„Um 1504. Die Kleidung – Grundausstattung“

„Um 1504. Die Kleidung – Grundausstattung“, Lindemanns Bibliothek im Infoverlag, Bretten 2017.

Bei großen, hochwertigen Geschichtsveranstaltungen sind sogenannte „kit guides“ gebräuchlich, die vorab an potentielle Teilnehmer verteilt werden. In solchen Ausstattungsleitfaden wird anhand von zeitgenössischen Abbildungen, Fotos von Originalen und möglichst authentischen Rekonstruktionen dargestellt, wie Kleidung und persönliches Zubehör für Angehörige ausgewählter Gesellschaftsschichten zum jeweiligen Zeitpunkt ausgesehen haben (könnten). Meist sind außerdem Quellen und weiterführende Literatur aufgeführt, und mitunter sogar einfache Nähanleitungen enthalten. So soll ein möglichst originalgetreues Auftreten der Darsteller gewährleistet werden.

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Byron Ferguson: Become the Arrow

„Die Kunst des klassischen Bogenschießens“

Das Wichtigste – oder die Warnung – vorweg: Dies ist kein Lehrbuch des traditionellen, intuitiven, instinktiven, klassischen oder wie-auch-immer genannten Bogenschießens! Anfänger werden an dem Werk wahrscheinlich wenig Freude haben, erfahrene Bogenschützen hingegen erhalten viele nützliche Tipps und Anregungen, die dazu motivieren, den eigenen Schießstil und das regelmäßige Training einmal gründlich zu analysieren und zu überdenken.

Byron Ferguson: Become the Arrow. Meyer & Meyer 2017.

Byron Ferguson: Become the Arrow. Meyer & Meyer 2017.

Byron Ferguson ist einer der besten und (zumindest in den USA) bekanntesten traditionellen Bogenschützen der Gegenwart. In seiner Heimat tritt er regelmäßig in verschiedenen Fernsehsendungen wie „Stan Lee’s Superhumans“ auf. Seine wirklich beeindruckenden Fähigkeiten führt er außerdem auf diversen Messen sowie Benefiz- und anderen Veranstaltungen vor, gelegentlich auch in Europa. Auf bekannten Videoportalen im Internet finden sich zahlreiche Clips die ihn beim Zerteilen einer Spielkarte oder beim Treffen einer Aspirintablette zeigen. Weiterlesen

„Um 1500. Das Ende des Mittelalters“

Titelbild

Titelbild „Um 1500“ (c) Infoverlag Bretten.

Die Zeit um 1500 war eine Phase des Übergangs in vielen Bereichen: Das Entstehen der Nationalstaaten, die Entdeckung Amerikas und anderer Weltregionen, Verbreitung des Buchdrucks und der Universitäten, die Reformation, neue Strömungen in Pilosophie, Kunst, Architektur, Literatur und Musik, das Aufkommen der immer effektiveren Feuerwaffen und viele weitere Entwicklungen rechtfertigen es, von einem Epochenwechsel zu sprechen.
Im Gefolge dieser Umwälzungen – oder als ihr Wegbereiter? – entstanden ein neues Welt- und Menschenbild, ein verändertes Verständnis von Natur und Universum, die westliches Denken und Wissenschaft noch heute beeinflussen.

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GEO Epoche 82: Die Hanse

Titelbild GEO Epoche 82: Die Hanse

Titelbild GEO Epoche 82: Die Hanse

„Europas heimliche Großmacht 1150-1600“ lautet der Untertitel der aktuellen Ausgabe von GEO Epoche, die sich mit der Geschichte dieser noch immer rätselhaften Vereinigung befasst. Was im 12. Jahrhundert als eher loser Zusammenschluss einiger norddeutscher Kaufleute begann, entwickelte sich zu einem Städtebund und einer nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen und sogar militärischen Großmacht, die Kriege führen und Monarchien in die Krise stürzen konnte, große Teile des europäischen Handels kontrollierte, und dennoch zu keinem Zeitpunkt eine langfristige Strategie und die zugehörigen festen Institutionen etablierte. Die Hanse hinterließ weder eine Gründungsurkunde noch ein Dokument, das ihre Auflösung bekundete.
Anfang und Ende dieser machtvollen Organisation liegen also im Dunkeln, doch in der Zeit dazwischen gestaltete die Hanse europäische Politik direkt und indirekt in kaum zu ermessender Weise. Weiterlesen

HEMA – was ist das? Eine neuer Dokumentarfilm sucht Antworten

Die Abkürzung HEMA steht für Historical European Martial Arts oder historische Kampfkünste Europas. Gemeint sind damit Kampftechniken mit und ohne Waffen, die (entgegen der beschränkten Sichtweise im verlinkten Wikipedia-Artikel) in Europa seit der Antike bis etwa Ende des 1. Weltkriegs in Gebrauch waren – also z.B. die verschiedenen Kampfstile römischer Gladiatoren, der Umgang mit dem Bayonett, mittelalterliches Schwert- oder viktorianisches Säbelfechten ebenso wie Leibringen, Pankration oder Bartitsu etc.

Unter den zahlreichen Stilen unterschiedlicher Zeiten nehmen die mittelalterlichen Systeme, allen voran das Fechten mit dem Langen Schwert und der Umgang mit Schwert und Buckler, seit jeher eine besondere Stellung ein. Sie stellen das größte Segment der großen und unübersichtlichen HEMA-Familie dar und dürften noch immer das am schnellsten wachsende sein. Das Mittelalter ist ohnehin eine Epoche, die viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen fasziniert, und die mittelalterlichen Kampfkünste sind in zahlreichen Fechtbüchern hinreichend gut dokumentiert, um sie rekonstruieren zu können, doch bleiben genügend offene Fragen, um noch für kommende Generationen ein spannendes Forschungsfeld zu bieten.
Denn gemeinsam ist den historischen europäischen Kampfkünsten, dass ihre Traditionslinie irgendwann unterbrochen wurde. Sie gerieten in Vergessenheit, als die verwendeten Waffen obsolet wurden, sich weiter entwickelten, als sich militärische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen veränderten etc. Um sie heute als Sport und Freizeitbeschäftigung wiederzubeleben, müssen sie anhand von Text- und Bildquellen sowie praktischen Experimenten rekonstruiert werden.

Somit bietet HEMA zahlreiche Aufgaben und Betätigungsfelder: Da gibt es jene, die historische Handbücher ausfindig machen, entziffern und in moderne Sprachen übersetzen; Praktiker, die dargestellte Bewegungsabläufe interpretieren und rekonstruieren; Lehrer, die ihr so erworbenes Wissen und Können an die nächste Generation weiter geben; Verfasser moderner Trainingsanleitungen; Hersteller von Trainingswaffen und Schutzausrüstung; Organisatoren und Teilnehmer von Turnieren – und nicht selten das alles in einer Person.
Die HEMA-Szene ist also überaus vielgestaltig, und sie reicht weit über Europa hinaus. Insbesondere in Amerika ist in den vergangenen Jahrzehnten eine große und lebhafte Szene entstanden. Das Internet spielt dabei eine kaum zu überschätzende Rolle, denn hier werden Quellen und Forschungen zugänglich gemacht, hier findet Wissensaustausch unabhängig von Ländergrenzen statt, werden Bilder und Videos bereit gestellt und diskutiert, etc.

Ein Porträt dieser lebhaften und schnell wachsenden Gemeinschaft zu erstellen, hat sich der in England lebende Fotograf und Filmemacher Cédric Hauteville zur Aufgabe gemacht. Mit Hilfe einer Kickstarter-Kampagne finanzierte er einen 90-minütigen Dokumentarfilm, der nun auf YouTube kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.
Back to the Source“ ist sehr professionell gemacht und beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Rekonstruktion historischer europäischer Kampfkünste ausgiebig, indem zahlreiche bedeutende Exponenten der Szene zu Wort kommen. Neben zahlreichen US-amerikanischen und britischen Experten wie Jake Norwood, Jeff Tsay, Jessica Finlay, Matt Easton, Piermarco Terminiello, David Rawlings und anderen sind es vor allem Schweden wie Axel Petersson sowie Vertreter aus Polen, die ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten wiedergeben.
Darin liegt jedoch der meiner Ansicht nach einzig größere Kritikpunkt der ansonsten sehr vielfältigen Dokumentation: Wenngleich ein nicht unerheblicher Teil insbesondere der mittelalterlichen Kampfkünste in Deutschland entstanden ist, in deutscher Sprache niedergeschrieben wurde und bis heute deutsche Begriffe das Vokabular etwa zum Langen Schwert bestimmen, wurde kein einziger Vertreter der großen und lebendigen deutschsprachigen Szene befragt. Dabei sind die Beiträge eines Dierk Hagedorn, eines Roland Warzecha oder der Gruppen wie Ars Gladii, Ochs oder Hammaborg zur Rekonstruktion der „deutschen Schule“ des historischen Fechtens unbestreitbar – schade daher, dass solch renommierte und weltweit geachtete Experten keine Erwähnung finden.

[Anm.: Wie Matt Easton auf Facebook korrekt bemerkte, gilt das gleiche allerdings auch für Vertreter z.B. aus Italien oder Spanien. Die dortigen Szenen sind mir allerdings kaum vertraut – hier hätte sich im Film also eine Chance geboten, Aufklärung zu betreiben. Aber eingedenk der Tatsache, dass es sich um ein durch Crowdfunding finanziertes „Freizeitprojekt“ eines einzelnen Filmemachers handelt, muss man die durch Budget, Reisemöglichkeiten, Termine etc. sowie den maximalen Umfang des Films gebotenen Grenzen respektieren. Und wenn deutsche Autoritäten auf den größten internationalen Veranstaltungen schlicht nicht vertreten sind, können sie natürlich auch nicht befragt werden …
Immerhin ergeben sich hier Gelegenheiten für künftige Projekte!]

Unterstützt wurde die Produktion von zwei Herstellern von Schutzausrüstung. Die daraus resultierenden Produktvorstellungen im Film wirken allerdings ein wenig deplatziert und fügen sich nicht so recht in das ansonsten sehr stimmige Gesamtbild ein.

Wenngleich sich Hauteville bemüht, HEMA nicht auf das Mittelalter und den Umgang mit Klingenwaffen zu beschränken, nehmen diese den weitaus größten Teil seiner Dokumentation ein – verständlich, vielleicht sogar unvermeidlich, da das mittelalterliche Fechten nun einmal auch innerhalb der Szene überrepräsentiert ist. Dennoch hätte sich hier Gelegenheit geboten, die gesamte Bandbreite von Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert etwas detaillierter zu beleuchten.

Doch abgesehen von diesem Gekrittel ist „Back to the Source“ eine überaus interessante, lehrreiche, kurzweilige und gut gemachte Dokumentation über historische europäische Kampfkünste geworden. Von der Forschung und Rekonstruktion der alten Techniken bis hin zu modernen Problemen von Schutzausrüstung, Regelwerken, Wettkampf etc. werden zahlreiche Aspekte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
Der Film informiert, ohne zu belehren, und die zahlreichen Interviewpartner lassen die Zuschauer an ihrer Leidenschaft teilhaben. Leider ist das Werk (bislang) nur auf Englisch zu sehen, doch ihm ist auf jeden Fall eine große, weltweite Verbreitung zu wünschen.

Hier noch einige HEMA-Links:

 

"The Ill-Made Knight" und "Long Sword" von Christian G. Cameron

Zugegeben: Es waren historische (und Fantasy-) Romane, die einst mein Interesse am Mittelalter geweckt haben. Doch wenn darin von Rittern in glänzenden Rüstungen die Rede war, wollte ich immer schon wissen, wie diese eigentlich hergestellt wurden; wenn von Festmählern berichtet wurde, fragte ich mich, was wohl auf den Tisch kam, wer das Essen zubereitete und wie; bei der Beschreibung einer Burg stellte sich mir unweigerlich die Frage, wie diese errichtet werden konnte; etc.
Antworten auf diese Fragen habe ich in anderen Büchern gefunden, und seit etlichen Jahren – seit ich die Beschäftigung mit (mittelalterlicher) Geschichte zu meinem Beruf gemacht habe – lese ich fast gar keine historischen bzw. Mittelalter-Romane mehr. Nicht, weil sie zu wenig auf die oben genannten Fragen eingehen, sondern weil sie größtenteils einfach schlecht sind: Schlecht recherchiert, schlecht konstruiert, schlecht erzählt – oft genug das alles auf einmal!
Selbst Autoren, die in vielen Details dem realen historischen Alltag (soweit wir ihn überhaupt rekonstruieren können) recht nahe zu kommen scheinen, scheitern meist daran, sich in die fremdartige Mentalität ihrer Figuren hineinzuversetzen – sofern sie es überhaupt versuchen. In den meisten und gerade in den besonders populären Fällen scheint es moderne Menschen in ein mehr oder weniger mittelalterliches Szenario verschlagen zu haben, werden gesellschaftliche Zustände, Grenzen und Zwänge der Zeit allenfalls dargestellt, um sie von (bevorzugt weiblichen) Protagonisten überwinden zu lassen.
Das Hauptproblem des Genres besteht nicht in der Konstruktion der Geschichten, der Anpassung der historischen Chronologie an die Bedürfnisse der Erzählung, der Erfindung biographischer Details, noch nicht einmal in der möglichst korrekten Schilderung von Bekleidung, Handwerk, Handel, Kriegswesen u.ä., sondern in der fehlenden Glaubwürdigkeit der Welt, in der sie angesiedelt sein sollen.

Entsprechend skeptisch war ich, als mir zwei neue Mittelalter-Romane des kanadischen Autors Christian G. Cameron empfohlen wurden. Immerhin, der biographische Hintergrund des Schriftstellers, Historikers und Reenactors ließen hoffen, er möge sich seinem Gegenstand mit der gebotenen Sorgfalt nähern.

Christian G. Cameron: The Ill-Made Knight (Orion Books)

Christian G. Cameron: The Ill-Made Knight (Orion Books)

„The Ill-Made Knight“ erzählt die Geschichte des als Dieb gebrandmarkten ehemaligen Goldschmiedlehrlings William Gold, dem im Hundertjährigen Krieg der Aufstieg vom Hilfskoch und Knappen zum Ritter gelingt. Nun sind jedoch mit diesem Rang nicht nur Privilegien verbunden, sondern vor allen Dingen auch Verpflichtungen und Kosten, nicht aber Einkünfte, die daher auf andere Weise beschafft werden müssen. Zudem ist die Grenze zwischen Ritter- und Banditentum in dieser Zeit des Krieges eine sehr dünne …
Ohne Frage erzählt Cameron hier eine klassische Abenteuergeschichte, doch er tut es auf überaus erfrischende, kenntnisreiche und unglamouröse Weise. Natürlich kommen weder Action noch Liebe, Freund- und Feindschaft oder Verrat zu kurz, doch was den Roman über hunderte andere hinaushebt ist die detailreiche, authentische und lebendige Darstellung der bunten, grausamen, widersprüchlichen, frommen, abergläubischen Welt des 14. Jahrhunderts.

Christian G. Cameron: The Long Sword (Orion Books)

Christian G. Cameron: The Long Sword (Orion Books)

Handelte „The Ill-Made Knight“ vornehmlich von der Schlacht bei Poitiers 1356 und den Jahren danach, dem Treiben der freien Kompanien sowie William Golds Kampf um Überleben und Aufstieg, so spielt im Nachfolger „The Long Sword“ die große Politik der Zeit eine zunehmend wichtige Rolle. Im Mittelpunkt stehen die langwierigen Vorbereitungen eines Kreuzzugs und dessen letztliches Scheitern, zugleich aber auch die fortgesetzte Suche des Protagonisten nach Ritterlichkeit in einer Zeit, in der Gewalt, Eigennutz und Rücksichtslosigkeit die edlen Ideale längst verdrängt zu haben scheinen.
Im Vergleich zum Vorgänger ist „The Long Sword“ etwas schwächer, stellenweise fast schlampig und wie unter Zeitdruck geschrieben; zudem hätte der Roman dringend ein gründliches Lektorat nötig gehabt. Doch dem Inhalt tun die sprachlichen und erzählerischen Schwächen keinen Abbruch: Auch der zweite Teil ist eine fesselnde Abenteuergeschichte voller interessante, glaubwürdiger Figuren und spannender Erlebnisse.

Was die beiden William Gold-Romane aber weit über die Masse vergleichbarer Mittelalter-Abenteuer heraushebt: Sie spielen tatsächlich, wahrhaftig und glaubwürdig im 14. Jahrhundert. Der Grund dafür ist weniger das Auftreten historischer Personen wie John Hawkwood, Fiore dei Liberi oder Edward, der schwarze Prinz, noch die präzise Beschreibung historischer Ereignisse, Schauplätze und Institutionen. Es ist die Mentalität, das Denken und Handeln der Figuren, die sie so viel „mittelalterlicher“ erscheinen lassen als in der Masse ähnlich gelagerter Romane.
Christian G. Cameron beweist damit, dass gründliche Recherche, authentische Darstellung und historische Präzision nicht zu Lasten des Unterhaltungswerts gehen müssen. Daher bleibt zu hoffen, dass William Gold noch viel Abenteuer erleben wird, und dass seine Geschichten auch bald auf Deutsch veröffentlicht werden.

Wiederentdeckung historischer Praktiken des (militärischen) Bogenschießens?

In den sozialen Netzwerken macht derzeit folgendes, mehr als 10 Millionen mal angesehenes (Stand: 25. Januar 2015) Video eines gewissen Lars Andersen die Runde, der sich nicht nur rühmt, mit gängigen Hollywood-Mythen und -Klischees über Pfeil und Bogen aufzuräumen, sondern auch die authentischen, historischen Praktiken des militärischen Bogenschießens wiederentdeckt, studiert und schließlich gemeistert, wenn nicht gar übertroffen zu haben:

Die im Video gezeigten Fähigkeiten und Leistungen sind ohne Frage beeindruckend, das Ergebnis jahrelangen Trainings, selbst wenn man dem Schützen ein außergewöhnliches angeborenes Talent unterstellen will. Sie fallen jedoch überwiegend in die Kategorie „Trick“ oder „Show“ und haben mit tatsächlichen historischen Praktiken wenig bis gar nichts zu tun.
„Vergessen“ waren die meisten Quellen, auf die er sich bezieht, und viele der erwähnten Techniken und Ansichten übrigens nicht. Sie entstammen nur überwiegend anderen Kulturkreisen sowie spezifischen historischen Kontexten und wurden in Europa daher nicht praktiziert – wohl aber rezipiert, wie Herr Andersen wissen könnte, wenn er sich die Mühe gemacht hätte, gründlich zu recherchieren und z.B. Veröffentlichungen von Klopsteg, Hein, McEwen, Dwyer, Khorasani, Loades und vielen anderen zu konsultieren.

Aber zum Inhalt.

Andersen hat vollkommen recht, wenn er den bei modernen Schützen und in Hollywood-Filmen so beliebten Rückenköcher als unpraktisch und unhistorisch bezeichnet. Für seine Verwendung in Europa und den meisten anderen Kulturen in Antike und Mittelalter gibt es praktisch keine Belege, und das im Video gezeigte Problem ist nur eines von vielen, die gegen seine Benutzung auf dem Schlachtfeld oder bei der Jagd sprechen. (Was übrigens bei Bogenschützen außerhalb Hollywoods allgemein bekannt sein dürfte.)
Allerdings existieren zahlreiche Belege für andere Methoden für die Aufbewahrung und den Transport von Pfeilen in historischen Zeiten. Die Praxis, Pfeile in der Bogen- oder der Zughand zu halten, war hingegen keineswegs universell, sondern ist nur für bestimmte (östliche) Kulturen zweifelsfrei überliefert, so etwa bei einigen (längst nicht allen) Reitervölkern, bei den Osmanen oder in Japan.
Im europäischen Mittelalter wurden Kontingente von Bogenschützen in der Regel auf statischen Positionen eingesetzt, es bestand also gar nicht die Notwendigkeit, große Mengen an Pfeilen „am Mann“ zu haben, sondern sie konnten z.B. auch in den Boden gesteckt werden. Bei Pfeilen, die in der Zughand gehalten werden, besteht immer die Gefahr, sie zu verlieren und dann ohne Munition dazustehen, was in einer Kampfsituation wenig empfehlenswert erscheint.

Die Behauptung, Bogenschützen hätten früher den Pfeil stets auf dern anderen, also der Außenseite des Bogens aufgelegt, ist ebenfalls so nicht haltbar. Die Praxis ist für bestimmte Völker und Kulturen zwar ebenfalls zweifelsfrei belegt – vorwiegend für solche, die sich des Daumengriffs bedienten, etwa Mongolen, Koreaner, Japaner, Osmanen etc. –, aber insbesondere im Westen sprechen die historischen Bildzeugnisse eine andere Sprache. Pfeile werden hier wahlweise auf der einen oder der anderen Seite des Bogens anliegend dargestellt, was im Einzelfall nicht selten der Unkenntnis des Künstlers oder dem Wunsch, den Schaft auf der dem Betrachter zugewandten Seite zu zeigen zugeschrieben werden kann.
Dass die Pfeile von Rechtshandschützen schon früher auf der linken Bogenseite angelegt wurden, beweisen nicht zuletzt sogenannte „peck marks“ wie auf den englischen Langbögen von der Mary Rose (1545) sowie Abnutzungsspuren bei zahlreichen weiteren historischen Bogenfunden.
Die Behauptung, diese Praxis hinge damit zusammen, dass moderne Schützen mit nur einem Auge über den Schaft das Ziel anvisieren, ist unsinnig. Erstens sprechen die genannten historischen Belege dagegen, zweitens zielen auch moderne Schützen in der Regel mit beiden Augen, wenn sie sich nicht einer optischen Zielvorrichtung bedienen. Nur mit beiden Augen ist dreidimensionales Sehen möglich, lassen sich also Entfernungen abschätzen. Der auf der Inennseite des Bogens liegende Pfeil verhindert dabei, das der Bogen das Sichtfeld stört.
Hinzu kommt, dass beim in Europa fast ausschließlich praktizierten „mediterranen“ Fassen der Sehne mit zwei oder drei Fingern diese unweigerlich dazu neigt, sich (bei Rechtshändern) nach rechts einzudrehen. Liegt der Pfeil links vom Bogen, ist das nicht weiter tragisch, liegt er aber auf der anderen Seite, kann er dadurch von der Bogenhand fallen.

Die Behauptung, historische Ziele seien stets dreidimensional gewesen, während sie heute nur noch zweidimensional sind, ist gleich zweifacher Unsinn. Zum Einen sind auch aus historischen Zeiten zweidimensionale Ziele belegt, vom englischen shooting at the butts oder splitting the wand und dem französischen Beursault bis zu zahlreichen weiteren Beispielen aus verschiedenen Kulturen und Zeiten.
Zum Anderen gibt es noch heute dreidimensionale Ziele und sogar eine ganze Disziplin, die sich nicht zufällig „3D-Schießen“ nennt.

Einen „gegnerischen“ Pfeil im Flug abzuschießen ist ohne Frage eine enorme Leistung – ergibt aber in einem militärischen Kontext keinerlei Sinn. Sollte der Versuch scheitern, wird der Schütze aller Wahrscheinlichkeit nach getroffen. Selbst wenn der herannahende Pfeil getroffen wird, können herumfliegende Splitter noch immer Schaden bei Umstehenden anrichten. In jedem Fall aber wird ein wertvoller Pfeil für ein Kunststück vergeudet, der eigentlich dem Feind und nicht seinen Geschossen gelten sollte.
Wenn die Zeit ausreicht, um einen herannahenden Pfeil zu erkennen und abzuschießen, dann ist sie allemal ausreichend, um davor in Deckung zu gehen und so dem Beschuss auszuweichen, ohne eigene Munition zu verschwenden.

Die von Andersen gewonnene Erkenntnis, dass beim Bogenschießen mit beiden Armen gearbeitet werden sollte, also die eine Hand den Bogen im gleichen Maße aktiv nach vorne drück, während die andere die Sehne nach hinten zieht – von ihm als „double draw“ bezeichnet –, ist alles andere als eine Offenbarung. Tatsächlich wird diese sogenannte „Push and Pull„-Methode in jeder guten Schule des (traditionellen) Bogenschießens vermittelt, schon weil sie einer einseitigen Belastung und damit Haltungsfehlern sowie Schäden an Muskeln, Sehnen und Knorpeln vorbeugt. Bei besonders zugstarken Bögen ist der aktive Einsatz des Bogenarms ohnehin unerlässlich.

Und damit bin ich bei meinem schwerwiegendsten Kritikpunkt an Andersens Video und den von ihm gezeigten Kunststücken angelangt: Seine Behauptung, historische Praktiken „wiederentdeckt“ und umgesetzt zu haben, wird durch die Verwendung eines schwachen, glasfaserbelegten Bogens und leichter Carbonpfeile mit Scheibenspitzen geradezu konterkariert. Der im Video verwendete kurze Recurvebogen dürfte kaum mehr als 25-30, möglicherweise auch 35 lb. Zuggewicht aufweisen und damit weniger als die Hälfte dessen, was als absolutes Minimum (!) für Kriegsbögen aller Zeiten und Kulturen anzusetzen ist.
Zudem ist in vielen Sequenzen zu sehen, dass der Bogen nicht einmal ansatzweise in den vollen Auszug gebracht, sondern die Sehne vielleicht gerade mal 15-20 Zoll weit ausgezogen wird, wodurch dich die gespeicherte Energie natürlich noch weiter reduziert. (Zu diesem Thema hat sich bereits Matt Easton von der Schola Gladiatoria in einem Video geäußert.)
Wie Andersens Video eindrucksvoll demonstriert, ist es mit hinreichender Übung möglich, auch mit solch „fehlerhaftem“ Auszug ein Ziel zu treffen. Beim militärischen Bogenschießen kam es jedoch nicht nur auf Zielgenauigkeit und Geschwindigkeit an, sondern mindestens ebenso sehr auf die Durchschlagskraft des Pfeils. Während diese beim heutigen Scheiben- und 3D-Schießen ein zu vernachlässigender Faktor ist, war er auf antiken und mittelalterlichen Schlachtfeldern von absolut (kampf-) entscheidender Bedeutung.
Die Durchschlagskraft ist von der Geschwindigkeit und dem Gewicht des Pfeils abhängig. Die Kriegspfeile der meisten historischen Kulturen verfügten über solide Eisenspitzen und waren insgesamt deutlich schwerer, als es bei heutigen Sportpfeilen der Fall (oder erforderlich) ist. Entsprechend wurden auch stärkere Bögen benötigt, um die Geschosse mit hinreichender Energie über die erforderliche Distanz zu befördern und ggf. weiche Polsterung und/oder harte Panzerung zu durchdringen. Dieses Zuggewicht wurde nur im oder zumindest bei annäherndem Vollauszug erreicht.

Anzumerken ist weiterhin, dass die Entfernungen beim Bogenschießen auf dem Schlachtfeld erheblich größer waren, als die von Andersen geschossenen Distanzen. Je schwächer der Bogen, desto steiler der Winkel, in dem der Pfeil abgeschossen werden musste, um hinreichend weit zu fliegen, was genaues Zielen erschwert bzw. unmöglich macht. Stärkere Bögen ermöglichen eine flachere Flugbahn, so dass auch auf weitere Entfernung gezielt geschossen werden konnte.

Als Fazit bleibt also nur zu sagen, dass die von Lars Andersen in seinem Video gezeigten Kunststücke zwar ohne Frage beeindruckende Leistungen darstellen, mit tatsächlichen historischen Praktiken jedoch praktisch nichts gemeinsam haben.
Besonders ärgerlich daran ist jedoch die Selbstherrlichkeit und Vermessenheit, mit der dieser selbsternannte Experte die Forschungen und Erkenntnisse von Historikern, Archäologen und Bogenschützen der vergangenen einhundert und mehr Jahre ignoriert und für sich selbst in Anspruch nimmt, als Erster und Einziger die „wahren“ historischen Praktiken des militärischen Bogenschießens erkannt und rekonstruiert zu haben. Dass er selbst kein Interesse an einem fachlichen Austausch hat und keine Kritik an seiner Theroie und Praxis duldet, wird nicht zuletzt darin deutlich, dass er in der Beschreibung seines Videos ankündigt, Kommentare von „archery experts“ zu löschen. Eine solche Haltung zeugt, wie auch der gesamte Tenor seines Videos, von Ignoranz, Arroganz, Unwissenschaftlichkeit und überaus schlechtem Stil.

Auf seiner Facebook-Seite hat sich auch der britische Experte Mike Loades zu Andersens Video geäußert, eine fundierte Abrechnung findet sich außerdem auf GeekDad (und in zahlreichen Bogeschützen-Foren, Facebook-Kommentaren etc.).

Zum Training (englischer) Bogenschützen des Mittelalters habe ich bereits vor einiger Zeit einen kurzen Beitrag im Blog veröffentlicht.


 

Rezension GEO Epoche 70: KARL der Große und das REICH der Deutschen

Das „Heilige Römische Reich (Deutscher Nation)“ existierte von 962 bis 1806 und war zeit seines Bestehens ein höchst eigentümliches Konstrukt. Zahlreiche Personen, Ereignisse und Entwicklungen haben seine Geschichte geprägt, und die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift „GEO Epoche“ unternimmt den Versuch, auf knapp 180 Seiten einige davon näher zu beleuchten. Von Karl dem Großen und der Idee eines christlichen Kaisertums im Westen bis zu Napoleon und der Abdankung Kaiser Franz‘ II. spannt sich der Bogen der Beiträge teils namhafter Autorinnen und Autoren. Behandelte Themen umfassen etwa den Wormser Reichstag von 1495, die Reformation in Nürnberg, den Dreißigjährigen Krieg oder auch die Insignien des Kaisertums.
Den Verfassern gelingt vielfach, nicht zuletzt durch die konsequente, ungewöhnliche Erzählweise im Präsens und zuweilen die Perspektive von Beteiligten oder Zeitgenossen, eine lebendige, anschauliche Schilderung der Ereignisse und Zustände. Als Leser fühlt man sich häufig sehr dicht am Geschehen, doch stellt sich zuweilen die Frage, woher die Autoren ihre Kenntnisse über die vergangenen Zeiten beziehen, etwa wenn es von der Ausbildung zum Ritter im 15. Jahrhundert heißt:

„Schon als Fünfjährige zwingt man sie aufs Pferd und bindet sie im Sattel fest. Drückt sie in den Dung der Ställe, wo sie still liegen müssen, den Bissen, Tritten und Ausscheidungen der Tiere ausgesetzt.“
(Jörg-Uwe Albig: Götz von Berlichingen, S. 90)

Der Verzicht auf die Angabe von Quellen birgt die Gefahr, eine Nähe und ein Wissen über die historischen Gegebenheiten zu suggerieren, die von der Forschung zuweilen schwerlich gestützt werden können.
Problematisch erscheint zudem die Illustration mehrerer Artikel durch Geschichtsdarstellungen des 19. Jahrhunderts. Diese können für die dargestellte Zeit keinen Quellencharakter beanspruchen und sind zudem oft von nationalistischen, die Vergangenheit verklärenden Motivationen geprägt. Auch die Verwendung burgundischer Buchmalereien des 15. Jahrhunderts in einem Beitrag über Otto I. (936-973) trägt nicht unbedingt dazu bei, ein realistisches Bild der damaligen Verhältnisse zu transportieren.
Die Lebensbeschreibung des Raubritters Götz von Berlichingen wiederum wird durch stimmungsvolle Fotografien verschiedener Burgen illustriert. Allerdings liegen die meisten davon im Osten des heutigen Deutschland, und keine hat irgendeinen Bezug zum Thema des Beitrags. So erscheint die Bildauswahl des Hefts zuweilen etwas willkürlich und geradezu „grobmittelalterlich“ – es ist ist eben „irgendwie alles Mittelalter“. (Bei den neuzeitlichen Themen besteht das Problem nicht.) Das ist ein wenig schade, aber dennoch lassen sich die Texte durchaus mit Gewinn lesen.
Eine Zeittafel und (etwas spärliche) Literaturhinweise erhöhen den Nutzwert des Magazins.

DVD-Beilage

Das Heft ist entweder einzeln oder zusammen mit einer DVD erhältlich. Dabei handelt es sich um die dreiteilige sogenannte Dokumentation „Karl der Große – Der erste Kaiser“ aus dem Jahr 2013. Mit großem filmischem und technischem Aufwand wird hier die Lebensgeschichte des Frankenherrschers ins Bild gesetzt, eingebettet in eine Rahmenhandlung, in der der gealterte Einhard einem jungen Schreiber seine „Vita Karoli Magni“ diktiert.
Zwischen die Spielszenen sind Aussagen namhafter Historiker und Experten wie Johannes Fried, David Nicolle oder Dame Janet Nelson eingebettet. Mit Hilfe dieses geballten Wissens hätte es eigentlich möglich sein müssen, eine historisch fundierte und zugleich spannende und unterhaltsame Dokumentation zu produzieren, doch leider versagt das Machwerk hier auf ganzer Linie.
Angefangen von peinlichen Dialogen und albernen Bettszenen erinnert das Schauspiel eher an eine billige Fantasy-Trash-Produktion als an ein seriöses Format mit Bildungsanspruch. Wer soll hier eigentlich die Zielgruppe sein?
Ganz und gar unterirdisch ist das Niveau der Ausstattung, das selbst die extrem niedrigen Standards von Fernsehserien wie „Vikings“ noch locker unterbietet. Ich will gar nicht auf die allgegenwärtigen Kerzen und Fackeln, orientalische Teppiche als Bodenbelag oder moderne Sättel und Steigbügel eingehen, doch was etwa (durchaus hübsche) Renaissance-Himmelbetten in einer Dokumentation über das 8.-9. Jahrhundert zu suchen haben, wird wohl ein Geheimnis der Fernsehmacher bleiben.
Für die Bekleidung wurden offenbar übrig gebliebene Bestände sämtlicher Geschichts- und Märchenproduktionen der vergangenen 20 Jahre geplündert. Da wird unter fachkundiger Leitung des britischen Militärhistorikers David Nicolle ein Beschusstest auf Kettenhemden durchgeführt, von denen es zu Recht heißt, sie seien das wichtigste Element der Körperpanzerung der Zeit gewesen. Warum tragen die Darsteller diese dann nicht im Film, sondern … ja, was soll das eigentlich sein, was die Franken da unter ihre wehenden roten Umhänge geschnallt haben??? Und warum schlagen sie 773 n.Chr. (!) beidhändig mit Langschwertern des 14.-15. Jahrhunderts auf die Sachsen ein? Das alles ist Grobmittelalter auf unterstem Mittelaltermarkt-Niveau!

Szene aus "Der erste Kaiser": Grobmittelalterlicher Gewandungsmix auf Mittelaltermarkt-Niveau. (c) taglicht media.

Szene aus "Der erste Kaiser": Grobmittelalterlicher Gewandungsmix auf Mittelaltermarkt-Niveau. (c) taglicht media.

Es lohnt nicht, noch weitere Worte über dieses mit einer großen Menge an öffentlichen Fördergeldern produzierte Machwerk zu verlieren. Der in weiten Teilen durchaus ernstzunehmende Inhalt und die fundierten Aussagen der zu Rate gezogenen Experten werden leider durch die vollkommen unhistorische, lächerliche und letztlich vollkommen überflüssige Darstellung überschattet. Hier wurde mit viel Pomp und Getöse eine große Chance vertan. Schade!

GEO Epoche 70 (Dezember 2014): Karl der Große und das Reich der Deutschen. 172 S. ISBN 978-3-652-00341-4. € 10,- (Einzelheft), € 17,50 (mit DVD).

Zum GEO-Shop.

Rezension: "Handwerk. Von den Anfängen bis zur Gegenwart" von Rainer S. Elkar, Katrin Keller und Helmuth Schneider (Konrad Theiss Verlag)

Titelbild (c) Konrad Theiss Verlag/WBG

Titelbild (c) Konrad Theiss Verlag/WBG

Handwerk berührt viele Lebensbereiche, und die Geschichte des Handwerks stützt sich auf viele historische Teildisziplinen wie Wirtschafts-, Sozial-, Kultur-, Kunst- und Technikgeschichte oder Archäologie und Realienkunde. Die Autoren des vorliegenden Bandes bemühen sich redlich, auf nur rund 200 Seiten ein umfassendes Bild der handwerklichen Entwicklung in Europa zu vermitteln, doch muss ein solcher Versuch notwendigerweise oberflächlich bleiben. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen des Handwerks in den einzelnen Epochen bzw. Jahrhunderten sowie auf dem technischen Fortschritt, der diese beeinflusste. Daneben stehen zeitspezifische Aspekte im Mittelpunkt: Zunftorganisation im Mittelalter, Kunsthandwerk in Renaissance und Rokoko, Mechanisierung im 19. Jahrhundert etc. Diese Betrachtungsweise ist nicht eben originell, aber solide und vor allem unterhaltsam umgesetzt. Mit den zahlreichen qualitätsvollen Illustrationen und der guten Lesbarkeit der Texte eignet sich der Band bestens zum Schmökern. Das Fehlen von Stichwort- und Literaturverzeichnis zeugt davon, dass das Werk weniger (populär-) wissenschaftlichen als vielmehr unterhaltenden Zwecken dienen soll, und diese Absicht erfüllt es mehr als zufriedenstellend. Als historisch fundierter Lobgesang auf die Leistungen des Handwerks in seiner vieltausendjährigen Geschichte ist das Buch daher durchaus mit Gewinn zu lesen.

Rainer S. Elkar, Katrin Keller und Helmuth Schneider: Handwerk. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Darmstadt: Konrad Theiss Verlag 2014.
Geb., 224 S., zahlr. Abb. ISBN 978-3-8062-2783-3. € 49,95.

Bill Bryson: At Home. A Short History of Private Life

Sometimes, a good history book is not about the latest findings, recent discoveries, or new theories.
Sometimes, a good history book is a book of good stories.
Sometimes – once in a while – an author can make us look at the most common and mundane objects that surround us every day, and see them in a whole new light, as if we had never noticed them before. He can take some well-known facts, and some not-so-well-known stories, and put them together in such a way that all of a sudden connections become visible, relations seem to emerge, causalities are revealed, that may have been there all along, but have never caught our attention before.
In his great book „At Home“, Bill Bryson does just that. He takes his readers with him as he wanders around his house, a 19th century English rectory, and wonders about the layout and purpose of each of the individual rooms, how they came to be called „study“ or „drawing room“, and more generally, how domestic living developed over the centuries. Equipped with almost child-like curiosity, but also an extensive library and vast knowledge, he invites us on a journey through time and space.
His map is the floor plan of his house. And since each of the rooms serves one or more specific purposes, Bryson is able to cover such diverse subjects as cooking and nutrition, sexuality and marriage, lighting and reading, dress and fashion, childhood and upbringing, air pollution, wages, and many, many more. His main focus lies on Great Britain and the United States, and the 18th and 19th centuries, when domestic life gradually took the shape we are so familiar with today. But he also ventures deep into pre-history and ancient times, following the trails of art and artefacts, the traces of civilisation and mankind.
Bryson is a great entertainer and good writer with a good eye for all the funny, tragic, and ironic little details in history. Even his accounts of rather well-known facts or episodes have a certain twist to them, a different, unexpected perspective. He finds the right mix of learnedness and humour to not allow for a single moment of boredom throughout the 600+ pages of his work. „At Home“ is a treasure chest of knowledge, facts, stories, anecdotes, wisdom, and fun that you don‘t want to lay aside until you‘ve finished it, and then want to read it again, and quote it at your next dinner party. (Why is it called „dinner“? Bryson gives the answer!)
Sometimes, all it takes for a good book is a fresh perspective on a mundane subject. But it takes a great writer to accomplish that. Thumbs up for Bill Bryson and „At Home“!