkt habe: „Müssen monotheistische Religionen intolerant sein? Drei Ringe, drei Betrüger und der Diskurs der religiösen Vielfalt im Mittelalter“, ein Vortrag der Mediävistin Dorothea Weltecke, gehalten am 22. Mai 2013 im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ in Konstanz, jetzt hier zum Nachhören:

http://www.dradiowissen.de/religion-drei-ringe-drei-betrueger.88.de.html?dram%3Aarticle_id=272271

 

Übrigens: Mehr zu Beschreibstoffen und vielen anderen Aspekten des mittelalterlichen Schrift- und Buchwesens gibt es in meinem Buch „Die Schreibwerkstatt. Schrift und Schreiben im Mittelalter“ (G&S-Verlag, Zirndorf 2009).