Fundstücke KW 44

Im Mai 2006 habe ich mich als Historiker selbständig gemacht – zugegebenermaßen nicht ganz freiwillig. Schon damals waren die Berufs- und Karriereaussichten an deutschen Universitäten nicht sehr verlockend, und die Situation hat sich seither nicht gebessert. Eher im Gegenteil: War damals die Aussicht auf eine unüberschaubare und potentiell unendliche Abfolge befristeter Verträge die Regel, so sorgt deren zeitliche Befristung nun dafür, dass junge Forscher nach sechs Jahren praktisch vor dem Nichts stehen können, denn Professorenstellen sind rar und im Mittelbau wird fleißig gekürzt, anstatt neue Stellen zu schaffen.
Was die Biologin Antje Fischer in der Zeit erzählt, gilt daher leider so ähnlich auch in den Geschichts- und anderen Wissenschaften: Wo sind die festen Stellen?

In Hamburg wurde diese Woche die große Ausstellung „Mythos Hammaborg“ über die karolingischen Anfänge der späteren Hansestadt eröffnet. Darüber berichtet u.a. T-Online. Die offizielle Seite des Archäologischen Museums Hamburg (AMH): http://mythos-hammaburg.de/

Der Streit um den Goldschatz von Bernstorf geht weiter, wie die SZ berichtet: Ärger unter Archäologen.

A propos Ärger: Bei Erwähnung des „Campus Galli“ erleiden zahlreiche Historiker, living history-Darsteller, Blogger und Steuerzahler inzwischen gefährlichen akuten Bluthochdruck. Nachdem die erwarteten Besucherzahlen von Jahr zu Jahr nach unten korrigiert wurden, gibt man sich nach der zweiten Saison nun mit 30.000 (statt erhofften 300.000 …) zufrieden und auch damit, dass das Projekt wohl nicht wie ursprünglich behauptet nach spätestens vier Jahren finanziell autark sein wird, sondern noch auf Jahre hinaus öffentliche Gelder in MIllionenhöhe verschlingen wird.
Warum das alles völlig OK ist, man das im Vorfeld alles gar nicht wissen konnte und die anfangs angegebenen Zahlen ohnehin frei erfunden waren, das erklärt auf SWR4 ein gewisser Roland Heck, der offenkundig so berühmt und sachkundig zu sein scheint, dass man ihn wohl nicht weiter vorstellen muss …: „Arbeiten bei Campus Galli„.

Kulturpessimismus und Rechtschreibung

Der Untergang des Abendlandes … ist ja nun auch schon gut und gerne seit einem Jahrhundert im Gange. Kulturpessimismus scheint eine menschliche Veranlagung zu sein, und Klagen über faule, aufmüpfige, dumme, unfähige, unverschämte, sich dem Trank und der Hurerei hingebende Studenten gehören einfach dazu. Die ältesten Belege dafür stammen aus dem antiken Ägypten, die jüngsten finden sich ungefähr im Wochenrhythmus in der einschlägig bekannten bürgerlich-konservativen Presse.

Aber nur, weil Kulturpessimismus gewissermaßen zum Klischee verkommt, müssen ja einzelne kulturpessimistische Analysen oder Befunde nicht unbedingt falsch sein. Konkretes Beispiel: Sprache und Rechtschreibung, insbesondere unter denen, denen eine „allgemeine Hochschulreife“ attestiert wird.

Liest man mal einen Tag lang Beiträge auf Facebooks, Blogkommentare, Foreneinträge von (nur so als Beispiel) Geschichtsstudenten, so drängt sich der Eindruck vom linguistischen oder rhetorischen Untergang des Abendlandes durchaus auf. Von Bewerbungsschreiben, Seminararbeiten u.ä. gar nicht erst zu reden! Da zählt dann auch die Ausrede „hab‘ ich schnell auf’m Handy getippt“ nicht mehr, dann stellt sich nur noch die Frage: Unwille oder Unfähigkeit? Soll heißen: Sind den durchschnittlichen Studierenden in Deutschland solche banalen, bourgeoisen, undemokratischen kulturellen Errungenschaften wie die Regeln der Grammatik und Orthographie inzwischen schlicht und einfach egal – oder sind sie gar nicht in der Lage, diese zu befolgen?
Sollte letzteres der Fall sein, ist natürlich weiter zu fragen: Woran liegt das? An mangelnden intellektuellen Fähigkeiten? (Dann ist das Abendland wohl nicht mehr zu retten.) An mangelnder Übung und Praxis? Oder an Defiziten im Deutschunterricht?

Um hier niemanden länger auf die Folter zu spannen: Ich weiß es nicht. Ich bin weder im Schuldienst noch an einer Universität beschäftigt (und danke dem Schicksal täglich dafür!). Ich kann lediglich den Befund anderer bestätigen und meine persönliche Vermutung aussprechen: Etwas mehr als einhundert Jahre, nachdem die Regeln der deutschen Rechtschreibung erstmals verbindlich festgelegt wurden, breitet sich in wachsenden Bevölkerungsschichten – längst nicht nur unter Studierenden – die Ansicht aus, dass es sich dabei um eine elitäre Konvention handelt, die kreative Geister in ihrer freien Entfaltung behindern und zu gleichgeschalteten, vorhersagbaren, kontrollierbaren Untertanen machen soll.
In der Sprache und auf Autobahnen praktiziert der obrigkeitshörige Deutsche lieber Anarchie.

Nun, mag sein, dass ich mich irre. Die Politikwissenschaftlerin Hannah Bethke aus Greifswald jedenfalls sieht in einem Beitrag in der F.A.Z. die Schuld praktisch ausschließlich bei den Studierenden selbst bzw. beim deutschen Bildungssystem:

„An deutschen Schulen und Universitäten hat eine systematische Niveaunivellierung stattgefunden, die das Ergebnis einer wachsenden Scheu ist, den Lernenden gegenüber Grenzen zu ziehen, schlechte Leistungen als solche zu benennen, Unterschiede zu sehen und zu akzeptieren, anstatt allen – ob sie dafür geeignet sind oder nicht – alles eröffnen zu wollen.“

 

„In der erschütternden Unkenntnis der deutschen Orthographie drückt sich nicht nur aus, dass offensichtlich kaum noch Bücher gelesen werden. Sie spiegelt auch ein Problem wider, das mit der Abschaffung des Frontalunterrichts – die, man glaubt es nicht, im Jahr 2014 immer noch als innovativ angepriesen wird – eingetreten ist: Der Verzicht auf Anleitung führt dazu, dass eine Fehlerkontrolle ausbleibt und die Schüler in ihrem oftmals falschen Selbstbild von ihren Leistungen nicht nur bestärkt, sondern paradoxerweise gleichzeitig auch alleine gelassen werden. Allzu oft wird an den Universitäten dieses Problem nicht etwa behoben, sondern durch die (verantwortungslose!) inflationäre Vergabe guter Noten fortgesetzt.“

Wie gesagt, ich bin kein Dozent und kann daher die Analyse nur in Teilen nachvollziehen (ich weiß z.B. nicht, ob es eine „inflationäre Vergabe gute Noten“ gibt oder nicht). Der Historiker Andreas Frings jedenfalls teilt den zugrundeliegenden Befind ebenfalls, hat jedoch an der kulturpessimistischen Perspektive Bethkes einiges auszusetzen.

Die Wahrheit wird, wie so oft, irgendwo dazwischen liegen.

Im Jahr 1995 schlug der aus Brasilien stammende Autor Zé do Rock in seinem Buch „fom winde verfeelt“ eine schrittweise Reform und Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung vor, die er „Ultradoitsh“ nannte:

„Das Ultradoitsh-S-Projekt sieht 2 Änderungen pro Jahr vor, bis zum Jahr 2012. Jede Änderung sollte durch eine Volksabstimmung bestätigt werden. Die alte Schreibweise wär parallel gültig, bis der letzte, der so schreibt, ausgestorben is. Im Buch wird am Anfang eines jeden Kapitels eine neue Änderung eingeführt und danach geschrieben.“

Wenn ich mir das Werk nun (im Jahr 2014) wieder vornehme, scheint Zé do Rocks Reform abgeschlossen zu sein und zunehmend praktiziert zu werden:

„tuvalu is a klizeklaine land mit 6000 wonis. de haupinsel is draiti kilometa lang un zwaihundat meta brait. de land is doppel so grosz bai ebbe, wail doppel so brait. de insele sind atolle, de maiste wonis hat no ni a strasze sen, de bergauf oda bergab ge. dei hat no ni a hygel sen. de republik hat ain restoran un ain strasze. fyr taxifaris ser ainfac: de fargast staig ain, de fari fra: forwerts oda zuryk?“