Fundstücke KW 16

Das Handwerk stirbt aus – und erlebt eine Renaissance. So ungefähr lautet der Tenor eines Artikels von Pia Ratzesberger in der SZ.

Auf „Das Mittelalter – der Blog“ findet sich diese Woche ein Beitrag über Haithabu und das zugehörige Museum.

In „Ausgegraben“ berichtet Archäologin Angelika Franz diese Woche in einem etwas substanzlosen Artikel über die Verwendung von Giftpfeilen. Abzulehnen ist die vollkommen aus der Luft gegriffene Aussage der zitierten „Expertin“, Pfeile mit unvergifteter Steinspitze seien nicht wirkungsvoll genug gewesen, ein Tier von der Größe eines Hirschs zu töten!

Am 19. März hielt Roland Warzecha im Archäologischen Museum Hamburg einen Vortrag über den mittelalterlichen Kampf mit Schwert und Schild, der (leider nicht eingebettet werden kann, aber) nun als Video auf Youtube abrufbar ist.

Auch der J. Paul Getty-Trust hat ein Video veröffentlicht, in Anlehnung an eine bekannte Fantasy-Serie im Fernsehen „Game of Manuscripts“ genannt …

 

Fundstücke KW 5

Lange Zeit stand das Mittelalter in keinem besonders guten Ruf, was sich schon in der Bezeichnung äußert. Die Humanisten der Renaissance klassifizierten die Epoche zwischen der glorreichen Antike und ihrer eigenen Zeit als Phase des Rückschritts, geprägt von geistigem Stillstand, Aberglaube, kulturellem und politischem Verfall etc. Lange haben sich diese Ressentiments gehalten, sogar innerhalb der Geschichtsforschung, und sie sind noch heute in zahlreichen populären Darstellungen des Mittelalters etwa in Film und Fernsehen zu spüren.
Gleichwohl mangelte es insbesondere in den vergangenen 20-30 Jahren nicht an Versuchen, diese Vorurteile aus der Welt zu schaffen und der Öffentlichkeit ein ausgewogeneres Bild des Mittelalters zu vermitteln. Daran arbeitet die Agentur HistoFakt, uind in die gleiche Richtung zielt auch das neue Sonderheft von „Spiegel Geschichte“, dessen Leitartikel von Eva-Maria Schnurr dieser Tage auf Spiegel online veröffentlicht wurde.

Man kann viel über eine Zeit erfahren, indem man die Begriffe analysiert, die in ihrer Kultur Hochkonjunktur hatten. Das Problem dieser „Modewörter“ besteht jedoch häufig darin, dass sie zu bloßen Hülsen erstarrt sind und keinen Inhalt mehr transportieren, bzw. dass sie zur Projektionsfläche für alle möglichen Interpretationen geworden sind. Ob es allerdings die Forschung weiterbringt, einen Begriff wie „Ehre“ einfach durch eine willkürliche Buchstabenfolge wie „DX7R1“ zu ersetzen, wie von Christian Schwaderer in seinem Beitrag auf mittelalter.hypotheses.org vorgeschlagen, mag dahingestellt bleiben.

Ebenfalls auf mittelalter.hypotheses.org widmet sich die Redaktion der Frage nach der Anerkennung von Wissenschaftsblogs in der Mediävistik. Ohne Frage hat hier in den vergangenen Jahren ein Umdenken eingsetzt, doch es wird noch viel Überzeugungsarbeit erforderlich sein, und noch hängt Deutschland in diesem Bereich hinter dem angelsächsischen Sprachraum deutlich zurück.

DIE ZEIT stellt in unregelmäßiger Folge immer mal wieder außergewöhnliche, vom Aussterben bedrohte Berufe vor. Handwerkliche Kammmacher hätte ich persönlich schon längst zu den gänzlich untergegangenen Berufen gezählt, musste mich aber hier eines Besseren belehren lassen. Daumen hoch für Melanie Groetsch (und für Markus Schleufe für den Beitrag)!

Hiltibold verlinkte in dieser Woche wieder einige interessante frei verfügbare Dokumente zu mittelalterlichen Brettspielen, Nacktheit, Obszönität, Bergbau und mehr und kommentierte außerdem den neuesten Unsinn vom notorischen „Campus Galli“ in Meßkirch, zu dem ich mich nicht weiter äußern werde.

Stattdessen hier noch ein mittelalterlicher Spam-Filter:

Mittelalterlicher Spam-Filter. (c) LECTRR.www.lectrr.com

Mittelalterlicher Spam-Filter. (c) LECTRR.www.lectrr.com

Rezension: "Handwerk. Von den Anfängen bis zur Gegenwart" von Rainer S. Elkar, Katrin Keller und Helmuth Schneider (Konrad Theiss Verlag)

Titelbild (c) Konrad Theiss Verlag/WBG

Titelbild (c) Konrad Theiss Verlag/WBG

Handwerk berührt viele Lebensbereiche, und die Geschichte des Handwerks stützt sich auf viele historische Teildisziplinen wie Wirtschafts-, Sozial-, Kultur-, Kunst- und Technikgeschichte oder Archäologie und Realienkunde. Die Autoren des vorliegenden Bandes bemühen sich redlich, auf nur rund 200 Seiten ein umfassendes Bild der handwerklichen Entwicklung in Europa zu vermitteln, doch muss ein solcher Versuch notwendigerweise oberflächlich bleiben. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen des Handwerks in den einzelnen Epochen bzw. Jahrhunderten sowie auf dem technischen Fortschritt, der diese beeinflusste. Daneben stehen zeitspezifische Aspekte im Mittelpunkt: Zunftorganisation im Mittelalter, Kunsthandwerk in Renaissance und Rokoko, Mechanisierung im 19. Jahrhundert etc. Diese Betrachtungsweise ist nicht eben originell, aber solide und vor allem unterhaltsam umgesetzt. Mit den zahlreichen qualitätsvollen Illustrationen und der guten Lesbarkeit der Texte eignet sich der Band bestens zum Schmökern. Das Fehlen von Stichwort- und Literaturverzeichnis zeugt davon, dass das Werk weniger (populär-) wissenschaftlichen als vielmehr unterhaltenden Zwecken dienen soll, und diese Absicht erfüllt es mehr als zufriedenstellend. Als historisch fundierter Lobgesang auf die Leistungen des Handwerks in seiner vieltausendjährigen Geschichte ist das Buch daher durchaus mit Gewinn zu lesen.

Rainer S. Elkar, Katrin Keller und Helmuth Schneider: Handwerk. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Darmstadt: Konrad Theiss Verlag 2014.
Geb., 224 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-8062-2783-3. € 49,95.

Alte Berufe und Familiennamen II

Das Mittelalter kannte eine Vielzahl von Gewerben, die heute weitgehend oder ganz verschwunden sind. Mitunter leben solche Berufsbezeichnungen in Familiennahmen weiter, die aber nicht immer ohne weiteres zu entschlüsseln sind.
Einige Beispiele wurden an dieser Stelle bereits vorgestellt, hier nun eine weitere Auswahl.

Meier (Meyer, Maier, Mayer, Mayr – von lat. maior) war die Bezeichnung für einen Verwalter von Gütern einer Grundherrschaft. Insbesondere in Westfalen und Teilen Niedersachsens sind heute noch Namen verbreitet, die auf die Hofstelle verweisen, die ein Vorfahr einst innegehabt hatte, wie z.B. Meyer zu Heepen, Meyer zum Gottesberge etc.

Pfister (auch Pfisterer) hießen im süddeutschen Raum die Bäcker (von lat. pistor), insbesondere jene, die vornehmlich das feine, weiße Brot und die Semmeln für die Oberschicht buken – anderswo als Schön(e)beck bekannt, im Gegensatz zum Schwarzbeck, der das dunkle, grobe Roggenmehl verarbeitete.

Ein Scheffler (Schäffler, Schaffer) ist kein raffgieriger Mensch, sondern ein Handwerker, der Holzgefäße herstellt: Ein Fassbinder, Böttcher (Böttiger) oder Küfer also, der vor allem auf die Produktion von Messbehältern wie Scheffel oder Schaff spezialisiert war.

Ein Büttner im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu Nürnberg (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2°, fol. 11r).

Ein Büttner im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu Nürnberg (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2°, fol. 11r).

Schröter (von schroten = ziehen, schleifen) waren auf den Transport von Fässern spezialisierte Dienstleister.

Schubert bezeichnete den Flickschuster.

Der Schultheiß war ein vom Grundherrn ernannter „Dorfvorsteher“, der dafür Sorge zu tragen hatten, dass die Gemeindemitglieder ihre Pflichten diesem gegenüber erfüllten – der also deren Schuld heischte. Davon abgeleitet die Namen Schulz, Schultz, Schulze, Schultze, Schulte u.ä.

Schwertfeger schärften und polierten Schwert- und Messerklingen, versahen diese auch zuweilen mit Griffen, Parierstangen etc.

Bei Gelegenheit mehr …

 

 

Alte Berufe und Familiennamen

HistoFakt. Historische Dienstleistungen betreibt keine Genealogie, Ahnen-, Familien- oder Namensforschung. Doch mitunter kommen Anfragen und Bitten, die Herkunft eines Familiennamens zu klären, der sich offenkundig auf eine historische Berufsbezeichnung zurückführen lässt. Die Namen der folgenden Auswahl gehen entweder auf solche Anfragen zurück oder kamen bei Recherchen zur Reihe „Berufe im Mittelalter“ für die Zeitschrift Karfunkel zum Vorschein.

Beckenbauer: Keiner der Becken baut (das wäre ein Beckenschläger), sondern ein Bauer, der gewissermaßen im Nebenerwerb als Bäcker tätig war. Noch im Spätmittelalter verfügten die wenigsten Haushalte über eigene Backöfen. Auf den Dörfern befanden sie sich oft im Besitz des Grundherrn, der ihre Benutzung einerseits vorschrieb, andererseits dafür Gebühren verlangte. Alternativ buk der örtliche Beckenbauer den angelieferten Teig der Dörfler gegen Bezahlung zu Brot.

Bogner: Ein Bogner fertigte Bögen aus Holz zum Bogenschießen oder (später) Bögen für Armbruste aus Holz, Laminaten von Horn, Holz und Sehne oder aus Stahl. Heute wird die Bezeichnung gelegentlich fälschlich für Bogenschützen verwendet.

Frauenknecht: Keine Berufsbezeichnung, wie man meinen könnte, sondern das, was wir heute als „Frauenheld“ kennen.

Gürtler: Fertigten (Gürtel-) Schnallen, Beschläge und ähnliche Gebrauchs- und Schmuckgegenstände aus Eisen oder Edelmetalllegierungen, vornehmlich Messing, Kupfer und Bronze. Die Lederriemen bezogen sie vom Riemenschneider. Unter der Bezeichnung „Metallbildner/in – Gürtler- und Metalldrücktechnik“ noch heute ein anerkannter Ausbildungsberuf.

Gürtler im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu Nürnbergg, um 1414 (Stadtbibliothek Nürnber, Amb. 317.2°, fol. 27r.)

Gürtler im Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu Nürnbergg, um 1414 (Stadtbibliothek Nürnber, Amb. 317.2°, fol. 27r.)

Häberle (schwäb.), Häberlein: Ein Bauer, der (vornehmlich) Hafer anbaute oder mit Hafer handelte. Ähnlich Haberer/Häberer, Habermann, Habermeyer.

Kerner, auch Kärrner: Jemand, der einen Karren mit Zugtier(en) besaß und Transportdienstleistungen anbot; ein Fuhrmann.

Kleiber: Bezeichnet einerseits einen einheimischen Singvogel, als Familienname jedoch abgeleitet vom Beruf dessen, der die Wände eines Fachwerkhauses mit Staken, Weidengeflecht und einem Lehm-Stroh-Gemisch ausfüllte. Auch Klaiber oder Kloiber.

Netzer: Netzer – häufig auch Netzerinnen – stellten Haarnetze her.

Die Liste wird bei Gelegenheit sicherlich fortgesetzt …

Literaturempfehlungen: